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Das Litterding.


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Minuten vor der Zugausfahrt besorge ich mir neben Kaffee und der gehaltvollen Pendlerzeitung auch noch die Ausgabe einer Lokalzeitung, mein Arbeitsweg dauert nämlich länger als 20 Minuten. Auf dem Perron stehe ich genau richtig, ich weiss wie Hasen laufen und Züge halten. Der Wagen hält so, dass die Türe sich exakt neben meinem rechten Fuss öffnet und ich schiele nach bewundernden Blicken für mein Ort- und Timing.

Ich finde eine Platz in einem der Zweierabteile mit Einzelsitzen, ohne dass meine Ellenbogen zum Einsatz kommen müssten, völlig leer vor. Meinen Kaffee stelle ich auf den Tisch, die Lokalzeitung lege ich daneben, die Gratiszeitung behalte ich vorerst in der Tasche, mehr so als Joker, falls ich zu einem der langen Artikel in der Lokalzeitung auch noch die Kurzvariante mit reisserischem Titel lesen möchte. Während ich meine Jacke ausziehe und dabei versuche, keine der durch die Gänge strömenden Mitreisenden zu verletzen, werde ich nach dem Besetzungsgrad des gegenüberliegenden Sitzes gefragt. Mit einladender Geste bedeute ich der Dame Platz zu nehmen, hänge meine Jacke auf und setze mich ebenfalls.

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Mit Zeitung und Kaffee im Zug.

«Brauchen sie die noch?»

Planungsfehler: Ich habe Zucker und Löffel in der Jackentasche vergessen und auch die Kopfhörer liegen noch sorgsam um den gesamten Tascheninhalt verknotet ausserhalb meiner direkten Reichweite. «Brauchen sie die noch?» Fragt meine Mitreisende und deutet auf die Lokalzeitung. »Ja, ich werde sie lesen, sobald ich den Kopfhörerkabel-Houdini gemacht und meinen Kaffee gesüsst habe», erwidere ich freundlich, während ich mich um das tascheninterne Chaos kümmere und hoffe, dass ich es schaffe, meine Kopfhörer zu befreien, bevor der Kaffee zu kalt ist. «Entschuldigen Sie, kann ich rasch etwas nachschauen, während sie die Zeitung noch nicht lesen?» Mein Gegenüber nimmt die schutzlos rumliegende Zeitung fast schon zur Hand, aber ich erkläre: «Ich bin gleich fertig und möchte dann gerne lesen, aber ich kann sie Ihnen gerne überlassen, sobald ich ausgelesen habe.» Kurz im Kaffee gerührt, Kopfhörer aufgesetzt, passende Musik gewählt, irgendwas Episches, passend zu Pendlerwerbung und Mörder-Drummer, versenke ich mich genussvoll in die Dramen der Welt, etwas Realität vor dem jobbedingten Heilpädagogenflausch.

Begehrtes Papier.

Gerade will ich vom Auslandteil zur Wirtschaft wechseln, ich lese gerne kreuz und quer, als meine Sitznachbarin winkend um meine Aufmerksamkeit bittet. Ich setzte die Kopfhörer ab und versuche fragend auszusehen. «Dürfte ich den Teil, den Sie jetzt gerade gelesen habe schon haben?» Sie fragt freundlich, das muss man ihr lassen, und blickt dabei so freudig erwartungsvoll wie mein Hund, wenn ich am Schrank mit dem Hundefutter vorbeilaufe. «Ich lese kreuz und quer, müssen Sie wissen. Das tue ich immer schon unchronologisch und ich würde das gerne auch heute tun.» Offensichtlich enttäuscht lehnt sie sich in ihren Sitz zurück, ein spontaner Tagtraum zeigt sie mir in Dreijährigenmanier mit Fäusten gegen meine Brust schlagen, aber nichts Derartiges geschieht. Ich bin erleichtert. Sie leidet still. Langsam wird mir etwas unwohl und plötzlich fällt mir die Gratiszeitung ein, die unterbetrachtet in meiner Tasche liegt. Ich krame sie hervor und reiche sie meiner lesehungrigen Mitreisenden, die sie zögerlich nimmt. «Die lese ich ja normalerweise nicht… Würden Sie auch tauschen?» fragt sie, fügt aber, nach dem sie meinen leicht entnervten Blick bemerkt, beschwichtigend hinzu: «Wenn Sie fertig sind, wenn Sie fertig sind, natürlich! Sie lesen die Zeitung sehr gründlich, das ist ja heute auch nicht mehr selbstverständlich, bei so Jungen, das sollte man ja eigentlich unterstützen.»«OK», brumme ich und irgendwas von «ich bin im Fall 30, ey».

Gelitten oder gelittert?

Kurz vor Zürich beschliesse ich fertig zu sein, falte die Zeitung zusammen und lege sie auf den Zugtisch. «Ich habe ausgelesen», sage ich. «Sehr gut», meint mein Gegenüber. Ich packe meine Sachen zusammen, die Umsteigzeit in Zürich ist knapp bemessen, weswegen ich darauf bedacht bin, vor den desorientierten Ausflüglern auszusteigen. Auch meine Mitreisende richtet sich aufbruchsfertig, steht auf und verlässt das Abteil Richtung Treppe, die hart umkämpfte Lokalzeitung liegt einsam auf dem Zugtisch, die Gratiszeitung auf dem Sitz. «Sie haben die Zeitung vergessen!», rufe ich ihr zu. Und wedle gen verlassenes Abteil. «Das ist nicht meine Zeitung! Jetzt schieben Sie das nicht auf mich. Erst geizen, dann littern ‒ die hat man gern!» Ich tue so, als würde mich das alles nichts angehen und als der Zug hält, versuche ich mich zu beherrschen und weder nervös zu trippeln noch mit den Füssen zu scharren. «Die Leute denken, dass sie die Zeitungen überall liegen lassen können, irgendjemand räumt die ja schon weg. Das ist Zeitungslittering! Dabei gibt es da draussen EXTRA so Altzeitungskübel!», sie zeigt theatralisch nach draussen, wo der Zug langsam in den Bahnhof einfährt.

Karmabedingtes Altpapiersammeln.

Der Moment zwischen Halt und Türöffnung scheint mir heute besonders lang. «Erst geizen, dann littern, jaja, die hat man gerne!» Höre ich sie mir hinterher rufen, während ich in die nächste S-Bahn spurte und leichte Schuldanwandlungen verspüre. War das nun Littering? Um Himmelswillen, habe ich gelittert? Um mein Karma wieder zu besänftigen, sammle ich in der S-Bahn Gratiszeitungen und werfe sie in einer der «EXTRA-so-Altzeitungskübel». Dann finde ich eine alte Ausgabe des GEO Reisen, setze mich, will gerade die Kopfhörer aufziehen, als ich gefragt werde: «Entschuldigen Sie, brauchen Sie das Heft noch?»

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Kontaktbörse Zug.


Sie sind offen, gesprächsfreudig und nehmen jede soziale Interaktion dankbar an? Ich erkläre Ihnen heute in 10 Punkten, weshalb Sie öfters Zug fahren sollten und wie Sie garantiert und ohne grossen Aufwand schnell zu Kontakten mit Menschen kommen, die Sie sonst wohl nie getroffen hätten.

  1. Platzwahl I: Der Sitz.

Wenn Sie Ihren Sitzplatz mit Geschick wählen, müssen Sie vielleicht gar keine weiteren Schritte mehr unternehmen, weil es zwangsläufig zu Kontakten kommt. Ein Erfolgsgarant im Doppelstöcker ist beispielsweise die Sitzbank vis à vis der Sitzbankrondells, denn aufgrund des Beinplatzmangels kommen sie mit jedem Passant, spätestens mit Minibarführer und bekofferten Touristen, meist in Berührung und sicher in Verbalkontakt. Hinzu kommen fast garantierte Oberschenkelreibungspunkte, da die Sitze selbst für Durchschnittsgewichte eng bemessen sind und über keine Armlehnen verfügen, da reicht ein Zentimeter mehr Hüftumfang eines einzelnen Banksitzenden und alle rücken sich lauschig nah. Vermeiden Sie Einzelsitze und Zweierabteile, denn damit teilen Sie Ihre Kontaktchancen mal eben durch 4.

  1. Platzwahl II: Die Mitreisenden.

Auch mit der sorgfältigen Aufarbeitung dieses Punktes könnten Sie bereits die ganze Kontaktanbahnungsarbeit gleich zu Anfang erledigen. Sie werden erwartungsvoll angesehen? Hinsetzen! Sie werden überhaupt angesehen? Hinsetzen! Zögernde Griffe zur sitzbelegenden Tasche? Hinsetzen! Einsame Senioren? Hinsetzen! Mensch ohne Zeitung, Buch und Smartphone? Hinsetzen! Aber auch wenn Sie keinen Platz innerhalb der oben genannten Optimalsettings finden, gibt es keinen Grund zu verzweifeln, bisher haben Sie sich nur, relativ passiv, die beste Startposition gesucht, tatsächlich aber können Sie aus jeder Position gewinnen.

  1. Der aufmerksame Zuhörer I: Telefonkonversation.

So müssen Sie zum Beispiel im Abteil mit aktiven TelefonistInnen nicht kontaktleer ausgehen, nein, hören Sie aufmerksam zu, merken Sie sich das Besprochene: Versuchen Sie sich den ungehörten Teil der Konversation auszumalen, machen Sie sich wenn nötig Notizen und vor allem: Verpassen Sie Ihren Einsatz nicht! Ihr Einsatz liegt nämlich in den Netzlöchern. Die zu füllen ist Ihre Mission. Gehen Sie auf den letzten Gesprächsteil vor dem Verbindungsunterbruch ein. «Hallo!? … Hörst du mich? … ich verstehe dich nicht! … Hallo!?» Mögliche Antworten wären: «Hallo! … Ja! … Vielleicht lenkt Sie das Telefon zu sehr ab? … Hallo! … Wie geht’s?»

  1. Der aufmerksame Zuhörer II: Gruppenkonversation.

Auch wenn Sie, wohin das Auge reicht, nur geschwätzige Gruppen erblicken, muss Sie das nicht weiter beunruhigen, setzten sie sich mitten unter sie, hören Sie zu, versuchen sie das Gesprächsthema zu erfassen, die Erstellung eines kleinen Mindmaps kann dabei helfen, und ergreifen Sie zum richtigen Zeitpunkt das Wort. Sie werden sehen: Selbst zunächst konsternierte Reaktionen können sich, wenn die Aussagen entsprechend tiefgründig und treffend sind, in Wohlgefallen, vielleicht sogar Bewunderung auflösen. Falls Sie keine Ahnung vom Thema haben, stellen Sie einfach pointierte Fragen oder benutzen Ihr Smartphone für eine Kurzrecherche im Internet.

  1. Ungeschicktheit

Für einige unter Ihnen wird es kein Problem sein, etwas Ungeschicklichkeit an den Tag zu legen, für einige wird es gar schwierig sein, dies nicht zu tun, und für einmal sind Sie damit gut bedient, denn Ungeschicklichkeit baut Brücken. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Missgeschicke insgeheim absichtlich geschehen oder die Neigung quasi angeboren ist, solange das Gegenüber die Intention nicht bemerkt. Natürlich müssen Sie darauf achten, dass Ihr Ungeschick bemerkt wird, oder die Mitreisenden gar involviert werden, mit einsamem Stolpern im Zugeingang ist niemandem geholfen. Am zuverlässigsten funktionieren die bewährten Klassiker, die ich Ihnen in der folgenden Liste zusammengestellt habe:

  • Dinge fallen lassen und entweder «nicht bemerken» oder erst bemerken, wenn sich das Gegenüber bückt, dann ebenfalls bücken. Die zweite Variante sollte nur von Personen mit ausreichender Möglichkeit zu Bewegungskontrolle und Kraftdosierung durchgeführt werden, denn unkontrollierte Kopfkollisionen gilt es trotz immenser Kontaktfreude zu verhindern.
  • Auch Kurven, Holperer und andere Turbulenzen auf der Zugfahrt lassen sich gut nützen, Stolpern leichtgemacht, quasi. Stolpern sie sich in Kontakt! Mit etwas Theatralik und Schmerzensschreien werden sie sogar noch bemitleidet, auch wenn sie ungefragt grosszügig verteilt auf zwei Fremdschossen liegen.
  • Schliesslich gibt es da noch die Varianten, bei denen Sie eine Handlung suchen, deren Durchführung das Ansprechen des Gegenübers erfordern würde, was Sie aber leider nicht bemerken. Pendlerehrensache, dass sie dabei niemandem Schmerzen zufügen. Beispiele: Lehnt die Mitfahrerin seinen Kopf ans Fenster, müssen Sie zwingend das Rollo hoch- oder runterziehen. Ragt das Bein des Fahrtgenossen etwas über die Trennlinie zwischen den Sitzen, müssen sie dringend die Armlehne runterklappen. Ist sie bereits runtergeklappt und ihr Sitznachbar hat seinen Ellenbogen darauf, muss die Lehne dringend hochgeklappt werden. Hat ihr Vis-à-vis lange Beine, müssen Sie zwingend den Abfalleimer öffnen und wenn Ihr Gegenüber sein Buch zugtischmittig plaziert hat, müssen sie diesen zwingend aufklappen. Alles selbstredend mit ausschweifenden Entschuldigungen und verlockenden Wiedergutmachungsangeboten unterlegt.
  1. Lebensgeschichte

Erzählen Sie ihre Lebensgeschichte und legen Sie dabei den Fokus auf besonders dramatische Ereignisse, denn auch wenn es Ihrem Gegenüber unangenehm werden sollte, bedarf es doch einer grossen Dosis Abgebrühtheit, um nicht auf derartige Erzählungen zu reagieren.

  1. Interessensprofil erstellen und entsprechende Pfortenöffnungsfragen platzieren.

Manchmal sieht man den Mitreisenden schon von Weitem an, wo ihre Interessen liegen könnten. In dem Falle gilt es, DIE eine Schleusenöffnungsfrage zu stellen, die unweigerlich zu einem Monolgoausbruch und damit zig Anknüpfungspunkten führt. Einige Beispiele:

  • Frühzwanziger in Unterleibchen: «Wie oft machst du Krafttraining?» (Es spielt dabei keine Rolle, ob tatsächlich auch nur Ansatzweise Muskeln zu sehen sind.)
  • Senioren in Wanderuniform: «Welche Wanderwege können Sie mir empfehlen?»
  • Bereisegepäckte: «Wohin reisen Sie? »
  • Kinder: «Ich habe soeben gepupst. »
  • Frischeltern: „Hat es schon die ersten Zähnchen? »
  • Mutmasslich mittleverdienender Pendler: «Die GA-Preise steigen. » 
  1. Buch erzählen.

Sollten Sie eine/n Mireisende/n sehen, die/der ein Buch liest, das Sie kennen, dann ergreifen Sie die Chance zu einer Buchbesprechung. Und haben Sie keine Angst vorzugreifen, die Annahme, dass sowas unerwünscht sei, ist falsch. Man wird Ihnen danken, dass das Buch nun nicht mehr gelesen werden muss.

Was auch immer sie gerade essen, lesen, hören oder sehen, bieten Sie Ihrem Gegenüber davon an, teilen Sie! Stösst Ihr Angebot auf Ablehnung, bieten Sie es lieber zwei weitere Male an, halten Sie sich die Gepflogenheiten anderer Länder (z.B. Türkei: 3x ablehnen, erst dann annehmen) im Hinterkopf, Sie wissen nicht, woher ihr Gegenüber stammt.

Hilfsbereitschaft ist eine gerngesehene Eigenschaft, eine Handlungskonnotation, die es zu nutzen gilt. Ihr/em Gegenüber…

… fällt etwas runter: Heben Sie es sorgfältig auf, säubern Sie es mit Spitzentaschentuch und reichen überreichen sie es mit ausladender Geste zurück.

… niest, hustet oder zieht die Nase hoch: Reichen Sie ein Taschentuch und fragen Sie besorgt nach Gesundheitszustand und letzter Krankheit, erfühlen Sie Stirntemperatur und reichen Sie bei Bedarf ein Thermometer.

… hat ein Kopfhörerknotenwirrwarr: Lösen Sie es.

… findet bei Kontrolle das Billet oder Abonnement nicht gleich: Helfen Sie suchen. Überall.

… findet irgendwas anderes nicht mehr: Hier können Sie bei Bedarf, in einem unbeobachteten Moment, auch nachhelfen, den Gegenstand verschwinden lassen, ihn ausgiebig suchen und schliesslich heldenhaft wiederfinden.

usw.

 

 

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Pro Fundbüro


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Menschen wie ich, ich spreche von Menschen, die ihre Brille im Kühlschrank wieder finden oder beim Spielen dem Hund irrtümlich das Mobiltelefon, anstatt den Tennisball zuwerfen, ich spreche von Menschen, die von Zeit zu Zeit etwas zerstreut durch den Alltag irren, diese Menschen mögen Fundbüros.

Es begab sich also, dass ich morgenroutiniert auf dem Pendlerweg eine Station vor Ankunft am Arbeitsort damit begann, mich so einzurichten, dass ich sämtliche Utensilien für einen sofortigen Arbeitsstart in Griffnähe habe. Wichtigstes Objekt hierfür ist mein Schlüsselbund, den ich jeweils an meiner Hose befestige. Ohne den Schlüssel komme ich weder irgendwo rein, noch irgendwo wieder raus. Nachdem ich die Hälfte des Tascheninhalts über die beiden Sitze vor mir verteilt hatte, fand ich endlich den Schlüssel und legte ihn aufs Zugtischchen, überlegte, ob ich ihn nicht lieber gleich befestigen sollte, entschied mich dagegen, verstaute Aufgeräumtes entweder zurück in meine Tasche, oder direkt in den Müll, als mein Telefon klingelte*. Ein Notfallanruf** von einer wichtigen Person***, wegen irgendwas Lebenswichtigen****. Gerät und Inhalt absorbierten mich für einige Sekunden. Der Zug fuhr ein, ich stieg aus und marschierte strammen Schrittes Richtung Arbeitsort.

Der Schock.
Vor verschlossener Tür tastete ich mit geübtem Handgriff nach Einlasshilfe in Schlüsselform und griff ins Leere. Es war einer dieser Momente, in denen das Herz mir direkt durch den Beckenboden gen Untiefen rutschte und ich das zugeführte Koffein in Spritzfontänen wieder ausschwitzte. Der Schlüssel war weg! In derselben Sekunde wurde mir auch klar, dass das Unglück ganz typischerweise in dem Moment geschah, als ich mich kurz der Gedanke streifte, den Schlüssel nicht nur abzulegen, sondern zu befestigen, und ich mich dagegen entschied. Nach einigen Versuchen, unter Fluchen in der Zeit einige Minuten zurück zu reisen, blieb mir nur noch die stille Resignation und das Betätigen der Hausklingel. Man gewährte mir gnädigerweise Einlass, ohne mich all zu sehr zu belächeln, ich begab mich auf direktem Weg an den Computer und formulierte auf sbb.ch eine Verlustmeldung.

Der Jöö-Effekt.
Meine Verzweiflung war gross, meine Motivation durch detailgetreue Beschreibung des Schlüsselbunds den Sucherfolg zu erhöhen ebenso. Ich bemühte mich also sehr und formulierte einen zweiseitigen Suchbeschrieb samt Fotozugabe. (Nicht vom Schlüsselbund, aber von Charlotte (meinem Hund) in Welpentagen, Welpenbilder kommen immer gut an und mit einigen zusätzlichen Glückshormonen intus würde der Suchzuständige sicherlich noch erfolgreicher sein.) Den Rest des Tages verbrachte ich beim Unterrichten, zwischenzeitlich unterbrochen von diesen Herz-Beckenboden-Koffeinfontäne-Momenten, wenn mir wieder einfiel, dass mein Schlüssel irgendwo da draussen war, allein, schutzlos, die Wegbeschreibung, Adresse und Art seines Einsatzortes schön auf laminiertem Kärtchen mitgeliefert, sehr praktisch für den Finder mit kriminellen Tendenzen.

Verlustmeldung

Der Deo-Dieb.
Nachts alpträumte ich Episches von ausgeräumten Schulräumen und davon, dass ich bei meiner Ankunft bemerke, dass die bösen Diebe, denen ich so unterstützend in die Hand vorgearbeitet hatte, sogar meinen Deodorantroller mitgenommen haben. Ausgerechnet! Denn was ist in dieser Situation wichtiger als Deodorant!? Jedenfalls war die Nacht nicht sehr erholsam und ich fand das Weckerklingel am Morgen ausnahmsweise ziemlich lieblich. Ich startete in den Tag, versuchte meine Morgenroutinen trotz den Herz-Beckenboden-Sie-wissen-schon-Momenten beizubehalten und war, am Arbeitsort angekommen, sehr erleichtert meinen Deodorantroller und den Rest noch vorzufinden. Als ich schliesslich um 9 Uhr noch eine Mail mit dem Bescheid erhielt, dass meine Schlüssel wieder gefunden wurden und ich ihn am Zürcher Hauptbahnhof abholen könne, war mir nach Intonierung einer Lobeshymne ans Fundbüro der SBB.

Das Wiedersehen.
Aufgrund der Tatsache, dass ich aber gerade in einer Sitzung war, verzichtete ich zum Wohle aller auf eine Gesangseinlage und freute mich kopfintern. Im Anschluss an den Arbeitsschluss eilte ich direkt zum Fundbüro, schloss die Schlüssel in meine Arme, beschloss, fortan sei Schluss mit der Schusselei und übte die nötigen Handgriffe zur Verhinderung ähnlicher Unglücke mehrfach im Trockenen: Schlüssel raus, befestigen, aussteigen. Schlüssel raus, befestigen, aussteigen. Schlüssel raus, befestigen, aussteigen. Ich bin gefeit. Die Tasche hat mir bisher auch immer irgendwer hinterher getragen. Schlüssel raus, befestigen, Tasche umhängen, aussteigen. Danke.

 

 

* vibriert
** Twitter eine Pushmitteilung sendet
*** von irgend so einem-r Twitterer-in
**** aus Gründen

 

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Gefährten, Gripen und Greise


Ich hätte gern ein grosses, teures, modernes Gefährt mit schicker Optik. Eins mit dem wir in bis in die Mongolei fahren könnten, dem der Strassenzustand nichts ausmacht, weil es auch auf unbefestigter Strasse problemlos zurecht kommt. Ich hätte gerne ein Gefährt mit Solaranlage, integriertem Wassertank, grosszügigen Betten und einem netten Plätzchen für das Hundevieh. Nun ist es aber leider so, dass wir uns das nicht leisten wollen. Wir wollen uns kein Supergefährt leisten, weil das Geld anderswo besser aufgehoben ist. Beispielsweise in der Miete, für diesen Traum von Wohnung, oder in der geplanten Privatbeschulung unserer Kinder. Der Gefährte hat Mängel, Baustellen und Suboptimalitäten, aber er wird uns mit grosser Wahrscheinlichkeit auch auf nahender Reise wieder an Orte bringen, deren Schönheit wir auch in Komfortgefährt nicht schöner empfinden würden. Ja, eigentlich wollte ich mich hier grad über die Tatsache beklagen, dass ich, vom Leben verwöhnt, wie ich bin, etwas nicht haben kann, was ich gar nicht brauche. Und gleich danach fällt mir ein, dass ich mich, wenn es um dieselbe Entscheidung auf nationaler Ebene geht, problem- und vorbehaltlos dagegen entscheiden kann. Ich will keine Gripen. Und ich danke Herrn Maurer der DAS Argument, das der Bedrohung von Aussen, durch dümmlich-chauvinistische Sprüche, gleich selber so massgeblich entkräftete, dass dem Volk der Gedanke bedroht und von derartigen Regierungsmitgliedern befreit zu werden, gar nicht mehr so schlimm erscheint. Aber ich schreibe mich hier in Rage, wo ich doch eigentlich erstens jammern und zweitens von unseren geänderten Reiseplänen* schreiben wollte. Letztere führen uns, aus naheliegenden Gründen, nicht in die Ukraine, dafür haben andere irre Politiker gesorgt, aber das ist ein anderes Thema. An dieser Stelle möchte ich den Rentnern, die mich gestern aus dem gegenüberliegenden Abteil mit ihrer Diskussion über die Gripen-Abstimmung herrlichst unterhalten haben, herzlich danken und den unzusammenhängenden, entgleisten Artikel mit ihren Worten schliessen:

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*Mehr dazu heute später, morgen oder sonstwann.

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Sitzakrobatik und Atemübungen


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Glück gehabt, ich habe ein Viererabteil für mich, in einigen Sekunden fährt der Zug ab, die Gefahr beengten Reisens scheint für heute vorerst gebannt. Ich breite mich also ungehindert aus und stelle zufrieden fest, dass auch von den umgebenden Abteilen keine erhebliche Lärm- oder olfaktorische Belästigung droht, hier ein Anzugträger mit Klappcomputer, da ein älteres Pärchen auf Wanderfahrt, alles entspannt, alles gut.

Ich stelle meinen Kaffee aufs Zugtischchen, obwohl ich gefühlt erst einen Tropfen getrunken habe, ist er schon kalt und beinah leer, altbekannte Geschichte, aber das inkorporierte Koffein sollte für ausreichende Gewaltprävention bis zur nächsten Kaffeemaschine reichen, alles entspannt, also, alles gut. Der Zug setzt sich in Bewegung, nein, von hier aus stört es mich kaum, dass es nach Tagen frühlingshafter Wärme wieder schneit, dafür suche ich nach der angemessenenmusikalischen Begleitung, erhöhe die Lautstärke und lese in der Zeitung irgendwas von Ohrfeigen und Hanf, als am linken Oberarm ein Pieksen spüre, reflexartig zücke ich das GA und halte es dem Piekser unter die Nase.

Das Muskelbubi.
Vor mir steht aber kein Kondukteur, sondern eine der bemitleidenswerten Kreaturen, die trotz erneuten Kälteeinbruchs im Unterhemd rumrennen müssen, weil sie das Präsentieren ihrer postpubertären Müskelchen während den ersten warmen Tagen derart in Euphorie versetzte, dass sie nun einfach nicht mehr damit aufhören können. Ich gewähre ihm selbstredend den Platz und kann mich gerade noch so zurückhalten, ihm auch noch meine Jacke anzubieten. Er setzt sich und ich suche wieder die Versenkung in Musik und Zeitung. Vergeblich, denn der Beunterhemdete setzt sich stocksteif, starren Blickes in meine Richtung vor mich und beginnt mit Atemübungen. Die machen zumindest keinen Lärm, denke ich, und verstecke mich etwas besser hinter der Zeitung.

Allzu atmungsaktiv.
Tatsächlich kann ich mich über die Lautstärke nicht beklagen, allerdings habe ich auch nicht damit gerechnet, dass mein Gegenüber seine Atemübungen mit derartiger Intensität zelebriert, dass meine Zeitung flattert, was wiederum das Lesen erschwert. Ich versuche ihm zwischen den Ausatmungsphasen genervte Blicke zuzuwerfen, aber er atmet geschlossenen Auges, konzentriert weiter und ich sehe mich gezwungen diesmal selber, möglichst direkte Atemböen vermeidend, pieksend aktiv zu werden. Er unterbricht sein Tun und schaut mich fragend an. «Würde es dich stören, in eine etwas andere Richtung zu atmen?», frage ich und mir wird im selben Moment klar, wie seltsam diese Frage klingt. Er, gänzlich unbeeindruckt, dreht sich, beide Füsse noch immer in gerader Position am Boden, in unnatürlicher Drehung zu Schreibe und atmet weiter. Die Scheibe beschlägt in regelmässigen Abständen, ich versuche mich erneut auf die Zeitung zu konzentrieren, dankbar, sie überhaupt dabei zu haben, denn ohne sie hätte vorhin an ihrer Stelle mein Haar im Atemwind geweht und ich vermag kaum Unangenehmeres auszumachen.

Turnübung kurz vor Zürich.
Ganz kann ich meinen Blick, trotz angestrengtem Konzentrationsversuchs, nicht von meinem Mitreisenden lösen, denn mittlerweile atmet er zwar nicht mehr, also nicht mehr ganz so betont, sondern hat seinen Oberkörper noch weiter nach rechts gedreht. Während seine Füsse nach wie vor in gerader Position am Boden verweilen, weist sein Gesicht unterdessen gen Sitzpolster, sein ausgestreckter rechter Arm dient, in Anlehnung an den Sitz links neben ihm, als Keil, um ihn in dieser Position zu halten.  Ein halbes Lied und ein Zeitungsabschnitt, ohne inhaltliches Verständnis, lang herrscht relative Ruhe, dann löst mein Vis-à-Vis im Unterhemd sich aus seiner Position und dreht sich in die exakt selbe Position, aber auf die andere Seite. Weitere fünf Minuten vergehen, ehe er sich erneut zurück, in eine etwas natürlichere Haltung dreht und damit beginnt, seine Schuhe auszuziehen. Ich bereite mich innerlich auf potentielle Geruchsintensitäten vor und filtere die Luft der folgenden Atemzüge vorsichtshalber gezielt und unauffällig mit meinem frisch gewaschenen Schal. Mein Gegenüber, nunmehr in Unterhemd, Trainerhose und Socken, kniet sich, Rücken zu mir, auf die Sitzbank, legt sein kluges Telefon auf die Kopfstütze uns spielt, rutschbedingt ziemlich erfolglos, Candy Crush.

Atmunksaktiv

Abteil mit Aussicht.
Unschöner Nebeneffekt: Jede handysche Rutschpartie hat Unterhemdträgers Bücken und einen ungewünschten Blick auf seinen Rücken, samt Pobackenlücke zur Folge. Erneut tut meine Zeitung einen sehr willkommenen Dienst als Sichtschutz. «Nächster Halt Zürich, guten Mor…, äh guten Morgen miteinander!», auch der Kondukteur zeigt sich leicht irritiert ob Gegenübers Sitzdarbietung. Ich zeige mein GA und auch der Sitzakrobat wedelt mit irgendeinem Ausweis. «Könnte ich noch Ihr Halbtax-Abo sehen? Und weswegen knien Sie verkehrt herum auf Ihrem Sitz?», der Kondukteur sieht auch mich fragend an. Ich zucke mit den Schultern, zutiefst dankbar, dass ich die Frage nicht selber stellen musste. Mein beunterhemdetets Vis-à-Vis, nach wie vor kniend auf der Sitzbank, zückt auch noch das Halbtax und hält es in die Runde. «Mir wird schlecht, wenn ich vorwärts fahre.» Der Kondukteur wirft mir einen fragenden, bis vorwurfsvollen Blick zu. Ich finde mich für einen Moment wortlos wieder. «Äh… Das wusste ich nicht… Möchten Sie Platz tauschen?», frage ich und beginne meine Sachen zusammen zu packen. Das Unterhemd dreht sich für einen Moment um, um abzuwinken: «Nein Danke, es geht so ganz gut.» Und dreht sich wieder zurück. Ich beende die Fahrt zwischen Erstaunen, schlechtem Gewissen und angestrengtem Nichthinsehen.

 

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Gminggmanggs im Papiliorama


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

 

Einleitend

Einleitend zu sagen ist: Der Ausflug, also Fahrkosten und Eintritt, wurden uns netterweise von der SBB bezahlt, damit wir hier über die neue Familien-Tageskarte berichten können. Da ich das Wochenende partnerlos darbte, begleitete uns meine Schwester, die ihre Dienste als Ausflugsfotografin anbot.

Die Vorbereitung

Es ist allgemein bekannt, dass Kinder ohne grossen Aufwand in relativ grosse Aufregung zu versetzen sind, da reicht ein Flatulieren zur richtigen Zeit oder die Möglichkeit den Liftknopf zu bedienen, es verwundert also nicht, dass meine Töchter bei der Verkündigung des Samstagsprogramms, nämlich Schmetterlinge, Vögel und Chäferli (Käferchen) besuchen zu fahren, in lautes Jubilieren ausbrachen. „Das freut mich,“ so klein M. (2 Jahre) nachdem sie die erste Phase der Vorfreude, lautes Kreischen und Hüpfen, erfolgreich abgeschlossen hatte, „aber Käfeli (Kaffeechen, Dimuinitiv in Höchstform) darf ich nicht trinken.“ „Chäferli! Chäfer! Denk!“ schuf  Y. (4 Jahre) sofort Klarheit und die beiden konnten zur nächsten Stufe kindlicher Vorfreude übergehen, der Frage „Gehen wir jetzt?“. Gute 18 Stunden später, am Samstagmorgen, packten wir unsere 7, 10, 15 zuvielen Sachen und brachen auf, das Papiliorama heimzusuchen.

Die Anfahrt

Wir hatten die Zeit grosszügig berechnet, so konnten wir gemütlich vom Bus, durch den Berner Bahnhof, zum hinterletzten Gleis trödeln, uns noch Nervenproviant (Kaffee) holen und es spielte absolut keine Rolle, dass die Kinder, begeistert ob ihren picknickbefüllten Rucksäcke, alle paar Schritte stehen bleiben und wahlweise ihren wahnsinnigen Durst ertränken oder ihren spriessenden Hungerast ansägen mussten. Beim Gleis angelangt, stand der Zug schon so rum und so konnten wir Erwachsenen unseren Kaffee sitzend geniessen und die Kinder, schon redlich satt, waren einer Verschnaufpause ebenfalls nicht abgeneigt. Das erste was die Kinder nach geeignetem Platzfund in Öffentlichen Verkehrsmittel tun, ist: Schuhe ausziehen. Die fünf Minuten die wir stehenden Zuges im Berner Bahnhof verbrachten verstrichen rasch und gerade als M. sich über den langen Tunnel zu beklagen begann, fuhren wir los. Die Fahrt bis Kerzers verlief ruhig, die Grösse von Zugfenstern und die Bewegungsfreiheit, so ohne Gurte und Kindersitze, scheint die kindliche Fahrgeduld zu multiplizieren. Kurz vor Kerzers verstauten wir unser Chaos fachgerecht zurück in unsere Rucksäcke und die Kinder artgerecht in Regenkleidung. Auch die anderen Mitreisenden mit Kindern wurden geschäftig, es herrschte friedliche Aufbruchstimmung. In Kerzers angekommen regnete es in Strömen, wer keine Regenkleidung trug, rannte eilends in Deckung und wartete da. 7 Minuten Umsteigezeit, meinte der gespeicherte Verlauf des Online-Fahrplans, genügend Zeit also, um an einem so kleinen Bahnhof wie Kerzers von Zug zu Zug zu kommen. Bei Verspätung würde es vielleicht etwas knapp, dachte ich mir, als ich da so mit Kind, Kegel und dem Rest der Reisendenherde durch den Regen unters Dach rannte, wo wir schliesslich warteten. Wir warteten etwa 6 Minuten lang. Dann fanden wir es seltsam, dass der Zug noch nicht angekündigt wurde. Dann fanden wir es seltsam, dass unser Zug von eben noch auf dem Gleis und damit doch eigentlich im Weg stand. Dann kontrollierte ich erneut den gespeicherten Verlauf des Online-Fahrplans. Dann stellten wir fest, dass mittlerweile der Zug von eben anders beschriftet wurde, machten die anderen Warten ebenfalls darauf aufmerksam, klemmten die Kinder unter den Arm und trabten geschlossen zurück in den Zug, der sogleich abfuhr. Wir verbuchten das als erlebnispädagogische Intervention zur Stärkung des Papilioramabesuchergruppengefühls, initiiert von der Abteilung für Soziales der SBB, oder als kleinen, leicht verwirrenden Fehler in der Ausführung des Online-Fahrplans.

Gestrandet in Kerzers (Alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler)

Warten in Kerzers alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler

Die Weiterfahrt dauerte danach jedenfalls nur noch eine weitere Minute, das Papiliorama hat seine eigene Haltestelle, und auch der klitzekleine Fussmarsch bis zum Eingang war problemlos zu bewältigen. Im Innern hatte es dann erstaunlich wenig Leute, jedenfalls dafür, dass wir uns an einem verregneten Samstag hierhin gewagt hatten.

Im Papiliorama

Obwohl es in den Vorräumen noch relativ kühl war, entledigten sich die Kinder sofort der meisten ihrer Kleidungsstücke und wären am liebsten nackt durch die Häuser gerannt, schliesslich hatte ich am Vortag neben Fauna und Flora auch die Wärme angepriesen. Was uns fehlte, waren Schliessfächer, denn jenseits des Sommers hat man doch einiges an Kleidung dabei, die man nicht unbedingt durch die ganzen Häuser schleppen möchte. Wir liessen also Kleidung und die Kinderrucksäcke liegen und nahmen nur die Wertsachen, Proviant nicht mitgerechnet, mit ins erste Haus. Das Nocturama ist das dunkelste der drei Riesenterrarien und bietet Fledermäuse, Faultiere, Fledermäuse, Stachelschweine, Fledermäuse, Ozelotten Ozelotter Ozelote und mehr Getier, beispielsweise Fledermäuse. Letztere schwirrten uns derart skrupellos um die Ohren, dass ich, aus Angst, eine verfliegt sich in meinen Mund, nur noch durch die Mundwinkel redete. Auf Kinderhöhe war wenig von dem Fledervieh zu merken, allerdings, nach den Kreischern der Pubertierenden zu beurteilen, schien auf Teeniehöhe ganz besonders viel Verkehr zu herrschen. Kaum hatten wir das Nocturama verlassen, klagten die Kinder über Hunger und wir richteten uns in der grosszügigen Picknickecke ein und schlemmten relativ ungestört vor uns hin.

Nach dem Essen zog es uns zu den Schmetterlingen. Die Flogen uns zwar auch um die Ohren, wirkten dabei aber deutlich lieblicher. Besonders Y kam gar nicht mehr aus dem Staunen raus, rannte von Schmetterling zu Schmetterling und blieb eine geschlagene Viertelstunde vor dem Schaukasten, mit den aus ihren Verpuppungen schlüpfenden Jungschmetterlingen, stehen. M. interessierte sich mehr für die wirklich haarprächtigen Riesenspinnen in ihren Terrarien und für die Exkremente der Vögel, die ebenfalls im Schmetterlingshaus hausen.

Richtig warm wurde es dann im dritten Haus, dem Jungle Trek, das einigen Tukanen, Rosa Löfflern, Leguanen und mehr Platz bietet und von den Kindern hauptsächlich für seine grosse Brücke mit der Wendeltreppe und dem kameraverliebten Rosa Löffler geliebt wurde, der sich für de Besucher mit an Aufdringlichkeit grenzender Hingabe in Pose warf.

Spätestens jetzt, waren auch wir Erwachsene ungemein müde, verschwiegen den Kindern den Streichelzoo und bliesen zum Abmarsch gen Heim.

Rückreise

Ohne uns erst auf dem Fahrplan nach den Abfahrtszeiten zu erkundigen, begaben wir uns zum Bahnhof und warteten den nächsten Zug ab, der uns zehn Minuten später Richtung Lyss fuhr. Wieder fanden wir problemlos ein Abteil für uns und diesmal stiegen wir in Lyss regenfrei und sinnvoll um und hatten in angenehmem zeitlichen Abstand einen Anschlusszug. Die Kinder hingen uns waschlappern auf den Knien und schauten sich mit uns auf Smartphones und Digitalkamera die gemachten Bilder an, kommentierten und resümierten.

 

Heimkehr

Heimkehr (Alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler)

Fazit

Obwohl es sich für uns, als GA-Besitzer und Pendler mit Kindern unter sechs Jahren kaum lohnt, eine Kombikarte wie diese zu lösen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass sich das Angebot für Familien oder andere Erwachsene finanziell durchaus lohnen kann. Besonders toll finde ich dass sich das Angebot, trotz seines Namens, nicht nur auf Familien beschränkt.

 

*Die Familien-Tageskarte kostet 85 Franken und gilt einen ganzen Tag lang in der 2. Klasse für max. 2 Erwachsene und 1-5 Kinder auf dem gesamten GA-Geltungsbereich. Zum Vergleich: Wenn zwei Erwachsene ohne Abo mit zwei Kindern ohne Junior-Karte von Luzern ins Alpamare fahren und retour, kosten die Zugbillette 162 Franken. Die Familien-Tageskarte ist also ein attraktives ÖV-Angebot für Familien, die sonst mit dem Auto reisen.

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im ÖV mit dem Welpen


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Welpe goes Zug

Die Anschaffung eines Welpen bringt einige Veränderungen mit sich: Dass man sein Heim plötzlich mit Laufgittern schmückt, wo man trotz Kindern bisher ohne ausgekommen ist, beispielsweise, oder dass man sich dabei ertappt, die vorbeilaufenden Vierbeiner als potentiell liebenswert einzuschätzen, beispielsweise, oder dass man Robidog-Seckli und «Gudeli» findet, wo man bis vor kurzem nur angekaute Dinkelkekse und Schnuller fand, beispielsweise, oder dass man erstmals einen Erziehungsratgeber liest und Dinge daraus tatsächlich wörtlich beherzigt, beispielsweise, oder aber, dass die eigene Wahrnehmung beim Betreten eines öffentlichen Verkehrsmittel urplötzlich um einen Meter, direkt auf Welpenhöhe, sinkt. Da bleibt sie auch einstweilen, die Wahrnehmung, denn aus einem Welpen einen angenehmen Mitreisenden zu machen, ist ein nicht zu unterschätzendes Stück Trainingsarbeit.

Die 9 wichtigsten Punkte, deren Sie sich beim ÖV-Fahren mit Welpe bewusst sein sollten:

1. Zeitpunkt und Regelmässigkeit
Je früher ein Welpe an Lärmpegel, Geräusche, Frequentierung und Gerüche öffentlicher Verkehrsmittel gewöhnt wird, desto nachhaltiger ist die Gewöhnung. Das heisst selbstredend nicht, dass Welpen vom Uterus direkt in den nächsten Linienbus getragen werden sollen, aber sobald sie weg vom Muttertier, bei ihren neuen Besitzern sind, kann langsam mit dem Training begonnen werden.

2. Taschenwahl
Besonders sehr junge Welpen werden mit Vorteil in einer Tasche transportiert. So reist der Hund (bis 30 cm Risthöhe) nicht nur gratis, sondern auch in vertrauter Umhüllung, jedenfalls wenn dem Vierbeiner daheim schon eine Taschenannäherungsphase gewährt wurde. Personen mit übersteigertem Stilbewusstsein können das Taschensortiment so erweitern, dass zu jedem Outfit ein passendes Exemplar bereit steht, dabei ist allerdings das schwindelerregende Wachstumstempo von Welpen einzuberechnen.

Taschenwelpen

Taschenwelpe II

3. Angst nicht verstärken
Die meisten Welpen werden in einer derart neuen, aufregenden Situation anfänglich zittern, winseln, herzerreissend ängstlich hundeblicken und jedes Individuum mit Herz möchte das verängstigte Kleinwesen hingebungsvoll an die Brust drücken und ihm zuflüstern, dass alles wieder gut wird. ABER jede positive Zuwendung als Reaktion auf Angstverhalten wird der Welpe als Bestätigung sehen, dass sein Verhalten angemessen ist. Deshalb gilt es, Streicheleinheiten und andere Belohnungen auf die eine Millisekunde aufzusparen, in der der Welpe das Zittern und Winseln vergisst und ruhig an seinem Plätzchen sitzt, dafür darf dann aber all das Aufgesparte mit Inbrunst und Theatralik zelebriert werden.

Brav Welpe

4. Pipipfützenputzpapier
Welpen pinkeln. Meistens weil sie müssen, weil sie können, aus Angst, aber auch aus Freude. Mit Angstpinkeln rechnet man, denn, siehe oben, Erstfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitten können den Welpen durchaus verängstigen. Womit man vielleicht nicht rechnet, ich persönlich aber häufiger erlebt habe als alle anderen Pinkeleien, ist das Urinieren aus Freude. (Wieso Freudepinkeln? Siehe Punkt Begegnungen) In allen Fällen hilft aber saugstarkes Papier und eines der ominösen blauen Säcklein.

5. Begegnungen
«Ja, Hallooo, wer bist denn du? Guziguzi!»
«Ja, bist du ein Süsser! Es ist doch ein er? Du bist bestimmt ein ER! Guziguzi!»
«Ja, was wirdst DUUU denn wenn du gross bist, hm? Guziguzi!»
Als Eltern kennt man den weit verbreiteten Willen, alles was nach Baby oder Kleinkind aussieht zu kommentieren und wahlweise gleich noch praktische Erziehungstipps mitzuliefern.  Spätestens nach der ersten ÖV-Fahrt weiss auch der Welpenbesitzer um das gesteigerte Mitteilungsbedürfnis. Es ist toll, wenn man derart viel Offenheit begegnet, aber gerade Welpen, die sich im Lernprozess befinden, werden durch Tröstversuche und ausufernde Begeisterungsbekundungen von Fremden entweder zusätzlich verängstigt, oder hochgeputscht bis zum Freudenpinkeln. (Siehe oben.)

6. Billett lösen
Sobald der Welpe sämtlichen Taschen entwachsen ist oder eine grössere Widerristhöhe als 30cm aufweist, muss für den Hund ein 1/2 Billet, eine Hunde-Tageskarte oder ein Hunde GA gelöst werden.

7. Ein- und Aussteigen
Wenn der Welpe keinen Platz mehr in verfügbaren Taschen hat, ist es Zeit, dass er Busse und Züge zu Pfoten betritt. Anfangs muss beim Ein- und Aussteigen noch geholfen werden, später geschieht das selbständig. Wichtig ist, dass der Hund lernt, Aussteigenden vor dem Eintritt den Vortritt zu lassen und nicht auf Einlass zu drängeln und an der Leine zu zerren, aber in der Regel können die Vierbeiner das besser als die erfahrensten Zweibeiner unter uns.

8. Platzwahl
Mit der Wahl des richtigen Platzes kann als Welpenbesitzer schon Vieles positiv beeinflusst werden. Die wichtigsten Kriterien sind: Rückzugsmöglichkeit (unter den Sitz), keine Hundephobiker auf dem Nebensitz, keine Hundeeuphoriker auf dem Nebensitz, nichts Essbares in unmittelbarer Nähe und keine anderen Hunde in unmittelbarer Nähe.

9. Leinenwirren
Es ist unbedingt zu beachten, dass beim Aussteigen korrekt ausgefädelt wurde, denn der Umstand, dass die Leine sich noch um eine Haltestange im Verkehrsmittelinnern befindet, während Hund und Herrchen oder Herrin schon draussen stehen, könnte relativ unschöne Folgen haben.

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