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Gminggmanggs im Papiliorama


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

 

Einleitend

Einleitend zu sagen ist: Der Ausflug, also Fahrkosten und Eintritt, wurden uns netterweise von der SBB bezahlt, damit wir hier über die neue Familien-Tageskarte berichten können. Da ich das Wochenende partnerlos darbte, begleitete uns meine Schwester, die ihre Dienste als Ausflugsfotografin anbot.

Die Vorbereitung

Es ist allgemein bekannt, dass Kinder ohne grossen Aufwand in relativ grosse Aufregung zu versetzen sind, da reicht ein Flatulieren zur richtigen Zeit oder die Möglichkeit den Liftknopf zu bedienen, es verwundert also nicht, dass meine Töchter bei der Verkündigung des Samstagsprogramms, nämlich Schmetterlinge, Vögel und Chäferli (Käferchen) besuchen zu fahren, in lautes Jubilieren ausbrachen. „Das freut mich,“ so klein M. (2 Jahre) nachdem sie die erste Phase der Vorfreude, lautes Kreischen und Hüpfen, erfolgreich abgeschlossen hatte, „aber Käfeli (Kaffeechen, Dimuinitiv in Höchstform) darf ich nicht trinken.“ „Chäferli! Chäfer! Denk!“ schuf  Y. (4 Jahre) sofort Klarheit und die beiden konnten zur nächsten Stufe kindlicher Vorfreude übergehen, der Frage „Gehen wir jetzt?“. Gute 18 Stunden später, am Samstagmorgen, packten wir unsere 7, 10, 15 zuvielen Sachen und brachen auf, das Papiliorama heimzusuchen.

Die Anfahrt

Wir hatten die Zeit grosszügig berechnet, so konnten wir gemütlich vom Bus, durch den Berner Bahnhof, zum hinterletzten Gleis trödeln, uns noch Nervenproviant (Kaffee) holen und es spielte absolut keine Rolle, dass die Kinder, begeistert ob ihren picknickbefüllten Rucksäcke, alle paar Schritte stehen bleiben und wahlweise ihren wahnsinnigen Durst ertränken oder ihren spriessenden Hungerast ansägen mussten. Beim Gleis angelangt, stand der Zug schon so rum und so konnten wir Erwachsenen unseren Kaffee sitzend geniessen und die Kinder, schon redlich satt, waren einer Verschnaufpause ebenfalls nicht abgeneigt. Das erste was die Kinder nach geeignetem Platzfund in Öffentlichen Verkehrsmittel tun, ist: Schuhe ausziehen. Die fünf Minuten die wir stehenden Zuges im Berner Bahnhof verbrachten verstrichen rasch und gerade als M. sich über den langen Tunnel zu beklagen begann, fuhren wir los. Die Fahrt bis Kerzers verlief ruhig, die Grösse von Zugfenstern und die Bewegungsfreiheit, so ohne Gurte und Kindersitze, scheint die kindliche Fahrgeduld zu multiplizieren. Kurz vor Kerzers verstauten wir unser Chaos fachgerecht zurück in unsere Rucksäcke und die Kinder artgerecht in Regenkleidung. Auch die anderen Mitreisenden mit Kindern wurden geschäftig, es herrschte friedliche Aufbruchstimmung. In Kerzers angekommen regnete es in Strömen, wer keine Regenkleidung trug, rannte eilends in Deckung und wartete da. 7 Minuten Umsteigezeit, meinte der gespeicherte Verlauf des Online-Fahrplans, genügend Zeit also, um an einem so kleinen Bahnhof wie Kerzers von Zug zu Zug zu kommen. Bei Verspätung würde es vielleicht etwas knapp, dachte ich mir, als ich da so mit Kind, Kegel und dem Rest der Reisendenherde durch den Regen unters Dach rannte, wo wir schliesslich warteten. Wir warteten etwa 6 Minuten lang. Dann fanden wir es seltsam, dass der Zug noch nicht angekündigt wurde. Dann fanden wir es seltsam, dass unser Zug von eben noch auf dem Gleis und damit doch eigentlich im Weg stand. Dann kontrollierte ich erneut den gespeicherten Verlauf des Online-Fahrplans. Dann stellten wir fest, dass mittlerweile der Zug von eben anders beschriftet wurde, machten die anderen Warten ebenfalls darauf aufmerksam, klemmten die Kinder unter den Arm und trabten geschlossen zurück in den Zug, der sogleich abfuhr. Wir verbuchten das als erlebnispädagogische Intervention zur Stärkung des Papilioramabesuchergruppengefühls, initiiert von der Abteilung für Soziales der SBB, oder als kleinen, leicht verwirrenden Fehler in der Ausführung des Online-Fahrplans.

Gestrandet in Kerzers (Alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler)

Warten in Kerzers alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler

Die Weiterfahrt dauerte danach jedenfalls nur noch eine weitere Minute, das Papiliorama hat seine eigene Haltestelle, und auch der klitzekleine Fussmarsch bis zum Eingang war problemlos zu bewältigen. Im Innern hatte es dann erstaunlich wenig Leute, jedenfalls dafür, dass wir uns an einem verregneten Samstag hierhin gewagt hatten.

Im Papiliorama

Obwohl es in den Vorräumen noch relativ kühl war, entledigten sich die Kinder sofort der meisten ihrer Kleidungsstücke und wären am liebsten nackt durch die Häuser gerannt, schliesslich hatte ich am Vortag neben Fauna und Flora auch die Wärme angepriesen. Was uns fehlte, waren Schliessfächer, denn jenseits des Sommers hat man doch einiges an Kleidung dabei, die man nicht unbedingt durch die ganzen Häuser schleppen möchte. Wir liessen also Kleidung und die Kinderrucksäcke liegen und nahmen nur die Wertsachen, Proviant nicht mitgerechnet, mit ins erste Haus. Das Nocturama ist das dunkelste der drei Riesenterrarien und bietet Fledermäuse, Faultiere, Fledermäuse, Stachelschweine, Fledermäuse, Ozelotten Ozelotter Ozelote und mehr Getier, beispielsweise Fledermäuse. Letztere schwirrten uns derart skrupellos um die Ohren, dass ich, aus Angst, eine verfliegt sich in meinen Mund, nur noch durch die Mundwinkel redete. Auf Kinderhöhe war wenig von dem Fledervieh zu merken, allerdings, nach den Kreischern der Pubertierenden zu beurteilen, schien auf Teeniehöhe ganz besonders viel Verkehr zu herrschen. Kaum hatten wir das Nocturama verlassen, klagten die Kinder über Hunger und wir richteten uns in der grosszügigen Picknickecke ein und schlemmten relativ ungestört vor uns hin.

Nach dem Essen zog es uns zu den Schmetterlingen. Die Flogen uns zwar auch um die Ohren, wirkten dabei aber deutlich lieblicher. Besonders Y kam gar nicht mehr aus dem Staunen raus, rannte von Schmetterling zu Schmetterling und blieb eine geschlagene Viertelstunde vor dem Schaukasten, mit den aus ihren Verpuppungen schlüpfenden Jungschmetterlingen, stehen. M. interessierte sich mehr für die wirklich haarprächtigen Riesenspinnen in ihren Terrarien und für die Exkremente der Vögel, die ebenfalls im Schmetterlingshaus hausen.

Richtig warm wurde es dann im dritten Haus, dem Jungle Trek, das einigen Tukanen, Rosa Löfflern, Leguanen und mehr Platz bietet und von den Kindern hauptsächlich für seine grosse Brücke mit der Wendeltreppe und dem kameraverliebten Rosa Löffler geliebt wurde, der sich für de Besucher mit an Aufdringlichkeit grenzender Hingabe in Pose warf.

Spätestens jetzt, waren auch wir Erwachsene ungemein müde, verschwiegen den Kindern den Streichelzoo und bliesen zum Abmarsch gen Heim.

Rückreise

Ohne uns erst auf dem Fahrplan nach den Abfahrtszeiten zu erkundigen, begaben wir uns zum Bahnhof und warteten den nächsten Zug ab, der uns zehn Minuten später Richtung Lyss fuhr. Wieder fanden wir problemlos ein Abteil für uns und diesmal stiegen wir in Lyss regenfrei und sinnvoll um und hatten in angenehmem zeitlichen Abstand einen Anschlusszug. Die Kinder hingen uns waschlappern auf den Knien und schauten sich mit uns auf Smartphones und Digitalkamera die gemachten Bilder an, kommentierten und resümierten.

 

Heimkehr

Heimkehr (Alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler)

Fazit

Obwohl es sich für uns, als GA-Besitzer und Pendler mit Kindern unter sechs Jahren kaum lohnt, eine Kombikarte wie diese zu lösen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass sich das Angebot für Familien oder andere Erwachsene finanziell durchaus lohnen kann. Besonders toll finde ich dass sich das Angebot, trotz seines Namens, nicht nur auf Familien beschränkt.

 

*Die Familien-Tageskarte kostet 85 Franken und gilt einen ganzen Tag lang in der 2. Klasse für max. 2 Erwachsene und 1-5 Kinder auf dem gesamten GA-Geltungsbereich. Zum Vergleich: Wenn zwei Erwachsene ohne Abo mit zwei Kindern ohne Junior-Karte von Luzern ins Alpamare fahren und retour, kosten die Zugbillette 162 Franken. Die Familien-Tageskarte ist also ein attraktives ÖV-Angebot für Familien, die sonst mit dem Auto reisen.

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im ÖV mit dem Welpen


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Welpe goes Zug

Die Anschaffung eines Welpen bringt einige Veränderungen mit sich: Dass man sein Heim plötzlich mit Laufgittern schmückt, wo man trotz Kindern bisher ohne ausgekommen ist, beispielsweise, oder dass man sich dabei ertappt, die vorbeilaufenden Vierbeiner als potentiell liebenswert einzuschätzen, beispielsweise, oder dass man Robidog-Seckli und «Gudeli» findet, wo man bis vor kurzem nur angekaute Dinkelkekse und Schnuller fand, beispielsweise, oder dass man erstmals einen Erziehungsratgeber liest und Dinge daraus tatsächlich wörtlich beherzigt, beispielsweise, oder aber, dass die eigene Wahrnehmung beim Betreten eines öffentlichen Verkehrsmittel urplötzlich um einen Meter, direkt auf Welpenhöhe, sinkt. Da bleibt sie auch einstweilen, die Wahrnehmung, denn aus einem Welpen einen angenehmen Mitreisenden zu machen, ist ein nicht zu unterschätzendes Stück Trainingsarbeit.

Die 9 wichtigsten Punkte, deren Sie sich beim ÖV-Fahren mit Welpe bewusst sein sollten:

1. Zeitpunkt und Regelmässigkeit
Je früher ein Welpe an Lärmpegel, Geräusche, Frequentierung und Gerüche öffentlicher Verkehrsmittel gewöhnt wird, desto nachhaltiger ist die Gewöhnung. Das heisst selbstredend nicht, dass Welpen vom Uterus direkt in den nächsten Linienbus getragen werden sollen, aber sobald sie weg vom Muttertier, bei ihren neuen Besitzern sind, kann langsam mit dem Training begonnen werden.

2. Taschenwahl
Besonders sehr junge Welpen werden mit Vorteil in einer Tasche transportiert. So reist der Hund (bis 30 cm Risthöhe) nicht nur gratis, sondern auch in vertrauter Umhüllung, jedenfalls wenn dem Vierbeiner daheim schon eine Taschenannäherungsphase gewährt wurde. Personen mit übersteigertem Stilbewusstsein können das Taschensortiment so erweitern, dass zu jedem Outfit ein passendes Exemplar bereit steht, dabei ist allerdings das schwindelerregende Wachstumstempo von Welpen einzuberechnen.

Taschenwelpen

Taschenwelpe II

3. Angst nicht verstärken
Die meisten Welpen werden in einer derart neuen, aufregenden Situation anfänglich zittern, winseln, herzerreissend ängstlich hundeblicken und jedes Individuum mit Herz möchte das verängstigte Kleinwesen hingebungsvoll an die Brust drücken und ihm zuflüstern, dass alles wieder gut wird. ABER jede positive Zuwendung als Reaktion auf Angstverhalten wird der Welpe als Bestätigung sehen, dass sein Verhalten angemessen ist. Deshalb gilt es, Streicheleinheiten und andere Belohnungen auf die eine Millisekunde aufzusparen, in der der Welpe das Zittern und Winseln vergisst und ruhig an seinem Plätzchen sitzt, dafür darf dann aber all das Aufgesparte mit Inbrunst und Theatralik zelebriert werden.

Brav Welpe

4. Pipipfützenputzpapier
Welpen pinkeln. Meistens weil sie müssen, weil sie können, aus Angst, aber auch aus Freude. Mit Angstpinkeln rechnet man, denn, siehe oben, Erstfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitten können den Welpen durchaus verängstigen. Womit man vielleicht nicht rechnet, ich persönlich aber häufiger erlebt habe als alle anderen Pinkeleien, ist das Urinieren aus Freude. (Wieso Freudepinkeln? Siehe Punkt Begegnungen) In allen Fällen hilft aber saugstarkes Papier und eines der ominösen blauen Säcklein.

5. Begegnungen
«Ja, Hallooo, wer bist denn du? Guziguzi!»
«Ja, bist du ein Süsser! Es ist doch ein er? Du bist bestimmt ein ER! Guziguzi!»
«Ja, was wirdst DUUU denn wenn du gross bist, hm? Guziguzi!»
Als Eltern kennt man den weit verbreiteten Willen, alles was nach Baby oder Kleinkind aussieht zu kommentieren und wahlweise gleich noch praktische Erziehungstipps mitzuliefern.  Spätestens nach der ersten ÖV-Fahrt weiss auch der Welpenbesitzer um das gesteigerte Mitteilungsbedürfnis. Es ist toll, wenn man derart viel Offenheit begegnet, aber gerade Welpen, die sich im Lernprozess befinden, werden durch Tröstversuche und ausufernde Begeisterungsbekundungen von Fremden entweder zusätzlich verängstigt, oder hochgeputscht bis zum Freudenpinkeln. (Siehe oben.)

6. Billett lösen
Sobald der Welpe sämtlichen Taschen entwachsen ist oder eine grössere Widerristhöhe als 30cm aufweist, muss für den Hund ein 1/2 Billet, eine Hunde-Tageskarte oder ein Hunde GA gelöst werden.

7. Ein- und Aussteigen
Wenn der Welpe keinen Platz mehr in verfügbaren Taschen hat, ist es Zeit, dass er Busse und Züge zu Pfoten betritt. Anfangs muss beim Ein- und Aussteigen noch geholfen werden, später geschieht das selbständig. Wichtig ist, dass der Hund lernt, Aussteigenden vor dem Eintritt den Vortritt zu lassen und nicht auf Einlass zu drängeln und an der Leine zu zerren, aber in der Regel können die Vierbeiner das besser als die erfahrensten Zweibeiner unter uns.

8. Platzwahl
Mit der Wahl des richtigen Platzes kann als Welpenbesitzer schon Vieles positiv beeinflusst werden. Die wichtigsten Kriterien sind: Rückzugsmöglichkeit (unter den Sitz), keine Hundephobiker auf dem Nebensitz, keine Hundeeuphoriker auf dem Nebensitz, nichts Essbares in unmittelbarer Nähe und keine anderen Hunde in unmittelbarer Nähe.

9. Leinenwirren
Es ist unbedingt zu beachten, dass beim Aussteigen korrekt ausgefädelt wurde, denn der Umstand, dass die Leine sich noch um eine Haltestange im Verkehrsmittelinnern befindet, während Hund und Herrchen oder Herrin schon draussen stehen, könnte relativ unschöne Folgen haben.

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“Hast du Durst?”


Wir stehen genau richtig, die Bustüren halten passgenau vor unseren Füssen. Ich hebe Äm hoch, damit sie den Türknopf betätigen kann und widerstehe danach erfolgreich dem Impuls, ihr beim Einsteigen zu helfen. Sie will und kann das alleine und jeder Hauch von angedeuteter Hilfe hätte zur Folge, dass sie noch mal aussteigen muss, um dann gänzlich selbständig wieder einzusteigen. Der Bus ist gut besetzt, nur einzelne Sitze sind noch unbelegt, bist auf die Doppelsitzbank im Viererabteil, ganz hinten im Bus. Mir wird sogleich klar, weshalb die Sitze noch frei sind, denn mit im Abteil sitzt ein Mann mittleren Alters, in der Hand eine Dose Bier, neben sich auf dem Sitz sieben weitere Dosen. Er scheint zu dösen und sitzt, den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, in sich gesunken da, die Dose liegt beängstigend schief in seiner Hand. Ich biete Äm an, sie auf den Schoss zu nehmen und weise auf den vorderen Bereich des Busses, aber Äm marschiert zielgerichtet zur freien Zweierbank uns setzt sich vis à vis vor den Dösenden. Ich folge ihr widerstrebend, der Geruch von Bier setzt mir, besonders morgens, stark zu, Äm jedoch scheint sehr zufrieden mit ihrer Platzwahl und mustert unseren Abteilsgenossen mit grossem Interesse. Ich ziehe die Beine an, weil ich fürchte, die schräge Dose Bier könnte ihren Inhalt genau über meinen Schuhen verlieren. Unser Gegenüber scheint immer mehr in sich zu sacken, seine halblang ins Gesicht fallenden, strähnigen Haare beschrieben die Scheibe mit einer schmierigen Fallspur. „Schläfst du?“ fragt Äm den Dösenden unvermittelt und zeigt sich wenig beeindruckt ob meiner Bitte, den Mann doch schlafen zu lassen, „Du-u, Ma-ann, schläfst du?“, fragt sie statt dessen nachdrücklicher. Unser Gegenüber erwacht, richtet die Dose in seiner Hand in auslaufsichere Position und sich selber auf. Er sieht müde aus, lächelt aber, sobald er die fragende Äm erblickt. „Ja, ich bin müde, manchmal macht das Leben das.“, er lächelt mich verschmitzt an und für einen Augenblick ist sein wahres Alter zu sehen, das Alter, das unter dem vorzeitig verlebten, gezeichneten Gesicht nur schwer wahrzunehmen ist. „Hast du Durst?“, fragt Äm weiter. Wieder lächelt er. „Ich habe Durst, viel zu viel vom falschen Durst. Und du erinnerst mich an meinen Sohn, der ist auch immer so neugierig. Er heisst Nicolas, aber alle sagen ihm Nicki. Ich heisse Matt, so wie Schachmatt. Und du?“ Äm wird ein bisschen verlegen, brummelt ihren Namen, nimmt meine Hand, beginnt mit den Beinen zu baumeln und trifft dabei das Knie unseres Gegenübers. Ich entschuldige mich und stoppe die Baumelbeine sanft. „Macht nichts,“ lächelt Matt wieder, die Hose ist doch schon dreckig und das Knie hat schon Schlimmeres gesehen.“ Tatsächlich lässt sich auf seiner Hose kaum ein unbefleckter Fleck entdecken, das scheint nun auch Äm aufzufallen. „Ist das deine Matschhose?“ Kichernd wird er erneut einige Jahre jünger und bejaht die Frage. „Nicki hat auch eine Matschhose. Nicki ist gerne draussen. Ich vermisse ihn… Schau! Hast du den grossen Lastwagen da gesehen?“ er pocht aufgeregt gegen die Scheibe, worauf Äm begeistert einsteigt und mit Inbrunst mitpocht. „Ich kenne auch einen Nick.“, steigt Äm auf das Gespräch ein und muss dafür ziemlich laut sprechen, weil die beiden noch immer pochen, „Mein Nick hat auch einen Hund. Wau!“ Matt stoppt das Pochen und kramt in seiner Hemdtasche nach einem Foto. „Das ist Nicki. Nicki hat keinen Hund, er darf da keinen halten, aber er mag Tiere. Als ich ihn das letzte mal gesehen habe, waren wir zusammen im Naturhistorischen Museum. Da hat es viele Skelette, tote Tiere, Kristalle und Meteoriten. Warst du auch schon da?“ Äm schaut mich fragend an: „War ich da schon?“ Ich nicke und erzähle ihr zur Erinnerung von Bären, Löwen und dem Krokodil. „Auf dem Ballenberg gibt es auch ein tolles Museum, ein Freilichtmuseum, Nicki hat es da sehr gefallen!“ erzählt unser gegenüber begeistert und wir tauschen einige kindertaugliche Museumstips aus. Die Lautsprecheransage verkündet uns Bahnhofsnähe, Matt schaut erstaunt um sich. „Oh. Jetzt habe ich die Haltestelle verpasst, so viel quatschen musste ich. Das ist ein sehr guter Grund um die Haltestelle zu verpassen. Besser als zu verschlafen.“ Ich pflichte bei, reiche Äm ihre Mütze und will sie schon vom Sitz heben, als sie mich eines Besseren belehrt. „Ich kann das schon selber. Tschühüss, Mann, ich gehe jetzt einkaufen!“ Sie winkt und marschiert zum Ausgang. „Auf Wiedersehen und Danke für die Ausflugstipps, Nicki wird sich freuen, wenn er mal wieder bei mir ist!“, er winkt ebenfalls. „Merci auch, auf dass Sie bald gemeinsam musehen können!“, erwidere ich, kann gerade noch so mit der zielstrebigen Äm mithalten und steige aus. Draussen sehen wir, wie Matt uns durch die Scheibe zupocht.

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Pendlergeschenke


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Die beste Vorgehensweise um präweihnachtlichen Stress zu umgehen, ist bereits im Januar mit der Ausschau nach Weihnachtsgeschenken zu beginnen. Falls Sie einen Pendler oder eine Pendlerin in Ihrem näheren Freundes- oder Familienkreis haben, möchte ich Ihnen heute behilflich sein und Ihnen einige Geschenkvorschläge auflisten:

Kleines Budget.

  • Lieblingsplatzreservationsdienst. Jede/r Pendler/in kennt ihn, DEN Lieblingsplatz, das ist der Platz, dem die ersten arbeitsmorgendlichen Gedanken gelten, der Platz, der dem Arbeitsweg überhaupt erst Sinn gibt, der Platz, der erheblich zur Qualität später zu erbringender Arbeiten beiträgt, DER PLATZ eben. Leider wird DER PLATZ manchmal fremdbesessen, mit längerfristig katastrophalen Auswirkungen, versteht sich, deswegen ist eine dauerhafte Reservation DES PLATZES trotz minimalen Kosten ein wirklich pendlerdienliches Präsent. Natürlich ist dieses Geschenk für den Schenkenden mit etwas Aufwand verbunden, aber wer würde für seine Liebsten schon nicht mit Freuden arbeitsmorgendlich den ersten Zug der erforderlichen Linie abwarten und den Platz besetzen, bis der/die Beschenkte zusteigt.
  • Nervpotentialextraktionsgutschein (in diversen zeitlichen Dauern lieferbar). Ebenfalls sehr preisgünstig, dafür mit etwas Aufwand verbunden, ist dieser Geschenkvorschlag: Vierteljähriges, halbjähriges oder sogar Ganzjähriges bodyguardähnliches Begleiten des Pendlers. Nicht nur wird dem Beschenkten dabei körperlich der Weg ZUM PLATZ (siehe oben) geebnet, auch werden hernach potentiell mühsame Mitfahrende freundlich aber bestimmt von DEM PLATZ, auf möglichst ferne Sitzplätze gelenkt. Beispiel: Beschenkte Pendlerin sitzt, gemütlich eingerichtet, bereit zur Fahrt, es nähert sich ein vor Gesprächsbereitschaft nur so strotzender, älterer Herr mit Rollkoffer, der Nervpotentialextrakteur, kurz NPE, (also Sie, als Schenkende/r) begrüssen den Herrn freundlich: «Guten Morgen, kann ich Ihnen behilflich sein?» «Gerne! Sie sind aber ein/e freundliche/r junge/r Frau/Mann!» wird der ältere Herr erwidern und Ihnen den Koffer reichen. Der NPE nimmt den Koffer und schreitet energischen Schrittes mindestens ans andere Ende des Waggons, ohne auf die Zurufe des Greisen zu reagieren, verstaunt ihn, fasst den älteren Herrn, der den NPE endlich, leicht irritiert erreicht hat, sanft an beiden Schultern und schiebt ihn auf den nächstbesten Platz.
  • Geruchsneutraliserender Raumduftspray (Reichweite in ca. 20m Länge, 3m Breite und 5m Höhe). Selbsterklärend, simpel, vielfältig einsetzbar, günstig und damit das perfekte Geschenk für entferntere Verwandte und nicht so sehr Bekannte.

Mittleres Budget

  • Laminiertes Antwortkartenset, alphabetisch geordnet, in hübscher Schachtel. Auch sie sind unter Pendlern einschlägig bekannt, die hartnäckig mitteilsamen Mitreisenden, die selbst betonte Lesevertieftheit nicht als Anhaltpunkt für Gesprächsunwille deuten können und wollen. Für diesen Fall empfehle ich dem/der Pendler/in eine hübsche Schachtel mit dem gut lesbaren Aufdruck «Sie möchten mich etwas fragen oder mich aus anderen Beweggründen ansprechen? Bitte, bedienen Sie sich.» anzufertigen und mit laminierten, visitenkartengrossen Kärtchen in diversen Ausführungen zu befüllen. Auf der Vorderseite wird die einleitende Frage, die schon auf der Schachtel steht, wiederholt, die Rückseiten variieren und können von den beschenkten Pendlern je nach Bedarf und Tagesverfassung in die Schachtel eingefüllt werden. Auf der Rückseite könnte etwa stehen:

Führen Sie besser Selbstgespräche. Aber leise. 
Bitte bewahren Sie diese Karte sorgfältig auf und zücken Sie sie bei neuerlichem Aufkeimen von Kontaktaufnahmebedürfnissen und bei unserer nächsten Begegnung. 

oder

Auf Ansprachen wird nur im Falle von wichtigen, ausserordentlichen Durchsagen reagiert.
Bitte bewahren Sie diese Karte sorgfältig auf und zücken Sie sie bei neuerlichem Aufkeimen von Kontaktaufnahmebedürfnissen und bei unserer nächsten Begegnung.  

Die Schachtel könnte der Pendler hernach stets mit sich führen und bei Bedarf aufstellen, ein kurzer gestischer Verweis sollte den gesprächigen Gegenübern verständlich sein, für den Rest wäre fortan gesorgt.

  • MixTape «On the Railway» (Kleines Budget), eventuell mit Zubehör (Mittleres Budget). Ein etwas zu vergessener Klassiker, der ohne Zubehör sehr günstig zu erstehen ist und durch handverlesene Auswahl der Musikstücke eine persönliche Note erhält. Ich empfehle Ihnen sich für das perfekte Gelingen hilfesuchend an erfahrene Pendler der selben Pendelstrecke zu wenden, die auch der/die zu beschenkende Pendler nutzt, wäre es doch eine Schande, offensichtliche Tunnelmusik zu spielen, wo gerade ein Fluss überquert wird. Darf das Geschenk etwas mehr kosten, schenken Sie ein passendes Paar Kopfhörer mit kleinmaschigem Aussengeräuschfilter dazu.
  • Oropax mit verstellbaren Filterstufen und -arten. Auch dies: Selbsterklärend, simpel und mit den 6 Extrapendlerfiltern (Kinderkreisch-, Greisengebrabbel-, Mobilphonmonolog-, Teenietratsch-, Snackschmatz- und Rotzhustniesfilter) ein absoluter Gewinn.

Grosses Budget.

  • Autorefillthermocoffeecup mit diversen Regulierungsfunktionen (Zu Deutsch: Selbstauffüllender Thermokaffeebecher mit diversen Regulierungsfunktionen). Mit personenbezogenen Kaffeebedürfnissensoren (die Blutdruck, Körpertemperatur, sowie Gehirnaktivitäten messen und je nach Resultaten zur Selbstaktivierung auswerten) ausgestatteter Thermokaffeebecher, mit regulierbarer Temperatur-, Beigabe-, Kaffeesorte-, -stärke- und -maschinenherkunftsfunktion, samt jederzeit einsetzbarem Revidierungsknopf.
  • Portable Universalarmlehne. Unter Pendlern bekannt sind auch die, meist männlichen Mitreisenden, die sich ungleich breitbeiniger in den Sessel setzen, als ihre Körperlichkeit, auch bei grosszügigster Schätzung des Unsichtbaren, es verlangte, die Beine über alle Verhältnisse und Platzgrenzen gespreizt, bleibt Danebensitzenden, um unerwünschte Berührungspunkte zu vermeiden, nur, sich auf die Belegung der Hälfte des eigenen Sitzes zu beschränken, oder, und diese Variante ist ungleich effektvoller, die Armlehne schwungvoll runterzuklappen. Was aber, wenn keine Armlehne zur Abgrenzung vorhanden ist? Genau, hier kommt die portable Universalarmlehne zu Einsatz. Mit ihrer einfachen Handhabung zwar etwas kostspielig, ist sie ihren Preis aber allemal wert.

Sehr grosse Budget

  • GA. Der Klassiker unter den Pendlergeschenken, kostspielig, aber lebensnotwendig.

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Ich verspreche Ihnen allenthalben unermessliche Dankbarkeit und Freude!

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Pfeife mit Rucksack


(Der folgende Text erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

PfeifemitRucksack

Es ist Dienstag. So ein Dienstag, der sich anfühlt als wäre er ein Freitag, nur ohne die Aussicht auf ein baldiges Wochenende. «Ist hier noch frei?», fragt er und quetscht sich, den Rucksack mit mindestens 60 Litern Volumen noch immer am Rücken, zum Fensterplatz vis-à-vis von mir. «Ähm, ja, eigentlich schon…», erwidere ich. «Eigentlich schon? Wie meinst du das?», er pustet sich eine Strähne seines Haars derart energisch aus dem Gesicht, dass ich den Lufthauch spüre. Ich halte für einige Sekunden die Luft an und atme erst wieder ein, als ich davon ausgehen kann, dass die Aerobakterien in fremde Lufträume weitergezogen sind.

Der Rucksack.

«Eigentlich schon, ja, aber jetzt sitzt du schon und meine Antwort spielt keine Rolle mehr.», antworte ich und versuche mich im Ansatz eines versöhnlichen Lächelns. «Aber natürlich spielt das eine Rolle, ich könnte schon noch Platz wechseln…», er versucht sich zu erheben, wird aber durch den offensichtlich sehr gewichtigen Rucksack massiv behindert. «Schon in Ordnung, wirklich, bleib nur», beschwichtige ich und möchte nichts anderes, als mich in meiner wohlverdienten, gänzlich schüler- und kinderlosen Pendelstunde irgendeiner Belanglosigkeit – heute einem seichten Buch – zu widmen. «Danke. Ich hätte jetzt ungern Platz gewechselt. Und nicht dass du jetzt denkst, ich könnte gar nicht mehr aufstehen. Du müsstest mir beim Aufstehprozess nur mit einem kurzen, kräftigen Zug am vorzugsweise rechten Arm behilflich sein, dann würde das schon klappen. Das Problem ist der Rucksack. Der ist einfach zu schwer. Ich habe wirklich sehr viel Material bei mir.» «Mmhmm, okay», brummle ich und fülle die Zeilenzwischenräume mit so viel Ich-will-nicht-gestört-werden wie möglich.

Der Brustgürtel.

«Aber das Gewicht alleine wäre ja nicht mal so schlimm, nein, vorhin im Bus ist mir auch noch die Schnalle am Brustgürtel kaputt gegangen. Schau!» Meine Reflexkontrolle versagt: Ich blicke wider besseren Wissens kurz hoch. Er deutet theatralisch und mit weit ausholenden Zeigebewegungen auf den Brustgürtel seines Rucksacks und beginnt mit verstellter Stimme vorzutragen: «Welcome on board. Fasten your breastbelts please. Unfortunately you kannst ihn aber nie mehr öffnen. Das blöde Teil ist kaputt. Jetzt kann ich meinen Rucksack nicht mehr ausziehen, ohne den Brustgurt zu zerschneiden. Hast du ein Sackmesser?» Leicht konsterniert lege ich mein Buch auf den Zugtisch und beginne in meiner Tasche zu wühlen. «Ähm, nein, ich habe kein Sackmesser dabei», teile ich schulterzuckend mit und widme mich, im Glauben meine Schuldigkeit endgültig getan zu haben, wieder dem Buch.

Die Pfeife.

«Zum guten Glück, es wäre auch irgendwie unpraktisch, den Rucksack ohne Brustgurt zu tragen. Und dann ist da ja auch noch die Hilferuf-Pfeife dran. Wer weiss, wann ich die brauche!? Ob die auch kaputt ist?» Ich höre wie er Luft holt, lasse das Buch fallen und kann mir gerade noch rechtzeitig die Ohren zuhalten. Dem Pfiff nach zu urteilen, verfügt der Mann über die Lungenkapazität eines Nichtrauchers mit Arienerfahrung. «Sie funktioniert», stellt er zufrieden fest. Ich, unsere Mitpassagiere und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch das Dorf, durch welches wir gerade fahren, empfinden eher Angst und Pein. Der Zug ist voll, ein Platzwechsel ausgeschlossen, mir bleibt nur Musik, auch wenn ich befürchte, dass die Dienste meiner Kopfhörer nach dem pfeifbedingt erlittenen Hörsturz meinen Ansprüchen nicht mehr genügen.

Das Deo.

Sobald die Musik dann doch erklingt, fühle ich erstmals auf dieser Fahrt aufkeimende Entspannung. Ich sitze, lausche, starre Löcher in die Luft und alles scheint sich wieder einzupendeln, als mein Abteilsgenosse sich samt Rucksack und Anstrengung in mein Sichtfeld begibt. Seine Gesichtsfarbe und Mimik lassen ahnen, dass er sich gerade die Seele aus dem Leib schreit, beim Versuch mich anzusprechen. Auch wenn ich ihn zuerst ignorieren wollte, obsiegt schlussendlich das Solidaritätsgefühl zu meinen Mitpendelnden. Unmöglich kann ich ihn so schreien lassen. «Ja?», frage ich indezent genervt und nehme den Kopfhörer aus dem rechten Ohr und verstehe, von angenehmer Stille überrascht, erst nach einigen Sekunden, dass mein irres Gegenüber mich gerade tonlos, rein mimisch anschreit. «Sorry», er bedient sich seiner Stimme wieder, «ich habe nur gerade bemerkt, dass es hier etwas unangenehm riecht. Erst dachte ich ja, das seien die Zugbremsen, aber dann musste ich feststellen, dass es wohl ich selber bin. Der schwere Rucksack, Stress mit dem Brustgurt, du verstehst schon, da kommt man eben ins Schwitzen. Aber ich habe ein Deo, da muss man sich gar keine Sorgen machen, nur ist das Deo eben im Rucksack und den kann ich nicht ablegen… Würdest du?» Unerwartet behände steht er auf und dreht mir den Rücken samt Rucksack zu.

Die Rettung.

An streckenmässig ungewohnter Stelle erklingt in dem Moment eine Zugdurchsage, von der ich nur «…ausserordentlicher Halt in Olten…» verstehe, weil der Berucksackte mir die Wegbeschreibung von der Rucksacköffnung zum Antitranspirant im unteren Bereich der Tasche zu vermitteln versucht. Aber ich habe alles gehört, was ich hören musste – und plötzlich erscheint mir der Oltener Bahnhof attraktiv genug für einen ungeplanten Zwischenhalt. Ich bin die Erste an der Tür. Ich mag Olten.

PS: Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Situationen sind selbstredend rein zufällig.

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