Archiv der Kategorie: Begegnungen

Shkodra – fast Thethi – Shkodra (Tag 63)


Nach dem wir uns von den Nonnen verabschiedet haben, fahren wir in Richtung albanische Berge, genauer, Richtung Thethi. Der Plan ist, so weit nach oben zu fahren, wie der Gefährte und unsere Fahrkünste es erlauben. Einige meinen, dass wir es mit unserem Gefährt problemlos bis oben schaffen, andere gehen vom Gegenteil aus. Wir verlassen Shkodra und fahren überland, an verstreuten Häusern vorbei, bis die Besiedlung an Dichte verliert. Hier treffen wir auf die weiten Lavendel- und Salbeifelder, die die Nonnen schon kopfschüttelnd erwähnt haben. Die Bauern hier haben, nach dem ihnen von Westeuropäern guter Verdienst versichert wurde, alles auf die beiden Kräuter gesetzt und kämpfen nun ums Überleben, weil sie keine Abnehmer finden. Über weite Strecken wird hier nun in Monokultur bebaut und wertvolles Land in Kürze Brach liegen. Etwas weiter oben werden die Felder noch mit Pflug-Pferd-Gespannen bestellt, was in Albanien, wo Pferde- und Eselkutschen noch zum alltäglichen Bild gehören, nicht sonderlich verwundert. Hie und da sind Schweine anzutreffen, oDer Kühe ohne Autoscheu. Am ausgetrockneten, steinernen Flussbeet stehen die Häuser so nah, dass ich jeden Frühling Angst davor hätte, weggeschwemmt zu werden. Man ist sich hier Ausländer gewöhnt, die Abenteuer in den Bergen suchen, alleine bei unserer Auffahrt begegneten wir mehreren Offroadern mit Dachzelten. Die Strasse ist beinah bis Thethi asphaltiert, aber das oberste Teilstück ist noch in Arbeit. Jeder Strassenarbeiter, dem wir begegnen, versichert uns, dass es für unser Gefährt ohne Probleme möglich sei, auch das Strassenstück in Umbau und den Teil danach zu bewältigen, aber Albaner in Mercedes-Bussen scheinen auch so ziemlich alles umbeschädigt befahren zu können, was bei Weitem, nicht heisst, das wir das auch können. Alls ein Lastwagen vor uns eine halbmeterdicke Schicht Kies über die Strasse verteilt, geben wir jedenfalls auf, eine normale, unbefestigte Strasse wäre kein Problem, aber, nach dem ersten Spuhl- und Durchdrehintermezzo, hegen wir hier Versinkungsangst und kehren um. Der Ausflug hat sich ohnehin gelohnt, für den atemberaubenden Blick über die morgenwolkenverhangenen Berge bin ich gerne hierher gefahren. Wir lassen Hund und Kinder ein wenig über die weite, karg begraste Bergwiese toben und fahren dann zurück nach Shkoder, wo wir uns auf den vielempfohlenen Platz, direkt am See stellen wollen. Als wir fast schon da sind, sehen wir eine dieser riesigen Schrottautoplätze, ja, da stehen Schrottautos, die nach und nach auseinandergenommen und ihre Teile anderswo eingebaut werden, der auf Busse spezialisiert zu sein scheint. An dieser Stelle gilt es vielleicht zu erwähnen, dass wir seit drei Wochen ohne Türgriffe hinten und an der Seite rumfahren, alle paar Autogaragen um Ersatz fragen und diese nie auf Lager waren. Hier gibt es sie jedenfalls. Zwei motivierte Herren, oder vielmehr, ein motivierter Mechaniker und ein übermotivierter Handlanger, bauen uns zwei funktionstüchtige Türgriffe an und die Zeiten, in denen jemand von uns durch den ganzen Bus nach hinten klettern muss, um die Türe zu öffnen, sind endlich vorbei. Für 60 Euro wird all dies erledigt und wir sind startklar. Wohlwissend, dass wir wohl mehr bezahlen, als ein Einheimischer hätte zahlen müssen (was ich nichtmal falsch finde), blödelt Herr G. bei der Geldübergabe rum: “Noch ein paar Griffe und ihr könnt schon mal in Urlaub fahren!” Der Mechaniker lächelt nur und erzählt, dass er von dem Geld nichts sehe, das überreiche er dem Patrone, der dafür i Hintergrund schlafe. Er verdiene 280 Euro im Monat, vom Lohn seines Handlangers ganz zu schweigen, das reiche nicht für Urlaub. Wir schweigen beschämt, mal wieder, bevor wir zum Abschied winken und den weitläufigen Platz am See aufsuchen.

Bemerknisse
Nach Wochen ohne Hecktüren wurde der Ausspruch “Brauchst du noch etwas von hinten?”, wenn man im Begriff war, die Tür zu schliessen zum geflügelten Wort, das Geräusch unabsichtsvoll zuschlagender Hecktüren zum Auslöser genervten Stöhnens. Klar, wir sind noch nicht so alt und gewisse Beweglichkeit ist auch vorhanden, aber das täglich mehrmalige Klettern, von der Fahrertüre nach ganz hinten, über all unserer Gerätschaften hinweg, wurde mit der Zeit doch etwas mühselig.

Nur weil Albaner dir sagen, dass dein Auto hier und dort problemlos hin kommt, heisst das noch lange nicht, dass DU mit deinem Auto hier und dort problemlos hin kommst.

“Ein Offroader ist, was du zum Offroader machst.” sagen sich die Albaner, wenn sie milde lächelnd die Westeuropäer mit ihren Adventure-Landrovern überholen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entschuldigen Sie die eindeutig unattraktivere Fotoanordnung, aber seit dem Update nach iOS8, klappt da mal wieder was nicht. Gnörk!

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Karpen – Shkodra (Tag 62)


Dank unserem spontanen Zusammentreffen mit den beiden schweizer Jungs, verliessen wir morgens den Platz um eine spannende Adresse (nun, Quasi-Adresse) reicher. In einem relativ zentralen Viertel Shkodras sollen seit 10 Jahren zwei Frauen in einem Kleinstkloster leben und ihr Leben Opfern von häuslicher Gewalt, Kindern und Familien in kanunbegründeter Blutrache gewidmet haben. Ich, das weiss, wer hier seit den Artikeln “(nicht) glauben” und “(nicht) glauben II.” mitliest, bin keine Anhängerin irgendwelcher Religionen und erst recht nicht von Missionierungsversuchen, aber ich bin grosse Anhängerin von Einblicken ins Leben der Menschen, deren Städte wir durchfahren und so konnte ich diese Gelegenheit unmöglich verstreichen lassen. Laut den beiden Motorradlern ist das Finden der beiden Schwestern auch gänzlich unproblematisch und so verabschieden wir uns guten Mutes und fahren die Kilometer bis Shkodra relativ zügig und zwischenfallsfrei. Im Auto rufe ich mir die Szenen aus der Reportage über den Kanun in Erinnerung, in der die beiden Nonnen offenbar auch schon eine Rolle spielten. Je näher wir Shkodra kommen, desto öfters sehen wir Häuser mit hohen Mauern rund ums Anwesen, was eher untypisch für den Rest Albaniens ist. Die Mauern wurden aus Angst gebaut und wo eine Mauer steht, kann davon ausgegangen werden, dass die dahinter lebende Familie in Blutrache mit einer anderen Familie lebt, aber dazu später mehr. Wir fahren also nach Wegweiser und den Anweisungen Befragter auf der Strasse in das Quartier Dobraç, wo die beiden Nonnen walten. Nur finden wir das Kloster nicht und stehen plötzlich mitten in einer unbefestigten, schlaglochdurchzogenen Quartierstrasse, umgeben von einer Schar Kinder, die uns “Shaqiri!” zurufen und sich ans Auto klammern. Schliesslich erbarmt sich ein junger Mann unserer, hört unser Anliegen an, steigt kurzerhand aufs Fahrrad und bedeutet uns, ihm zu folgen. Leicht schwitzend zirkle ich den Gefährten durch die engen Gassen, weiche Pfützen aus, die oft nur bewässerte Schlaglöcher sind und versuche dabei niemanden anzufahren. Der Fahrradfahrer ist eindeutig schneller als wir, hält aber schliesslich vor einem Gebäude, das wir, nach ausgiebigem Dank, anklingeln. Tatsächlich treten Nonnen auf die Strasse, allerdings sprechen sie Französisch und sind nicht die Nonnen, die wir suchen. Die beiden scheinen das allerdings nicht weiter schlimm zu finden, steigen in ihr Auto, bedeuten uns, ihnen zu folgen und liefern uns tatsächlich und in angenehmem Tempo bei Christina und Michaela ab. Das Kloster ist ein hübsches Haus mit einem gepflegten Garten, hinter eisernem Tor. Wir werden eingelassen und herzlich begrüsst. Unsere Kinder sind innert Sekunden ins Spiel vertieft, es hat Trettraktoren und junge Kätzchen. Vor der Haustür treffen wir auf Abraham. Er lebt seit seinem vierten Lebenstag bei den Nonnen und versucht gerade sein Fahrrad mit Schuhpolitur zu ölen. Schwester Christina erklärt ihm die Konsequenzen seines Tuns, nämlich ein schmutziger Sattel und wenig Wirkung, lässt ihn aber gewähren, nach dem Abraham sehr überzeugt von seinem Tun zu sein scheint. Wir werden zum Kaffee geladen, wo wir auf einheimische Klostermitarbeiterinnen und Antonio treffen. Antonio ist das zweite, der beiden Kinder die fest bei den Nonnen wohnen. Er hat mutmasslich bei der Geburt zuwenig Sauerstoff bekommen und zeigt eine massive motorische Behinderung mit Hypotonie und Spasmen, wahrscheinlich hat er Epilepsie und Asthma, aber die Spitäler hier haben nicht die Methoden, ein so kleines Kind, er ist drei Jahre alt, zu untersuchen. Noch hat er auch nicht die nötigen Papiere, dass dies in der Schweiz erledigt werden könnte und so behelfen sich Nonnen und Mitarbeiterinnen mit den Mitteln, die sie hier haben: Gute Grundversorgung, liebevoller Umgang und Körperkontakt. Die Schwestern kannten Antonios Familie schon länger und als man Antonio ins Kinderheim geben wollte, sahen sie für ihn keine grossen Überlebenschancen und nahmen ihn vor drei Wochen zu sich. Beim Tisch erzählen sie uns etwas von ihrer Arbeit. Das Kloster hat einen eigenen Kindergarten, der von um die 70 Kindern besucht wird, die pädagogischen Mitarbeiter werden jeden Montag geschult, vorallem werden neben Unterrichtsinhalten auch Lehrmethoden und der Umgang mit Kindern besprochen.
Alle Mitarbeiterinnen haben Geschichten voller Gewalt hinter sich oder befinden sich noch immer mitten drin. Viele der Frauen sind auf die ein oder andere Weise von Famlienfehden im Namen des Kanuns betroffen. Der Kanun ist altes, albanisches Gewohnheitsrecht, das vorallem in den Regionen um Shkodra noch verbreitet Grundlage des täglichen Zusammenlebens ist. Die Frau spielt dabei deutlich eine sekundäre, ja, minderwertige Rolle, der Mann ist, so habe ich es verstanden Träger der Familienehre und Ehrkränkungen dürfen, oder wohl viel eher müssen, gerächt werden, was bis zu Tötungen ausartet. In der Regel ist es allerdings mit einem Mord noch nicht vorbei, wenn Familie 1 ihre Ehre durch einen Mord an einem zwingend männlichen Mitglied der Familie 2 wiederhergestellt hat, ist nun Familie 2 wieder am Zuge und muss den Tod des Familienmitglieds rächen. Das geht so stetig weiter, bis die Familie, die nun daran wäre, das Blut zu rächen, sich zu Verhandlungen bereit erklärt. Die meisten betroffenen Familien leben allerdings nach wie vor in aktiver Blutrache. Das führt dazu, dass männlichen Familienmitglieder ein Leben in der Wohnung führen müssen, denn nur da sind sie, auch laut Kanun, geschützt und dürfen nicht getötet werden. Das hat desaströse Auswirkungen, denn die Jungen gehen nicht zur Schule weil sie getötet werden könnten und die Mädchen weil sie zuhause helfen müssen, wo die Familie gänzlich von weiblicher Hand versorgt werden muss, kann doch der Mann nicht arbeiten gehen und Haushalt ist ebenfalls Frauensache. Die Familien leben hinter hohen Mauern, die sie aus Angst vor Rache um Ihre Häuser bauen. Christina analysiert die Situation trotz Mitgefühl und Fürsorge für ihre weiblichen Schützlinge sehr differenziert, als sie mir schildert, wie die belastende Situation und die ungleiche Wertung der Geschlechter, sich in vermehrter häuslicher Gewalt zeigen. Oft sehen sich die schlagenden Männer als Opfer, sie sind schliesslich die, die um ihr Leben fürchten müssen, während Frauen keine Zielscheibe der Blutrache sind. Zur Zielscheibe werden sie, wenn die Männer Angst und Druck an ihnen auslassen. Ein System dessen Missstände sich gegenseitig begünstigen. Es ist nicht einfach, ein derart festgefahrenes System zu ändern. “500 ßJahre geben wir uns…” meint Christina lächelnd. Es wird ein spannender, lehrreicher Nachmittag und wir beschliessen die schwesterliche Einladung, die Nacht hier zu verbringen, dankend anzunehmen und verbringen eine ruhige Nacht, ohne unsere heimlichen Besucher zu bemerken. Die beiden Kätzchen werden erst am nächsten Morgen, von den Kindern entdeckt, die in Rekordzeit angezogen und bereit sind, draussen mit den Kleinstmietzchen zu spielen. Bereits um 8 Uhr stehen Menschen am Tor und warten auf Hilfe. Es sind Eltern, mit krebskranken Kindern, die sonst keine Hilfe erhalten, Eltern, die plötzlich mit einem behinderten Kind dastehen, so kam Antonio ins Kloster, Menschen ebendie auf eine oder andere Weise Hilfe oder Zuspruch benötigen. Beim gemeinsamen Frühstück mit Christina, Michaela und einigen Mitarbeiterinnen schlürfe ich etwas abwesend meinen Kaffee, während Herr G. den Kindern Schnittchen streicht und vor allem KleinÄm betüdelt. Plötzlich setzt die Frau neben uns zu einer albanischen Rede an, der gestaute Wut auch ohne Sprachkenntnisse zu entnehmen ist. Schwester Christina übersetzt von Zorn, über albanische Männer, davon, dass Frauen hier alles machen müssen und nur Schläge ernten, sie übersetzt von mangelndem Interesse an den Kindern, von Anspruchshaltungen, davon dass ungefragt Freunde eingeladen werden, die die Frauen dann bewirten müssen. Schwester Christina übersetzt Frustration in Anbetracht dessen was möglich wäre. Die Tatsache, dass dieser Ausbruch hauptsächlich von einer Frau kam, stellt Christina klar, liege nicht daran, dass die anderen Anwesenden derartiges nicht erleben, im Gegenteil, diese hätten sich schlicht nicht gewagt, in diesem Rahmen davon zu erzählen. Ich versuche das Gehörte zu fassen. Ich wusste, dass Albanien noch einen beachtlichen Weg vor sich hat, aber hier scheint er noch etwas weiter.
Wir brauchen Verarbeitungszeit, insbesondere die Kinder, von denen Äm, als Obersensibelchen, intensiv über Antonios Geschichte, seine Behinderung und das Verlassenwerden von den Eltern nachdenkt. Bevor wir gehen, möchte ich ausprobieren, ob Antonio in unsere XXL-Tragehilfe passt, aber die fehlende Physiotherapie liess seine Unbeweglichkeit zu weit fortschreiten. Ich hoffe sehr, dass die Schweizer Behörden ihm eine Einreise und baldige Abklärungen ermöglichen.
Wir verabschieden uns bereichert und voller Bewunderung, denn, Religion hin oder her, Christina und Michaela leisten hier Grossartiges mit Nachhaltigkeit.

 

Falls Sie sich für das Projekt der Schwestern interessieren, finden Sie auf der folgenden Seite Informationen, lassen Sie sich nicht zu sehr von den religiösen Floskeln abschrecken, die Schwestern sind weit offener, als der erste Blick auf die Seite glauben machen könnte. http://www.schwester-christina.de/index.php/aktuelles-oben/278-ob-das-wasser-fliesst-wissen-wir-nicht

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Sitzakrobatik und Atemübungen


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Glück gehabt, ich habe ein Viererabteil für mich, in einigen Sekunden fährt der Zug ab, die Gefahr beengten Reisens scheint für heute vorerst gebannt. Ich breite mich also ungehindert aus und stelle zufrieden fest, dass auch von den umgebenden Abteilen keine erhebliche Lärm- oder olfaktorische Belästigung droht, hier ein Anzugträger mit Klappcomputer, da ein älteres Pärchen auf Wanderfahrt, alles entspannt, alles gut.

Ich stelle meinen Kaffee aufs Zugtischchen, obwohl ich gefühlt erst einen Tropfen getrunken habe, ist er schon kalt und beinah leer, altbekannte Geschichte, aber das inkorporierte Koffein sollte für ausreichende Gewaltprävention bis zur nächsten Kaffeemaschine reichen, alles entspannt, also, alles gut. Der Zug setzt sich in Bewegung, nein, von hier aus stört es mich kaum, dass es nach Tagen frühlingshafter Wärme wieder schneit, dafür suche ich nach der angemessenenmusikalischen Begleitung, erhöhe die Lautstärke und lese in der Zeitung irgendwas von Ohrfeigen und Hanf, als am linken Oberarm ein Pieksen spüre, reflexartig zücke ich das GA und halte es dem Piekser unter die Nase.

Das Muskelbubi.
Vor mir steht aber kein Kondukteur, sondern eine der bemitleidenswerten Kreaturen, die trotz erneuten Kälteeinbruchs im Unterhemd rumrennen müssen, weil sie das Präsentieren ihrer postpubertären Müskelchen während den ersten warmen Tagen derart in Euphorie versetzte, dass sie nun einfach nicht mehr damit aufhören können. Ich gewähre ihm selbstredend den Platz und kann mich gerade noch so zurückhalten, ihm auch noch meine Jacke anzubieten. Er setzt sich und ich suche wieder die Versenkung in Musik und Zeitung. Vergeblich, denn der Beunterhemdete setzt sich stocksteif, starren Blickes in meine Richtung vor mich und beginnt mit Atemübungen. Die machen zumindest keinen Lärm, denke ich, und verstecke mich etwas besser hinter der Zeitung.

Allzu atmungsaktiv.
Tatsächlich kann ich mich über die Lautstärke nicht beklagen, allerdings habe ich auch nicht damit gerechnet, dass mein Gegenüber seine Atemübungen mit derartiger Intensität zelebriert, dass meine Zeitung flattert, was wiederum das Lesen erschwert. Ich versuche ihm zwischen den Ausatmungsphasen genervte Blicke zuzuwerfen, aber er atmet geschlossenen Auges, konzentriert weiter und ich sehe mich gezwungen diesmal selber, möglichst direkte Atemböen vermeidend, pieksend aktiv zu werden. Er unterbricht sein Tun und schaut mich fragend an. «Würde es dich stören, in eine etwas andere Richtung zu atmen?», frage ich und mir wird im selben Moment klar, wie seltsam diese Frage klingt. Er, gänzlich unbeeindruckt, dreht sich, beide Füsse noch immer in gerader Position am Boden, in unnatürlicher Drehung zu Schreibe und atmet weiter. Die Scheibe beschlägt in regelmässigen Abständen, ich versuche mich erneut auf die Zeitung zu konzentrieren, dankbar, sie überhaupt dabei zu haben, denn ohne sie hätte vorhin an ihrer Stelle mein Haar im Atemwind geweht und ich vermag kaum Unangenehmeres auszumachen.

Turnübung kurz vor Zürich.
Ganz kann ich meinen Blick, trotz angestrengtem Konzentrationsversuchs, nicht von meinem Mitreisenden lösen, denn mittlerweile atmet er zwar nicht mehr, also nicht mehr ganz so betont, sondern hat seinen Oberkörper noch weiter nach rechts gedreht. Während seine Füsse nach wie vor in gerader Position am Boden verweilen, weist sein Gesicht unterdessen gen Sitzpolster, sein ausgestreckter rechter Arm dient, in Anlehnung an den Sitz links neben ihm, als Keil, um ihn in dieser Position zu halten.  Ein halbes Lied und ein Zeitungsabschnitt, ohne inhaltliches Verständnis, lang herrscht relative Ruhe, dann löst mein Vis-à-Vis im Unterhemd sich aus seiner Position und dreht sich in die exakt selbe Position, aber auf die andere Seite. Weitere fünf Minuten vergehen, ehe er sich erneut zurück, in eine etwas natürlichere Haltung dreht und damit beginnt, seine Schuhe auszuziehen. Ich bereite mich innerlich auf potentielle Geruchsintensitäten vor und filtere die Luft der folgenden Atemzüge vorsichtshalber gezielt und unauffällig mit meinem frisch gewaschenen Schal. Mein Gegenüber, nunmehr in Unterhemd, Trainerhose und Socken, kniet sich, Rücken zu mir, auf die Sitzbank, legt sein kluges Telefon auf die Kopfstütze uns spielt, rutschbedingt ziemlich erfolglos, Candy Crush.

Atmunksaktiv

Abteil mit Aussicht.
Unschöner Nebeneffekt: Jede handysche Rutschpartie hat Unterhemdträgers Bücken und einen ungewünschten Blick auf seinen Rücken, samt Pobackenlücke zur Folge. Erneut tut meine Zeitung einen sehr willkommenen Dienst als Sichtschutz. «Nächster Halt Zürich, guten Mor…, äh guten Morgen miteinander!», auch der Kondukteur zeigt sich leicht irritiert ob Gegenübers Sitzdarbietung. Ich zeige mein GA und auch der Sitzakrobat wedelt mit irgendeinem Ausweis. «Könnte ich noch Ihr Halbtax-Abo sehen? Und weswegen knien Sie verkehrt herum auf Ihrem Sitz?», der Kondukteur sieht auch mich fragend an. Ich zucke mit den Schultern, zutiefst dankbar, dass ich die Frage nicht selber stellen musste. Mein beunterhemdetets Vis-à-Vis, nach wie vor kniend auf der Sitzbank, zückt auch noch das Halbtax und hält es in die Runde. «Mir wird schlecht, wenn ich vorwärts fahre.» Der Kondukteur wirft mir einen fragenden, bis vorwurfsvollen Blick zu. Ich finde mich für einen Moment wortlos wieder. «Äh… Das wusste ich nicht… Möchten Sie Platz tauschen?», frage ich und beginne meine Sachen zusammen zu packen. Das Unterhemd dreht sich für einen Moment um, um abzuwinken: «Nein Danke, es geht so ganz gut.» Und dreht sich wieder zurück. Ich beende die Fahrt zwischen Erstaunen, schlechtem Gewissen und angestrengtem Nichthinsehen.

 

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“Hast du Durst?”


Wir stehen genau richtig, die Bustüren halten passgenau vor unseren Füssen. Ich hebe Äm hoch, damit sie den Türknopf betätigen kann und widerstehe danach erfolgreich dem Impuls, ihr beim Einsteigen zu helfen. Sie will und kann das alleine und jeder Hauch von angedeuteter Hilfe hätte zur Folge, dass sie noch mal aussteigen muss, um dann gänzlich selbständig wieder einzusteigen. Der Bus ist gut besetzt, nur einzelne Sitze sind noch unbelegt, bist auf die Doppelsitzbank im Viererabteil, ganz hinten im Bus. Mir wird sogleich klar, weshalb die Sitze noch frei sind, denn mit im Abteil sitzt ein Mann mittleren Alters, in der Hand eine Dose Bier, neben sich auf dem Sitz sieben weitere Dosen. Er scheint zu dösen und sitzt, den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, in sich gesunken da, die Dose liegt beängstigend schief in seiner Hand. Ich biete Äm an, sie auf den Schoss zu nehmen und weise auf den vorderen Bereich des Busses, aber Äm marschiert zielgerichtet zur freien Zweierbank uns setzt sich vis à vis vor den Dösenden. Ich folge ihr widerstrebend, der Geruch von Bier setzt mir, besonders morgens, stark zu, Äm jedoch scheint sehr zufrieden mit ihrer Platzwahl und mustert unseren Abteilsgenossen mit grossem Interesse. Ich ziehe die Beine an, weil ich fürchte, die schräge Dose Bier könnte ihren Inhalt genau über meinen Schuhen verlieren. Unser Gegenüber scheint immer mehr in sich zu sacken, seine halblang ins Gesicht fallenden, strähnigen Haare beschrieben die Scheibe mit einer schmierigen Fallspur. „Schläfst du?“ fragt Äm den Dösenden unvermittelt und zeigt sich wenig beeindruckt ob meiner Bitte, den Mann doch schlafen zu lassen, „Du-u, Ma-ann, schläfst du?“, fragt sie statt dessen nachdrücklicher. Unser Gegenüber erwacht, richtet die Dose in seiner Hand in auslaufsichere Position und sich selber auf. Er sieht müde aus, lächelt aber, sobald er die fragende Äm erblickt. „Ja, ich bin müde, manchmal macht das Leben das.“, er lächelt mich verschmitzt an und für einen Augenblick ist sein wahres Alter zu sehen, das Alter, das unter dem vorzeitig verlebten, gezeichneten Gesicht nur schwer wahrzunehmen ist. „Hast du Durst?“, fragt Äm weiter. Wieder lächelt er. „Ich habe Durst, viel zu viel vom falschen Durst. Und du erinnerst mich an meinen Sohn, der ist auch immer so neugierig. Er heisst Nicolas, aber alle sagen ihm Nicki. Ich heisse Matt, so wie Schachmatt. Und du?“ Äm wird ein bisschen verlegen, brummelt ihren Namen, nimmt meine Hand, beginnt mit den Beinen zu baumeln und trifft dabei das Knie unseres Gegenübers. Ich entschuldige mich und stoppe die Baumelbeine sanft. „Macht nichts,“ lächelt Matt wieder, die Hose ist doch schon dreckig und das Knie hat schon Schlimmeres gesehen.“ Tatsächlich lässt sich auf seiner Hose kaum ein unbefleckter Fleck entdecken, das scheint nun auch Äm aufzufallen. „Ist das deine Matschhose?“ Kichernd wird er erneut einige Jahre jünger und bejaht die Frage. „Nicki hat auch eine Matschhose. Nicki ist gerne draussen. Ich vermisse ihn… Schau! Hast du den grossen Lastwagen da gesehen?“ er pocht aufgeregt gegen die Scheibe, worauf Äm begeistert einsteigt und mit Inbrunst mitpocht. „Ich kenne auch einen Nick.“, steigt Äm auf das Gespräch ein und muss dafür ziemlich laut sprechen, weil die beiden noch immer pochen, „Mein Nick hat auch einen Hund. Wau!“ Matt stoppt das Pochen und kramt in seiner Hemdtasche nach einem Foto. „Das ist Nicki. Nicki hat keinen Hund, er darf da keinen halten, aber er mag Tiere. Als ich ihn das letzte mal gesehen habe, waren wir zusammen im Naturhistorischen Museum. Da hat es viele Skelette, tote Tiere, Kristalle und Meteoriten. Warst du auch schon da?“ Äm schaut mich fragend an: „War ich da schon?“ Ich nicke und erzähle ihr zur Erinnerung von Bären, Löwen und dem Krokodil. „Auf dem Ballenberg gibt es auch ein tolles Museum, ein Freilichtmuseum, Nicki hat es da sehr gefallen!“ erzählt unser gegenüber begeistert und wir tauschen einige kindertaugliche Museumstips aus. Die Lautsprecheransage verkündet uns Bahnhofsnähe, Matt schaut erstaunt um sich. „Oh. Jetzt habe ich die Haltestelle verpasst, so viel quatschen musste ich. Das ist ein sehr guter Grund um die Haltestelle zu verpassen. Besser als zu verschlafen.“ Ich pflichte bei, reiche Äm ihre Mütze und will sie schon vom Sitz heben, als sie mich eines Besseren belehrt. „Ich kann das schon selber. Tschühüss, Mann, ich gehe jetzt einkaufen!“ Sie winkt und marschiert zum Ausgang. „Auf Wiedersehen und Danke für die Ausflugstipps, Nicki wird sich freuen, wenn er mal wieder bei mir ist!“, er winkt ebenfalls. „Merci auch, auf dass Sie bald gemeinsam musehen können!“, erwidere ich, kann gerade noch so mit der zielstrebigen Äm mithalten und steige aus. Draussen sehen wir, wie Matt uns durch die Scheibe zupocht.

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5. Dezember – Prossima fermata: Tu


Neben mir im Abteil sitzen Mutter und Oma mit einem Kleinkind, dem gewisse verhütende Wirkung auf die Mitreisenden nicht abzusprechen ist. Es bedient sich wahnsinnig kreativ des ganzen Unflätigkeitenrepertoires auf sämtlichen Kanälen. Die Nonna bietet Schokolade, ihr Mobiltelefon und Coca Cola, die Mutter droht ihm immer wieder auf Italienisch damit, dass der Kondukteur oder die Lautsprecherdurchsagefrau ihn aus der Bahn werfen, nichts fruchtet, das Kind wird nun eben mit vollem Mund lauter, hat eine colabedingt erheblich angeregte Speichelproduktion und das Mobiltelefon als Wurfgeschoss entdeckt.

Lautsprecherfrau: „Nächster Halt: Thun. Prossima fermata: Thun“

Das Kind wird urplötzlich still und erbleicht sichtlich. „Io?“ fragt es, verhältnismässig kleinlaut. „Si! Si! Si! Prossima fermata: Tu! Du warst nicht artig! Aber wenn du jetzt leise bist, darfst du bleiben.“ Es folgte eine erquicklich ruhige Zugfahrt und die Erkenntnis, dass schwarzgraue Pädagogik, so als unbeteiligter Umstehender, nicht immer unwillkommen ist.

Adventsbloggen im Jahre 2012
5. Dezember

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Ich führe – Ein Drama in fünf Akten


Ich habe es vor 12 Jahren schon angekündigt und seit gestern darf ich hochoffiziell ganz alleine Autofahren. Das war der letzte Schritt ins Erwachsensein, oder zumindest das temporäre Gefühl des Erwachsenseins. Nicht nur dieser letzte Test, nein, das ganze Unterfangen war eine Prüfung für mich oder ein Drama in fünf Akten, das ich hier für Sie, falls Sie auch noch unbescheint sind und sich gerne darauf vorbereiten würden, in Stichworten zusammengefasst habe:

 

Der erste Akt – Der Nothelferkurs

Protagonisten: Hochschwangere Frau G., Schwester des Herrn G., Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7 ein narzisstisch veranlagter Kursleiter und eine Beatmungspuppe namens Gertrud

Handlung: Viel Situationskomik, nur zwei die darüber lachen, einige langatmige Ausschweifungen, und alle beatmen Gertrud, nur Frau G. nicht.

Leseprobe: (…) „Und damit alles hygienisch bleibt, desinfizieren sie Gertruds Mund und Nase nach Beatmung mit diesen Tüchern.“ „Das sind Babypotücher!“ „Ja, damit desinfizieren Sie Gertruds Mund und Nase:“ „Das sind Babypofeuchttücher mit Mandelöl!“ „Genau, damit desinfizieren Sie Gertruds Mund und Nase.“ (…)

 

Der zweite Akt – Die theoretische Prüfung:

Protagonisten: Frau G., Jugendliche 1, Jugendliche 2, Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7, aufgeregter Mittzwanziger, Mittelalterlicher mit Mittelungsbedürfnis, Prüferin mit Feierabendbedürfnis

Handlung: 1/6 der Anwesenden scheidet aufgrund fehlender Papiere aus, Frau G. demonstriert dem aufgeregten Mittzwanziger einige Beruhigungsatmungsübungen, der beginnt zu hyperventilieren beginnt, alle reissen Nothelferkurswitze und die Prüferin mahnt energisch zu Ruhe, der mitteilsame Mittelealterliche bekundet Mühe beim iPadhandling und Frau G. besteht die Prüfung knapp.

Leseprobe: (…) Mittelalterlicher (MA): „Prüfungen regen mich fühürchterlich auf.“ Frau G.: „…“ MA: „Wirklich, ich bin so nervös.“ Frau G.: „…“ MA: „SO NERVÖS!“ Frau G.: „Das wird schon.“ MA: „Was soll ich nur tun?“ Frau G.: „Tief in den Bauch atmen.“ MA: „Schnaaufschnaaufschnaaufschnaauf.“ Frau G.: „Atmen Sie nicht so schnell, ganz ruhig und lang ausatmen!“ MA: „Doch, das hilft, ich merks schon! Schnaufschnaufschnaufschnauf.“ Frau G.: „NICHT SO SCHNELL!“ MA: „Schnaufschnaufschnaufhechelhechelumkipp.“ Jugendlicher 4: „ICH beatme den nicht! Erster, Bode gchrützt*!“ (…)

 

Der dritte Akt – Der Verkehrskundeunterricht

Protagonisten: Frau G., Kursleiter 1, Kursleiter 2, Hellraumprojektor, Jugendliche, Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7, Jugendlicher 8

Handlung: Viel Testosteron, viele künstliche Goldkettchen, viel ebenso künstlicher Akzent in Jugendsprache, versucht autoritärer Kursleiter (1), ein Kursleiter (2) mit Verbrüderungsansinnen, veraltete Lehrfilme und ein greiser Hellraumprojektor in heiterem, interaktivem Wechselspiel.

Leseprobe: (…) Kursleiter: „Sie wissen alle weshalb dieser Kurs wichtig ist, oder?“ Jugendlicher 3: „Ja, weil mit ohne kannst du nicht zur Prüfung.“ Kursleiter: „Ja, aber hauptsächlich verlangt man den Kurs, weil der Kurs euch helfen soll interne und externe Risiken besser einzuschätzen.“ Jugendlicher 3: „Ich weiss was, ich weiss was! Drogen! Und Selbstbewusstseinserweiternde Substanzien!“ (…)

 

Der vierte Akt – Die Fahrstunden

Protagonisten: Frau G., Fahrlehrer, Frau Gs Mutter, Verkehrsteilnehmer aller Gattungen

Handlung: Multiasking, Multitasking, Multifailing, Multibremsing, Multimotorabwürging, Multihuping und Multifluching, alles drin.

Leseprobe: (…)“Was mir bisher nie so richtig bewusst war, ist wie seltsam sich die ungeübten, unterforderten Beifahrer benehmen, die verkrampfte Haltung, die gellenden Schreie, das Krallen ins Sitzpolster und geflüsterte Stossgebete. Ehrlich, alle meine bisanhinen Beifahrer sind grundsätzlich liebe und geschätzte Menschen, aber ich hoffe sehr, dass sie diese derart irritierenden Verhaltensweisen, die doch schon vermehrt brenzlige Situationen provoziert haben, beizeiten ablegen oder dafür Zeitfenster jenseits meiner Fahrstunden finden.“(…)

 

Der fünfte Akt – Die praktische Prüfung

Protagonisten: Frau G., der Prüfer

Handlung: Frau G. bereitet sich minutiös auf die Konversationssituation im Prüfungsauto vor, geplantes Thema ist der Führerscheinerwerbungsgrund, die geplante Reise, Frau G. ist sehr aufgeregt, der Prüfer nicht, aber er findet Reisen doof, Frau G. und der Prüfer schweigen, Frau G. besteht und ist so erleichtert, dass sie, statt die zur Gratulation ausgestreckte Prüferhand zu schütteln, die Autoschlüssel darin parkiert.

Leseprobe: (…) Prüfer: „Sie haben frei?“ Frau G.: „Ja.“ (Denkt: „Sonst wäre ich ja wohl kaum hier. Ich muss jetzt aufs vorbereitete Thema kommen, wie komme ich jetzt zum Thema Reisen? Um Himmelswillen bin ich nervös!) Prüfer: „Wieso?“ Frau G.: „Weil ich am Mittwoch nie arbeite.“ (Denkt: „Sehr intelligent, gna. Reisen, das Thema Reisen! Und Himmelarsch bin ich nervös!) Prüfer: „Was arbeiten Sie denn an den anderen Tagen?“ Frau G.: „Ich bin Heilpädagogin. Und Sie?“ (Denkt: „Autsch. Gna. Autsch. Reisen! Nervös!“) (…)

Ende.

 

 

*       Sagt man hierzulande um die zwingende Gültigkeit des Gesagten zu unterstreichen, wer ebenfalls um die angestrebte Position kämpft kann jetzt höchstens noch sagen „Zweiter, Bode gchrützt!“ und der/die Unglückliche, der/die als Letzte/r Bode chrützt, vierliert, bzw. müsste in dem Falle beatmen. Ein Usus der ungefähr so viel Sinn ergibt wie: „Ich habe immer einmal mehr Recht als du.“

 

 

 

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Entgeléeisungen


Er sitzt grosszügig auf zwei Sitze verteilt, neben sich ein kleiner Rucksack, in der Hand einige Papiere, die ich als ehemalige Werbeprospekte und Fahrpläne identifiziere. Er wird etwa 70 Jahre alt sein, trägt Hose und Jacke in Rentnergrau und dazu passende Schuhe. Immer wieder schaut er auf seine Uhr, vergleicht mit seinem Fahrplan und schüttelt den Kopf. „Entschuldigung, Sie!“, er winkt den Kondukteur in Sichtweite aufgeregt zu sich. „Sie, Entschuldigung!“ Der Kondukteur nähert sich, bleibt aber auf halbem Wege stehen, um gestikulierend auf die Lautsprecherdurchsage hinzuweisen. „Hä? Ich verstehe nicht! Kann das mal jemand lauter stellen? Ich VERSTEHE NICHTS!“ er steht auf und versucht sich näher bei einem der diversen Lautsprecher in Position zu bringen. Er erntet einige energische „Psst!“ und ebenso giftige Blicke, die Lautsprecherdurchsage hat nun niemand verstanden. „Können Sie das noch mal ablassen? Ich habe rein GAR NICHTS verstanden!?“, er richtet sich nun wieder direkt an den Kondukteur, der mittlerweil neben ihm steht. „Ich kann das jetzt gerade nicht noch mal abspielen, nein, aber ich kann Sie darüber informieren, dass ein Defekt an der Lokomotive besteht und wir aufgrund der entstehenden Verspätung auf die alte Linie über Langenthal ausweichen müssen.“ „Aber dann werde ich zu spät kommen!“ offensichtlich aufgebracht zeigt er auf seine Uhr. „Ich werde zu spät kommen und ALLES hat schon angefangen! Ich habe EXTRA nichts gegessen.“ „Das tut mir sehr leid. Ich entschuldige mich im Namen der SBB.“, der Kondukteur zeigt sich ruhig und routiniert. „Ausserdem habe ich ein Billett für die neue Strecke gekauft. EXTRA.“ er wedelt mit dem Billett so intensiv vor Kondukteurs Nase herum, dass ich glaube Nasenhaare flattern zu sehen. „Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.“, versucht es der Kondukteur erneut, langsam sichtlich nervöser, aber der Aufgebrachte zeigt keine Gnade: „Jetzt werde ich den wichtigsten Streckenabschnitt verpassen und kann meiner Frau nicht beweisen, dass ich recht hatte.“ Er blickt herausfordernd in die Runde, die blickt geschlossen in andere Richtungen. „Die behauptet nämlich, dass vom Zug aus, in Rothrist das Haus der Schlagersängerin Florina Hast NICHT zu sehen sei, aber das stimmt so nicht und jetzt kann ich ihr nicht wie geplant per Foto beweisen, dass ich recht hatte. Solche Ungeklärtheiten sind nicht gut für eine Ehe. Wissen Sie, wir sind seit fünfzig Jahren verheiratet. Fünfzig Jahre!“ „Das ist sehr schön, schön für Sie beide.“ anerkennt der Kondukteur und wendet sich zum Gehen. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und entschuldige mich noch mal für die Verspätung.“ „Das nützt mir nun aber herzlich wenig, so eine Entschuldigung! Erstens bin ich nun nach wie vor in Beweisnot gegenüber meiner Frau, obwohl ich EXTRA dafür gesorgt habe, dass ich diesen unleidiglichen Zustand beenden kann, zweitens komme ich viel zu spät, dabei habe ich EXTRA nichts gefrühstückt. Wissen Sie, ich bin eingeladen zum Brunch des Migroskundenratsvorstand und es ist sehr wichtig, nicht zu spät zu kommen. Sie müssen jetzt gar nicht so händeringen, oder wie man das nennt, was sie da machen, ich weiss selbstredend, dass ich nicht leer ausgehen werde, aber ich besuche diesen Brunch nicht nur aus Selbstlosigkeit, ich möchte von diesen belegten Broten mit kleinen Spargeln und Geléeschicht essen. Meine Frau kann diese Geléeschicht nicht, ich habe sie darum gebeten, aber sie kann das nicht und deswegen muss ich zum Brunch. Pünktlich!“ Langsam wird es den Umsitzenden in den umliegenden Abteilen unwohler, der Kondukteur zuckt hilflos mit den Schultern. „Was soll ich tun, ich kann Ihnen jetzt nicht helfen. Es tut uns wirklich leid.“ „Meine Frau wollte mich heute nicht ohne Frühstück rausgehen lassen, sie weiss wie ungemütlich ich werden kann, wenn ich hungere. Dabei bin ich EXTRA früh genug raus, um pünktlich zu sein. EXTRA! UND JETZT DAS!“ „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ Der Minibarverkäufer kämpft sich durch die vollen Gänge. „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ Der Kondukteur, in Platznot, quetscht sich stehend in das Abteil des wetternden Rentners, besorgt, niemandem auf die Füsse zu treten. „Hier bitte, ich möchte etwas kaufen!“, meldet sich ein Anzugträger aus dem gegenüberliegenden Abteil. Der Minibarverkäufer stellt den Wagen direkt zwischen den Abteilen ab. Rentner und Kondukteur, zu Nähe gezwungen, finden die Situation offensichtlich wenig angenehm. „Sie müssen sich nicht Mühe geben, mir nicht auf die Füsse zu stehen, der Tag ist ohnehin gelaufen. Ohne Beweis. Ohne Geléespargelbrötchen. Der Tag trampelt ohnehin schon ganz schwer auf meinen Füssen rum. Und ihre Bahn da.“, der Rentner fährt den Zeigefinger aus. „Entsch… Das ist nicht meine… Ach, ich gebs auf.“, über die Seitenlehne befreit sich der Kondukteur aus seiner misslichen Lage. „Einmal Kaffee, ein Croissont und, ähm, ein Salamibrot, bitte.“, bestellt der Anzugträger aus dem anderen Abteil und bezahlt sogleich die üblich teuren Bahnpreise. Der Minibarverkäufer zieht weiter. „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ „Voilà!“ der Anzugträger reicht das Salamibrot an den Rentner weiter. „Ihre Frau hatte recht, Sie sind sehr ungemütlich, wenn Sie morgens fasten.“ Einstimmiges, stummes Nicken bei allen unbeteiligten Anwesenden. Der Kondukteur nutzt die Gunst der Stunde und entschwindet in Zugganges Untiefen. „Das wäre nicht nötig gewesen.“, wehrt der Rentner ab, während er das Sandwich auspackt. „Aber es ist sehr aufmerksam und vielleicht haben Sie recht. Gelee und Beweis fehlen trotzdem. Nicht mal Gelée haben die hier auf den Salamibrötchen.“

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