Archiv der Kategorie: Alleine unter Wölfen

Elterngespräche oder Pädagogen in Näpfen


Ich habe schon einigen Elterngesprächen beigewohnt, einige davon waren unglaublich anstrengend und unbefriedigend, andere hätten eher als gemütliche, bereichernde Gesprächsrunde tituliert werden können. Letzten Dienstag absolvierte ich erstmalig ein Elterngespräch aus Elternperspektive. Ich habe mich auf diesen Positionswechsel gefreut und erschien zum Termin mit dem Vorsatz die ominöse déformation professionelle nicht überhand nehmen zu lassen. Nach Ankunft in der KiTa wurden wir gebeten, ins Sitzungszimmer vor zu gehen, was wir gehorsamst taten. Der Raum war abgedunkelt, in der Ecke war schemenhaft eine vermummte Person wahrzunehmen, die kniend seltsame Bewegungen vollführte. Mir ward Angst, Bang und sofort klar: Unsere übermotivierte Sozi-bio-vegi-plüschi-KiTa will die holden Eltern vor den Gesprächen mit einer pantomimisch dargestellten, pädagogischen Botschaft auf den Austausch einstimmen. Rasch schüttelte ich den Gedanken ab, wie aus Studienzeiten gewohnt in derartigen Situationen, mich, in Gesellschaft einiger sarkastischer Sticheleien, in die Verweigerungsecke zu verziehen und sprach stattdessen leise zu mir selber: „Liebe Frau Gminggmangg, du kennst sowas, du wirst in zwei Jahren 30, du bist Mutter zweier Kinder, du unterrichtest selber beruflich schutzlose, unschuldige Schüler: Benimm dich gefälligst, füge dich deinem Sozi-bio-vegi-plüschi-KiTa-Elterndasein, zeige dich halbwegs kooperativ und lass um Himmelswillen Herrn Gminggmangg reden!“ So stellte ich mich also ganz nah vor die, nach wie vor gebärdende Vermummte, die sich gerade ausdrucksstark vor mir zu Boden warf, nahm eine, wie ich fand, angemessene Körperhaltung ein und setzte einen betont beobachtenden und interessierten Gesichtsausdruck auf.

Sekunden später gelangte auch schon Ypsilönchens Bezugsbetreuerin zu uns und bediente den Lichtschalter. Mich an die plötzliche Helligkeit gewöhnend,  legte ich mir schon mal einige pädagogisch wertvolle Interpretationen zum Gesehenen zu recht, als ich der Tatsache gewahr wurde, dass die muslimische Praktikantin zu meinen Füssen ihren Teppich einrollte und hastig aus dem Sitzungszimmer verschwand.

Das Gespräch lief trotzdem gut und Fettnapfbaden kann ich ja ohnehin.

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Haare dressieren


Gelhaarschüler 1: “Ey Gruusige, warst du beim Guafför?” (Anmerkung: Gruusige heisst eigentlich Hässlicher, ist hier aber positiv gemeint. Fragen Sie mich nicht.)
Gelhaarschüler 2: “Nein, hat mein Vater das gemacht, mit der Fritöse.”
Gelhaarschüler 1: “Haha, du bist so blöd! Das heisst Dompteuse.”
Gelhaarschüler 2: “Voll nicht, Dompteusen sind im Zirkus und machen so Tiger mit Feuer und so.”
Gelhaarschüler 1: “Frau Geeeeeee! Sagen sie ihm, dass Dompteusen Haare schneiden können!”
Frau Gminggmangg: “Es ist anzunehmen, dass es Dompteusen gibt die das können, du meinst aber eine Tondeuse mit T. Schlagt die Wörter doch rasch im Lexikon nach!”
Gelhaarschüler 1: “Maaaaann, Frau Geeeee, wir glauben Ihnen das auch so!”
Gelhaarschüler 2: “Ey aber Aute, Friteuse kann man im Fall auch sagen, das ist denk das Fremdwort, Maaaaann. Friteuse kommt von Frisöse!”

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Innere Väter und andere Fusseln


Ich tat immer ganz gerne, was nicht von mir erwartet wurde. Also habe ich, die gerne betonte, wie sicher sie niemals fremder Leute Bälger erziehen, bespassen oder sonst wie beachten wolle und wie noch sicherer sie niemals eigene Kinder haben würde, den naheliegendsten Beruf, den der Sonderschullehrerin, gewählt. Ich bin smalltalkunfähig, leicht emotionsphobisch, schauspielerisch minderbegabt, hege Körperkontaktaversionen und verfüge über ein unterentwickeltes Gesichtsgedächtnis – idealeVoraussetzungen für den gewählten, sehr praxisorientierten Studiengang. Ich will nicht zu weit ausholen, denn ich habe die Studienzeit und damit tausend gefühlsschwangere Diskussions- und Befindlichkeitsrunden, Rollenspiele, Steinbeeselungsequenzen und andere Unsinnigkeiten mit einiger Selbstüberwindung, viel Ironie und ab und zu Verweigerung in Reinform überstanden, ja, erfolgreich abgeschlossen. Nun, so dachte ich, in Allmachtsfantasien schwelgend, war ICH Herrin über wehrlose Schüler, das Geschehen, nun, jedenfalls bis zur nächsten Kollegiumssitzung, oder der nächsten Weiterbildung, oder, wie bei meinem momentanen Arbeitgeber üblich, bei der nächsten Supervision. Ich kann damit umgehen, ehrlich, ich begebe mich in einen flauschig gedämpften, realitätsfernen Bewusstseinszustand, lasse die anderen plätschern, richte den Leerblick stets brav in Richtung Sprecher, wechsle alle paar Minuten den Gesichtsausdruck, reagiere auf die vorprogrammierten Stichworte und beteilige mich jede zweite Sitzung sogar wörtlich. Das funktioniert bestens und eigentlich immer, bis auf die vermaledeiten Supervisionssitzungen. Stellen Sie sich eine Gruppe präklimakterischer, biologisch abbaubarer, unerträglich empathievoller, walkgewandeter, Filzkugelbehängter Heilpädagoginnen vor, allesamt mit jaaahreeelanger wunderbar zartrosa bereichernder Erfahrung und dem Grundsatz, dass alle Kinder zu jedem Zeitpunkt endlos liebenswert und randvoll altruistischer Absichten sind. Und dann ist da noch Frau Gminggmangg.
Supervisorin: „Wer hat heute ein Anliegen aus ihrer Praxis, das sie gerne gemeinsam besprechen würde?“
Behände heben die Damen ihre bewollstulpten Arme, um sie, nach einem Blick in die Runde, wieder zu senken. „Meins ist nicht so wichtig, ich schaffe das schon, bestimmt hat jemand ein viel wichtigeres Problem.” “Also meins ist auch nicht so wichtig, wahrscheinlich noch unwichtiger….” – Wunderbar, die ersten 10 Minuten verbringe ich in herrlich sicheren Gefilden damit, die Damen beim der Ausübung gelebter Bescheidenheit zu verfolgen. Nach dem schließlich doch ein Problem zur heutigen Besprechung auserkoren ward, setzt Frau Birkenstock zur Schilderung an: “Mein Schüler blabla unschöne Gefühle blabla und die Eltern blabla Disharmonie blabla und ich blabla das stimmt für mich nicht blabla so kalt, so dunkel so unflauschig blabla.” Fürchterlich! Eine untragbare Situation. Wir sind uns alle einig und nicken betroffen und verständnisvoll, die beiden Damen neben der verstimmten Frau Birkenstock reichen ihr beruhigenden Wohlfühltee aus Thermoskannen in Wollhüllen. Supervisorin: “Es bleibt nur eins, liebe Frau Birkenstock, als allererstes müssen Sie sich über die Situation klar werden blabla und begreifen, welche Erwartungen Sie an die verschiedenen Instanzen dieses Systems haben. Blabla. Dafür werden wir ein kleines Rollenspiel machen blabla Freiwillige vor blabla Rolle hier Rolle da blabla und Sie, Frau Gmingggmangg, spielen Frau Birkenstocks innerer Schülervater.” Wuaaah! Ich finde mich , eben noch tiefenentspannt binnen Sekunde in einer Lache aus Schweiss wieder. Empathiedemonstrationen, Rollenspiel! Fehlt nur noch inniger Körperkontakt. Denke es, als sich Frau Sandelholz, ganz in ihrer Rolle als Frau Birkenstocks innere Schülermutter, auch schon schutzsuchend an mich lehnt. Meine Vorstellungskraft reicht nicht aus, um auch nur annähernd zu erahnen, wo Frau Sandelholz her nimmt, was sie in den nächsten Minuten mit viel Dramatik inszeniert: “Alles schrecklich blabla schwere Kindheit blabla selber Sonderschülerin blabla immer unterschätzt blabla tränenrotzundhaareraufen meinem Kind ersparen blabla mein Mann auch, gell!?” Stille. Ich registriere einen fiesen Ellenbogenhieb in die Rippen und suhle mich für einen kurzen Moment in den, verglichen mit der eben genossenen dramatischen Darstellung, angenehmen Schmerzen, bevor mir schwant, dass es sich beim angesprochenen Mann um mich handelt. „Ja.“ brummle ich und bin damit ziemlich zufrieden, immerhin passt die Antwort auf die Frage. „Wie kannst du nur!? IMMER bist du so wortkarg! Typisch Mann eben. NIE unterstützt du mich in solchen Entscheidungen! Wie sollen wir so das Beste für unser Kind erreichen. Sind dir unsere Kinder überhaupt wichtig!?“ Stille. Ellenbogen. Kapitulation. Aber sowas von. Ich erwäge Frau Birkenstocks inneren Schülervater an plötzlichem Herzversagen sterben zu lassen, fürchte aber Reanimationsversuche. „Entschuldigen Sie, aber ich erbitte hiermit die Ernennung eines anderen inneren Vaters, da mir offensichtlich sowohl das nötige schauspielerische Talent, als auch Einfühlungsvermögen und Ernsthaftigkeit fehlen.“ Stille. Obwohl sich niemand tatsächlich bewegt, sehe ich deutlich wie die Damen ihre inneren Köpfe schütteln. Frau Sandelholz schlägt vor beide Rollen zu übernehmen, die Supervisorin beendet die Übung und es wird zur theoretischen Besprechung des Problems über gegangen.
Die herzlichen Umarmungen zum Abschied fallen aus. Mir soll‘s recht sein, die Filzfussel stossen hernach nächtens immer so unangenehm auf. Ich überlege mir zur nächsten Sitzung flüssige Extrovertiertheit (siehe letzte Ausgabe “das Magazin”, Kolumne von Michèle Rothen) in Form hochprozentigen Wohlfühltees mit zu führen und bereite mich darauf vor meine schmerzliche Gefühlsdistanz zu Frau Birkenstocks innerem Schülervater als Anliegen in der Supervisionsgruppe zu thematisieren.

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Woran Sie merken, dass Sie sich im Endstadium Ihrer Schwangerschaft befinden:


In der Abschiedsrunde zeigen die Schüler sich ernsthaft entsetzt und verständnislos, dass Sie tatsächlich mehr als ein, zwei Tage Urlaub nehmen. Da Baby könnte schliesslich mitgenommen werden, oder der Mann einfach daheim bleiben.

Wen auch immer Sie anrufen, jeder Anruf wir sofort angenommen, gar gehäuft nach erstem Klingeln. Beliebte Begrüssungen in diesem Stadium sind: „Geht es los?“, „Bist du im Krankenhaus?“ und „Ist das Bauchmädchen da?“. Machen Sie sich die einseitigen Kommunikationsfähigkeiten Ihres Gegenübers zu Erheiterungsnutzen und provozieren sie unnötige Adrelanin- und Hormonschübe mit der Antwort „Ja!“.

Wird die Mutter angerufen, sind im Hintergrund wahlweise Geräusche eiligen Aufbruchs, kehrtwendungsbedingtes Reifenquietschen oder Das-haben-Sie-noch-nicht-bezahlt!-Rufe zu vernehmen, hier gilt es, anders als oben, per unmittelbar nach Abheben formulierten Beschwichtigungsversuche Verletzte, Tote und Gefängnisaufenthalte zu verhindern.

In direkten Begegnungen wird mit Vorliebe gefragt, ob man denn noch schwanger und das Kind noch nicht da sei. Motivierend, wirklich. Ich werde doch wohl NACH Geburt nicht tatsächlich  immer noch mit derartigen Ausdehnungen einhertrampeln.

Ein belasteter Beckenboden, Husten und eine volle Blase bleiben nicht unbemerkt. Vorgezogene Inkontinenz und so…

Die Hilfsbereitschaft wächst ja bekanntermassen proportional zum Schwangerschaftsbauch (dass das für andere Bäuche auch gilt, wage ich zu bezweifeln), etwas abstrus mutet an, wenn Sie sich beim Einsteigen in den Bus plötzlich ohne Kind, Wagen und Einkaufstasche als einzige noch ausserhalb des Fahrzeugs befinden.

Die Schwangerschaftsdemenz erreicht unbekannte Dimensionen, Gedanken wie „Ich muss mein Mobiltelefon mitnehmen, damit Herr Gminggmangg mir sagen kann, wenn es los geht.“ und wirre Verwechslungen zwischen Backofen und Kühlschrank sind keine Seltenheit.

Es ist Zeit wertes Bauchmädchen, es ist Zeit…

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Das Kreuz mit dem Kreuz


NMM-Stunde, Geographie: Auftrag der Schüler ist es, Schulhaus und unmittelbare Umgebung aus dem Kopf als Karte aufzuzeichnen und danach mit existenten, genauen Plänen zu vergleichen. Schüler A. und Schüler M. befinden sich im Vergleichsprozess. Schüler A. mit abschätzigem Blick auf Schüler M’s Werk: „Du hast ja hueren viel vergessen! Ich habe an alles gedacht.“ Schüler M.: „Ey, du lügst hueren! Du hast diese Kreuzung da vergessen!“ A.: „Hab ich nicht, ich habe sie nur nicht eingezeichnet.“ M: “Eh, hast du die vergessen, Mann!“ A.: „Nein, Mann, ich darf die nur nicht zeichnen weil ich Moslem bin. Denk!“

Klar, und eigentlich sollte er vom Schreiben von Wörtern mit kleinem T freigestellt werden und dass er in der Mathematik addiert ist reine Blasphemie.

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