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Übers Ziel hinaus


“Mama findet blöd, wenn ich rosa Kleider trage!” spricht die fünfjährige Y und schiebt die Turnschuhe, die ihr der Schuhverkäufer zeigt, weg. Ich schäme mich ein wenig, denn das ist nicht, was ich meiner Tochter vermitteln wollte. Einmal zu oft, habe ich ihre Beweggründe wohl kritisch hinterfragt, wenn sie sich Rosarotes aussuchte. “Willst du das, weil dir die Farbe gefällt, oder weil du denkst, dass es für Mädchen ist?”, pflegte ich zu fragen. “Mir gefällt es, weil es für Mädchen ist.”, antwortete sie jeweils. “Alles ist für Mädchen. Alles ist für Jungs. Du sollst tragen, was dir gefällt.”, erklärte ich wiederum, während ich hier ein Paar türkisene Halbschuhe, da ein Paar braune Stiefel in den Händen hielt. Mein Kind ist nicht blöd. Mein Kind bemerkt meine Vorlieben, es bemerkt meine Aversionen und es ist, mir hinterher, unfreiwillig übers Ziel hinausgeschossen.
Dabei kenne ich die Gefahr. Als es vor einigen Jahren darum ging, ob Herr G. und ich zu heiraten gedenken, war meine erste Reaktion ablehnendes Entsetzen. Ich stamme aus christlich freikirchlichen Kreisen, habe mich mit Kraftaufwand und Mühe, unter anderem von den dort geltenden Moralvorstellungen bezüglich des Zusammenlebens von Mann und Frau, distanziert und nichts lag mir ferner, als diese Ideen von Moral und Tugend durch mein Tun zu bestätigen. Ich wollte also unbedingt nicht heiraten. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich bemerkte, dass mir damit mein Tun in gleichem Masse von mir fremden Moralvorstellungen bestimmen lasse, wie wenn ich ihretwegen heiraten würde: Ich fällte eine Entscheidung aufgrund einer Ideologie, die nicht meine ist, anstatt zu tun, was MIR gut tut. Wenig später heirateten wir.
Ich scheine nicht die Einzige zu sein, die mit ihren Abgrenzungsabsichten übers Ziel hinaus schiesst. Da ist der Bekannte, der sich darüber mokiert, dass Herr G. die handwerklichen Arbeiten beim Busausbau übernommen hat, während ich den Anstrich bewältigte. Dass er auch Vorhänge genäht und dekorative Bordüren angebracht hat, vergass ich wohl zu erwähnen, das spielt aber eigentlich auch keine Rolle, weil er solche Dinge gerne macht, während ich eben lieber male oder mich administrative Reiseaspekte und die Routenplanung kümmere. Da ist die Kindergartenmutter, die mir stolz erzählt, ihr Kind halte das Wäschefalten für Männerarbeit und bei deren Aussage ich mich frage, weshalb das Geschlecht hier eine Rolle spielt. Die Umkehrung der Rollenverteilung kann per se nicht Ziel gleichberechtigender Anstrengungen sein, geht es doch um gleiche Möglichkeiten und Voraussetzungen.
Wahrscheinlich ist es menschlich, dass der Versuch der Abgrenzung in erstem Reflex im Versuch des gelebten Gegenteils resultiert, auch wenn uns allen mittlerweile klar sein dürfte, dass Gegenteile oft mehr gemeinsam haben, als man erwarten würde. Sie diktieren und definieren sich gegenseitig, können alleine nicht existieren. Wirkliche Abgrenzung und Unabhängigkeit kann so nur auf einem “Mittelweg” stattfinden, der sich furchtlos mal hier, mal da auch mit Teilaspekten der Ideologien kreuzt, die man grundsätzlich ablehnt. Ich heiratete, trotz christlichen Moralvorstellungen. Ich backe, trotz traditionellen Rollenvorstellungen. Mein Kind trägt pink, trotz der Genderdingens.

Ich habe fertig.

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Guerillaflauschen


Ich bin ja nun im Herzen eine Revoluzzerin. Sie werden das vielleicht nicht merken, denn klar, ich bin Lehrerin, habe Mann, zwei blonde Kinder, einen Hund und ein Haus mit Gartenzaun, bezahle (fast) pünktlich meine Steuern, lüge nur selten und fahre nur unabsichtlich schwarz, aber im Herzen bin ich Revoluzzerin, im Herzen bin ich eine Guerilla. Ich bin eine Guerilla mit einem Problem. Mittlerweil kann mann ja glücklicherweise derartige Anwandlungen wild und mannigfaltig ausleben, beim Guerillastricken beispielsweise, oder beim Guerillayoga. Man guerillatanzt, guerillafilzt, guerillasät, guerillastillt, man macht eben ganz unheimlich oppositionelle Guerillasachen. Das klingt nach viel Gelegenheit guerillaktiv zu werden, nur dass ich weder stricken noch Yoga kann, eindeutig ausgestillt habe und mein einziges Filzwerk je, ein unbeabsichtigtes Rasta im unteren Hinterkopfhaar war. Es bleibt also nichts anderes übrig, als mir eine andere verwegene Guerilladisziplin zu erfinden. Auf der Hand lägen Dinge wie Guerillaheisseleimen, Guerillatackern und Guerillaohrenputzen, aber ach, ich weiss, nicht, das ist mir alles zu, uuuh, revolutionär, zu riskant und gefährlich. Vielleicht werde ich einfach jeden, der den Begriff “Guerilla” vor jede mehr oder minder kreative Tätigkeit stellt, die in mehr oder minder grossen Gruppen, an mehr oder minder öffentlichen Orten, mehr oder minder erfolgreich durchgeführt werden, wohlmeinend guerillaklapsen.

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Moulat – Trebinje (Bosnien in Herzegowina) – Ston (Kroatien) – Stolac (Bosnien in Herzegowina) – (Tage 66 – 67)


Wir wollen wieder nach Bosnien, wo wir, neben der Tatsache, dass wir in ein Land zurückkehren, das uns beeindruckt und gefallen hat, auch dem Massentorismus entfliehen wollen. Wir fahren zunächst nach Trebinje, einer kleinen Stadt, die wir über eine ziemlich schmale Strasse, mitten durch bosnisch mittelhohes Bergland erreichen. Mein Eindruck von Bosnien bleibt auch bei der Anfahrt nach Trebinje derselbe: Ich mag dieses Land, ich mag wie sie es wiederaufgebaut haben, ich mag die gelebte Hoffnung, wo Spuren der Vergangenheit noch so deutlich sichtbar sind. Trebinje selber ist eine unspektakuläre Kleinstadt mit charmantem, lebendigem Ortskern. Als wir ankommen beginnt es gerade in Strömen zu regnen, die Verkäufer des grossen Lebensmittelmarktes mitten auf dem grosszügig begrünten Dorfplatz, wo hohe Bäume wahlweise Schatten und Schutz vor Regen bieten, zeigen sich unbeeindruckt, decken bedächtig ihre Wahre und klappen Regenschirme auf, während wir auf der Suche nach Unterstellmöglichkeiten über den Platz rennen. Wir irren etwas durch die Strassen, irgendwo kaufen wir den Börek unseres Lebens und verzehren ihn im Gefährteninnern, stadtmittig, aber regengeschützt. Viel mehr sehen wir nicht von diesem Trebinje, der Regen lässt uns weiterfahren, denn auf der Karte haben wir ein Stellplatzzeichen ganz in der Nähe gesichtet. Wahrscheinlich hat sich hier jemand ein aspässchen erlaubt, denn da wo er sein sollte, ist Niemandsland, weites, bebuschtes Land. Um drei Uhr scheint es hier Nacht zu werden, der Regen strömt sintflutartig und wir sehen keine erfolgsversprechendere Möglichkeit, als zurück ans Meer zu fahren, wo man manchmal von Unwettern verschont bleibt und wir Übernachtungsmöglichkeiten auf sicher haben. Über Strassen, die jetzt eher an kleine Bäche erinnern, fahren wir zurück nach Kroatien, steuern eine nahen Platz an und treffen es wunderbar menschenleer und zudem regenfrei. Mit der Absicht morgen, wenn denn das Wetter will erneut Bosnien anzusteuern, verbringen wir eine ruhige, relativ trockene Nacht.
Am nächsten Morgen fahren wir zur nächstgelegenen bosnischen Grenze, überqueren sie erneut problemlos und steuern ins Landesinnere. Heute ist es auch hier etwas heiterer und sogar ziemlich warm. Über relativ kleine Strasse, so klein jedenfalls, dass ich um jeden Meter ohne Gegenverkehr froh bin, fahren wir, erneut über bosnische Berge, nach Stolac. Bosnien Scheint hauptsächlich aus Bergen und dramatisch schön gelegenen Dörfern zu bestehen. Stolac ist genau so ein Dorf, dass sich dem Fluss entlang, mit einigen Ausuferungen, an die Berghänge schmiegt. Auch Stolac erzählt noch immer mit Nachdruck vom Krieg, Kaum ein Haus ohne Einschusslöcher, kaum eine Strasse ohne mindestens eine Kriegsruine, vorallem aber ist es geschichtsunabhängig eine nette, etwas verschlafene Kleinstadt mit grünem Ortskern und einer Burgruine ohne ernsthafte touristischen Absichten. Zur Ruine findet man berghoch, irgendeiner Quartierstrasse entlang unter etwas irritierten Blicken von Einheimischen. Die Ruine selber gibt noch einiges her, der Thronsaal, wenn heute auch ungedeckt, lässt vergangenen Erhabenheitsgefühle erahnen und die Aussicht ist fantastisch. Die Burg wäre in Westeuropa der Renner für Mittelalterfeste und Musikfestivals, würde täglich von Schulklassen erklommen und hätte eine Eingangspforte, an der man etwas Geld liegen lassen müsste. Hier scheint die Ruine relativ sich selbst überlassen, oder vielmehr der Natur, denn obwohl wohl einst Instandhaltungsavance gehegt wurden, muss beim Aufstieg über die Treppe nach oben heute gegen Wildwuchs gekämpft werden. Lohnen tut sich die Anstrengung alleweil. Jedenfalls für Menschen ohne Schlangenphobien.
Ganz in der Nähe finden wir einen kleinen, ganz neuen Stellplatz, betrieben von Mostarern. Der Sohn spricht gut Englisch und sucht das Gespräch. Er arbeitet hier täglich von 8 bis 20 Uhr, die Nachtschicht übernimmt sein Vater. Sein ganzer Stolz ist ein Junghund, den er mit Liebe erzieht. Zu Kriegszeiten war er 2, aber er kann sich nicht erinnern und will es auch nicht. Er beklagt sich über “slow bosnian workers”, denn Wlan gibt es hier noch nicht obwohl es auf den Wegweiserschildern extragross angeschrieben ist. Wie schlafen trotzdem selig, dafür wohl etwas früher.

 

Bemerknisse
Sollten Sie Schmiggelbedürfnisse zwischen Bosnien und Kroatien hegen, dann wählen Sie Regentage. Wir hätten sieben bosnische Schafe, samt kleiner Schnapsbrennerei über die Grenze karren können, denn was wir von den Grenzpolizisten zu sehen bekamen, war eine halbe Nasenspitze und ein Durchwinkzeigefinger.

Wenn Kinder beim Anblick von Schlösser Burgen sofort damit begonnen die Game of Thrones- Titelmelodie zu singen, sagt das nichts über den kindlichen Fernsehkonsum aus, vielmehr zeugtes von elterlichen Reiz-Reaktions-Schemata.

Wer plötzlich mitten im Satz fragt, in welchem Land wir denn gerade sind, ist wohl schon eine Weile unterwegs.

Bosnien ist der Börekhimmel.

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Shkodra (Albanien) – Ulcinj (Montenegro) – Moulat (Kroatien) (Tage 64 – 65)


Die Strecke, die wir heute angedacht haben beträgt ungefähr 60 Kilometer, nicht die Welt also, aber als wir letztmals diesen Grenzübergang passierten, warteten wir drei Stunden im Stau auf Einlass nach Montenegro, diesmal sind wir vorbereitet. Wir starten früh, man weiss ja nie, wie weit der Stau heute reicht.
Von Albanien verabschieden wir uns wohl für längere Zeit, die nächsten Reisen werden wohl, bei aller Liebe, in andere Richtungen führen. Ich hatte meine Kämpfe, mit diesem Land, besonders zu Beginn, als ich äusserste Mühe damit bekundete, über die hoffnungslose Vermüllung hinweg zu sehen und mich nur an der westlichen Küste Albaniens aufgehalten hatte, wo nun auch nicht die landschaftlichen oder architektonischen Höhepunkte zu finden sind. Jedenfalls hat Albanien mehr zu bieten, als Müll, Zersiedelung und schlechte Strassen, hier findet man quasi unvermenschte Mittelmeertrände, archaisches Bauernleben, pulsierendes Stadtleben, wilde, karge Berge, historische Ausgrabungen und UNESCO-Städte. Aber der Tourismus kommt, die zwei Jahre, die zwischen den beiden Besuchen hier liegen, zeigen es deutlich. Ich hoffe Albanien ist dem gewachsen und behält sich seine müllfreien Ecken und verzichtet auf weitere Hässlichbauten im Tourismusdienste. Ich wünsche dem Land, dass seine klugen Köpfe sich nachhaltigen Auf- und Ausbaukonzepten widmen, damit es sich seine Schönheit bewahren kann.
Die Abschiedsrede wäre hiermit gehalten und wir fahren weiter gen Grenze. Alle paar Meter fragen wir uns, ob hier vor zwei Jahren schon im Stau standen, sind uns hier sicher, dass dem so war und können uns dort überhaupt nicht mehr erinnern. Jedenfalls stehen wir plötzlich und etwas überrumpelt vor der gänzlich staufreien Grenze. Die Papiere interessieren heute wieder niemanden und so legen wir die restlichen Kilometer bis Ulcinj ebenfalls mühelos zurück. In Ulcinj möchten wir uns auf den Platz stellen, auf dem wir vor zwei Jahren unsere Lieblingsdeutschen kennengelernt haben, aber als wir ankommen, erkennen wir den Ort nicht wieder. Wo wir einst mit Umschwung und einigen wenigen Nachbarn standen, reiht sich heute Riesenmobil an Riesenmobil, die platzeigenen Dünen wurden aufgeschüttet, die alten Pinie gefällt, kurz:, Der Platz ist all das, was wir nicht wollen. Einige Meter weiter sehen wir ein altes Campingschild mit Pfeil dem wir unauffällig folgen, in der Angst der Flotte hier Fährte zu legen. Wir finden einen Platz auf grosszügigem Pinien-Dünen-Gelände, drei andere Parteien die verstreut in knapper Rufweite stehen und eigentlich ziemlich alles was wir wollen, ausser Internet. Hier erfahren wir, dass der Besitzer des anderen Platzes die landschaftlichen Verschlimmerungen wieder rückgängig machen muss und kichern ein wenig.
Der nächste Tag verspricht unspektakulär zu werden. Wir fahren morgens los, der attraktiven montenegrischen Küste entlang, wo mächtige Berge steil ins Wasser abfallen, Dörfer sich an ihre Vorsprünge klammern, oder sich gleich auf den nahe vorgelagerten Inseln und Halbinseln zentrieren, gelangen zur wunderbaren Bucht von Kotor, bewundern die weitläufigen Meeresarme vor grünen Bergen, setzten mit der Fähre über, steuern der kroatischen Grenze zu, werden durchgewunken und suchen uns gleich danach einen Platz, in einem pittoresken, kroatischen Mittelmeerdorf.

 

Bemerknisse

Finden wir eigentlich unser Haus wieder?”, Fragen eines reisenden Kindes.

Wenn ich hier einst türkischen Abfallsystem schrieb “Alles was in eine kleine Tüte passt, kommt in die rechte Tonne, alles was nicht in kleine Tüten passt in die linke Tonne und was du nicht zuordnen kannst, verteilst du am Strand” , müsste das albanische System in ähnlicher Weise erwähnt werden: “Was du gerade in der Hand hast, wenn du an der Mülltonne vorbei kommst, wirfst du da rein, was du gerade in der Hand hast, wenn du an einem Abfallhaufen vorbei kommst, wirfst du da drauf, wenn du ein Feuerzeug dabei hast, zündest du den Haufen an, wenn du sonstirgendwo vorbei kommst und gerade was in der Hand hast, wirfst du es da hin.

Ich habe in keinem Land je so viele Menschen einfach gehen oder fahrradfahren sehen, wie in Albanien. Wenn es danach ginge, müssten hier die gesündesten Menschen leben. Aber wahrscheinlich gleichen sie alles mit verschmutztem Grundwasser und eingeatmetem Müll wieder aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Karpen – Shkodra (Tag 62)


Dank unserem spontanen Zusammentreffen mit den beiden schweizer Jungs, verliessen wir morgens den Platz um eine spannende Adresse (nun, Quasi-Adresse) reicher. In einem relativ zentralen Viertel Shkodras sollen seit 10 Jahren zwei Frauen in einem Kleinstkloster leben und ihr Leben Opfern von häuslicher Gewalt, Kindern und Familien in kanunbegründeter Blutrache gewidmet haben. Ich, das weiss, wer hier seit den Artikeln “(nicht) glauben” und “(nicht) glauben II.” mitliest, bin keine Anhängerin irgendwelcher Religionen und erst recht nicht von Missionierungsversuchen, aber ich bin grosse Anhängerin von Einblicken ins Leben der Menschen, deren Städte wir durchfahren und so konnte ich diese Gelegenheit unmöglich verstreichen lassen. Laut den beiden Motorradlern ist das Finden der beiden Schwestern auch gänzlich unproblematisch und so verabschieden wir uns guten Mutes und fahren die Kilometer bis Shkodra relativ zügig und zwischenfallsfrei. Im Auto rufe ich mir die Szenen aus der Reportage über den Kanun in Erinnerung, in der die beiden Nonnen offenbar auch schon eine Rolle spielten. Je näher wir Shkodra kommen, desto öfters sehen wir Häuser mit hohen Mauern rund ums Anwesen, was eher untypisch für den Rest Albaniens ist. Die Mauern wurden aus Angst gebaut und wo eine Mauer steht, kann davon ausgegangen werden, dass die dahinter lebende Familie in Blutrache mit einer anderen Familie lebt, aber dazu später mehr. Wir fahren also nach Wegweiser und den Anweisungen Befragter auf der Strasse in das Quartier Dobraç, wo die beiden Nonnen walten. Nur finden wir das Kloster nicht und stehen plötzlich mitten in einer unbefestigten, schlaglochdurchzogenen Quartierstrasse, umgeben von einer Schar Kinder, die uns “Shaqiri!” zurufen und sich ans Auto klammern. Schliesslich erbarmt sich ein junger Mann unserer, hört unser Anliegen an, steigt kurzerhand aufs Fahrrad und bedeutet uns, ihm zu folgen. Leicht schwitzend zirkle ich den Gefährten durch die engen Gassen, weiche Pfützen aus, die oft nur bewässerte Schlaglöcher sind und versuche dabei niemanden anzufahren. Der Fahrradfahrer ist eindeutig schneller als wir, hält aber schliesslich vor einem Gebäude, das wir, nach ausgiebigem Dank, anklingeln. Tatsächlich treten Nonnen auf die Strasse, allerdings sprechen sie Französisch und sind nicht die Nonnen, die wir suchen. Die beiden scheinen das allerdings nicht weiter schlimm zu finden, steigen in ihr Auto, bedeuten uns, ihnen zu folgen und liefern uns tatsächlich und in angenehmem Tempo bei Christina und Michaela ab. Das Kloster ist ein hübsches Haus mit einem gepflegten Garten, hinter eisernem Tor. Wir werden eingelassen und herzlich begrüsst. Unsere Kinder sind innert Sekunden ins Spiel vertieft, es hat Trettraktoren und junge Kätzchen. Vor der Haustür treffen wir auf Abraham. Er lebt seit seinem vierten Lebenstag bei den Nonnen und versucht gerade sein Fahrrad mit Schuhpolitur zu ölen. Schwester Christina erklärt ihm die Konsequenzen seines Tuns, nämlich ein schmutziger Sattel und wenig Wirkung, lässt ihn aber gewähren, nach dem Abraham sehr überzeugt von seinem Tun zu sein scheint. Wir werden zum Kaffee geladen, wo wir auf einheimische Klostermitarbeiterinnen und Antonio treffen. Antonio ist das zweite, der beiden Kinder die fest bei den Nonnen wohnen. Er hat mutmasslich bei der Geburt zuwenig Sauerstoff bekommen und zeigt eine massive motorische Behinderung mit Hypotonie und Spasmen, wahrscheinlich hat er Epilepsie und Asthma, aber die Spitäler hier haben nicht die Methoden, ein so kleines Kind, er ist drei Jahre alt, zu untersuchen. Noch hat er auch nicht die nötigen Papiere, dass dies in der Schweiz erledigt werden könnte und so behelfen sich Nonnen und Mitarbeiterinnen mit den Mitteln, die sie hier haben: Gute Grundversorgung, liebevoller Umgang und Körperkontakt. Die Schwestern kannten Antonios Familie schon länger und als man Antonio ins Kinderheim geben wollte, sahen sie für ihn keine grossen Überlebenschancen und nahmen ihn vor drei Wochen zu sich. Beim Tisch erzählen sie uns etwas von ihrer Arbeit. Das Kloster hat einen eigenen Kindergarten, der von um die 70 Kindern besucht wird, die pädagogischen Mitarbeiter werden jeden Montag geschult, vorallem werden neben Unterrichtsinhalten auch Lehrmethoden und der Umgang mit Kindern besprochen.
Alle Mitarbeiterinnen haben Geschichten voller Gewalt hinter sich oder befinden sich noch immer mitten drin. Viele der Frauen sind auf die ein oder andere Weise von Famlienfehden im Namen des Kanuns betroffen. Der Kanun ist altes, albanisches Gewohnheitsrecht, das vorallem in den Regionen um Shkodra noch verbreitet Grundlage des täglichen Zusammenlebens ist. Die Frau spielt dabei deutlich eine sekundäre, ja, minderwertige Rolle, der Mann ist, so habe ich es verstanden Träger der Familienehre und Ehrkränkungen dürfen, oder wohl viel eher müssen, gerächt werden, was bis zu Tötungen ausartet. In der Regel ist es allerdings mit einem Mord noch nicht vorbei, wenn Familie 1 ihre Ehre durch einen Mord an einem zwingend männlichen Mitglied der Familie 2 wiederhergestellt hat, ist nun Familie 2 wieder am Zuge und muss den Tod des Familienmitglieds rächen. Das geht so stetig weiter, bis die Familie, die nun daran wäre, das Blut zu rächen, sich zu Verhandlungen bereit erklärt. Die meisten betroffenen Familien leben allerdings nach wie vor in aktiver Blutrache. Das führt dazu, dass männlichen Familienmitglieder ein Leben in der Wohnung führen müssen, denn nur da sind sie, auch laut Kanun, geschützt und dürfen nicht getötet werden. Das hat desaströse Auswirkungen, denn die Jungen gehen nicht zur Schule weil sie getötet werden könnten und die Mädchen weil sie zuhause helfen müssen, wo die Familie gänzlich von weiblicher Hand versorgt werden muss, kann doch der Mann nicht arbeiten gehen und Haushalt ist ebenfalls Frauensache. Die Familien leben hinter hohen Mauern, die sie aus Angst vor Rache um Ihre Häuser bauen. Christina analysiert die Situation trotz Mitgefühl und Fürsorge für ihre weiblichen Schützlinge sehr differenziert, als sie mir schildert, wie die belastende Situation und die ungleiche Wertung der Geschlechter, sich in vermehrter häuslicher Gewalt zeigen. Oft sehen sich die schlagenden Männer als Opfer, sie sind schliesslich die, die um ihr Leben fürchten müssen, während Frauen keine Zielscheibe der Blutrache sind. Zur Zielscheibe werden sie, wenn die Männer Angst und Druck an ihnen auslassen. Ein System dessen Missstände sich gegenseitig begünstigen. Es ist nicht einfach, ein derart festgefahrenes System zu ändern. “500 ßJahre geben wir uns…” meint Christina lächelnd. Es wird ein spannender, lehrreicher Nachmittag und wir beschliessen die schwesterliche Einladung, die Nacht hier zu verbringen, dankend anzunehmen und verbringen eine ruhige Nacht, ohne unsere heimlichen Besucher zu bemerken. Die beiden Kätzchen werden erst am nächsten Morgen, von den Kindern entdeckt, die in Rekordzeit angezogen und bereit sind, draussen mit den Kleinstmietzchen zu spielen. Bereits um 8 Uhr stehen Menschen am Tor und warten auf Hilfe. Es sind Eltern, mit krebskranken Kindern, die sonst keine Hilfe erhalten, Eltern, die plötzlich mit einem behinderten Kind dastehen, so kam Antonio ins Kloster, Menschen ebendie auf eine oder andere Weise Hilfe oder Zuspruch benötigen. Beim gemeinsamen Frühstück mit Christina, Michaela und einigen Mitarbeiterinnen schlürfe ich etwas abwesend meinen Kaffee, während Herr G. den Kindern Schnittchen streicht und vor allem KleinÄm betüdelt. Plötzlich setzt die Frau neben uns zu einer albanischen Rede an, der gestaute Wut auch ohne Sprachkenntnisse zu entnehmen ist. Schwester Christina übersetzt von Zorn, über albanische Männer, davon, dass Frauen hier alles machen müssen und nur Schläge ernten, sie übersetzt von mangelndem Interesse an den Kindern, von Anspruchshaltungen, davon dass ungefragt Freunde eingeladen werden, die die Frauen dann bewirten müssen. Schwester Christina übersetzt Frustration in Anbetracht dessen was möglich wäre. Die Tatsache, dass dieser Ausbruch hauptsächlich von einer Frau kam, stellt Christina klar, liege nicht daran, dass die anderen Anwesenden derartiges nicht erleben, im Gegenteil, diese hätten sich schlicht nicht gewagt, in diesem Rahmen davon zu erzählen. Ich versuche das Gehörte zu fassen. Ich wusste, dass Albanien noch einen beachtlichen Weg vor sich hat, aber hier scheint er noch etwas weiter.
Wir brauchen Verarbeitungszeit, insbesondere die Kinder, von denen Äm, als Obersensibelchen, intensiv über Antonios Geschichte, seine Behinderung und das Verlassenwerden von den Eltern nachdenkt. Bevor wir gehen, möchte ich ausprobieren, ob Antonio in unsere XXL-Tragehilfe passt, aber die fehlende Physiotherapie liess seine Unbeweglichkeit zu weit fortschreiten. Ich hoffe sehr, dass die Schweizer Behörden ihm eine Einreise und baldige Abklärungen ermöglichen.
Wir verabschieden uns bereichert und voller Bewunderung, denn, Religion hin oder her, Christina und Michaela leisten hier Grossartiges mit Nachhaltigkeit.

 

Falls Sie sich für das Projekt der Schwestern interessieren, finden Sie auf der folgenden Seite Informationen, lassen Sie sich nicht zu sehr von den religiösen Floskeln abschrecken, die Schwestern sind weit offener, als der erste Blick auf die Seite glauben machen könnte. http://www.schwester-christina.de/index.php/aktuelles-oben/278-ob-das-wasser-fliesst-wissen-wir-nicht

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Himarë – Divjakë – Karpen (Tage 60-61)


Unser nächstes Ziel ist ein Naturschutzgebiet irgendwo nach Fier, an der Küste. Diesen Teil der albanischen Küste haben wir noch nicht gesehen, wie auch praktisch den ganzen Rest bis Montenegro. Das liegt hauptsächlich daran, dass es eine grosse Verbindungsstrasse, Kilometer im Landesinnern gibt, von der relativ gerade Strassen, teils unbefestigt und ansonsten kaum miteinander verbunden, zur Küste führen.*

Wieder passieren wir auf dem Weg dahin teils wunderbare Küstendörfer, aus steingemauerten Häusern, ab und zu sind die weissgetünchten Bauten aus Gijrokaster und Berat zu finden, in der Dorfmitte werden die Strassen teilweise so eng, dass ich fürchten müsste, mit dem Gefährten Hauswände entlang zu kratzen, wenn ich nicht wüsste, dass wir es hier schon unbehelligt durchgeschafft haben. Der weg führt von der Küste direkt hoch in die Berge, die mächtig und wolkenverhangen den Weg ins Landesinnern zu versperren scheinen. Die Ausblicke von oben sind atemberaubend, auch heuer, die langen hellen Strände, die, in schützende Berggspalten gedrängten Dörfer und das tiefblaue Meer haben mich schon vor zwei Jahren nachhaltig beeindruckt. Auf der Bergrückseite wähnt man sich danach urplötzlich in einer gänzlich anderen Gegend, wo vorher nur einzelne Olivenbäume wuchsen, fährt man hier mitten durch dichte Wälder, Gebirgsbächen entlang und findet hier und da einladende Fischtavernen. Wir erinnern uns plötzlich lebhaft, an das was danach folgt: Restaurants, Hotels und Appartements, die die Küste bis Vlorë regelrecht überwuchern. Wir lassen die Stadt, die mit ihren grauen, schlammigen Stränden und unschöne Blockbauten seltsamerweise trotzdem ihren Reiz hat, schnell hinter uns, fahren quasi schlaglochfreie Autobahn im Landesinnern bis Fier, wo wir wieder zur Küste abbiegen. Frau Fankhauser ist in Albanien übrigens keine Hilfe, sie kennt nur die Hauptstrasse. Wir fahren nach Karten, den spärlichen Schildern und Gefühl. Von der Autostrasse biegen wir gen Küsten ab, passieren kleine langezogene Dörfer mit den typischen, provisorisch aussehenden Zwei- bis Dreistockbauten, von denen jeweils nur ein Stock ausgebaut ist und der andere zur Aufbewahrung von Heu, zum Wäschetrocknen, als Garage oder Werkstatt genutzt wird. Das Leben spielt sich an der langen Dorfstrasse ab, wo flaniert, geplaudert uns gesessen wird. Ab und zu fahren wir an einer der, ebenfalls häufig zu sehenden, unfertigen, säulenlastigen Beinahvillen von Auslandverdienern vorbei, hie und da tun sich wieder riesige Schlaglochansammlungen vor uns auf und da und dort kreuzen wir überladene Eselkutschen und gelangweilte Kühe. Irgendwo sehen wir ein Campingschild, folgen ihm und finden, direkt am Meer zu einem protzigen, einem Schiff nachempfundenen Betonklotz, in dem gerade gehochzeitet wird. Erst erwägen wir tatsächlich hier zu übernachten, sehen dann aber den Sumpf, in den wir uns hätten stellen sollen und entschliessen uns zur Weiterfahrt. Bereits im nächsten Dorf erblicken wir neuerliche Campingschilder, folgen wieder und finden zu den Laguna Park Bungalows. Was wie ein Vergnügungspark klingt, sind ungefähr neun kleinen Bungalows und ein Restaurant, mitten im Nirgendwo. Rund um uns weite moorige Felder und unglaubliche Stille. Jedenfalls bis wir freudig von Antonio begrüsst werden. Er hat die Campingschilder heute Morgen angebracht und freut sich ganz offensichtlich sehr, dass wir hergefunden haben. Der Campingplatz existiert zwar noch nicht, aber wir werden trotzdem herzlich eingeladen, als seine ersten Campingäste hier zu stehen. Innert Kürze bastelt er uns Strom, bringt uns einen Bungalowschlüssel zur Toilettenbenutzung und scheint auch sonst sehr um unser Wohl besorgt. Er mag unseren Hund und die Tatsache, dass er so nett sei, denn er selber habe einen bösen Hund, den man immer in Ketten halten muss. Der komme bald weg, weil er nun einen jungen habe, einen zwei Monate alten Dobermann (der allerdings eher wie eine Zwergversion eines Dobermanns aussieht), den er hier im Käfig auf zwei Quadratmeter, ohne Hunde- oder Kinderkontakt hält. Wir bieten an, ihn etwas mit unserem Hundevieh spielen zu lassen, aber er geht nicht darauf ein. Am Abend essen wir in seinem Restaurant, in dem er selber kocht und dinieren köstlichst und viel. Wir haben lange nicht mehr so vorzüglich gegessen, passenden Wein getrunken und uns so gesättigt gefühlt. Als er uns die Rechnung bringt, glauben wir es kaum: Für 13 Euro haben wir gerade königlich Unmengen für drei Personen verspiesen und nächtigen erst noch gratis und mit blitzeblankem Privatbadezimmer. Antonio freut sich sichtlich über unsere Begeisterung. Normalerweise laufe hier etwas mehr, meint er, aber heute sei der Sonntag vor Schulanfang, da esse man daheim. Er habe drei Töchter, seine Mittlere habe morgen ihren ersten Schultag und sei seit Wochen aufgeregt. Ich gratuliere und frage, ob er auch aufgeregt sei, was er lächelnd bejaht. Zufrieden und vollen Bauches schlendern wir zum Gefährten zurück, über uns der sternenklare Himmel, von Weitem hört man einen Hund bellen, ansonsten herrscht Stille.
Als wir aufbrechen ist Antonio noch nicht wieder da, er ist losgefahren, um seine aufgeregte Tochter zu ihrem ersten Schultag zu bringen. Wir hinterlassen eine kleine Botschaft und den Schlüssel und fahren los. Heute wollen weitere Möglichkeiten nach Küstenzugang erforschen und uns abends auf dem Platz in Durresnähe, den wir schon von vor zwei Jahren kennen, mit Bekannten treffen, die hier gerade auf Motorrädern durch die Gegend fahren. Der Tag lässt sich jedenfalls einfach zusammenfassen: Wir irrten ausgiebig und orientierungslos in der Gegend rum, fanden nicht zum Meer, dafür Überreste einer kleinen Burg und traffen uns am Abend ganz planmässig mit den beiden Motorradfahrern, die mit platten Reifen und Lebensmittelvergiftung anknatterten.

 

Bemerknisse

*Wer also von Stichstrassenende A mach Stichstrassenende C gelangen will und nicht gerade über ein offroadtaugliches Gefährt verfügt, fährt Stichstrasse A kilometerlang zurück, fährt auf der Autostrasse Richtung Stichstrasse C, kann auf der Höhe von Stichstrasse C aufgrund der Mittelleitplanke nicht abbiegen fährt Kilometer ins nächstgrössere Kaff, macht eine Kehrtwende, fährt Kilometer zur Stichstrasse C zurück, biegt ab, fährt Kilometer zum Stichstrassenende C und ist für 6 Kilometer Luftlinie schliesslich 50 Kilometer gefahren.

Immer wenn ich wiedermal verwegen an Schlaglöchern vorbei kurve und auf holprigen Strassen gerade noch so schnell fahre, wie der Gefährte laut meine, Beurteilungsvermögen aushält, überholt mich ein tiefer gelegter Altklappermercedes unbehelligt mit 80 km/h.

“Passt bloss auf bei korrupten Polizisten, die Ausländer ausnehmen wollen, verlangt immer einen Ausweis!”, so klingt es allerseits, und mich überkommt auch prompt bei jedem Polizistensichtkontakt ein mulmig Gefühl, erst recht, wenn wir rausgewinkt werden. Das passierte bisher zweimal und es war furchterregend:
Polizist 1, breit grinsend: “Suisse?” Wir: “Oui!” Polizist 1: “Shaquiri!” Wir: “Ouiii!” Polizist 1: “Bye Bye!”
Polizist 2, breit grinsend: “Hello!” Wir: “Hello!” Polizist 2: “Oooooh, Babies!”, betrachtet die Brut mit noch breiterem Grinsen, “Bye Bye!”

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Ioannina (Griechenland) – Sarande (Gijrokaster, Albanien) – Himarë (Albanien) (Tage 58-59)


Am Morgen tun wir, was wir hier lieber verschwiegen würden: Wir fahren in die IKEA, frühstücken da und lustwandeln in den ganzen Einkaufszentren, die nahe Ioannina so rumstehen. Das haben Sie jetzt alles nicht gelesen, denn ich habe das hier auch nie erzählt.
Heute überquere ich erstmals als Fahrerin eine Grenze. Nach den paar Kilometern, die zwischen Ioannina und der albanischen Grenze liegen, bin ich etwas aufgeregt. Nicht wegen der Grenze, aber von unserem letzten Albanienbesuch weiß ich um den zeitweiligen Zustand albanischer Straßen. An der Grenze winkt man uns dann auch gänzlich uninteressiert durch und auf albanischem Boden verinnerliche ich mir, gewissenhaft wie ich bin, erstmal die Schilder, die wie überall nahe der Grenzen, die Geschwindigkeitsbegrenzungen verdeutlichen. Wir wollen als erstes Gijrokaster anfahren, eine Stadt, die wir noch nie besucht haben. Meine Angst vor den Straßen zeigt sich bisher als unbegründet, zwar sind die Brückenübergänge eher erschütternd, aber das ist in all den Balkanstaaten so. Schon die erste Strecke auf albanischem Land, durch die Talebene nach Gijokaster, begeistert erneut, jedenfalls was die beeindruckenden Berge angeht, die Dörfer sind eher langweilig und unschön gebaut. Gijrokaster hingegen, das umgeben von Bergen in beachtlicher Höhe trohnt, vermag sofort zu begeistern. Ineinander verschachtelt stehen die oft weiß getünchten, ein- bis dreistöckigen Steinhäuser, mit steinern geschindelten Dächern und verhältnismäßig großzügigen Fenstern mit Rahmen aus dunklem Holz. Enge, steile Straßen, mit abgewetzten Kopfsteinpflaster führen durch die Gassen und eine Burg imposanter Größe scheint das lebendige Treiben im Städtchen sorgsam zu überwachen. Ich fühle mich an Berat erinnert, das mir schon vor zwei Jahren so gut gefiel. Nach einem Mittagessen im Zentrum, stolpern wir noch etwas durch die Gassen, was leider nicht gänzlich entspannt geht, denn trotz vielen Fussgängern, viele davon Touristen, existieren wenige Fußgängerzonen. Nach einem Besuch auf der Post, wo wir den Beamten dabei helfen, Strassbourg geografisch zuzuordnen, machen wir uns auf den Weg nach Sarandë, wo wir übernachten wollen. Der Weg führt über die karg begrünten Berge, hinunter zur Küste bei Sarandë, wo wir etwas zu spät ankommen um uns eine etwas stadtfernere Bleibe zu suchen. Albanien möchten wir nicht nachts befahren müssen, auch wenn einige Stellen, die uns von vor zwei Jahren als besonders schlaglochdurchzogen in Erinnerung bleiben, heute ausgebessert sind. Vor einem Hotel ohne Charme, dafür mit einer Horde plantschender Pauschalpolen im Pool, stellten wir uns für eine Nacht hin und teilten die Sanitäranlagen mit den Arbeitern, die bis spätabends die Gebäudewartung übernehmen. Sarandë ist an sich keine wahnsinnig schöne Stadt, geprägt von Billigblockbauten auf engem Raum, aber unser Abendspaziergang, der gut besuchten Strandpromenade entlang, zu dem Zeitpunkt, an dem das Licht der untergehenden Sonne jedem Fleck Erde seinen Glanz verleiht, liess uns doch noch einige nette Ecken und vor allem buntes, freundliches Leben entdecken. Besonders der Hund stösst allenthalben auf Liebe, eine Gruppe von gut 20 Romakindern will uns gar nicht mehr weiterziehen lassen und deckt Charlotte grosszügig mit Liebesbekundungen und Küssen ein. Mit vollen Bäuchen schlafen wir ein, Albanien hat uns wieder.

Am Morgen brechen wir in Richtung Butrintit auf, denn da soll es Ruinen in netter Landschaft geben. Die Tatsache, dass wir nur Minuten nach einem Reisecar, vollbesetzt mit den Pauschalpolen auf Plauschtour, vor dem Hotel losfahren und dieser verdächtigerweise die exakt selbe Strecke zu fahren scheint, wie wir, lässt uns etwas an unserem heutigen Reiseziel zweifeln. Schöne Landschaften finden wir, einsam sind sie auch, jedenfalls jenseits der Ruinen. Dort steppt der Touristenbär. Etwas ausserhalb stellen wir den Gefährten ab und machen eine, zwar weniger historische, aber wunderbare Kurzwanderung, bevor wir küstenaufwärts, nach Himarë fahren. Diese Strecke kennen wir von vor zwei Jahren, sie hat sich glücklicherweise, kaum verändert. Durch kleine, für die Meeresnähe hoch gelegene Dörfer, mit Ortskernen, in denen hutragende Männer in Hemden rauchend bei Gesprächen sitzen, Strassenhunde faul rumliegen, hie und da ein angeseilter Esel wartet und etwas ausserhalb Ziegenherden und Kühe durch die Strassen getrieben werden, deren Hirten uns freundlich zuwinken. Autos stressen die Tiere längst nicht mehr, im Gegenteil, ich bin ziemlich sicher, dass sie sich insgeheim für körperlich überlegen halten. Immer wieder sehen wir Campingschilder, aber anstatt neue Stätten anzufahren, möchten wir zurück auf den Platz, der uns vor zwei Jahren schon gut gefallen hat. Wenn ich hier erzähle, dass man da zwischen Orangen- und Olivenbäumen steht, klingt das allerdings lauschiger, als es ist, denn der Platz ist mitten im Ort, aber Örtlichkeit und Umgebung sind es auch nicht, die uns zurück ziehen, vielmehr ist es die Tatsache, dass der Platz sehr charmant und freundlich geführt wird. Wir finden den Platz tatsächlich unverändert vor, was etwas schade ist, weil mit etwas Arbeit doch einiges hätte herausgeholt werden können. Trotzdem fühlen wir uns wohl, essen Mittagsreste von gestern kühlen uns im klaren Wasser ab, können den Hund problemlos frei laufen lassen und kochen abends erstmals seit Langem wieder selber.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass in den letzten zwei Jahren doch einige Veränderungen stattgefunden haben, wie stellenweise ausgebesserte Strassen, mehr Touristen und massenhaft hässliche Blockbauten im Dienste des Tourismus. Letzteres findet sich allerdings bisher nur an der Küste und auch da noch relativ konzentrierte und wenig ausufernd.

 

Bemerknisse

Die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf albanischen Strassen sind in der Regel gut sichtbar und Schilder folgen in regelmässigen Abständen. Wer sich allerdings daran hält, wird zur unliebsamen Verkehrsbehinderung. Der allgemeine Geschwindigkeitsdurchschnitt liegt 30km/h über der angegebenen Geschwindigkeit und das gänzlich unabhängig vom Strassenzustand.

Nach wie vor ist es toll, in Albanien mit weissem Mercedes-Bus umher zu fahren. Allenthalben wird aufgesprungen, freudig gewunken und gerufen. (Dass man uns mit den üblicherweise weissen, mercedessenen Sammeltaxis verwechselt und man uns nachträglich wegen unverlangsamter Weiterfahrt beschimpft, lässt sich mit etwas Übung ganz gut ignorieren.

In Albanien ist deutlich weniger Flachvieh anzutreffen. Das liegt, vermute ich, nicht an geschickteren Tieren, vorsichtigeren Autofahrern oder koordinierterem Wegräumdienst, sondern wohl an den Schlaglöchern, in denen die Tiere sich in Sicherheit bringen können.

Ein Kommentar

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