Der #Aufschrei und ich.


Ich habe lange überlegt, ob ich mich, nach dem so viele gute, bereichernde Artikel zum Thema bereits veröffentlicht wurden, auch noch zu der #Aufschreithematik (Wer nicht weiss worum es dabei geht, lese bitte hier.) äussern soll, es scheint alles gesagt und meine Worte überflüssig. Aber ich bin Mutter zweier Töchter, ein potentielles Vorbild also, und habe in einer Diskussion gerade noch behauptet, dass nichts tun eindeutig nichtser bringe, als das zu tun, von dem man vermutet, dass es nichts bringe.

Einleitend möchte ich hier festhalten, dass ich Sexismus nicht mit sexuellen Misshandlungen gleichsetze, aber davon ausgehe, das Sexismus sehr wohl sexuelle Gewalt begünstigt, ja, ein Grossteil sexueller Übergriffe einer sexistischen Grundhandlung zugrunde liegen und die beiden Komponenten deswegen in der Debatte rund um #Aufschrei nicht zu unrecht vermischt werden. Ich möchte hier und heute meine Gedanken nicht als Feministin niederschreiben, ich möchte mich hier mit dem Thema Sexismus auseinandersetzen und darum, dass das Menschen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt, verunglimpft oder ihre Grenzen rücksichtslos überschritten werden. Es ist allerdings schwer von der Hand zu weisen, dass, obwohl sich auch Männer wohl nicht selten mit negativen sexistischen Stereotypien konfrontiert sehen („Der ist so oft mit den Kindern auf dem Spielplatz, der ist sicherlich arbeitslos.“), weibliche Personen öfters aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Beides muss sich ändern. Die Bandbreite sexistisch motivierten Fehlverhaltens ist breit und reicht von alltagssexistischen Anzüglichkeiten und Herabwürdigungen, über institutionalisierte Benachteiligungen bis hin zu massiven sexuellen Übergriffen. Die Bandbreite der Empfindungen und Reaktionen, die diese Missstände auslösen, ist mindestens ebenso breit. Wenn ich heute mit sexistischen Sprüchen konfrontiert werde, kann ich damit umgehen, ich habe ein relativ ansehnliches Arsenal verbaler Waffen zur Verfügung.

Wenn mir heute sexistische Stereotypien aufgetischt werden, wie die der WeltwochenvertreterIN, wie vor einigen Wochen geschehen, die mir am Telefon erklärt, dass sie es wichtig fände, wenn die Ehefrauen auch in Abonnementfragen einbezogen werden, finde ich das gar unterhaltend genug um darüber zu bloggen.

Ich kann mich heute wehren.

Die Frage, die allenthalben gestellt wurde, liegt nah: Wieso also der Aufstand? Wieso die Opferrolle übernehmen?

  1. Weil es nicht um mich geht. ICH kann mich HEUTE wehren, sowohl verbal, als auch physisch, ICH habe Glück. Ich konnte es damals nicht, als ich in dieser einen, christlichen Freikirche aufwuchs, wo Sätze wie „die Frau sei dem Manne untertan“ fielen und Frauen kein Recht darauf hatten die Glaubensgemeindeleitung zu übernehmen. Ich kann mich HEUTE wehren. Irgendeie Julia aus Irgendwo kann das aber vielleicht immer noch nicht, sie soll aber wissen dass sie/er sich wehren darf und soll.
  2. Weil die Tatsache meiner und Anderer potentieller Wehrhaftigkeit sexistisch motiviertes Fehlverhalten nicht richtiger macht. Diskriminierung, Verunglimpfung und Grenzüberschreitungen bleiben falsch. Immer.

Es ergibt also ungemein Sinn, all die Erlebnisse in all ihren Bandbreiten anzuprangern.

Es ergibt Sinn, um irgendeiner Julia zu zeigen, dass sie eben NICHT damit leben muss, unangebrachte Anzüglichkeiten zu ertragen, wenn sie sich in knapper Bekleidung in die Öffentlichkeit begibt.

Es ergibt Sinn, irgendeiner Julia zu zeigen, dass ein einziges „Nein“ reichen muss.

Und es ergibt Sinn, irgendeinem Julian zu zeigen, dass er sich nicht dafür verteidigen muss, jeden Dienstag Morgen mit seinen Kindern auf dem Spielplatz zu verbringen.

Alles kleine und grössere, mehr oder weniger verletzende Vorkommnisse, könnte man nun sagen, gelebt und ausgeübt von empathieunterentwickelten Individuen, es geht doch hier eigentlich um Chancenungleichheit, um Lohnungleichheit um den institutionalisierten Sexismus! Und man hätte recht, denn darum geht es auch, wir befinden uns hier in einer einer gigantischen Baustelle, in einer Abteilung die keines grossen Erfahrungsschatzes bedarf, in der wir alle bequem und ohne grossen Aufwand mitarbeiten und helfen können, die unablässig anfallenden Bauarbeiten an weniger werden zu lassen.

Holdrioundfallera.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Erziehung, Neulich

5 Antworten zu “Der #Aufschrei und ich.

  1. Danke für das Aufschreiben. Es wurde halt doch noch nicht alles geschrieben, und jeder Beitrag hat auch andere LeserInnen. Ich stimme von A bis Z zu.

  2. jpr

    Prima, dass Ihr Hader doch noch zu diesem Text gefuehrt hat.
    Denn dass eine neue Normalitaet in der solche ‘alltaglichen’ Dinge nicht mehr moeglich sind (oder zumindest in der Breite nicht mehr gutgeheissen oder ignoriert werden) eben nur entsteht, wenn alle daran mitbauen kann eigentlich gar nicht oft genug da stehen. Vielleicht kommt es bei genuegend hoher Wiederholung auch wirklich in den Koepfen an. Danke.

  3. Ein spannender Artikel zu einem Thema, zu dem ich mich nicht ausführlicher äussern mag, weil das a) in Seelenstriptease und b) in emotionale Ausuferung münden würde. “Es gibt viele Arschlöcher auf unserem Planeten”, ist mein etwas platter Standardsatz für die ganze Übergriff-Thematik. Schön finde ich deinen Hinweis darauf, dass Sexismus beide Geschlechter betrifft. Solange Wickeltische ausschliesslich auf den Damen- und Kondome auf den Herrenklos zu finden sind, liegt die faktische Gleichstellung weiterhin in ferner Zukunft. Dass die Frauen dieser Welt aufgrund der biologischen Tatsache, dass sie die Kinder austragen und gebären, auch automatisch praktisch ausschliesslich für deren Erziehung und Betreuung verantwortlich sind, scheint seit Anbeginn der Zeit ein pseudo-logisches Selbstverständnis zu sein, auch wenn sich mir die Logik dahinter nicht erschliesst. Es braucht beide Geschlechter, nicht nur zur Zeugung, sondern auch zur Erziehung!
    Hoppla, ich schweife ab… :-)
    Wie dem auch sei, für einen bewussteren Umgang mit der gesellschaftlichen Baustelle, die du gegen Ende des Beitrags erwähnst!

  4. Also ich als Mann unterstütze den Aufschrei voll und ganz. Sehe aber ein unlösbares Problem, dass hier ja auch ein wenig angerissen wird: Wir alle sind Opfer und Täter zugleich. Wir reden mal nicht von den Fällen, die wirklich unter “kriminell” laufen, sondern von den Sachen, wo jeder denkt: Ich mach doch gar nix! Und dabei macht er es doch. So ein Aufschrei hat eine kathartische Wirkung, auch für mich als Mann, denn bisher haben wir Männer keinen Kompass, ob wir bereits Ekel sind oder doch noch Charmeur. Denn Frauen bekennen halt leider eher selten Farbe. Wenn ich am Tag 10 Witze mache, lachen frauen in der Regel über alle. Selbst über die, die ich als echt misslungen bezeichnen würde. Klar, das Frauen zumeist diese Maske tragen, erstmal “gute Stimmung” aufrecht erhalten wollen hat seine Gründe. Aber hinter so eine Maske schauen ist halt nicht so einfach. Also: Laut schreien ab jetzt bitte. Und nur da lachen, wo auch eine Pointe ist. Würde uns Kerlen echt schon weiterhelfen, zumal man Witze nur da macht, wo man ein dankbares Publikum vermutet. Wenn das aber weg ist hören auch die Witze schonmal auf.
    Und ja, auch Männer werden oft Sexismus-Opfer. Damit meine ich aber gar nicht mal direkte Sätze von Frauen, sondern die Ausläufer dessen, was Frauen bemängeln. “Ich geh in den Club um zu tanzen und werd nur blöde angebaggert”. Würde mich auch nerven, wäre ich eine Frau. Aber wissen Frauen eigentlich, dass sehr viele Männer in diese Clubs, von denen da die Rede ist, gar nicht erst hereinkommen? Undd as nur, weil sie ein Mann sind? Oder auf Arbeit. Als junge Praktikantin sich lauter geifernder gesetzter Herren erwehren zu müssen ist hart, glaube ich sofort. Aber wissen Frauen eigentlich wie es sich anfühlt junger Praktikant zu sein und sehen zu müssen, dass der Praktikantin alles tausendmal erklärt wird und sie sofort automatisch in alle Kreise eingeführt wird und nach 2 Wochen jeden Vorgesetzten mit Vornamen kennt – und man selbst muss sich alles selbst beibringen, keiner kümmert sich um einen und man erntet allenfalls Ignoranz, weil alle immer nur mit der Praktikantin arbeiten wollen? Sie wird hofiert und angelächelt, er aber angeschnauzt und abgeblockt? Weil er eben keine Frau ist?
    Nicht nur Frauen sind Opfer des männlichen Sexismus. Auch Männer sind Opfer des männlichen Sexismus.

    http://davidwonschewski.wordpress.com/2013/01/26/uber-den-segen-der-sexismus-debatte-oder-der-freudig-uberraschte-misanthrop/

  5. „Frauen wollen doch gar keine Karriere machen“ – wäre das auch wohlwollender Sexismus?Das ist eher ein Beispiel für modernen Sexismus. Die Annahme, dass Frauen heute gar nicht mehr diskriminiert sind. Ein Argument, um die bestehenden Ungleichheiten in der Wirtschaft zu rechtfertigen: Männer sind in einflussreicheren Positionen und verdienen mehr Geld. Daran sind die Frauen selbst schuld. Sie wollen ja gar keine Karriere machen.

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