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Glück und Kitsch auf Reisen mit Kindern


Christina von der Reisemeisterei hat dazu aufgerufen, zu schildern, warum die Reiserei unsereins glücklich macht. Ich möchte diese Thematik unter dem Aspekt des Reisens mit Kindern betrachten und habe mich deswegen erstmals an einer Blogparade (Fragen Sie mich nun bitte nicht, was denn das genau sei und wieso das Ding so heisst.) mitgemacht.

Vorangehend möchte ich festhalten, dass es hier und heute um Glücksempfindungen beim Reisen mit Kindern geht, ich werde im Folgenden also sämtliche Negatvitäten (die allerdings tatsächlich in der Unterzahl sind) ausblenden, ich werde nicht erwähnen, dass es durchaus manchmal nervt, wenn man nicht erst um 22 Uhr entscheiden kann, wo genächtigt wird, oder dass man Gebiete bereits bei niedrigem Gefahrenpotential umfährt, oder all zu lange Märsche ausfallen, oder dass es tatsächlich eher mühsam ist mit einem Kleinkind die Notaufnahme eines Landes zu besuchen, dessen Sprache man nur gebrochen versteht, ja, psst jetzt, denn ich blende mit Freuden Leidiges aus und präsentiere Ihnen dafür

Glück und Kitsch auf Reisen mit Kindern:

Vor einiger Zeit stellte MamaArbeitet auf ihrem Blog die Frage, ob es möglich sei, als Eltern noch dieses Gefühl absoluter Freiheit und Unbeschwertheit zu empfinden. Die alltäglichen Verpflichtungen, Sorgen um Kindeswohl, die Koordination zweifacher Berufstätigkeit, KiTa und Kindergarten, ja, der Alltag schlaucht und manchmal fehlt die Luft zum Atmen und selbst wenn man sich etwas Raum freizuschaufeln vermochte, warten die aufgeschobenen Verpflichtungen bereits mit Füssen scharrend Tür auf Einlass und rufen sich in all zu kurzen Abständen mit lautem Ungeduldspochen lebhaft in Erinnerung. Vielleicht bin ich einfach mit schlechten Verdrängungsmechanismen ausgestattet, aber das Gefühl Frei- und Unbeschwertheit habe ich tatsächlich seit den Kindern nicht mehr in früher bekannter Intensität und Absolutheit verspürt. Dachte ich im ersten Moment. Bis mir unsere Vierteljahresreise einfiel und ich erkannte, dass wir, BESONDERS mit Kindern, nicht nur aus den naheliegendsten Gründen, um und unbekannte Landschaften und fremde Kulturen zu sehen, reisen, sondern auch für die vielen vermissten Momente perfektionierten Glücks, kompletter Freiheit und absoluter Unbeschwertheit, entstanden durch das Zurückgeworfensein auf uns, als Grundfamilie, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Verpflichtungslosigkeit, das Wissen, dass wir alles Wichtige dabei hatten, dass jeder zurückgelegte Weg der Richtige war, weil wir tatsächlich nichts verpassen konnten, weil es nichts zu verpassen gab, weil das wirklich Wichtige unserer Reise WIR waren und die Erkenntnis, dass wir damit irgendwie überall daheim, vielleicht manchmal daheimer als in den Wirren des zurückgebliebenen Alltags waren. Hinzu, aber zweitrangig, kommen selbstredend all die hauptsächlich kulturellen Eindrücke, die wir so ohne Kinder niemals erlebt hätten, die zig liebevollen Gesten, die Momente, die unsere Kinder, personifizierte Türöffner, alleine dadurch auslösten, dass sie Kinder sind. Kinder knüpfen Kontakte im Zeitraffer, wo wir als Erwachsenen bei meist freundlichen, aber förmlichen Begegnungen geblieben wären, wurden die Kindern, wo immer wir waren, mit einer Herzlichkeit und Freude empfangen, die ich kinderlos noch nie erlebt hatte. Wir wurden beschenkt, bekocht und umsorgt und erlebten so, obwohl wir zu Gunsten der Kinderlaune einige der gängigen kulturellen Höhepunkte (beispielsweise einige Städte) ausgelassen hatten, vielleicht manchmal gar mehr, sicher aber andere kulturelle Authentizität, in kleinem, persönlichen, landesalltäglichen Rahmen.

Herr G. arbeitet sich mit zwei Gasherdplatten gen vollwertige Mahlzeit und kocht in Schichten, die Pfanne mit den bereits gekochten Erbsen stellt er auf die Erde. Frau G. gelangt mit den Kindern, nach einem Ausflug zum nahegelegenen Pferdestall, zurück zum Ort des Geschehens. Äm, blitzschnell, hebt den Erbsenpfannendeckel und bricht umgehend in lautes Jaulen aus. Frau G. nimmt im ersten Moment an, sie hätte sich verbrannt, packt das Kind und rennt mit ihr zum nächsten Freiluftwasserhahn, wo sich gerade die türkische Frauschaft zum Schwatz eingefunden hat. Noch auf dem Weg dorthin merkt sie, dass Äm sich nicht ernsthaft verletzt haben kann, sondern wohl mittlerweile hauptsächlich schreit, weil sie von der Erbsenpfanne weggetragen wurde. Trotzdem beschliesst sie Kindes Hand vorsichtshalber unter den Wasserhahn zu halten, zumal Äm Wasser mag und dabei meist augenblicklich zufrieden wird. Allerdings hat sie nicht mit der Horde händeverwerfender, aufgeregter Frauen in Sorge gerechnet, die in aller Liebe und Fürsorge die heulende Äm weiter in ihr Elend hineinstürzen. Mit ungeschickt gewählten Worten wie “Pfanne” und “warm” versucht Frau G. die Lage unter Kontrolle zu bringen, als der erste männliche Besorgte, mit einem Sack Eis erscheint und Äm vorsorglich überall zu kühlen beginnt. Äm legt derweil an Schreiintensität zu. Ein weiterer Besorgte kommt mit Salbe angerannt, etwas ratlos suchen wir nach einer möglichen zu bestreichenden Stelle, aber bis auf einige rote Hautflecken, deren Farbe von der kürzlichen Behandlung mit Eis herrühren sind keine verdächtigen Stellen auszumachen und wir bestreichen sicherheitshalber und auf Anraten aller Umstehenden die Handinnenflächen. Äm schreit weiter, denn Salbe ist ihr ein Graus. Frau G. versucht weiterhin die richtigen Worte zu finden, um die Umstehenden zu beruhigen. Glücklicherweise hat nun auch Herr G. den Ernst der Lage erfasst, packt geistesgegenwärtig die Erbsenpfanne, galoppiert mitten in die aufgeregte Menschentraube und schreit sinnesgemäss “Pfanne gar nicht heiss!”, worauf Frau G. die Pfanne berührt und theaterreife Erleichtung spielt. Die Menschenmenge beruhigt sich etwas. Sämtliche Anwesenden verlangen danach, die Pfanne des Anstosses ebenfalls zu berühren, um sich persönlich zu überzeugen. Reihum wird ehrfürchtig die Hand zur Pfanne ausgestreckt und erleichtert genickt, als ein schweissüberströmter Greis keuchend den Kreis durchbricht und sich mit winkendem Autoschlüssel in die Mitte stellt. “Ich habe ihn gefunden! Wo ist das Kind mit dem gebrochenen Arm?”

(Gülpinar, Südtürkei)

Rund um uns wurden die Grills auf die Strasse geschoben und mit grossem Bimborium und noch mehr Rauch angefeuert, erste Biere und Wein gereicht, Spiesse aller Gattung und Farben zubereitet und hernach auf die perfekte Glut gewartet. Mit der Dämmerung verbreiteten sich die allerköstlichsten Düfte nach gegrilltem Gemüse und Fleisch, Tische wurden auf den Strassen zusammengeschoben, Stühle eingesammelt, hie und da ein Feuer entfacht. Schliesslich versammelte man sich sitzend oder stehend um die Tische, und ass, trank, vorallem aber plauderte, mal hier mal da, Kinder rannten oder kurvten auf Fahrrädern von Tisch zu Tisch, bekamen hier eine Mund voll zu Essen, da ein liebevolles Tätscheln und dort Luftküsschen zugeschickt. Irgendwann begann jemand zu singen, es folgte der Auftritt einer spontan zusammengefundenen Band und gemeinschaftliches Tanzen und Singen alter, äusserst sentimentaler griechischer Lieder. Kurz: wir fanden uns urplötzlich in einem griechischen Kleinstdorf in Festlaune wieder. Y fand nach kurzer Zeit kleinmädchen- und zauberhaften griechischen Anschluss, mit dem sie bis Mitternacht durch die Gegend flanierte, Äm schlief irgendwann ein, Herr G. und ich wurden zu Gesprächsrunden geladen, abgefüllt, gemästet, zum Tanz genötigt und ab und zu an eine grosse, weiche griechische Brust gepresst.

(Alexandropuli, Griechenland)

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Haben Sie keine Angst vor der albanischen Polizei, auch wenn Sie mit Blaulicht verfolgt und rausgewunken werden, wenn sich Ihnen drei grimmige Polizisten nähern und barschen Tones Anweisungen bellen, vielleicht wird auch bei Ihnen nur die Fahrertür geöffnet, ein Blick auf schlafende Kinder geworfen, das Standlich angemacht und möglichst leise, fast liebevoll, die Tür wieder geschlossen.

(Himara, Albanien)

Drei von vielen möglichen Zitaten aus den Reiseberichte unserer Vierteljahresreise durch Osteuropa, die eigentlich als Ganzes, insbesondere das Fazit, und irgendwie samt negativen Aspekten, ein Zeugnis davon ist, dass das Reisen mit K(leink)indern sich lohnt, ja, eben glücklich macht. Schlussendlich spricht es wohl für sich, dass wir in 119 Tagen unsere nächste Vierteljahresreise antreten werden.

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“Hast du Durst?”


Wir stehen genau richtig, die Bustüren halten passgenau vor unseren Füssen. Ich hebe Äm hoch, damit sie den Türknopf betätigen kann und widerstehe danach erfolgreich dem Impuls, ihr beim Einsteigen zu helfen. Sie will und kann das alleine und jeder Hauch von angedeuteter Hilfe hätte zur Folge, dass sie noch mal aussteigen muss, um dann gänzlich selbständig wieder einzusteigen. Der Bus ist gut besetzt, nur einzelne Sitze sind noch unbelegt, bist auf die Doppelsitzbank im Viererabteil, ganz hinten im Bus. Mir wird sogleich klar, weshalb die Sitze noch frei sind, denn mit im Abteil sitzt ein Mann mittleren Alters, in der Hand eine Dose Bier, neben sich auf dem Sitz sieben weitere Dosen. Er scheint zu dösen und sitzt, den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, in sich gesunken da, die Dose liegt beängstigend schief in seiner Hand. Ich biete Äm an, sie auf den Schoss zu nehmen und weise auf den vorderen Bereich des Busses, aber Äm marschiert zielgerichtet zur freien Zweierbank uns setzt sich vis à vis vor den Dösenden. Ich folge ihr widerstrebend, der Geruch von Bier setzt mir, besonders morgens, stark zu, Äm jedoch scheint sehr zufrieden mit ihrer Platzwahl und mustert unseren Abteilsgenossen mit grossem Interesse. Ich ziehe die Beine an, weil ich fürchte, die schräge Dose Bier könnte ihren Inhalt genau über meinen Schuhen verlieren. Unser Gegenüber scheint immer mehr in sich zu sacken, seine halblang ins Gesicht fallenden, strähnigen Haare beschrieben die Scheibe mit einer schmierigen Fallspur. „Schläfst du?“ fragt Äm den Dösenden unvermittelt und zeigt sich wenig beeindruckt ob meiner Bitte, den Mann doch schlafen zu lassen, „Du-u, Ma-ann, schläfst du?“, fragt sie statt dessen nachdrücklicher. Unser Gegenüber erwacht, richtet die Dose in seiner Hand in auslaufsichere Position und sich selber auf. Er sieht müde aus, lächelt aber, sobald er die fragende Äm erblickt. „Ja, ich bin müde, manchmal macht das Leben das.“, er lächelt mich verschmitzt an und für einen Augenblick ist sein wahres Alter zu sehen, das Alter, das unter dem vorzeitig verlebten, gezeichneten Gesicht nur schwer wahrzunehmen ist. „Hast du Durst?“, fragt Äm weiter. Wieder lächelt er. „Ich habe Durst, viel zu viel vom falschen Durst. Und du erinnerst mich an meinen Sohn, der ist auch immer so neugierig. Er heisst Nicolas, aber alle sagen ihm Nicki. Ich heisse Matt, so wie Schachmatt. Und du?“ Äm wird ein bisschen verlegen, brummelt ihren Namen, nimmt meine Hand, beginnt mit den Beinen zu baumeln und trifft dabei das Knie unseres Gegenübers. Ich entschuldige mich und stoppe die Baumelbeine sanft. „Macht nichts,“ lächelt Matt wieder, die Hose ist doch schon dreckig und das Knie hat schon Schlimmeres gesehen.“ Tatsächlich lässt sich auf seiner Hose kaum ein unbefleckter Fleck entdecken, das scheint nun auch Äm aufzufallen. „Ist das deine Matschhose?“ Kichernd wird er erneut einige Jahre jünger und bejaht die Frage. „Nicki hat auch eine Matschhose. Nicki ist gerne draussen. Ich vermisse ihn… Schau! Hast du den grossen Lastwagen da gesehen?“ er pocht aufgeregt gegen die Scheibe, worauf Äm begeistert einsteigt und mit Inbrunst mitpocht. „Ich kenne auch einen Nick.“, steigt Äm auf das Gespräch ein und muss dafür ziemlich laut sprechen, weil die beiden noch immer pochen, „Mein Nick hat auch einen Hund. Wau!“ Matt stoppt das Pochen und kramt in seiner Hemdtasche nach einem Foto. „Das ist Nicki. Nicki hat keinen Hund, er darf da keinen halten, aber er mag Tiere. Als ich ihn das letzte mal gesehen habe, waren wir zusammen im Naturhistorischen Museum. Da hat es viele Skelette, tote Tiere, Kristalle und Meteoriten. Warst du auch schon da?“ Äm schaut mich fragend an: „War ich da schon?“ Ich nicke und erzähle ihr zur Erinnerung von Bären, Löwen und dem Krokodil. „Auf dem Ballenberg gibt es auch ein tolles Museum, ein Freilichtmuseum, Nicki hat es da sehr gefallen!“ erzählt unser gegenüber begeistert und wir tauschen einige kindertaugliche Museumstips aus. Die Lautsprecheransage verkündet uns Bahnhofsnähe, Matt schaut erstaunt um sich. „Oh. Jetzt habe ich die Haltestelle verpasst, so viel quatschen musste ich. Das ist ein sehr guter Grund um die Haltestelle zu verpassen. Besser als zu verschlafen.“ Ich pflichte bei, reiche Äm ihre Mütze und will sie schon vom Sitz heben, als sie mich eines Besseren belehrt. „Ich kann das schon selber. Tschühüss, Mann, ich gehe jetzt einkaufen!“ Sie winkt und marschiert zum Ausgang. „Auf Wiedersehen und Danke für die Ausflugstipps, Nicki wird sich freuen, wenn er mal wieder bei mir ist!“, er winkt ebenfalls. „Merci auch, auf dass Sie bald gemeinsam musehen können!“, erwidere ich, kann gerade noch so mit der zielstrebigen Äm mithalten und steige aus. Draussen sehen wir, wie Matt uns durch die Scheibe zupocht.

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Blockeis und Zitronen


Es ist ein hundskommuner Montagabend, ich habe meinen Tag arbeitend bei Zürich verbracht, Herr G. hielt daheim Brut, Hund und Haushalt in Schach und kam gar noch dazu einzukaufen. Nun ist es so, dass ihn aus Frustration ob kindlichen Bodenwälztrotzanfällen unerfindlichen Gründen beim Einkauf die Lust auf Mojitos befiel und er alle Zutaten besorgte, die er als herstellungsnötig betrachtete. Nun sitzen wir hier, den Mojito in Greifnähe und überlegen uns Gründe, wieso wir uns an diesem herkömmlichen Wochentag einen Mojito genehmigen dürfen können sollen wollen. Es gäbe sie durchaus, die Gründe, mal ganz abgesehen von trotzenden Kindern, wir könnten feiern, dass es nur noch 146 Tage dauert, bis zu unserer Abreise, oder dass Herr G und ich in den nächsten 7 Wochen beide 30 werden, oder weil Äm seit zwei Wochen ziemlich gesund ist, oder weil der Welpe nur noch Fremde beisst, oder weil die neusten Abstimmungsresultate durchaus Argument wären, sich dem Alkoholismus hinzugeben, oder, und damit wären wir wohl bei den wichtigsten Argumenten angelangt, weil Mojito schmeckt und weil wir können.

Mit dem Entschluss für den Mojito stehen wir allerdings vor den nächsten Problemen: Die Limette ist eine Zitrone (Herr G. leidet unter Fruchtlegasthenie) und das Eis blockt. Ersteres lässt sich mit etwas Nachsicht und Gelassenheit übersehen und schön trinken, so flexibel sind wir, dem Eis in Blöcken werden wir aber nur lärmintensiv mit Handtuch und Hammer Herr und Herrin und müssen dafür, zu Gunsten des kindlichen Schlafs und elterlicher Nerven in den Keller. Im Keller finden wir allerdings jedes Werkzeug, nur den Hammer nicht, den haben wir nämlich im Schlafzimmer, bei den schlummernden Kinder liegen lassen. (Nicht wofür Sie denken, Sie Unholde! Unsere Kinder finden meist gewaltlos in den Schlaf, wir haben lediglich das Zimmer neu bebildert.) Wir nehmen also unsere schwersten Schuhe aus dem Schuhregal und lassen Tagesaggressionsstau erfolgreich am blockenden Eis aus. Die Wut ist weg, die Eisblockade nicht wirklich. Und dann fällt uns ein, dass so ein Gigantogefährt einen mojitobegünstigenden Vorteil hat: Es ist gewichtig! Einmal übers Eis gefahren und was einst blockte, bröselt nun. Das war sogar ziemlich verwegen, so ohne Winterpneus, auf purem Eis! MOJITOS FÜR ALLE!

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Wenn ICH alt bin, mein Kind


Allenthalben werden Alterspläne geschmiedet, dies ist meiner:

Wenn ich alt bin, mein Kind, muss ich nicht mehr wollen, können oder tun und wenn ich muss, selbst nachts, dann spielt es keine Rolle, welche Farbe die Wolken haben, denn ich habe sie alle gesehen, die Wolkenfarben, ohne dass ich sie je hätte suchen müssen oder auf sie warten, wenn ich nachts also muss, muss ich nur müssen und danach den Klodeckel wieder schliessen. Wenn ich danach nicht wieder einschlafen kann, öffne ich die hintersten, verstaubten Erinnerungskisten, krame in der Schachtel mit Weggabelungen und ordne sie nach Grösse. Und wenn ich dann senil aus Betten flüchte, ist mir das egal, ich mach mir Tee oder starken Kaffee und sehe euch lächelnd zu, wie ihr euch aus den Federn quält, aus Schlafanzügen schält, ich sehe euren ersten Blick in den Spiegel, ich sehe wie er euch anlügt, wie er euch Ungenügen zeigt und ich sehe euch, wie ihr ihm glaubt, euch aus menschlichen Formen vergeblich in Perfektionismus zupft, überflüssiges Gesichtshaar rupft, wohlwissend, dass in nicht zu ferner Zeit, wenn alles gut läuft, der Spiegel euch sagen wird, was ihr heute für leere Phrasen haltet: Dass Schönheit von innen kommt, kein festes Schema kennt und nichts mit der Absenz von Makeln zu tun hat. Und ich stelle kichernd fest, wie hilfreich die Fähigkeit ist, Unerreichbarem die Bedeutsamkeit wegzudenken, wie wohlig sie sich mit den neuen Wichtigkeiten ergänzt und passgenau jede Ritze meiner faltigen Seele füllt. Und im Moment, in dem sich die Türen des ersten Busses hinter euch schliessen, ihr habt mich nicht winken sehen, fällt mein Blick auf die geschrumpften Götter der Vergangenheit, wie sie da, klein und verspinnwebt, im Setzkasten stehen. Da ist sie ja, die Makellosigkeit! Behutsam nehme ich sie aus dem Kasten, puste sie staubfrei, betrachte sie ein wenig, gedenke der Opfer, die ich ihr einst dargebracht, und stelle sie liebevoll an ihren Platz, zwischen Jesus und Ansehen, zurück. Fast fühlt es sich an wie Glück, sie so klein zu wissen und skrupellos nicht zu vermissen. Und draussen zieht ihr nun gen Schule los oder bringt eure Kinder in ihre Gärten und Krippen, ich winke euch wieder und werde gesehen, stets von den selben, von trödelnden Liesen, luftfixierten Hansen und denen, bei denen die Pünktlichkeit und Ansehen schon geschrumpft im Setzkasten stehen. Und wenn der Postbote Botschaften einwirft, schiebe ich das Holen nicht auf, überhaupt prokrastiniere ich nicht mehr, allerhöchstens noch den Tod, nur ein wenig jedenfalls, bis zur nächsten Reise in ferne Kontinente, vielleicht, oder bis zum nächsten Urlaub im Nachbarland, vielleicht, oder bist zu dieser Dokumentation über Kasachstan, nächsten Donnerstag, vielleicht, sicher aber bis ich den Briefkasten geleert und seinen Inhalt sortiert habe, aber das reicht. Ich ordne zu Stapeln was mir ward gesendet, manches staple ich zu Türmen, manches aber endet auch einfach im Kamin. Und wenn ich dann die Zeitung finde, trage ich sie zum Küchentisch, mach ich mir Kaffee oder starken Tee und lese von dem, was ihr da so macht, von warmen und kalten Konflikten und Macht und davon wie das was ich für Gestern hielt urplötzlich zu Geschichte wird und seine Gültigkeit endgültig verliert. Das tut mir nicht weh, ich will nicht zurück, ich kenne den Klang berstender Utopien und Weltbilder in Schieflage verstören mich nicht. Mein grüner Daumen lässt Keime wachsen, ob sie nun Feldsalat oder Hoffnung werden. Es sind Zeiten wie diese, in denen ich Weltbilder golden rahme, zur Erinnerung an die Wand, neben all die vergilbten Weltbilder vergangener Tage hänge und mit Abstand betrachte. Während euch die Mittagsglocken nach hause rufen, lege ich mich hin zum Schlummern, träum’ mich zurück in frühere Zeiten, von Höhepunkt zu Sensation, und klammer aus das Kummern, die Alben in Träumen sind längst verbannt, mir ist, als hätte ich sie nur flüchtig gekannt. Und wenn ich erwache, wenn ich erwache, erwache ich weil ich es will und erst, wenn ihr schon alle beim Abendbrot sitzt oder wenn meine Kinder mir skypen aus Weltenweiten, die sie bereisen, weil anders kennen sie es nicht, denn sie wurden wie ich, mit Fernwehen geboren. Das muss wohl so sein, vielleicht, wir müssen reisen, vielleicht und vielleicht sind wir die, die die Weggabelungen, Götter und Weltbilder, die heute unsere Kisten, Setzkästen und Wände füllen, daheim nicht gefunden hätten. Wenn ihr dann all eure Verpflichtungen selig schlummernd wisst oder ahnt oder zumindest hofft, euch in Nachtgewändern des Perfektionismus entledigt, nur für die Nacht und so gut es eben geht, mach ich mir Tee oder starken Kaffee und sehe euch lächelnd dabei zu.

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Pendlergeschenke


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Die beste Vorgehensweise um präweihnachtlichen Stress zu umgehen, ist bereits im Januar mit der Ausschau nach Weihnachtsgeschenken zu beginnen. Falls Sie einen Pendler oder eine Pendlerin in Ihrem näheren Freundes- oder Familienkreis haben, möchte ich Ihnen heute behilflich sein und Ihnen einige Geschenkvorschläge auflisten:

Kleines Budget.

  • Lieblingsplatzreservationsdienst. Jede/r Pendler/in kennt ihn, DEN Lieblingsplatz, das ist der Platz, dem die ersten arbeitsmorgendlichen Gedanken gelten, der Platz, der dem Arbeitsweg überhaupt erst Sinn gibt, der Platz, der erheblich zur Qualität später zu erbringender Arbeiten beiträgt, DER PLATZ eben. Leider wird DER PLATZ manchmal fremdbesessen, mit längerfristig katastrophalen Auswirkungen, versteht sich, deswegen ist eine dauerhafte Reservation DES PLATZES trotz minimalen Kosten ein wirklich pendlerdienliches Präsent. Natürlich ist dieses Geschenk für den Schenkenden mit etwas Aufwand verbunden, aber wer würde für seine Liebsten schon nicht mit Freuden arbeitsmorgendlich den ersten Zug der erforderlichen Linie abwarten und den Platz besetzen, bis der/die Beschenkte zusteigt.
  • Nervpotentialextraktionsgutschein (in diversen zeitlichen Dauern lieferbar). Ebenfalls sehr preisgünstig, dafür mit etwas Aufwand verbunden, ist dieser Geschenkvorschlag: Vierteljähriges, halbjähriges oder sogar Ganzjähriges bodyguardähnliches Begleiten des Pendlers. Nicht nur wird dem Beschenkten dabei körperlich der Weg ZUM PLATZ (siehe oben) geebnet, auch werden hernach potentiell mühsame Mitfahrende freundlich aber bestimmt von DEM PLATZ, auf möglichst ferne Sitzplätze gelenkt. Beispiel: Beschenkte Pendlerin sitzt, gemütlich eingerichtet, bereit zur Fahrt, es nähert sich ein vor Gesprächsbereitschaft nur so strotzender, älterer Herr mit Rollkoffer, der Nervpotentialextrakteur, kurz NPE, (also Sie, als Schenkende/r) begrüssen den Herrn freundlich: «Guten Morgen, kann ich Ihnen behilflich sein?» «Gerne! Sie sind aber ein/e freundliche/r junge/r Frau/Mann!» wird der ältere Herr erwidern und Ihnen den Koffer reichen. Der NPE nimmt den Koffer und schreitet energischen Schrittes mindestens ans andere Ende des Waggons, ohne auf die Zurufe des Greisen zu reagieren, verstaunt ihn, fasst den älteren Herrn, der den NPE endlich, leicht irritiert erreicht hat, sanft an beiden Schultern und schiebt ihn auf den nächstbesten Platz.
  • Geruchsneutraliserender Raumduftspray (Reichweite in ca. 20m Länge, 3m Breite und 5m Höhe). Selbsterklärend, simpel, vielfältig einsetzbar, günstig und damit das perfekte Geschenk für entferntere Verwandte und nicht so sehr Bekannte.

Mittleres Budget

  • Laminiertes Antwortkartenset, alphabetisch geordnet, in hübscher Schachtel. Auch sie sind unter Pendlern einschlägig bekannt, die hartnäckig mitteilsamen Mitreisenden, die selbst betonte Lesevertieftheit nicht als Anhaltpunkt für Gesprächsunwille deuten können und wollen. Für diesen Fall empfehle ich dem/der Pendler/in eine hübsche Schachtel mit dem gut lesbaren Aufdruck «Sie möchten mich etwas fragen oder mich aus anderen Beweggründen ansprechen? Bitte, bedienen Sie sich.» anzufertigen und mit laminierten, visitenkartengrossen Kärtchen in diversen Ausführungen zu befüllen. Auf der Vorderseite wird die einleitende Frage, die schon auf der Schachtel steht, wiederholt, die Rückseiten variieren und können von den beschenkten Pendlern je nach Bedarf und Tagesverfassung in die Schachtel eingefüllt werden. Auf der Rückseite könnte etwa stehen:

Führen Sie besser Selbstgespräche. Aber leise. 
Bitte bewahren Sie diese Karte sorgfältig auf und zücken Sie sie bei neuerlichem Aufkeimen von Kontaktaufnahmebedürfnissen und bei unserer nächsten Begegnung. 

oder

Auf Ansprachen wird nur im Falle von wichtigen, ausserordentlichen Durchsagen reagiert.
Bitte bewahren Sie diese Karte sorgfältig auf und zücken Sie sie bei neuerlichem Aufkeimen von Kontaktaufnahmebedürfnissen und bei unserer nächsten Begegnung.  

Die Schachtel könnte der Pendler hernach stets mit sich führen und bei Bedarf aufstellen, ein kurzer gestischer Verweis sollte den gesprächigen Gegenübern verständlich sein, für den Rest wäre fortan gesorgt.

  • MixTape «On the Railway» (Kleines Budget), eventuell mit Zubehör (Mittleres Budget). Ein etwas zu vergessener Klassiker, der ohne Zubehör sehr günstig zu erstehen ist und durch handverlesene Auswahl der Musikstücke eine persönliche Note erhält. Ich empfehle Ihnen sich für das perfekte Gelingen hilfesuchend an erfahrene Pendler der selben Pendelstrecke zu wenden, die auch der/die zu beschenkende Pendler nutzt, wäre es doch eine Schande, offensichtliche Tunnelmusik zu spielen, wo gerade ein Fluss überquert wird. Darf das Geschenk etwas mehr kosten, schenken Sie ein passendes Paar Kopfhörer mit kleinmaschigem Aussengeräuschfilter dazu.
  • Oropax mit verstellbaren Filterstufen und -arten. Auch dies: Selbsterklärend, simpel und mit den 6 Extrapendlerfiltern (Kinderkreisch-, Greisengebrabbel-, Mobilphonmonolog-, Teenietratsch-, Snackschmatz- und Rotzhustniesfilter) ein absoluter Gewinn.

Grosses Budget.

  • Autorefillthermocoffeecup mit diversen Regulierungsfunktionen (Zu Deutsch: Selbstauffüllender Thermokaffeebecher mit diversen Regulierungsfunktionen). Mit personenbezogenen Kaffeebedürfnissensoren (die Blutdruck, Körpertemperatur, sowie Gehirnaktivitäten messen und je nach Resultaten zur Selbstaktivierung auswerten) ausgestatteter Thermokaffeebecher, mit regulierbarer Temperatur-, Beigabe-, Kaffeesorte-, -stärke- und -maschinenherkunftsfunktion, samt jederzeit einsetzbarem Revidierungsknopf.
  • Portable Universalarmlehne. Unter Pendlern bekannt sind auch die, meist männlichen Mitreisenden, die sich ungleich breitbeiniger in den Sessel setzen, als ihre Körperlichkeit, auch bei grosszügigster Schätzung des Unsichtbaren, es verlangte, die Beine über alle Verhältnisse und Platzgrenzen gespreizt, bleibt Danebensitzenden, um unerwünschte Berührungspunkte zu vermeiden, nur, sich auf die Belegung der Hälfte des eigenen Sitzes zu beschränken, oder, und diese Variante ist ungleich effektvoller, die Armlehne schwungvoll runterzuklappen. Was aber, wenn keine Armlehne zur Abgrenzung vorhanden ist? Genau, hier kommt die portable Universalarmlehne zu Einsatz. Mit ihrer einfachen Handhabung zwar etwas kostspielig, ist sie ihren Preis aber allemal wert.

Sehr grosse Budget

  • GA. Der Klassiker unter den Pendlergeschenken, kostspielig, aber lebensnotwendig.

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Ich verspreche Ihnen allenthalben unermessliche Dankbarkeit und Freude!

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