Archiv der Kategorie: Konservierte Konversationen

Magnetstreifen gibt es.


Als ich auf unserer Vierteljahresreise vor zwei Jahren, irgendwo in Mazedonien, einige Scheine in der Landeswährung zu beziehen versuchte, verweigerte sich der Geldautomat mit der Begründung, dass ich keine Berechtigung zum Geldbezug hätte. Vorerst unbesorgt, denn auf der Durchreise durch Montenegro und Albanien hatte ich gelernt, dass Automaten eher nach dem Zufallsprinzip funktionieren, suchte ich einen anderen Geldautomaten. In einer Kloake aus, im besten Falle Hundeurin, wurde ich schliesslich fündig. Ich versuchte den Pin-Code einzutippen und dabei möglichst wenige Berührungspunkte mir der Tatstatur zu schaffen. Mehr als je zuvor, bedurfte es einiger Selbstbeherrschung, ekelbedingt nicht einfach die saubersten, sondern die korrekten Tasten zu drücken, um so enttäuschender war es schliesslich, als der Automat mir dreist vorwarf, nicht genügend Geld auf dem Konto zu haben. Das war der Moment, in dem mir die Sache langsam ungeheuer wurde und als drei weitere Automaten in drei verschiedenen Kleinstädten dieselben Vorwürfe erhoben, ward mir richtig bang. Wir fuhren nach Griechenland, in der Hoffnung, die Geldverweigerung läge an Mazedonischen Bankomaten, aber, unschwer zu erahnen, auch in Griechenland gab kein Automat Geld aus. Glücklicherweise hatten wir noch einige Noteuros und Herrn Gs Kreditkarte dabei. Davon liess sich einige Tage leben, während ich versuchte in Kontakt mit der Schweizer Post, meinem Geldhort, zu treten. Ich verbrachte so viel Zeit in der telefonischen Warteschleife, dass in Anbetracht der horrenden Roaming-Gebühren davon auszugehen war, dass sich mein Kontostand spätestens jetzt tatsächlich im Minusbereich bewegte. Wenigstens zeigten sich die Personen am Telefon verständnisvoll, versicherten mir, dass mit Konto und Geld alles stimme und klärten mich darüber auf, dass es im Ausland durchaus vorkomme, dass ältere Karten, wie die meine, aufgrund einer Magnetstreifenabnutzung nicht mehr funktionieren. Unkompliziert und innerhalb zwei Tage könne man mir die neue Karte liefern, sofern ich mich an gut erreichbarem Orte befände. Zwischen zwei Telefonaten und weiteren Stunden in der Warteschleife, organisierte ich schnell einen Zwischenstopp samt Lieferadresse in Istanbul und zwei Tage später konnte ich tatsächlich eine neue, funktionierende Karte in Empfang nehmen. Freude, grosse Freude und Hallo Wissenszuwachs: Postfinancekarten funktionieren in der Schweiz mit Chip, im Ausland mit Magnetstreifen, was erklärt, weshalb daheim alles lief, im Ausland aber nicht.

Nun steht die nächste Reise an. Ich habe seit diesem Kartenwechsel die selbe Karte, der Schluss liegt also nahe, dass der Magnetstreifen im Ausland seinen Zweck wieder nicht erfüllen kann. Mit der Frage, wie sich das hier überprüfen lasse, stelle ich mich also vor den nächsten Postschalter.

„Guten Tag! Wie viel wollen Sie abheben?“ Er begrüsst mich mit einem nervösen Blick in die Runde, es warten viele Kunden.

„Eigentlich nichts, ich will nur wissen, ob der Streifen noch funktioniert.“, versuche ich es noch mal.

„Wie-vie-hiel?“ Genervt versucht der Herr am Schalter es damit, ganz besonders deutlich und laut mit mir zu sprechen.

„Ähm, 50 Franken?“, gebe ich auf, vielleicht muss ich ja etwas abheben, um das genau überprüfen zu können.

„Das müssen Sie wissen. Stecken Sie die Karte ins Kästchen!“, er weist auf das alltägliche, überall vorhandene Transaktionskästchen zu meiner Rechten. Ich bin irritiert, man hat mir zuvor erklärt, dass die hier alle mit Chip arbeiten.

„Arbeitet das mit dem Magnetstreifen…“ Er unterbricht mich:

„Das arbeitet! Stecken Sie die Karte ins Kästchen!“ Er schiebt mir den Kasten direkt unter die Nase und zeigt mit Vehemenz auf den Schlitz für die Karte.

„… oder mit dem Chip?“, beende ich meinen Satz und zeige auf den Chip auf meiner Karte. Vorsichtshalber halte ich allerdings die Karte nicht zu nah an mein Gegenüber, ich fürchte, er könnte sie mir entreissen und endlich eigenmächtig in das verdammte Kästchen stecken.

„Chip auch, ja. Stecken Sie die Karte ins Kästchen!” Tatsächlich streckt er die Hand nach meiner Karte aus. Er hat etwas an Farbe gewonnen, in den letzten Minuten, und seine Stimme zittert.Ich halte mir die Karte auf Gesichtshöhe, ich kenne das von meinem Hund, ist dessen Aufmerksamkeit, von Essbarem zu sehr absorbiert, muss auch ab und zu wieder auf die Informationsquelle „Gesicht“ gelenkt werden, damit er der Aufforderung wirklich folgen und Folge leisten kann.

„Chip oder Magnetstreifen?“ , rage ich mit strengem Blick.

„KARTE INS…“ er setzt zum Schreien an, um sich in letzter Sekunde und mit Blick auf die wartenden Kunden eines Besseren zu besinnen, „…Kästchen!“, zischt er mich an.

„Ich will kein Geld!“, zische ich zurück.

„Wieso sind Sie denn hier?“ Er resigniert sichtlich.

„Ich weiss, dass der Chip funktioniert, ich will nur die Magnetstreifenfunktion überprüfen lassen…“, unterstreichend deute ich auf beide Kartenbestandteile, mein Gegenüber hinter dem Schalter wirkt ruhiger, ich hoffe.

„Das ist doch das selbe! Stecken Sie die Karte ins Kästchen!“ Der eben noch Wütende, fleht mich nun an und schon wieder fühle ich mich an den Hund erinnert. Er will doch nur Liebe.

„Ääähm, Nein, das ist nicht das selbe!?“ Langsam verunsichert mich sein Unverständnis.

„Wie nicht?“ fragt er und ich male mir aus, wie sich die Telefonberatungsverantwortliche von vor zwei Jahren einen Scherz erlaubt hat, wie es gar keinen Magnetstreifen gibt, wie ich die einzige bin, die an ihn glaubt, wie ich mich da hineinsteigere, wie innig verbunden ich mich mit dem Magnetstreifen fühle, wie der Magnetstreifen mir plötzlich Dinge befielt, wie ich ihn im Ausland nicht mehr höre, wie ich deswegen nationalistisch werde und plötzlich seltsame Parteien wähle, wie sich mein Freundeskreis hilflos von mir abwendet, wie ich alleine dastehe und in lichteren Momenten irgendwas mit Anfängen und Magnetstreifen murmle, während ich Kreditkarte um Kreditkarte auf der Suche nach Magnetstreifen säuberlich zerlege. Trotzdem setze ich zur Wiederholung der Erklärung von vor zwei Jahren an:

„In der Schweiz arbeiten die Automaten vorwiegend mit dem Chip, der Magnetstreifen kommt im Ausland zum Einsatz. Tatsächlich wäre ich ansonsten ganz allein, ohne Hilfe am Schalter, auf die Idee gekommen, das Kärtchen am nächstbesten Automaten zu testen, so ein bisschen Restintelligenz ist schon da.“

„Grmml… Das wusste ich grmnichtmel…“, murmelt er kleinlaut.

„Dann können Sie das wohl auch nicht testen? Bestellen Sie mir vielleicht einfach eine neue Karte?“ Ich versuche wohlgesonnen und freundlich zu klingen.

„Jawoll. Und wieviel wollten Sie noch mal abheben?“, fragt er ebenso freundlich. Ich reiche ihm meine Daten und verabschiede mich.

 

Ich habe eine Karte. Sie hat einen Chip und einen unzerkratzten Magnetstreifen. Magnetstreifen gibt es.

 

8 Kommentare

Eingeordnet unter Konservierte Konversationen, Neulich

22. Dezember – Oppositionelle Lamas oder Konservierte Konversationen


Wir befinden uns im Hause G. in einer, Rüpel- Trotz- und Widerstandsphase bisher unbekannten Ausmasses. Hinzu kommt, dass das oppositionelle Kind sich neuerdings sogar einige diskussionsstrategische Fähigkeiten angeeignet hat.

Frau G.: Beklebt die Seiten eines Kalenders, der traditionell auch diese Weihnachten dem Vater überreicht werden sollte, mit frischgedruckten Fotografien.

Äm: „Aufpassen! Das ist schief! Nicht so! Anders! Das ist schief! Nicht in den Kopf schneiden! Das ist schief! Achtung! Jetzt ist es schief!“

Frau G.: Ich könnte besser arbeiten, wenn du etwas leiser wärst oder mir zumindest helfen würdest. Schau, da kann man die Rückseite der Fotokleber schon wegnehmen!“

Äm: Streckt die Zunge raus und prustet spucke- und geräuschvoll.

Frau G.: „Äm! Ich will das nicht, schau, jetzt hat es Spucke auf dem Foto! Ich will nicht dass du spuckst!“

Äm: „Ich habe nicht gespucket, ich habe…“ streckt die Zunge raus und prustet spucke- und geräuschvoll.

Frau G.: „Dann sollst du eben nicht…“ streckt die Zunge raus und prustet spucke- und geräuschvoll.

Äm: „Du machst ja auch…“ streckt die Zunge raus und prustet spucke- und geräuschvoll.

Da sehen Sie mal, wie ich hier behandelt werde!

Adventsbloggen im Jahre 2012:

22. Dezember – Sanktionen und Onomatopoesie

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Elternsein, Konservierte Konversationen

5. Dezember – Prossima fermata: Tu


Neben mir im Abteil sitzen Mutter und Oma mit einem Kleinkind, dem gewisse verhütende Wirkung auf die Mitreisenden nicht abzusprechen ist. Es bedient sich wahnsinnig kreativ des ganzen Unflätigkeitenrepertoires auf sämtlichen Kanälen. Die Nonna bietet Schokolade, ihr Mobiltelefon und Coca Cola, die Mutter droht ihm immer wieder auf Italienisch damit, dass der Kondukteur oder die Lautsprecherdurchsagefrau ihn aus der Bahn werfen, nichts fruchtet, das Kind wird nun eben mit vollem Mund lauter, hat eine colabedingt erheblich angeregte Speichelproduktion und das Mobiltelefon als Wurfgeschoss entdeckt.

Lautsprecherfrau: „Nächster Halt: Thun. Prossima fermata: Thun“

Das Kind wird urplötzlich still und erbleicht sichtlich. „Io?“ fragt es, verhältnismässig kleinlaut. „Si! Si! Si! Prossima fermata: Tu! Du warst nicht artig! Aber wenn du jetzt leise bist, darfst du bleiben.“ Es folgte eine erquicklich ruhige Zugfahrt und die Erkenntnis, dass schwarzgraue Pädagogik, so als unbeteiligter Umstehender, nicht immer unwillkommen ist.

Adventsbloggen im Jahre 2012
5. Dezember

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Begegnungen, Konservierte Konversationen

Ich führe – Ein Drama in fünf Akten


Ich habe es vor 12 Jahren schon angekündigt und seit gestern darf ich hochoffiziell ganz alleine Autofahren. Das war der letzte Schritt ins Erwachsensein, oder zumindest das temporäre Gefühl des Erwachsenseins. Nicht nur dieser letzte Test, nein, das ganze Unterfangen war eine Prüfung für mich oder ein Drama in fünf Akten, das ich hier für Sie, falls Sie auch noch unbescheint sind und sich gerne darauf vorbereiten würden, in Stichworten zusammengefasst habe:

 

Der erste Akt – Der Nothelferkurs

Protagonisten: Hochschwangere Frau G., Schwester des Herrn G., Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7 ein narzisstisch veranlagter Kursleiter und eine Beatmungspuppe namens Gertrud

Handlung: Viel Situationskomik, nur zwei die darüber lachen, einige langatmige Ausschweifungen, und alle beatmen Gertrud, nur Frau G. nicht.

Leseprobe: (…) „Und damit alles hygienisch bleibt, desinfizieren sie Gertruds Mund und Nase nach Beatmung mit diesen Tüchern.“ „Das sind Babypotücher!“ „Ja, damit desinfizieren Sie Gertruds Mund und Nase:“ „Das sind Babypofeuchttücher mit Mandelöl!“ „Genau, damit desinfizieren Sie Gertruds Mund und Nase.“ (…)

 

Der zweite Akt – Die theoretische Prüfung:

Protagonisten: Frau G., Jugendliche 1, Jugendliche 2, Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7, aufgeregter Mittzwanziger, Mittelalterlicher mit Mittelungsbedürfnis, Prüferin mit Feierabendbedürfnis

Handlung: 1/6 der Anwesenden scheidet aufgrund fehlender Papiere aus, Frau G. demonstriert dem aufgeregten Mittzwanziger einige Beruhigungsatmungsübungen, der beginnt zu hyperventilieren beginnt, alle reissen Nothelferkurswitze und die Prüferin mahnt energisch zu Ruhe, der mitteilsame Mittelealterliche bekundet Mühe beim iPadhandling und Frau G. besteht die Prüfung knapp.

Leseprobe: (…) Mittelalterlicher (MA): „Prüfungen regen mich fühürchterlich auf.“ Frau G.: „…“ MA: „Wirklich, ich bin so nervös.“ Frau G.: „…“ MA: „SO NERVÖS!“ Frau G.: „Das wird schon.“ MA: „Was soll ich nur tun?“ Frau G.: „Tief in den Bauch atmen.“ MA: „Schnaaufschnaaufschnaaufschnaauf.“ Frau G.: „Atmen Sie nicht so schnell, ganz ruhig und lang ausatmen!“ MA: „Doch, das hilft, ich merks schon! Schnaufschnaufschnaufschnauf.“ Frau G.: „NICHT SO SCHNELL!“ MA: „Schnaufschnaufschnaufhechelhechelumkipp.“ Jugendlicher 4: „ICH beatme den nicht! Erster, Bode gchrützt*!“ (…)

 

Der dritte Akt – Der Verkehrskundeunterricht

Protagonisten: Frau G., Kursleiter 1, Kursleiter 2, Hellraumprojektor, Jugendliche, Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7, Jugendlicher 8

Handlung: Viel Testosteron, viele künstliche Goldkettchen, viel ebenso künstlicher Akzent in Jugendsprache, versucht autoritärer Kursleiter (1), ein Kursleiter (2) mit Verbrüderungsansinnen, veraltete Lehrfilme und ein greiser Hellraumprojektor in heiterem, interaktivem Wechselspiel.

Leseprobe: (…) Kursleiter: „Sie wissen alle weshalb dieser Kurs wichtig ist, oder?“ Jugendlicher 3: „Ja, weil mit ohne kannst du nicht zur Prüfung.“ Kursleiter: „Ja, aber hauptsächlich verlangt man den Kurs, weil der Kurs euch helfen soll interne und externe Risiken besser einzuschätzen.“ Jugendlicher 3: „Ich weiss was, ich weiss was! Drogen! Und Selbstbewusstseinserweiternde Substanzien!“ (…)

 

Der vierte Akt – Die Fahrstunden

Protagonisten: Frau G., Fahrlehrer, Frau Gs Mutter, Verkehrsteilnehmer aller Gattungen

Handlung: Multiasking, Multitasking, Multifailing, Multibremsing, Multimotorabwürging, Multihuping und Multifluching, alles drin.

Leseprobe: (…)“Was mir bisher nie so richtig bewusst war, ist wie seltsam sich die ungeübten, unterforderten Beifahrer benehmen, die verkrampfte Haltung, die gellenden Schreie, das Krallen ins Sitzpolster und geflüsterte Stossgebete. Ehrlich, alle meine bisanhinen Beifahrer sind grundsätzlich liebe und geschätzte Menschen, aber ich hoffe sehr, dass sie diese derart irritierenden Verhaltensweisen, die doch schon vermehrt brenzlige Situationen provoziert haben, beizeiten ablegen oder dafür Zeitfenster jenseits meiner Fahrstunden finden.“(…)

 

Der fünfte Akt – Die praktische Prüfung

Protagonisten: Frau G., der Prüfer

Handlung: Frau G. bereitet sich minutiös auf die Konversationssituation im Prüfungsauto vor, geplantes Thema ist der Führerscheinerwerbungsgrund, die geplante Reise, Frau G. ist sehr aufgeregt, der Prüfer nicht, aber er findet Reisen doof, Frau G. und der Prüfer schweigen, Frau G. besteht und ist so erleichtert, dass sie, statt die zur Gratulation ausgestreckte Prüferhand zu schütteln, die Autoschlüssel darin parkiert.

Leseprobe: (…) Prüfer: „Sie haben frei?“ Frau G.: „Ja.“ (Denkt: „Sonst wäre ich ja wohl kaum hier. Ich muss jetzt aufs vorbereitete Thema kommen, wie komme ich jetzt zum Thema Reisen? Um Himmelswillen bin ich nervös!) Prüfer: „Wieso?“ Frau G.: „Weil ich am Mittwoch nie arbeite.“ (Denkt: „Sehr intelligent, gna. Reisen, das Thema Reisen! Und Himmelarsch bin ich nervös!) Prüfer: „Was arbeiten Sie denn an den anderen Tagen?“ Frau G.: „Ich bin Heilpädagogin. Und Sie?“ (Denkt: „Autsch. Gna. Autsch. Reisen! Nervös!“) (…)

Ende.

 

 

*       Sagt man hierzulande um die zwingende Gültigkeit des Gesagten zu unterstreichen, wer ebenfalls um die angestrebte Position kämpft kann jetzt höchstens noch sagen „Zweiter, Bode gchrützt!“ und der/die Unglückliche, der/die als Letzte/r Bode chrützt, vierliert, bzw. müsste in dem Falle beatmen. Ein Usus der ungefähr so viel Sinn ergibt wie: „Ich habe immer einmal mehr Recht als du.“

 

 

 

10 Kommentare

Eingeordnet unter Begegnungen, Konservierte Konversationen, Neulich, Reisen

Pfeife mit Rucksack


(Der folgende Text erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

PfeifemitRucksack

Es ist Dienstag. So ein Dienstag, der sich anfühlt als wäre er ein Freitag, nur ohne die Aussicht auf ein baldiges Wochenende. «Ist hier noch frei?», fragt er und quetscht sich, den Rucksack mit mindestens 60 Litern Volumen noch immer am Rücken, zum Fensterplatz vis-à-vis von mir. «Ähm, ja, eigentlich schon…», erwidere ich. «Eigentlich schon? Wie meinst du das?», er pustet sich eine Strähne seines Haars derart energisch aus dem Gesicht, dass ich den Lufthauch spüre. Ich halte für einige Sekunden die Luft an und atme erst wieder ein, als ich davon ausgehen kann, dass die Aerobakterien in fremde Lufträume weitergezogen sind.

Der Rucksack.

«Eigentlich schon, ja, aber jetzt sitzt du schon und meine Antwort spielt keine Rolle mehr.», antworte ich und versuche mich im Ansatz eines versöhnlichen Lächelns. «Aber natürlich spielt das eine Rolle, ich könnte schon noch Platz wechseln…», er versucht sich zu erheben, wird aber durch den offensichtlich sehr gewichtigen Rucksack massiv behindert. «Schon in Ordnung, wirklich, bleib nur», beschwichtige ich und möchte nichts anderes, als mich in meiner wohlverdienten, gänzlich schüler- und kinderlosen Pendelstunde irgendeiner Belanglosigkeit – heute einem seichten Buch – zu widmen. «Danke. Ich hätte jetzt ungern Platz gewechselt. Und nicht dass du jetzt denkst, ich könnte gar nicht mehr aufstehen. Du müsstest mir beim Aufstehprozess nur mit einem kurzen, kräftigen Zug am vorzugsweise rechten Arm behilflich sein, dann würde das schon klappen. Das Problem ist der Rucksack. Der ist einfach zu schwer. Ich habe wirklich sehr viel Material bei mir.» «Mmhmm, okay», brummle ich und fülle die Zeilenzwischenräume mit so viel Ich-will-nicht-gestört-werden wie möglich.

Der Brustgürtel.

«Aber das Gewicht alleine wäre ja nicht mal so schlimm, nein, vorhin im Bus ist mir auch noch die Schnalle am Brustgürtel kaputt gegangen. Schau!» Meine Reflexkontrolle versagt: Ich blicke wider besseren Wissens kurz hoch. Er deutet theatralisch und mit weit ausholenden Zeigebewegungen auf den Brustgürtel seines Rucksacks und beginnt mit verstellter Stimme vorzutragen: «Welcome on board. Fasten your breastbelts please. Unfortunately you kannst ihn aber nie mehr öffnen. Das blöde Teil ist kaputt. Jetzt kann ich meinen Rucksack nicht mehr ausziehen, ohne den Brustgurt zu zerschneiden. Hast du ein Sackmesser?» Leicht konsterniert lege ich mein Buch auf den Zugtisch und beginne in meiner Tasche zu wühlen. «Ähm, nein, ich habe kein Sackmesser dabei», teile ich schulterzuckend mit und widme mich, im Glauben meine Schuldigkeit endgültig getan zu haben, wieder dem Buch.

Die Pfeife.

«Zum guten Glück, es wäre auch irgendwie unpraktisch, den Rucksack ohne Brustgurt zu tragen. Und dann ist da ja auch noch die Hilferuf-Pfeife dran. Wer weiss, wann ich die brauche!? Ob die auch kaputt ist?» Ich höre wie er Luft holt, lasse das Buch fallen und kann mir gerade noch rechtzeitig die Ohren zuhalten. Dem Pfiff nach zu urteilen, verfügt der Mann über die Lungenkapazität eines Nichtrauchers mit Arienerfahrung. «Sie funktioniert», stellt er zufrieden fest. Ich, unsere Mitpassagiere und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch das Dorf, durch welches wir gerade fahren, empfinden eher Angst und Pein. Der Zug ist voll, ein Platzwechsel ausgeschlossen, mir bleibt nur Musik, auch wenn ich befürchte, dass die Dienste meiner Kopfhörer nach dem pfeifbedingt erlittenen Hörsturz meinen Ansprüchen nicht mehr genügen.

Das Deo.

Sobald die Musik dann doch erklingt, fühle ich erstmals auf dieser Fahrt aufkeimende Entspannung. Ich sitze, lausche, starre Löcher in die Luft und alles scheint sich wieder einzupendeln, als mein Abteilsgenosse sich samt Rucksack und Anstrengung in mein Sichtfeld begibt. Seine Gesichtsfarbe und Mimik lassen ahnen, dass er sich gerade die Seele aus dem Leib schreit, beim Versuch mich anzusprechen. Auch wenn ich ihn zuerst ignorieren wollte, obsiegt schlussendlich das Solidaritätsgefühl zu meinen Mitpendelnden. Unmöglich kann ich ihn so schreien lassen. «Ja?», frage ich indezent genervt und nehme den Kopfhörer aus dem rechten Ohr und verstehe, von angenehmer Stille überrascht, erst nach einigen Sekunden, dass mein irres Gegenüber mich gerade tonlos, rein mimisch anschreit. «Sorry», er bedient sich seiner Stimme wieder, «ich habe nur gerade bemerkt, dass es hier etwas unangenehm riecht. Erst dachte ich ja, das seien die Zugbremsen, aber dann musste ich feststellen, dass es wohl ich selber bin. Der schwere Rucksack, Stress mit dem Brustgurt, du verstehst schon, da kommt man eben ins Schwitzen. Aber ich habe ein Deo, da muss man sich gar keine Sorgen machen, nur ist das Deo eben im Rucksack und den kann ich nicht ablegen… Würdest du?» Unerwartet behände steht er auf und dreht mir den Rücken samt Rucksack zu.

Die Rettung.

An streckenmässig ungewohnter Stelle erklingt in dem Moment eine Zugdurchsage, von der ich nur «…ausserordentlicher Halt in Olten…» verstehe, weil der Berucksackte mir die Wegbeschreibung von der Rucksacköffnung zum Antitranspirant im unteren Bereich der Tasche zu vermitteln versucht. Aber ich habe alles gehört, was ich hören musste – und plötzlich erscheint mir der Oltener Bahnhof attraktiv genug für einen ungeplanten Zwischenhalt. Ich bin die Erste an der Tür. Ich mag Olten.

PS: Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Situationen sind selbstredend rein zufällig.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Konservierte Konversationen, Neulich, SBB Blog, Zügiges

Konservierte Konversationen, die Xte Ausgabe


Äm: „Jaaa, jaaa Bébé, jaajaa, zu mir kommen, ich traaage. Jaaa, jaaa, Jana.“, tut so, als wiege sie ein Baby im Arm

Y: „Das ist nicht Jana! Jana liegt da auf dem Sofa!“, zeigt auf das leere Sofa.

Äm: „Nei, Jana-Bébé is bei mir. Jaa, jaaa, Jana.“ , wiegt ihr imginäres Baby etwas nachdrücklicher.

Y: „Näähääiin, das Bébé schlähäft, daha!“, zeigt wieder aufs leere Sofa. „Dein Bébé ist nicht Jana!“

Äm, sehr laut: „Doch!!! Das is Jana!!!“, wiegt ihren imaginären Säugling auf erheblich kindswohlgefährdende Weise.

Y, jetzt ebenfalls sehr laut: „Nein!!!“

Äm, noch lauter: „Doch!!!“, wutwiegt ihr Kind dem sicheren Tod entgegen.

Ich, aus Angst vor einem Gehörsturz: „Erfindet doch einfach noch ein weiteres Bébé, es kann ja auch Jana heissen.“

Beide Kinder, sofort ein Herz und eine Seele, brüllen einstimmig und unverhältnismässig laut: „Nein!“

Y setzt nach: „Man kann doch nicht einfach Kinder machen, nur damit niemand weint!“

Beide Kinder kopfschüttelnd ab.

 

Aus: Die Leiden einer jungen Mutter.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Konservierte Konversationen

Entgeléeisungen


Er sitzt grosszügig auf zwei Sitze verteilt, neben sich ein kleiner Rucksack, in der Hand einige Papiere, die ich als ehemalige Werbeprospekte und Fahrpläne identifiziere. Er wird etwa 70 Jahre alt sein, trägt Hose und Jacke in Rentnergrau und dazu passende Schuhe. Immer wieder schaut er auf seine Uhr, vergleicht mit seinem Fahrplan und schüttelt den Kopf. „Entschuldigung, Sie!“, er winkt den Kondukteur in Sichtweite aufgeregt zu sich. „Sie, Entschuldigung!“ Der Kondukteur nähert sich, bleibt aber auf halbem Wege stehen, um gestikulierend auf die Lautsprecherdurchsage hinzuweisen. „Hä? Ich verstehe nicht! Kann das mal jemand lauter stellen? Ich VERSTEHE NICHTS!“ er steht auf und versucht sich näher bei einem der diversen Lautsprecher in Position zu bringen. Er erntet einige energische „Psst!“ und ebenso giftige Blicke, die Lautsprecherdurchsage hat nun niemand verstanden. „Können Sie das noch mal ablassen? Ich habe rein GAR NICHTS verstanden!?“, er richtet sich nun wieder direkt an den Kondukteur, der mittlerweil neben ihm steht. „Ich kann das jetzt gerade nicht noch mal abspielen, nein, aber ich kann Sie darüber informieren, dass ein Defekt an der Lokomotive besteht und wir aufgrund der entstehenden Verspätung auf die alte Linie über Langenthal ausweichen müssen.“ „Aber dann werde ich zu spät kommen!“ offensichtlich aufgebracht zeigt er auf seine Uhr. „Ich werde zu spät kommen und ALLES hat schon angefangen! Ich habe EXTRA nichts gegessen.“ „Das tut mir sehr leid. Ich entschuldige mich im Namen der SBB.“, der Kondukteur zeigt sich ruhig und routiniert. „Ausserdem habe ich ein Billett für die neue Strecke gekauft. EXTRA.“ er wedelt mit dem Billett so intensiv vor Kondukteurs Nase herum, dass ich glaube Nasenhaare flattern zu sehen. „Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.“, versucht es der Kondukteur erneut, langsam sichtlich nervöser, aber der Aufgebrachte zeigt keine Gnade: „Jetzt werde ich den wichtigsten Streckenabschnitt verpassen und kann meiner Frau nicht beweisen, dass ich recht hatte.“ Er blickt herausfordernd in die Runde, die blickt geschlossen in andere Richtungen. „Die behauptet nämlich, dass vom Zug aus, in Rothrist das Haus der Schlagersängerin Florina Hast NICHT zu sehen sei, aber das stimmt so nicht und jetzt kann ich ihr nicht wie geplant per Foto beweisen, dass ich recht hatte. Solche Ungeklärtheiten sind nicht gut für eine Ehe. Wissen Sie, wir sind seit fünfzig Jahren verheiratet. Fünfzig Jahre!“ „Das ist sehr schön, schön für Sie beide.“ anerkennt der Kondukteur und wendet sich zum Gehen. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und entschuldige mich noch mal für die Verspätung.“ „Das nützt mir nun aber herzlich wenig, so eine Entschuldigung! Erstens bin ich nun nach wie vor in Beweisnot gegenüber meiner Frau, obwohl ich EXTRA dafür gesorgt habe, dass ich diesen unleidiglichen Zustand beenden kann, zweitens komme ich viel zu spät, dabei habe ich EXTRA nichts gefrühstückt. Wissen Sie, ich bin eingeladen zum Brunch des Migroskundenratsvorstand und es ist sehr wichtig, nicht zu spät zu kommen. Sie müssen jetzt gar nicht so händeringen, oder wie man das nennt, was sie da machen, ich weiss selbstredend, dass ich nicht leer ausgehen werde, aber ich besuche diesen Brunch nicht nur aus Selbstlosigkeit, ich möchte von diesen belegten Broten mit kleinen Spargeln und Geléeschicht essen. Meine Frau kann diese Geléeschicht nicht, ich habe sie darum gebeten, aber sie kann das nicht und deswegen muss ich zum Brunch. Pünktlich!“ Langsam wird es den Umsitzenden in den umliegenden Abteilen unwohler, der Kondukteur zuckt hilflos mit den Schultern. „Was soll ich tun, ich kann Ihnen jetzt nicht helfen. Es tut uns wirklich leid.“ „Meine Frau wollte mich heute nicht ohne Frühstück rausgehen lassen, sie weiss wie ungemütlich ich werden kann, wenn ich hungere. Dabei bin ich EXTRA früh genug raus, um pünktlich zu sein. EXTRA! UND JETZT DAS!“ „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ Der Minibarverkäufer kämpft sich durch die vollen Gänge. „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ Der Kondukteur, in Platznot, quetscht sich stehend in das Abteil des wetternden Rentners, besorgt, niemandem auf die Füsse zu treten. „Hier bitte, ich möchte etwas kaufen!“, meldet sich ein Anzugträger aus dem gegenüberliegenden Abteil. Der Minibarverkäufer stellt den Wagen direkt zwischen den Abteilen ab. Rentner und Kondukteur, zu Nähe gezwungen, finden die Situation offensichtlich wenig angenehm. „Sie müssen sich nicht Mühe geben, mir nicht auf die Füsse zu stehen, der Tag ist ohnehin gelaufen. Ohne Beweis. Ohne Geléespargelbrötchen. Der Tag trampelt ohnehin schon ganz schwer auf meinen Füssen rum. Und ihre Bahn da.“, der Rentner fährt den Zeigefinger aus. „Entsch… Das ist nicht meine… Ach, ich gebs auf.“, über die Seitenlehne befreit sich der Kondukteur aus seiner misslichen Lage. „Einmal Kaffee, ein Croissont und, ähm, ein Salamibrot, bitte.“, bestellt der Anzugträger aus dem anderen Abteil und bezahlt sogleich die üblich teuren Bahnpreise. Der Minibarverkäufer zieht weiter. „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ „Voilà!“ der Anzugträger reicht das Salamibrot an den Rentner weiter. „Ihre Frau hatte recht, Sie sind sehr ungemütlich, wenn Sie morgens fasten.“ Einstimmiges, stummes Nicken bei allen unbeteiligten Anwesenden. Der Kondukteur nutzt die Gunst der Stunde und entschwindet in Zugganges Untiefen. „Das wäre nicht nötig gewesen.“, wehrt der Rentner ab, während er das Sandwich auspackt. „Aber es ist sehr aufmerksam und vielleicht haben Sie recht. Gelee und Beweis fehlen trotzdem. Nicht mal Gelée haben die hier auf den Salamibrötchen.“

9 Kommentare

Eingeordnet unter Begegnungen, Konservierte Konversationen, Neulich, Zügiges