Archiv der Kategorie: Konservierte Konversationen

Der nur fürs Wetter speichelt


„Entschuldigen Sie, ich werde einen langen Arbeitstag haben und versuche auf der Anfahrt, also hier und jetzt, einige Minuten Schlaf zu finden. Könnten Sie etwas leiser umblättern?“

„Ich lese Zeitung, Zeitunglesen ist keine leise Angelegenheit. Wenn ich versuchen würde, die Seiten leiser umzublättern, würde das allerhöchstens in einer längerdauernden Raschellärmbelastung enden, niemals aber in niedrigerem Raschelgeräuschepegel. Ausserdem schlafen Sie ja trotzdem.“

„Wie jetzt? Ich spreche doch in dem Moment mit Ihnen, also kann ich unmöglich schlafen.“

„Womit wir doch bei der Ursache des Problems wären: Sie schlafen nicht, weil Sie mit mir sprechen.“

„Das sehen Sie falsch. Ich spreche mit Ihnen, weil ich nicht schlafen kann, weil Sie so laut mit Ihrer Zeitung rascheln. Beim Umblättern.“

„Ich sehe schon worauf Sie hinaus wollen. Das kommt unter keinen Umständen in Frage.“

„Es kommt für Sie nicht in Frage, die Zeitung leiser umzublättern? Ich bitte Sie, das ist doch nicht zu viel verlangt!“

„Sie wollen, dass ich zum Umblättern meinen Zeigefinger ablecke, nicht wahr? Ja, ich gebe zu, die Lärmbelastung beim Zeitungslesen ohne Zuhilfenahme von Speichel, kann höher sein, bedarf es doch zur Seitentrennung grösseren Aufwands, aber da müssen Sie schon andere Vorschläge bringen, denn ich lecke meine Finger nicht ab. Keinen meiner Finger.“

„Das wollte ich…“

„Über die Anfangsseite, ja,“

„…nicht…“

„über die Anfangsseite liesse ich vielleicht noch mit mir reden. Um den Umblättervorgang zu erleichtern, würde ich vielleicht für die Anfangsseite meinen Zeigefinger ablecken, dann wäre er nämlich noch nicht druckerschwärzekontaminiert. Da liesse ich wirklich mit mir reden. Jedenfalls wenn ich nicht die Angewohnheit hätte, den Kantonsteil immer zuerst zu lesen, was ich übrigens empfehlen kann, denn da steht auch das Wetter und die Prognose ist nun mal der Teil der Zeitung, die mich, wie auch Sie, in jedem Falle betrifft. In jedem Falle liesse ich da mit mir diskutieren. Ich würde, würde die Bitte in entsprechendem Ton Vorgetragen, meinen Finger, zu Gunsten Ihres Schlafes, im Zuge des Kantonsteilanfangsseitenumblättervorganges, ablecken. Aber ich werde den Teufel tun und bei Wiederholung des Fingerleckvorgangs Ihretwegen Druckerschwärze inkorporieren. Da bin ich unerbittlich.“

„Vergessen Sie es, wir sind gleich da. Ich werde mich einfach künftig und nach Möglichkeit morgens nicht mehr neben Sie setzen.“

„Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis.“

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München


Die letzten Tage des letzten und die ersten Tage des jetzigen Jahres verbrachten wir in München, bei „unseren Deutschen“. (Der Stammleser wird sich daran erinnern, dass wir „unsere Deutschen“ in Albanien kennengelernt und einen Teil der Reise2012 mit ihnen zurückgelegt haben.) Der Ausflug hat sich gelohnt, hauptsächlich natürlich weil wir die liebgewonnenen Ex-Mitreisenden wieder sahen, in gemeinsamen Reiserinnerungen und verwegenen Zukunftsplänen schwelgten, aber auch weil wir die Stadt München ansatzweise zu Gesicht bekamen, Frau Schussel trafen, den gigantösen und wunderschönen englischen Garten bewanderten, Kutsche fuhren, den Zoo besuchten, uns für weniger Geld mit mehr Windeln und vor allem massig süssem Senf eindeckten und weil wir erheblich an Wissenszuwachs gewannen:

Bemerknisse:

Von der Fahrerei erhoffte ich mir kleine Reisebackflash, jedenfalls war das so geplant und die passende Musik habe ich auch eingepackt: Das Unterwegssein in einem Kleinwagen durch Deutschland und die Schweiz ist allerdings dann doch nicht vergleichbar, mit der Fahrt in unserem Gefährt(en) durch beispielsweise Montenegro oder Mazedonien. So ein Kleinwagen hat zwar durchaus seine Vorteile, so kann ich die Kinder problemlos vom Vordersitz aus mit Ungesunden Fressalien bestechen, aber auch seine Nachteile, denn auf dem Zwischendenkindernsitz hat deutlich weniger Unterhaltungsmaterial Platz und dann gibt es noch die Unterschiede, die nicht mit Gewissheit als Vor- oder Nachteil eingestuft werden können, wie die Tatsache, dass die Kinder viel besser zu hören sind.

Auch wenn die hundephobische Y noch so eingehend auf das mehrtägige Zusammensein mit einem Hund vorbereitet wird, auch wenn ihre Eltern sich davon einen gewissen Gewöhnungsprozess und Angstabbau erhoffen, ist es dem Kind durchausmöglich die vollen vier Tage in Anwesenheit des Hundes konsequent in erhöhter Position zu verbringen: Auf Stühlen, Tischen, Schultern, Köpfen und Regalen. Ja, die vermeintlich therapeutische Annährung brachte ähnlich viel Erfolg, wie wenn Y jeweils ihrer Dunkelheitsphobie per Lichtschalter eigeninitiiert konfrontationstherapeutisch Herrin zu werden ersucht. Letzteres klingt übrigens ungefähr Klingt so: „Klick – Uäääh! – Klick – Uff! – Klick – Uäääh! – Klick – Uff!“, wohingegen Ersteres nur den „Uäääh!“-Part beinhaltet. Verarbeitet wird die intensive Begegnung hernach und wieder daheim so:

Verarbeitung

Verarbeitung

Tierparks voller Exoten wie Elefanten, Löwen, Krokodile, Kamele, Zebras, Emus, Orang-Utans und Eisbären sind völlig sinnfrei, Kinder (Ypsilönchen und schusselscher Knirps) schreien eh nur nach Ponys und Hydranten.

Ich möchte zum Frühstück Brot mit süssem Senf essen, zu Mittag Pasta mit süssem Senf und zum Abendessen süssen Senf. Süsser Senf ist lieb.

Zu Silvester überböllern die Deutschen die Schweizer bei Weitem. Ich habe nichts dagegen.

Beim Aufeinandertreffen von Bayern und Bernern können Sprachwirren auftreten, insbesondere wenn Kinder involviert sind uns selbst dann, wenn diese sich schon ein beachtliches Fremdwortarsenal zugelegt haben:

„Wo ist denn nun Opa?“

Opa (Oper)

Opa (Oper)

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Hydrocephalus, Semifreddo und Psychopharmaka (13.Dezember)


Ich habe fast den ganzen heutigen Tag im Bett verbracht. Das klingt besser als es ist, musste ich doch morgens raus, um die Kinder zur KiTa zu bringen, was bei Schnee und Eis, zu Stosszeiten mit zwei Kleinkindern, Gliederschmerzen und einem Kopf mit den gefühlten Ausmassen eines Elefantenhydrocephalus einem Triathlon gleichkommt. Erste Disziplin ist der Eisschnelllauf zum Bus, mit Grazilität und Leichtfüssigkeit ausgetragen, zweite Disziplin ist der Hindernislauf, über Busstufen und Mitfahrerleichen, dritte und abschliessende Disziplin ist das Extremkleinkinderausschneebekleidungschälen und dabei die Schweissausbrüche gering zu halten um hernach nicht als Semifreddo heimzukehren.

Nach der erfolgreichen Ausschaffung der Kinder allerdings, hatte ich erstmals seit langem wieder Zeit, mich so richtig mit Innigkeit dem Kranksein hinzugeben, inklusive Selbstmitleid und anderen adretten Dekorationen.  Bis 17 Uhr, dann wiederholte ich den Triathlon von morgens, diesmal gedopt.

Jetzt ist mir etwas halluzinativ, ziemlich delirisch und auch die Kinder schienen etwas angesteckt, jedenfalls verlangte Y lautstark nach Psychopharmaka: „Ich brauche Medikamente gegen Durchknall!“ Ich auch.

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Konservierte Konversationen – die Klausenedition (7.Dezember)


Jugendliche treffen sich, es folgt ein wildes Händegefuchtel, Teil des Begrüssungsrituals, das mit einem möglichst harten Schlag auf den jeweils anderen Brustkorb beendet wird.
“Du hueren Memme, bist gestern gar nicht mehr gekommen!”
“Ja voll, hab mit meiner Freundin gechillt.”
“Lino, der hueren Spast, ist auch nicht gekommen, der musste seiner Mutter helfen, der ist u hueren ein Maimititti und ey, der ist schon 16 und immer noch voll das Baby!”
“Ey hast du gewusst, das gestern Samichlousetag war?”
“Ja eh, meine Mami hat mir voll den Samichlousensack in die Sneakers getan.”
“Hueren fies, meine nicht!”

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Selbstüberschätzung und andere Unflätigkeiten (5.Dezember)


Es ist wohl die vollkommene Selbstüberschätzung, dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, in der Adventszeit täglich zu bloggen, an vierundzwanzig Tagen hintereinander. Nicht nur, dass ich mich mitten in Phase III des Weihnachtsgeschenkbeschaffungsprozesses befinde, nein, es fallen auch diverse Sitzungen und Elternanlässe an. Selbst Y steht morgens auf und schreibt noch vor dem Frühstück Zu-Tun-Listen. Heute auf dem  yschen Programm: „Adventskalender öffnen, Lego bauen, Samichlousevärsli üben, Wäsche zusammenlegen, puzzlen, Zähne putzen, Briefkasten leeren, Karte schreiben und Zahnbürste kaufen“, meine Liste für heute war kürzer, bezeichnenderweise hat aber Y, im Gegensatz zu mir, alle Punkte abgearbeitet. Findet sie. Ich erwäge derweil, sie morgen krank zu melden, aus Angst, dass sie das Samichlousevärsli (Niklausspruch) ihrer Wahl morgen in der KiTa vortragen wird.

Merke: Kinder, die sich noch immer in der analen Phase befinden und, sich verhaspelnd,  zufälligerweise existierender Fremdwörter bedienen, sollten unter Umständen lieber nicht über die wahre Bedeutung des irrtümlich verwendeten Wortes aufklären. Y singt noch immer: “Nikolaus, ich flatuliere zum Geburtstag!”

 

(Für Leser die schon länger dabei sind: Ja, so ähnlich hatten wird das hier schon letztes Jahr.)

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