Monatsarchiv: Dezember 2012

2012


Dieses Jahr war geprägt von Vorfreude und Vorbereitungen für unsere Reise, der Reise selber und den Sentimentalitäten danach, die Antworten auf die untenstehenden Fragen beziehen sich oft und sehr auf diese Zeit, obwohl die eigentliche Unternehmung nur ¼ der ganzen Jahreszeit in Anspruch nahm.

Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr?


Ich bin für derartig genaue Angaben in aller Regel zu unentschlossen.

Zugenommen oder abgenommen?

Obwohl ich ungemein selten auf Waagen rumstehe, bin ich relativ sicher, dass ich grundsätzlich abgenommen habe, die Vor- und Nachreisefotos sprechen da eine deutliche Sprache. Wieso ich bei der Reiserei so viel abgenommen habe, vermag ich nicht zu sagen, gegessen habe ich, wie gewohnt, Unmengen und bis auf ein kürzeres Darmwirrenintermezzo in Istanbul blieb ich gesund. Wieder zugenommen habe ich, trotz massivem Brustabbau, mit dem Abstillen der Äm, allerdings glaube ich das Vorreisegewicht noch nicht wiedererlangt zu haben.

Haare länger oder kürzer?


Nach dem ich 2011 meinen ersten Besuch beim Frisör nach Erlangen der Mündigkeit absolviert hatte, startete ich mit ziemlich kurzem Haupthaar in Jahr 2012. Meine allerliebste und am allermeisten gehörte Reaktion, als ich mir nach langen Jahren mit langen Haaren die Pracht kurzentschlossen auf wenige Centimeter kürzen liess, war: „Oh. Denk weils praktischer ist, hm, jetzt mit zwei Kindern uns so?!“  Erstens: Klar, ich bin ja nun Zweifachmutter, ich mache alles nur noch praktisch. Praktische Frisur, praktische Figur, praktische Kleidung, praktische Gerichte, praktische Putzmittel und praktische Reaktionen auf praktische Mutmassungen per praktische Tritte in Ihre praktischen Beine. Zweitens: Ist die Feststellung, kurze Haare seien praktischer, ja wohl DIE Lebenslüge! Jeden verdammten Morgen musste ich meine Haare waschen, um nicht wie einer der Teletubbies vor die Türe zu treten. Voll praktisch.

Jedenfalls sind meine Haare nun wieder länger.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Ich habe nach den hormonbedingten Veränderungen der letzten Jahre den Überblich verloren, kurzsichtiger, weitsichtiger, mir egal, ich weiss nur, dass ich fürchterlich blind bin und dass es von Vorteil wäre, wenn ich dereinst lernen würde, dass es sich lohnt die Brille zu suchen BEVOR ich mich der Kontaktlinsen entledige.

Mehr Geld oder weniger?

Uff, viel weniger, ein Vierteljahr auf Reisen und der Verdienstausfall während dieser Zeit frisst Erspartes rigoros.

Besseren Job oder schlechteren?

Seit der Rückkehr unserer Reise habe ich, nach zwei Jahren der niederprozentigen Intergrationsprojektbegleitung in Regelschulen, wieder mehr, habe meine eigene Klasse samt Klitzekeinstteam und bin sehr zufrieden damit, endlich wieder etwas mehr Verantwortung und Führung übernehmen zu können.

Mehr bewegt oder weniger?

Weltbewegendes habe ich tatsächlich nichts geleistet, mich selber habe ich allerdings wohl wieder mehr bewegt, zwei Kleinkinder, ein Vierteljahr dauerdraussen und meine momentane Arbeitsstelle waren diesbezüglich sehr hilfreich.

Erkrankungen dieses Jahr?


Ich selber verbrachte ein relativ gesundes Jahr, die nennenswerteste aller Erkrankungen war wohl die Magen-Darm-Geschichte in Istanbul, aber selbst die verlief ziemlich glimpflich. Eindeutig belastender war Äms Fieberkrampf, die Nierengeschichte und die Dauerfieberei auf der Reise.

Der hirnrissigste Plan?


Wenn es nach dem Urteil Anderer ginge, müsste wohl unsere Reise als „hirnrissigster Plan“ bezeichnet werden und tatsächlich gab es auf unserer Reise Situationen, in denen wir uns fragten, wieso wir uns und unseren Kindern all dies zumuteten. An Müllstränden, beispielsweise, oder als wir auf einer überfüllten Fähre keinen Millimeter Platz fanden, um uns hinzulegen, oder als wir mit der seit Tagen über 40° fiebernden Äm in Sizilien auf der Notfallstation warteten. Aber schlussendlich wurden all die negativen Erlebnisse zu nichtigen Banalitäten, die, verglichen mit all den erlebten Wunderbarkeiten, allerhöchstens geringstfügig ins Gewicht fallen.

Der nächste hirnrissige Plan ist auch schon gefasst, denn die Idee einer Reise auf Strassen nach Indien wurden wir noch immer nicht los. Wir warten nun auf den grossen Geldsegen. (Sie sind übrigens herzlich eingeladen uns diese Reise zu sponsern. Ehrlich. Muaha.)

Die gefährlichste Unternehmung?

Was das Gefahrenpotential angeht, war mit Sicherheit unsere Reise die gefährlichste Unternehmung, bis auf den vermeintlich gefährlichen Bienenstich in Albanien, das Parkmanöver am Abgrund und eine Verkehrssituation, bei der wir knapp einer Frontalkollision entronnen sind, entstanden aber keine tatsächlich gefährlichen Situationen.

Die teuerste Anschaffung?


Der eine Pneu des Gefährten in Albanien, dicht gefolgt von den Gefährtenpneus aus Griechenland und Italien.

Das leckerste Essen?

Hundskommunes Tavuk Sish mit Pilavreis, Fladenbrot, einem Gurken-Tomatensalat an Zitrone, Salz und Pfeffer, begleitet von einem Cay, gegessen auf den typischen Kleinstühlen sitzend, in einer Seitengasse Istanbuls.

Das beeindruckendste Buch?


Ich habe nur sehr wenige Bücher gelesen und auf die die ich gelesen habe, trifft das Wort „beeindruckend“ kaum zu. Bis auf das Buch über die Geschichte Albaniens vielleicht, das ich mir unterwegs in Albanien aufs iPad geladen habe.

Die schönste Musik?


Eindeutig: Die Musik, die uns auf unserer Reise begleitet hat, die neuste CD Patent Ochsner, die zwar an sich kein Meisterwerk ist, aber mich so sehr an unsere Reise, an das Gefühl als Familie, unabhängig, ungebunden und frei unterwegs zu sein erinnert, dass ich bei jedem Hören erneut sentimental werde und fernwehe.

Das schönste Konzert?


Ich habe ehrlich Schwierigkeiten damit, mich zu erinnern, ob ich überhaupt an einem Konzert war. Normalerweise besuchen wir im Sommer diverse Festivals, aber heuer waren wir zu dieser Zeit unterwegs und so sind wir allerhöchstens in den diversen Orten mal an Musikanten vorbeigeschlendert, von denen sich allerdings niemand wahnsinnig eindrücklich in meinen Erinnerungen festgekrallt hat.

Besuchte Länder?

Albanien, Bosnien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Österreich, Slowenien, Türkei.

Die meiste Zeit verbracht mit?


Y, Äm und meinem iPad.

Die schönste Zeit verbracht mit?


Herrn G., Y und Äm und meinem i Pad.

Zum ersten Mal getan?


Ich bin zum ersten Mal ein Vierteljahr lang unterwegs gewesen, habe dabei einige Länder zum ersten Mal besucht und deren Sprache gehört, Währungen in der Hand gehalten und deren Essen gekostet, habe zum ersten Mal in einem Wohngefährt(en) übernachtet, zum ersten Mal geschnorchelt, zum ersten Mal ein Motorboot gesteuert, zum ersten Mal einen Tintenfisch in freier Wildbahn gesehen, zum ersten Mal jemandem Lego geschenkt, zum ersten Mal Schaf gegessen, zum ersten Mal weihnachtlichen Kram aufgehängt, zum ersten Mal beide Kinder in die KiTa gebracht und zum ersten Mal ein Buch auf einem elektronischen Gerät gelesen.

Nach langer Zeit wieder getan?


Nach über vier Jahren des Schwangerseins oder Stillens mehr als ein Glas Alkohol und mehrere Tassen Kaffee täglich getrunken.

Dinge, auf die ich nicht hätte verzichten mögen?

Wer ahnt es? Natürlich, unsere Reise, die Geburtstagsfeiern meiner Kinder und das Antreten meiner neuen Arbeitsstelle.

Dinge auf die ich hätte verzichten mögen?

Äms Fieberkrampf, die drei Notaufnahmebesuche mit ihr, das Bangen um die Resultate ihrer Nierentests und Herrn Gs Spitalaufenthalt samt Bangen auf seine Testwerte.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

Die Testergebnisse sind unauffällig. 2x

Dein Wort des Jahres?


Vierteljahresreise.

Dein Unwort des Jahres?

Fieber.

Dein(e) Lieblingsblog(s) des Jahres?


Die üblichen Verdächtigen in meiner Blogroll, man beachte besonders Katharina und die neu dazugekommene Änni.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?


Hier möchte ich erneut all jenen von Herzen danken, die uns bei und zur Durchführung unserer Reisepläne zeitlich, materiell, finanziell und tatkräftig unterstützt haben!

2012 war mit einem Wort… horizonterweiternd.

Foto des Jahres: 

Reisegefühle

Frühere Jahresrückblicke:

Unnötige Anschaffungen 2009

2011

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Angebaggert oder Wieso Sie deswegen immer noch keine Karten erhalten


Neues aus der neuen Rubrik “Experimente, die ich für Sie durchgeführt habe, damit Sie es nicht mehr tun müssen”:

Sie schenken ihrer/m Partner/in zu Weihnachten einen motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung und versprechen sich ziemlich viel davon, weil
Erstens: er/sie es sich so gewünscht hat und Sie eben gerne Freude bereiten,
Zweitens: er/sie damit beschäftigt ist und damit keine Gelegenheit hat, Ihnen Ihre Weihnachtsgeschenkbücher weg zu lesen,
Drittens: laut Lego „für diesen leistungsstarken Raupenbagger (…) kein Bauprojekt zu komplex ist“ und Sie sich ziemlich über den Einbau einer Badewanne freuen würden,
Viertens: Sie sich erhoffen er/sie möge beim Zusammenbauen scheitern und sie eindringlichst um Unterstützung anflehen.
Ihr/e Partner/in freut sich sehr (Erstens: Tschakka!), beschäftigt sich acht Stunden lang mit dem motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung und Sie lesen genüsslich und ruhevoll und ohne neidvolle Partnerblicke in Ihren Büchern (Zweitens: Tschakka!). Bis hierhin können Sie dieses Experiment noch bedenkenlos ebenfalls durchführen, was hernach folgt jedoch, ist Leid, Schmerz und zerstörte Hoffnung, beginnend damit, dass Ihr/e Partner/n den motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung völlig selbständig zusammenbaut (Drittens: Möööp!) und den motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung in zusammengebautem Zustand nicht mal eine Minibabypuppe zu heben, geschweige denn bei einem Badewanneneinbau behilflich zu sein vermag (Viertens: Möööp!). Und nun  folgt, was Sie auf keinen Fall tun sollten: Werden sie nicht bitter, zynisch und albern, ob all der Enttäuschung und selbst wenn sie in Ihrem Leid völlig das Gefühl für mögliche Gefahren verlieren, rufen Sie ihrem/ihrer Partner/in nicht voller beissendem Spott zu: „Fahr den motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung über meine Hand! Mal sehn ob er das schafft. Nimm das, du motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung!“ Und sollten Sie trotzdem an diesen Punkt gelangen: Ziehen Sie die Hand weg BEVOR der motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung über ihre Hand walzt, denn er wird nicht lange fackeln und einen Fetzten Haut derart unerbittlich zwischen den, an seiner Unterseite versteckten, Zahnräder einklemmen, dass Sie Sterne, Vögel, Ihre Kinder als Waisen und Ihr Leben an Ihnen vorbei ziehen sehen, Ihre/n Partner/in anflehen den motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung so ungehend als möglich im Rückwärtsgang fahren zu lassen, worauf dieser aber, ob mutwillig oder aus Unwissen, die Gänge verwechselt. Urplötzlich wird alles still und langsam werden, Sie werden ein Licht sehen und in dem Moment wissen, dass Ihnen nur eines bleibt: Sie entscheiden sich fürs Leben und gegen die Hand und reissen ebendiese mit roher Gewalt, ohne Rücksicht auf Extremitätsverluste weg.
Ereignisse, die ich mit nur mittelschwerem Trauma bewältigt hätte, hätte ich zumindest präsentable Verletzungen vorzuweisen. Aber Genesungsblumensträusse, Gute-Besserungs-Kärtchen und mitfühlende Blicke bleiben mir verwehrt, denn was an Malen bleibt, würde nicht mal Ypsilönchen mit Pflastern versorgen. So bleibt mir nur festzuhalten: Lassen sie keinen motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung über Ihre Hand fahren.

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Flöhriche Neihwacht! (24.Dezember)


Weihnachtskärtchenvorderseite

Weihnachtskärtchenrückseite

Es grüssen die Gminggmanggs

 

 

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Oh (weh), Tannenbaum (23.Dezember)


Nie hast du mein Heim gesehn,
bleibst draussen stets im Walde stehn,
denn hier, bei mir will ich dich nicht,
da üb’ ich liebend gern Verzicht.
 
Ich brauch es nicht dich zu erwerben,
lieber würd’ ich sofort sterben,
als dich gebuckelt heim zu schleppen,
hinter mir ein Meer von Deppen,
gefällt alsbald darnieder liegt,
weil von dir was abgekriegt.
Ja, ÖV-Fahrt mit dir am Leib,
wär’ Gefahr für Mann und Weib.
 
Daheim schlussendlich würd’ es schliesslich
ziemlich rasch und sehr verdriesslich,
denn selber Stehn, das fällt dir schwer,
und so wögst du hin und her,
auf der Such’ nach Gleichgewicht,
nein, so etwas will ich nicht.
 
Hättest dann Ruh gefunden
und dein Wankeltum verwunden,
würde ich initiativ,
ja, gar sehr dekorativ,
würd’ an dir rücken,
würd’ dich schmücken,
had- und hedderte mit Haar,
das einst Engeln wunderbar
selbst Lametta, das sonst nett,
fällt alles and’re als adrett,
über Kugeln die da liegen,
würd’ ich hohen Bogens fliegen,
Scherben lägen hier in Haufen,
mir blieb’ nichts als viel zu saufen.
 
Wärst du hernach doch geschmückt,
das Unmögliche geglückt,
und wir stünden fröhlich rum,
ja, genau, um dich herum,
und wir sängen fromme Lieder,
fast versöhnt wären wir wieder,
plötzlich röche es verbrannt,
die Ursache wär’ rasch erkannt,
denn in Flammen stündest DU,
und die Geschenke noch dazu.
Dank Löschgerät und Wasserstrahl,
wär’ der Brand nicht sehr fatal,
doch die Geschenke wären Sumpf,
und die Laune eher dumpf.
 
Stündest du nach all der Not,
immer noch perfekt im Lot,
stünd’st du hier bis zum Erblassen
und du würdest Nadeln lassen
und die Nadeln blieben liegen,
und im Raum umher nun fliegen,
und an allen Kleidern kleben,
nein, das wär’ kein gutes Leben.
 
Nie hast du mein Heim gesehn,
bleibst draussen stets im Walde stehn,
denn hier, bei mir will ich dich nicht,
da üb’ ich liebend gern Verzicht. 
 

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Sanktionen und Onomatopoesie (22.Dezember)


Hätte ich eine eigene Autokratie, und ich wäre eine sehr gnadenvolle Autokratin, würde der Einsatz von onomatopoetischen, essgeräuschbezogenen Wörtern rigoros geahndet und hätte unerbittliche Strafen zur Folge. Es müssten beispielsweise stundenlang Kopfhörerkabel entwirrt, Nachtschichten in der Kinderbetreuung übernommen, jeder von A. Amstutz Reden zugehört, neben gesprächigen Rentnern gependelt, endlos Geschenke eingepackt, sämtliche Werke Martin Suters müssten gelesen, Stellvertretungen in Begrüssungsküssriten übernommen, den schlabbrigen und/oder haarigen Restemist aus dem Ausguss gefischt und sämtliche grünen Gummibärchen aus sämtlichen verfügbaren Packungen gegessen werden.

Jawoll.

 

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Völlig demokratisch verlief unsere erste Weihnachtsfeier heute, bei der Ys Paten sie mit einem eigens gezimmerten Kauffrauenladen zur glücklichsten Dreijährigen auf Erden machten:

Patenweihnachtsgeschenk

Patenweihnachtsgeschenk (Herrn G.s vorgeschlagener Untertitel: “Herr G., ganz im Gegensatz zu sonst, unscharf.”)

 

 

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Mandarinen, Behinderung und Integration (21.Dezember)


„Mandarinen.“ antwortete er, der mir versprochen hatte, mir, wenn ich adventstäglich blogge, bei der Themensuche behilflich zu sein, auf meine Frage, worüber ich denn heute Abend schreiben solle. „Danke auch“ antwortete ich und phantasierte in Gedanken über mögliche Mandarinen involvierende Folter- und Meuchelmethoden. Ich bin da kreativ müssen Sie wissen, Gewaltphantasien kann ich. Aber dann schickte Herr G. mir den Link zu folgendem Video und ich wurde etwas abgelenkt:

(Hier der Link zur deutschen Version.)

Nach erstmaligem Sehen fand ich den Spot beinah vorbehaltlos gut. Gerade in der Arbeit mit den etwas älteren Jugendlichen mit Behinderung erlebte ich viel zu oft, dass die Heranwachsenden in einer realitätsfernen, rosa Plüschwelt leben, in der ihnen viel zu viel erleichtert, viel zu viel schöngeredet und viel zu viel verschwiegen und vergessen wird, wie klein die Betroffenen und ihre Chancen dereinst Verantwortung für sich übernehmen zu können damit gehalten werden. Dazu gehört eben auch, dass Jugendliche und später Erwachsene mit Behinderungen als das behandelt werden, was sie sind. Achtzehn-, Dreiundzwanzig-, Dreissigjährige, (Fast-)Erwachsene eben, denen man keinen Luftballon mehr mitgeben würde, denen man nicht bei jedem vermeintlichen Anzeichen von Desorientierung zu Hilfe hastet und bei denen man nicht milde lächelt, wenn sie sich in den Bus drängeln, wenn alle anderen noch gar nicht ausgestiegen sind. Das ist niemandem dienlich, weder der Gesellschaft, noch den Personen mit geistiger Behinderung, die damit klein gehalten werden.

Dann las ich die Kommentare unter dem vor fast einem Monat geposteten Video.

„Ich weiss langsam nicht mehr, wie man sich korrekt benehmen soll gegenüber behinderten Menschen. Ich halte auch anderen “normalen” Menschen die Tür auf, wenn sie hinter mir laufen, denn die Tür vor ihrer Nase zuschlagen zu lassen, wenn man sie doch genau so gut aufhalten kann, ist, von mir aus gesehen, unhöflich.“

„Soll ich nun nicht mehr lächeln, wenn ich durch die Massen laufe“

Es ist ungemein schade, dass die Botschaft des Spots derart konkret verstanden wurde. Als würde gefordert das fortan höfliche Gesten bei Geringstverdacht einer Behinderung unterlassen werden müssten. Nein, darum kann es Pro Infirmis wohl kaum gehen. Ich bin absolut davon überzeugt, dass Personen mit Behinderungen anders behandelt werden, heute, so nahm ich bisher an, wohl weniger durch offensichtliche Diskriminierung, wie Beschimpfungen oder aktive Benachteiligung, als Übervorteilung im wörtlichen Sinne. Eben durch oben genannte übermotivierte Nachsichtigkeit, vorauseilender Hilfe und schlussendlich Infantilisierung. 

„(…) Dennoch zeigt es die Problematik von uns Mitmenschen, die es zwar nur gut meinen, aber für die betroffenen Menschen dennoch falsch rüberkommt. Es sind schliesslich genauso Menschen wie wir.“

„Und wie wäre es, wenn seine nähere Bezugspersonen ihm erklären würden, dass die Leute bloss freundlich lächeln und ich nicht auslachen? (…)“

„(…) Denn er zeigt nicht die wirklich krassen Diskriminierungen, sondern harmlose Gesten von Mitmenschen, welche es sehr gut, wohlwollend meinen.“

Nach diesen (und ähnlichen) Beiträgen scheint mir auch klar, weshalb die Botschaft so verstanden wurde. Wenn wir Schweizer uns noch am Punkt befinden, an dem wir davon ausgehen, dass der junge Mann im Video aus- und nicht angelacht wird, wenn wir uns an dem Punkt befinden, an dem wir tatsächlich wörtlich feststellen und festhalten müssen, dass Menschen mit Behinderung „genauso Menschen“ sind wie „wir“, ist vielleicht die übertriebe Nachsicht die adäquateste, uns mögliche, Reaktion auf Personen mit Behinderung. Vielleicht sind wir noch immer erst an dem Punkt der Annäherung, dem Punkt also, an dem man sich manchmal verstellt, manchmal freundlicher verhält als man eigentlich ist, der Punkt, an dem man noch Nachsicht übt, mit seinem Gegenüber, man hat es ja gerade erst kennengelernt. Vielleicht ist die Distanz noch zu gross, für wahres, empathisches Verhalten.

Vielleicht war Pro Infirmis zu früh, mit ihrem Video, vielleicht sind wir noch nicht so weit. Was würde das aussagen, über die Integration von Personen mit Behinderung?

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12 Gründe wieso die Welt mit Untergehen warten muss (20.Dezember)


Wattestäbchen – Ohrenputzen gehört zu den unterschätztesten elementaren Bedürfnissen des Lebens, ich will mir weiterhin mein juckendes Innenohr mit Wattestäbchen putzen können. Abends zum Beispiel. Oder morgens. Und mittags.

Wassermelonen – noch habe ich nicht genug davon gegessen.

Afghanistan, Ägypten, Angola, Armenien, Aserbeidschan, Äthiopien, Australien – Und all die anderen Länder die ich noch nicht besucht habe.

Schlaf – Die Nächte ohne stündliches Wecken durch die Kinder häufen sich, ich hege den Vorsatz noch in diesem Leben zumindest einmalig abends zu Bett zu gehen und morgens ohne Fremdeinfluss wieder zu erwachen.

Kinder – Ich habe sie gezeugt, gebrütet, gesäugt, getragen, gefüttert und geliebt, ich habe das gewiss nicht getan, nur um sie jetzt nicht aufwachsen zu sehen.

Kaffee – Bevor mir nicht glaubhaft versichert werden kann, dass mir auch nach dem Weltuntergang Kaffee von hoher Qualität serviert wird, ist ein Weltenend keine Option.

Meine Lebens-to-do-Liste ist noch nicht abgearbeitet.

Roter Nagellack – Ich will meine Nägel endlich lackieren können, ohne hernach auszusehen als hätte ich eben barhändig eines der letzten Okapis (deren Existenz und Antlitz ich übrigens auch als durchaus gegen einen baldigen Weltuntergang sprechend erachte) geschlachtet hätte.

Weihnachtsdeko – Jetzt habe ich den Mist schon aufgehängt, nicht nur soll er da noch ein wenig abhangen, auch kommen weltuntergangsbedingte Scherben keinesfalls in Frage.

Weihnachtsgeschenke – Ich habe endlich sämtliche Phasen des Weihnachtsgeschenkbeschaffungsprozesses bewältigt, ich will Ruhm, Ehr und unendliche Dankbarkeit dafür ernten.

Meine Haare – Gerade befinden sich jene auf dem Kopf in dieser unsäglich unentschiedenen Zwischenlänge, wohingegen mein Beinhaar fröhlich spriesst, so kann ich unmöglich an einer derart wichtige Veranstaltung wie dem Weltuntergang teilnehmen.

Heisse Duschen – (Jaja, ich höre Sie böse kichern und „Hölle“ flüstern. Lassen Sie das.) Ich will duschen bis zur Krebsröte und bevor mir keine Beweise für entsprechende Sanitäranlagen nach dem Weltuntergang geliefert werden, wird hier nicht untergegangen.

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