Shkodra – fast Thethi – Shkodra (Tag 63)


Nach dem wir uns von den Nonnen verabschiedet haben, fahren wir in Richtung albanische Berge, genauer, Richtung Thethi. Der Plan ist, so weit nach oben zu fahren, wie der Gefährte und unsere Fahrkünste es erlauben. Einige meinen, dass wir es mit unserem Gefährt problemlos bis oben schaffen, andere gehen vom Gegenteil aus. Wir verlassen Shkodra und fahren überland, an verstreuten Häusern vorbei, bis die Besiedlung an Dichte verliert. Hier treffen wir auf die weiten Lavendel- und Salbeifelder, die die Nonnen schon kopfschüttelnd erwähnt haben. Die Bauern hier haben, nach dem ihnen von Westeuropäern guter Verdienst versichert wurde, alles auf die beiden Kräuter gesetzt und kämpfen nun ums Überleben, weil sie keine Abnehmer finden. Über weite Strecken wird hier nun in Monokultur bebaut und wertvolles Land in Kürze Brach liegen. Etwas weiter oben werden die Felder noch mit Pflug-Pferd-Gespannen bestellt, was in Albanien, wo Pferde- und Eselkutschen noch zum alltäglichen Bild gehören, nicht sonderlich verwundert. Hie und da sind Schweine anzutreffen, oDer Kühe ohne Autoscheu. Am ausgetrockneten, steinernen Flussbeet stehen die Häuser so nah, dass ich jeden Frühling Angst davor hätte, weggeschwemmt zu werden. Man ist sich hier Ausländer gewöhnt, die Abenteuer in den Bergen suchen, alleine bei unserer Auffahrt begegneten wir mehreren Offroadern mit Dachzelten. Die Strasse ist beinah bis Thethi asphaltiert, aber das oberste Teilstück ist noch in Arbeit. Jeder Strassenarbeiter, dem wir begegnen, versichert uns, dass es für unser Gefährt ohne Probleme möglich sei, auch das Strassenstück in Umbau und den Teil danach zu bewältigen, aber Albaner in Mercedes-Bussen scheinen auch so ziemlich alles umbeschädigt befahren zu können, was bei Weitem, nicht heisst, das wir das auch können. Alls ein Lastwagen vor uns eine halbmeterdicke Schicht Kies über die Strasse verteilt, geben wir jedenfalls auf, eine normale, unbefestigte Strasse wäre kein Problem, aber, nach dem ersten Spuhl- und Durchdrehintermezzo, hegen wir hier Versinkungsangst und kehren um. Der Ausflug hat sich ohnehin gelohnt, für den atemberaubenden Blick über die morgenwolkenverhangenen Berge bin ich gerne hierher gefahren. Wir lassen Hund und Kinder ein wenig über die weite, karg begraste Bergwiese toben und fahren dann zurück nach Shkoder, wo wir uns auf den vielempfohlenen Platz, direkt am See stellen wollen. Als wir fast schon da sind, sehen wir eine dieser riesigen Schrottautoplätze, ja, da stehen Schrottautos, die nach und nach auseinandergenommen und ihre Teile anderswo eingebaut werden, der auf Busse spezialisiert zu sein scheint. An dieser Stelle gilt es vielleicht zu erwähnen, dass wir seit drei Wochen ohne Türgriffe hinten und an der Seite rumfahren, alle paar Autogaragen um Ersatz fragen und diese nie auf Lager waren. Hier gibt es sie jedenfalls. Zwei motivierte Herren, oder vielmehr, ein motivierter Mechaniker und ein übermotivierter Handlanger, bauen uns zwei funktionstüchtige Türgriffe an und die Zeiten, in denen jemand von uns durch den ganzen Bus nach hinten klettern muss, um die Türe zu öffnen, sind endlich vorbei. Für 60 Euro wird all dies erledigt und wir sind startklar. Wohlwissend, dass wir wohl mehr bezahlen, als ein Einheimischer hätte zahlen müssen (was ich nichtmal falsch finde), blödelt Herr G. bei der Geldübergabe rum: “Noch ein paar Griffe und ihr könnt schon mal in Urlaub fahren!” Der Mechaniker lächelt nur und erzählt, dass er von dem Geld nichts sehe, das überreiche er dem Patrone, der dafür i Hintergrund schlafe. Er verdiene 280 Euro im Monat, vom Lohn seines Handlangers ganz zu schweigen, das reiche nicht für Urlaub. Wir schweigen beschämt, mal wieder, bevor wir zum Abschied winken und den weitläufigen Platz am See aufsuchen.

Bemerknisse
Nach Wochen ohne Hecktüren wurde der Ausspruch “Brauchst du noch etwas von hinten?”, wenn man im Begriff war, die Tür zu schliessen zum geflügelten Wort, das Geräusch unabsichtsvoll zuschlagender Hecktüren zum Auslöser genervten Stöhnens. Klar, wir sind noch nicht so alt und gewisse Beweglichkeit ist auch vorhanden, aber das täglich mehrmalige Klettern, von der Fahrertüre nach ganz hinten, über all unserer Gerätschaften hinweg, wurde mit der Zeit doch etwas mühselig.

Nur weil Albaner dir sagen, dass dein Auto hier und dort problemlos hin kommt, heisst das noch lange nicht, dass DU mit deinem Auto hier und dort problemlos hin kommst.

“Ein Offroader ist, was du zum Offroader machst.” sagen sich die Albaner, wenn sie milde lächelnd die Westeuropäer mit ihren Adventure-Landrovern überholen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entschuldigen Sie die eindeutig unattraktivere Fotoanordnung, aber seit dem Update nach iOS8, klappt da mal wieder was nicht. Gnörk!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Begegnungen, Bemerknisse, Reise 2014, Reisen mit Kindern

Karpen – Shkodra (Tag 62)


Dank unserem spontanen Zusammentreffen mit den beiden schweizer Jungs, verliessen wir morgens den Platz um eine spannende Adresse (nun, Quasi-Adresse) reicher. In einem relativ zentralen Viertel Shkodras sollen seit 10 Jahren zwei Frauen in einem Kleinstkloster leben und ihr Leben Opfern von häuslicher Gewalt, Kindern und Familien in kanunbegründeter Blutrache gewidmet haben. Ich, das weiss, wer hier seit den Artikeln “(nicht) glauben” und “(nicht) glauben II.” mitliest, bin keine Anhängerin irgendwelcher Religionen und erst recht nicht von Missionierungsversuchen, aber ich bin grosse Anhängerin von Einblicken ins Leben der Menschen, deren Städte wir durchfahren und so konnte ich diese Gelegenheit unmöglich verstreichen lassen. Laut den beiden Motorradlern ist das Finden der beiden Schwestern auch gänzlich unproblematisch und so verabschieden wir uns guten Mutes und fahren die Kilometer bis Shkodra relativ zügig und zwischenfallsfrei. Im Auto rufe ich mir die Szenen aus der Reportage über den Kanun in Erinnerung, in der die beiden Nonnen offenbar auch schon eine Rolle spielten. Je näher wir Shkodra kommen, desto öfters sehen wir Häuser mit hohen Mauern rund ums Anwesen, was eher untypisch für den Rest Albaniens ist. Die Mauern wurden aus Angst gebaut und wo eine Mauer steht, kann davon ausgegangen werden, dass die dahinter lebende Familie in Blutrache mit einer anderen Familie lebt, aber dazu später mehr. Wir fahren also nach Wegweiser und den Anweisungen Befragter auf der Strasse in das Quartier Dobraç, wo die beiden Nonnen walten. Nur finden wir das Kloster nicht und stehen plötzlich mitten in einer unbefestigten, schlaglochdurchzogenen Quartierstrasse, umgeben von einer Schar Kinder, die uns “Shaqiri!” zurufen und sich ans Auto klammern. Schliesslich erbarmt sich ein junger Mann unserer, hört unser Anliegen an, steigt kurzerhand aufs Fahrrad und bedeutet uns, ihm zu folgen. Leicht schwitzend zirkle ich den Gefährten durch die engen Gassen, weiche Pfützen aus, die oft nur bewässerte Schlaglöcher sind und versuche dabei niemanden anzufahren. Der Fahrradfahrer ist eindeutig schneller als wir, hält aber schliesslich vor einem Gebäude, das wir, nach ausgiebigem Dank, anklingeln. Tatsächlich treten Nonnen auf die Strasse, allerdings sprechen sie Französisch und sind nicht die Nonnen, die wir suchen. Die beiden scheinen das allerdings nicht weiter schlimm zu finden, steigen in ihr Auto, bedeuten uns, ihnen zu folgen und liefern uns tatsächlich und in angenehmem Tempo bei Christina und Michaela ab. Das Kloster ist ein hübsches Haus mit einem gepflegten Garten, hinter eisernem Tor. Wir werden eingelassen und herzlich begrüsst. Unsere Kinder sind innert Sekunden ins Spiel vertieft, es hat Trettraktoren und junge Kätzchen. Vor der Haustür treffen wir auf Abraham. Er lebt seit seinem vierten Lebenstag bei den Nonnen und versucht gerade sein Fahrrad mit Schuhpolitur zu ölen. Schwester Christina erklärt ihm die Konsequenzen seines Tuns, nämlich ein schmutziger Sattel und wenig Wirkung, lässt ihn aber gewähren, nach dem Abraham sehr überzeugt von seinem Tun zu sein scheint. Wir werden zum Kaffee geladen, wo wir auf einheimische Klostermitarbeiterinnen und Antonio treffen. Antonio ist das zweite, der beiden Kinder die fest bei den Nonnen wohnen. Er hat mutmasslich bei der Geburt zuwenig Sauerstoff bekommen und zeigt eine massive motorische Behinderung mit Hypotonie und Spasmen, wahrscheinlich hat er Epilepsie und Asthma, aber die Spitäler hier haben nicht die Methoden, ein so kleines Kind, er ist drei Jahre alt, zu untersuchen. Noch hat er auch nicht die nötigen Papiere, dass dies in der Schweiz erledigt werden könnte und so behelfen sich Nonnen und Mitarbeiterinnen mit den Mitteln, die sie hier haben: Gute Grundversorgung, liebevoller Umgang und Körperkontakt. Die Schwestern kannten Antonios Familie schon länger und als man Antonio ins Kinderheim geben wollte, sahen sie für ihn keine grossen Überlebenschancen und nahmen ihn vor drei Wochen zu sich. Beim Tisch erzählen sie uns etwas von ihrer Arbeit. Das Kloster hat einen eigenen Kindergarten, der von um die 70 Kindern besucht wird, die pädagogischen Mitarbeiter werden jeden Montag geschult, vorallem werden neben Unterrichtsinhalten auch Lehrmethoden und der Umgang mit Kindern besprochen.
Alle Mitarbeiterinnen haben Geschichten voller Gewalt hinter sich oder befinden sich noch immer mitten drin. Viele der Frauen sind auf die ein oder andere Weise von Famlienfehden im Namen des Kanuns betroffen. Der Kanun ist altes, albanisches Gewohnheitsrecht, das vorallem in den Regionen um Shkodra noch verbreitet Grundlage des täglichen Zusammenlebens ist. Die Frau spielt dabei deutlich eine sekundäre, ja, minderwertige Rolle, der Mann ist, so habe ich es verstanden Träger der Familienehre und Ehrkränkungen dürfen, oder wohl viel eher müssen, gerächt werden, was bis zu Tötungen ausartet. In der Regel ist es allerdings mit einem Mord noch nicht vorbei, wenn Familie 1 ihre Ehre durch einen Mord an einem zwingend männlichen Mitglied der Familie 2 wiederhergestellt hat, ist nun Familie 2 wieder am Zuge und muss den Tod des Familienmitglieds rächen. Das geht so stetig weiter, bis die Familie, die nun daran wäre, das Blut zu rächen, sich zu Verhandlungen bereit erklärt. Die meisten betroffenen Familien leben allerdings nach wie vor in aktiver Blutrache. Das führt dazu, dass männlichen Familienmitglieder ein Leben in der Wohnung führen müssen, denn nur da sind sie, auch laut Kanun, geschützt und dürfen nicht getötet werden. Das hat desaströse Auswirkungen, denn die Jungen gehen nicht zur Schule weil sie getötet werden könnten und die Mädchen weil sie zuhause helfen müssen, wo die Familie gänzlich von weiblicher Hand versorgt werden muss, kann doch der Mann nicht arbeiten gehen und Haushalt ist ebenfalls Frauensache. Die Familien leben hinter hohen Mauern, die sie aus Angst vor Rache um Ihre Häuser bauen. Christina analysiert die Situation trotz Mitgefühl und Fürsorge für ihre weiblichen Schützlinge sehr differenziert, als sie mir schildert, wie die belastende Situation und die ungleiche Wertung der Geschlechter, sich in vermehrter häuslicher Gewalt zeigen. Oft sehen sich die schlagenden Männer als Opfer, sie sind schliesslich die, die um ihr Leben fürchten müssen, während Frauen keine Zielscheibe der Blutrache sind. Zur Zielscheibe werden sie, wenn die Männer Angst und Druck an ihnen auslassen. Ein System dessen Missstände sich gegenseitig begünstigen. Es ist nicht einfach, ein derart festgefahrenes System zu ändern. “500 ßJahre geben wir uns…” meint Christina lächelnd. Es wird ein spannender, lehrreicher Nachmittag und wir beschliessen die schwesterliche Einladung, die Nacht hier zu verbringen, dankend anzunehmen und verbringen eine ruhige Nacht, ohne unsere heimlichen Besucher zu bemerken. Die beiden Kätzchen werden erst am nächsten Morgen, von den Kindern entdeckt, die in Rekordzeit angezogen und bereit sind, draussen mit den Kleinstmietzchen zu spielen. Bereits um 8 Uhr stehen Menschen am Tor und warten auf Hilfe. Es sind Eltern, mit krebskranken Kindern, die sonst keine Hilfe erhalten, Eltern, die plötzlich mit einem behinderten Kind dastehen, so kam Antonio ins Kloster, Menschen ebendie auf eine oder andere Weise Hilfe oder Zuspruch benötigen. Beim gemeinsamen Frühstück mit Christina, Michaela und einigen Mitarbeiterinnen schlürfe ich etwas abwesend meinen Kaffee, während Herr G. den Kindern Schnittchen streicht und vor allem KleinÄm betüdelt. Plötzlich setzt die Frau neben uns zu einer albanischen Rede an, der gestaute Wut auch ohne Sprachkenntnisse zu entnehmen ist. Schwester Christina übersetzt von Zorn, über albanische Männer, davon, dass Frauen hier alles machen müssen und nur Schläge ernten, sie übersetzt von mangelndem Interesse an den Kindern, von Anspruchshaltungen, davon dass ungefragt Freunde eingeladen werden, die die Frauen dann bewirten müssen. Schwester Christina übersetzt Frustration in Anbetracht dessen was möglich wäre. Die Tatsache, dass dieser Ausbruch hauptsächlich von einer Frau kam, stellt Christina klar, liege nicht daran, dass die anderen Anwesenden derartiges nicht erleben, im Gegenteil, diese hätten sich schlicht nicht gewagt, in diesem Rahmen davon zu erzählen. Ich versuche das Gehörte zu fassen. Ich wusste, dass Albanien noch einen beachtlichen Weg vor sich hat, aber hier scheint er noch etwas weiter.
Wir brauchen Verarbeitungszeit, insbesondere die Kinder, von denen Äm, als Obersensibelchen, intensiv über Antonios Geschichte, seine Behinderung und das Verlassenwerden von den Eltern nachdenkt. Bevor wir gehen, möchte ich ausprobieren, ob Antonio in unsere XXL-Tragehilfe passt, aber die fehlende Physiotherapie liess seine Unbeweglichkeit zu weit fortschreiten. Ich hoffe sehr, dass die Schweizer Behörden ihm eine Einreise und baldige Abklärungen ermöglichen.
Wir verabschieden uns bereichert und voller Bewunderung, denn, Religion hin oder her, Christina und Michaela leisten hier Grossartiges mit Nachhaltigkeit.

 

Falls Sie sich für das Projekt der Schwestern interessieren, finden Sie auf der folgenden Seite Informationen, lassen Sie sich nicht zu sehr von den religiösen Floskeln abschrecken, die Schwestern sind weit offener, als der erste Blick auf die Seite glauben machen könnte. http://www.schwester-christina.de/index.php/aktuelles-oben/278-ob-das-wasser-fliesst-wissen-wir-nicht

4 Kommentare

Eingeordnet unter Begegnungen, Neulich, Reise 2014, Reisen mit Kindern

Himarë – Divjakë – Karpen (Tage 60-61)


Unser nächstes Ziel ist ein Naturschutzgebiet irgendwo nach Fier, an der Küste. Diesen Teil der albanischen Küste haben wir noch nicht gesehen, wie auch praktisch den ganzen Rest bis Montenegro. Das liegt hauptsächlich daran, dass es eine grosse Verbindungsstrasse, Kilometer im Landesinnern gibt, von der relativ gerade Strassen, teils unbefestigt und ansonsten kaum miteinander verbunden, zur Küste führen.*

Wieder passieren wir auf dem Weg dahin teils wunderbare Küstendörfer, aus steingemauerten Häusern, ab und zu sind die weissgetünchten Bauten aus Gijrokaster und Berat zu finden, in der Dorfmitte werden die Strassen teilweise so eng, dass ich fürchten müsste, mit dem Gefährten Hauswände entlang zu kratzen, wenn ich nicht wüsste, dass wir es hier schon unbehelligt durchgeschafft haben. Der weg führt von der Küste direkt hoch in die Berge, die mächtig und wolkenverhangen den Weg ins Landesinnern zu versperren scheinen. Die Ausblicke von oben sind atemberaubend, auch heuer, die langen hellen Strände, die, in schützende Berggspalten gedrängten Dörfer und das tiefblaue Meer haben mich schon vor zwei Jahren nachhaltig beeindruckt. Auf der Bergrückseite wähnt man sich danach urplötzlich in einer gänzlich anderen Gegend, wo vorher nur einzelne Olivenbäume wuchsen, fährt man hier mitten durch dichte Wälder, Gebirgsbächen entlang und findet hier und da einladende Fischtavernen. Wir erinnern uns plötzlich lebhaft, an das was danach folgt: Restaurants, Hotels und Appartements, die die Küste bis Vlorë regelrecht überwuchern. Wir lassen die Stadt, die mit ihren grauen, schlammigen Stränden und unschöne Blockbauten seltsamerweise trotzdem ihren Reiz hat, schnell hinter uns, fahren quasi schlaglochfreie Autobahn im Landesinnern bis Fier, wo wir wieder zur Küste abbiegen. Frau Fankhauser ist in Albanien übrigens keine Hilfe, sie kennt nur die Hauptstrasse. Wir fahren nach Karten, den spärlichen Schildern und Gefühl. Von der Autostrasse biegen wir gen Küsten ab, passieren kleine langezogene Dörfer mit den typischen, provisorisch aussehenden Zwei- bis Dreistockbauten, von denen jeweils nur ein Stock ausgebaut ist und der andere zur Aufbewahrung von Heu, zum Wäschetrocknen, als Garage oder Werkstatt genutzt wird. Das Leben spielt sich an der langen Dorfstrasse ab, wo flaniert, geplaudert uns gesessen wird. Ab und zu fahren wir an einer der, ebenfalls häufig zu sehenden, unfertigen, säulenlastigen Beinahvillen von Auslandverdienern vorbei, hie und da tun sich wieder riesige Schlaglochansammlungen vor uns auf und da und dort kreuzen wir überladene Eselkutschen und gelangweilte Kühe. Irgendwo sehen wir ein Campingschild, folgen ihm und finden, direkt am Meer zu einem protzigen, einem Schiff nachempfundenen Betonklotz, in dem gerade gehochzeitet wird. Erst erwägen wir tatsächlich hier zu übernachten, sehen dann aber den Sumpf, in den wir uns hätten stellen sollen und entschliessen uns zur Weiterfahrt. Bereits im nächsten Dorf erblicken wir neuerliche Campingschilder, folgen wieder und finden zu den Laguna Park Bungalows. Was wie ein Vergnügungspark klingt, sind ungefähr neun kleinen Bungalows und ein Restaurant, mitten im Nirgendwo. Rund um uns weite moorige Felder und unglaubliche Stille. Jedenfalls bis wir freudig von Antonio begrüsst werden. Er hat die Campingschilder heute Morgen angebracht und freut sich ganz offensichtlich sehr, dass wir hergefunden haben. Der Campingplatz existiert zwar noch nicht, aber wir werden trotzdem herzlich eingeladen, als seine ersten Campingäste hier zu stehen. Innert Kürze bastelt er uns Strom, bringt uns einen Bungalowschlüssel zur Toilettenbenutzung und scheint auch sonst sehr um unser Wohl besorgt. Er mag unseren Hund und die Tatsache, dass er so nett sei, denn er selber habe einen bösen Hund, den man immer in Ketten halten muss. Der komme bald weg, weil er nun einen jungen habe, einen zwei Monate alten Dobermann (der allerdings eher wie eine Zwergversion eines Dobermanns aussieht), den er hier im Käfig auf zwei Quadratmeter, ohne Hunde- oder Kinderkontakt hält. Wir bieten an, ihn etwas mit unserem Hundevieh spielen zu lassen, aber er geht nicht darauf ein. Am Abend essen wir in seinem Restaurant, in dem er selber kocht und dinieren köstlichst und viel. Wir haben lange nicht mehr so vorzüglich gegessen, passenden Wein getrunken und uns so gesättigt gefühlt. Als er uns die Rechnung bringt, glauben wir es kaum: Für 13 Euro haben wir gerade königlich Unmengen für drei Personen verspiesen und nächtigen erst noch gratis und mit blitzeblankem Privatbadezimmer. Antonio freut sich sichtlich über unsere Begeisterung. Normalerweise laufe hier etwas mehr, meint er, aber heute sei der Sonntag vor Schulanfang, da esse man daheim. Er habe drei Töchter, seine Mittlere habe morgen ihren ersten Schultag und sei seit Wochen aufgeregt. Ich gratuliere und frage, ob er auch aufgeregt sei, was er lächelnd bejaht. Zufrieden und vollen Bauches schlendern wir zum Gefährten zurück, über uns der sternenklare Himmel, von Weitem hört man einen Hund bellen, ansonsten herrscht Stille.
Als wir aufbrechen ist Antonio noch nicht wieder da, er ist losgefahren, um seine aufgeregte Tochter zu ihrem ersten Schultag zu bringen. Wir hinterlassen eine kleine Botschaft und den Schlüssel und fahren los. Heute wollen weitere Möglichkeiten nach Küstenzugang erforschen und uns abends auf dem Platz in Durresnähe, den wir schon von vor zwei Jahren kennen, mit Bekannten treffen, die hier gerade auf Motorrädern durch die Gegend fahren. Der Tag lässt sich jedenfalls einfach zusammenfassen: Wir irrten ausgiebig und orientierungslos in der Gegend rum, fanden nicht zum Meer, dafür Überreste einer kleinen Burg und traffen uns am Abend ganz planmässig mit den beiden Motorradfahrern, die mit platten Reifen und Lebensmittelvergiftung anknatterten.

 

Bemerknisse

*Wer also von Stichstrassenende A mach Stichstrassenende C gelangen will und nicht gerade über ein offroadtaugliches Gefährt verfügt, fährt Stichstrasse A kilometerlang zurück, fährt auf der Autostrasse Richtung Stichstrasse C, kann auf der Höhe von Stichstrasse C aufgrund der Mittelleitplanke nicht abbiegen fährt Kilometer ins nächstgrössere Kaff, macht eine Kehrtwende, fährt Kilometer zur Stichstrasse C zurück, biegt ab, fährt Kilometer zum Stichstrassenende C und ist für 6 Kilometer Luftlinie schliesslich 50 Kilometer gefahren.

Immer wenn ich wiedermal verwegen an Schlaglöchern vorbei kurve und auf holprigen Strassen gerade noch so schnell fahre, wie der Gefährte laut meine, Beurteilungsvermögen aushält, überholt mich ein tiefer gelegter Altklappermercedes unbehelligt mit 80 km/h.

“Passt bloss auf bei korrupten Polizisten, die Ausländer ausnehmen wollen, verlangt immer einen Ausweis!”, so klingt es allerseits, und mich überkommt auch prompt bei jedem Polizistensichtkontakt ein mulmig Gefühl, erst recht, wenn wir rausgewinkt werden. Das passierte bisher zweimal und es war furchterregend:
Polizist 1, breit grinsend: “Suisse?” Wir: “Oui!” Polizist 1: “Shaquiri!” Wir: “Ouiii!” Polizist 1: “Bye Bye!”
Polizist 2, breit grinsend: “Hello!” Wir: “Hello!” Polizist 2: “Oooooh, Babies!”, betrachtet die Brut mit noch breiterem Grinsen, “Bye Bye!”

2 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2014, Reisen, Reisen mit Kindern

Ioannina (Griechenland) – Sarande (Gijrokaster, Albanien) – Himarë (Albanien) (Tage 58-59)


Am Morgen tun wir, was wir hier lieber verschwiegen würden: Wir fahren in die IKEA, frühstücken da und lustwandeln in den ganzen Einkaufszentren, die nahe Ioannina so rumstehen. Das haben Sie jetzt alles nicht gelesen, denn ich habe das hier auch nie erzählt.
Heute überquere ich erstmals als Fahrerin eine Grenze. Nach den paar Kilometern, die zwischen Ioannina und der albanischen Grenze liegen, bin ich etwas aufgeregt. Nicht wegen der Grenze, aber von unserem letzten Albanienbesuch weiß ich um den zeitweiligen Zustand albanischer Straßen. An der Grenze winkt man uns dann auch gänzlich uninteressiert durch und auf albanischem Boden verinnerliche ich mir, gewissenhaft wie ich bin, erstmal die Schilder, die wie überall nahe der Grenzen, die Geschwindigkeitsbegrenzungen verdeutlichen. Wir wollen als erstes Gijrokaster anfahren, eine Stadt, die wir noch nie besucht haben. Meine Angst vor den Straßen zeigt sich bisher als unbegründet, zwar sind die Brückenübergänge eher erschütternd, aber das ist in all den Balkanstaaten so. Schon die erste Strecke auf albanischem Land, durch die Talebene nach Gijokaster, begeistert erneut, jedenfalls was die beeindruckenden Berge angeht, die Dörfer sind eher langweilig und unschön gebaut. Gijrokaster hingegen, das umgeben von Bergen in beachtlicher Höhe trohnt, vermag sofort zu begeistern. Ineinander verschachtelt stehen die oft weiß getünchten, ein- bis dreistöckigen Steinhäuser, mit steinern geschindelten Dächern und verhältnismäßig großzügigen Fenstern mit Rahmen aus dunklem Holz. Enge, steile Straßen, mit abgewetzten Kopfsteinpflaster führen durch die Gassen und eine Burg imposanter Größe scheint das lebendige Treiben im Städtchen sorgsam zu überwachen. Ich fühle mich an Berat erinnert, das mir schon vor zwei Jahren so gut gefiel. Nach einem Mittagessen im Zentrum, stolpern wir noch etwas durch die Gassen, was leider nicht gänzlich entspannt geht, denn trotz vielen Fussgängern, viele davon Touristen, existieren wenige Fußgängerzonen. Nach einem Besuch auf der Post, wo wir den Beamten dabei helfen, Strassbourg geografisch zuzuordnen, machen wir uns auf den Weg nach Sarandë, wo wir übernachten wollen. Der Weg führt über die karg begrünten Berge, hinunter zur Küste bei Sarandë, wo wir etwas zu spät ankommen um uns eine etwas stadtfernere Bleibe zu suchen. Albanien möchten wir nicht nachts befahren müssen, auch wenn einige Stellen, die uns von vor zwei Jahren als besonders schlaglochdurchzogen in Erinnerung bleiben, heute ausgebessert sind. Vor einem Hotel ohne Charme, dafür mit einer Horde plantschender Pauschalpolen im Pool, stellten wir uns für eine Nacht hin und teilten die Sanitäranlagen mit den Arbeitern, die bis spätabends die Gebäudewartung übernehmen. Sarandë ist an sich keine wahnsinnig schöne Stadt, geprägt von Billigblockbauten auf engem Raum, aber unser Abendspaziergang, der gut besuchten Strandpromenade entlang, zu dem Zeitpunkt, an dem das Licht der untergehenden Sonne jedem Fleck Erde seinen Glanz verleiht, liess uns doch noch einige nette Ecken und vor allem buntes, freundliches Leben entdecken. Besonders der Hund stösst allenthalben auf Liebe, eine Gruppe von gut 20 Romakindern will uns gar nicht mehr weiterziehen lassen und deckt Charlotte grosszügig mit Liebesbekundungen und Küssen ein. Mit vollen Bäuchen schlafen wir ein, Albanien hat uns wieder.

Am Morgen brechen wir in Richtung Butrintit auf, denn da soll es Ruinen in netter Landschaft geben. Die Tatsache, dass wir nur Minuten nach einem Reisecar, vollbesetzt mit den Pauschalpolen auf Plauschtour, vor dem Hotel losfahren und dieser verdächtigerweise die exakt selbe Strecke zu fahren scheint, wie wir, lässt uns etwas an unserem heutigen Reiseziel zweifeln. Schöne Landschaften finden wir, einsam sind sie auch, jedenfalls jenseits der Ruinen. Dort steppt der Touristenbär. Etwas ausserhalb stellen wir den Gefährten ab und machen eine, zwar weniger historische, aber wunderbare Kurzwanderung, bevor wir küstenaufwärts, nach Himarë fahren. Diese Strecke kennen wir von vor zwei Jahren, sie hat sich glücklicherweise, kaum verändert. Durch kleine, für die Meeresnähe hoch gelegene Dörfer, mit Ortskernen, in denen hutragende Männer in Hemden rauchend bei Gesprächen sitzen, Strassenhunde faul rumliegen, hie und da ein angeseilter Esel wartet und etwas ausserhalb Ziegenherden und Kühe durch die Strassen getrieben werden, deren Hirten uns freundlich zuwinken. Autos stressen die Tiere längst nicht mehr, im Gegenteil, ich bin ziemlich sicher, dass sie sich insgeheim für körperlich überlegen halten. Immer wieder sehen wir Campingschilder, aber anstatt neue Stätten anzufahren, möchten wir zurück auf den Platz, der uns vor zwei Jahren schon gut gefallen hat. Wenn ich hier erzähle, dass man da zwischen Orangen- und Olivenbäumen steht, klingt das allerdings lauschiger, als es ist, denn der Platz ist mitten im Ort, aber Örtlichkeit und Umgebung sind es auch nicht, die uns zurück ziehen, vielmehr ist es die Tatsache, dass der Platz sehr charmant und freundlich geführt wird. Wir finden den Platz tatsächlich unverändert vor, was etwas schade ist, weil mit etwas Arbeit doch einiges hätte herausgeholt werden können. Trotzdem fühlen wir uns wohl, essen Mittagsreste von gestern kühlen uns im klaren Wasser ab, können den Hund problemlos frei laufen lassen und kochen abends erstmals seit Langem wieder selber.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass in den letzten zwei Jahren doch einige Veränderungen stattgefunden haben, wie stellenweise ausgebesserte Strassen, mehr Touristen und massenhaft hässliche Blockbauten im Dienste des Tourismus. Letzteres findet sich allerdings bisher nur an der Küste und auch da noch relativ konzentrierte und wenig ausufernd.

 

Bemerknisse

Die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf albanischen Strassen sind in der Regel gut sichtbar und Schilder folgen in regelmässigen Abständen. Wer sich allerdings daran hält, wird zur unliebsamen Verkehrsbehinderung. Der allgemeine Geschwindigkeitsdurchschnitt liegt 30km/h über der angegebenen Geschwindigkeit und das gänzlich unabhängig vom Strassenzustand.

Nach wie vor ist es toll, in Albanien mit weissem Mercedes-Bus umher zu fahren. Allenthalben wird aufgesprungen, freudig gewunken und gerufen. (Dass man uns mit den üblicherweise weissen, mercedessenen Sammeltaxis verwechselt und man uns nachträglich wegen unverlangsamter Weiterfahrt beschimpft, lässt sich mit etwas Übung ganz gut ignorieren.

In Albanien ist deutlich weniger Flachvieh anzutreffen. Das liegt, vermute ich, nicht an geschickteren Tieren, vorsichtigeren Autofahrern oder koordinierterem Wegräumdienst, sondern wohl an den Schlaglöchern, in denen die Tiere sich in Sicherheit bringen können.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2012, Reise 2014

Neapolis – Stoupa – Elaja – Ioannina (Tage 56-57)


Was wir in den letzten Tagen gemacht haben, war nett, entspannend, es waren Strandferien. Das Problem, das ich mit Strandferien habe, ist, dass sie mich relativ rasch langweilen. Deswegen reise ich lieber, als dass ich urlaube. Deswegen reise ich individuell, statt pauschal. Wenn ich reise, will ich fremde Kulturen sehen, Neues entdecken, Unerwartetes erfahren und genau das fehlt mir in Griechenland, trotz seiner unbestritten unvergleichlichen Schönheit. Wohl fanden wir durchaus auch Schaurigschönes, wie dieses rostene, gestrandet verlassene Schiff, oder Faszinierendes, wie die Tropfsteinhöhlen, die wir im Boot befahren konnten, wir fanden einsame Strände, lauschige Standplätze und gutes Essen und wir genossen alles im vollen Zügen. Der penepolessche Finger Mani ist beispielsweise vollumfänglich für einen Urlaub zu empfehlen, er ist eine rauhe, bergige Schönheit, umgeben von kleinen Steinbuchten mit klarstem, türkisblauem Wasser, die Geburtstätte des griechischen Kampfes gegen die Osmanen, besiedelt in Form kleiner, konzentrierter Dörfer aus dichtstehenden Steinhäusern, allenthalben sind Burgen oder ihre Ruinen zu sehen, die von der Verteidigung gegen Piraten zeugen und überhaupt ist die Gegend wunderbar anschaulicher Zeitzeuge früherer Wirklichkeiten. Der Penepoles an sich ist unheimlich vielfältig in seinen landschaftlichen und historischen Angeboten und unbedingt für einen mehrwöchigen Urlaub zu empfehlen und, Dank der am Möglichkeit einer Verschiffung nach Patras, liegt er nicht all zu fern. Aber sehen Sie sich einfach selber einige Gründe an, die für eine Reise hierhin sprechen:

Einleitend habe ich es ja schon erwähnt: ich habe genug gestrandet, ich will mehr sehen. Heute fuhren wir nach Ioannina, morgen werden wir nach Albanien fahren, wo wir hoffentlich wieder mehr reisen und weniger urlauben. Das Land kennen wir ja schon etwas von unserer Reise vor zwei Jahren, als es uns erst gar nicht so gefallen hatte und uns im zweiten Anlauf doch noch zu fesseln vermochte. Ich bin gespannt auf Veränderungen und Wiedersehen.

Bemerknisse
Die linienpositiven Tage in der Türkei sind vorbei, Griechenland frittiert uns sein Gemüse und Herr G. muss aufgrund allseitiger Fetaaversion jeweils die doppelte Käsemenge essen, denn den griechischen Salat ohne Feta zu servieren, fällt den Griechen ziemlich schwer, oder das griechische Hirn hat schlicht keinen Ort um die Bitte, den Salat fettafrei zu servieren, zu speichern. Ich werde trotzdem fetter, Herr G. wird feta. (Muaha.)

Griechische Strassen sind hervorragend beschildert, eine Wohltat nach den Erfahrungen in Bulgarien. Der Ausbau der Straßen scheint allerdings hier viel Zeit in Anspruch zu nehmen und nach wie vor gilt es, die “die Straße endet hier”- Schilder ernst zu nehmen und die Umleitung zu befahren, denn wenn die Schilder sagen, dass die Straße endet, endet die Straße wirklich. Unmittelbar. Gerne auch direkt im Abgrund.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2014, Reisen mit Kindern

Astros – Foutia – Neapolis (Tage 54-55)


Nach dem wir die Tage auf dem Platz bei Astros damit zugebracht haben, uns wieder in ahnsehnliche Formen zu bringen, den Gefährten zu säubern und Wäsche zu waschen, fahren wir am Morgen sauberen Gefühls in Richtung Lakonien, einem der penepolesschen Finger, die wir auf der letzten Reise ausgelassen haben. Bereits nach wenigen Kilometern wird uns wieder klar, weswegen wir den Penepoles schon damals so mochten: Neben grandios blauem Meer und pittoresken Dörfern, sind auch massive, einsame Berge zu entdecken. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass heute der erste Tag dieser Reise ist, an dem ich micht tatsächlich hinters Steuer setze, einfach weil mir immer sehr gute Gründe einfielen, es nicht zu tun. Dass ich fotografieren muss, beispielsweise, denn Herr G. fotografiert, nun, manchmal etwas verzögert. Jedenfalls fahre ich also erstmals den Gefährten länger als 10 Kilometer und erst noch eine Klitztekleinstbergstrasse hoch und durch enge, griechische Dörfer. Ich habe mich grundlos geziert, gilt es anzufügen, der Gefährte ist trotz seiner Länge nicht wesentlich schwieriger zu händeln als ein normaler Personenwagen. Allerdings sehe ich zugegebenermassen ungleich weniger von der Landschaft, als ich mir das aus Beifahrertagen gewohnt bin. Den Vorgelagerten Koloss von Monemvassia, den wir erblicken, kaum haben wir wieder Küste erreicht, nehme ich aber trotzdem wahr. Ein zwei-, ja, dreigeteiltes Städtchen auf Festland, Inselboden und Inselhöhe, wunderschön anzusehen, auf einem braunen Koloss mit heller Grashaube, umgeben von tiefblauem, zum Land hin in hellem Türkis ausfransendem Wasser. An einem der zahlreichen wenig besuchten Strände in der Nähe halten wir, um uns im klaren Wasser abzukühlen. Nach kurzer Zeit werden wir auf Schweizerdeutsch begrüsst, kommen ins Gespräch und werden eingeladen, den Gefährten für eine Nacht vors Haus der beiden Schweizer zu stellen. Das ist insofern bemerkenswert, als wir uns auf unserer Reise, allenthalben gelebte Gastfreundschaft erfahrend, die Frage gestellt haben, ob das in der Schweiz ebenso wäre und begründete Zweifel hegten. Susanne und Roger, so heissen die beiden, zeigten uns jedenfalls, dass es spontane Gastfreundschaft auch als Schweizer kennt. Die beiden Zürcher (Zwischen 45 und 60) sind begeisterte Surfer, kennen die Gegend seit 15 Jahren und fahren jährlich hierher, in ein Haus Familienangehöriger, das in wunderbarer Lage, mitten in einem kleinen Dorf, in beachtlicher Höhe liegt. Die Aussicht ist atemberaubend, das Haus schön renoviert und so in Stand gehalten, dass nichts von seinem griechischen Charme verloren ging. Nach einem kleinen Usoexkurs verbrachten wir eine ruhige, schlafreiche Nacht.
So ruhig wie für uns, war die Nacht für unsere Gastgeber nicht, denn diese, insbesondere Susanne, machten sich Sorgen, ob unsere Kinder bei dem Lärm tatsächlich schlafen können. Natürlich erkundigen wir uns nach den nächtlichen Lärmquellen, die wir, bis auf den Hahn, der um 3 Uhr, von der im Traum aufquietschenden Äm geweckt wurde und den Schrei wohl mit geflügelinternem Weckdienstaufruf verwechselt hat, nicht wahrgenommen haben. Als Susanne uns schliesslich miauende Katzen, bellende, entfernte Nachbarhunde, Füchse und Raschelnde Olivenbäume nennt, kichern wir in uns hinein. Wahrlich, in den Wochen unterwegs haben wir weit Lauteres erfolgreich mit Schnarchen übertönt.
Die beiden Zürcher führen uns, auf der anderen Seite des Berges, nahe Neapolis, zu ihrem Lieblingsstrand, der sich kilometerweit und minimal bemenscht der Küste entlang zieht. Die Kinder baden ausgiebig, Äm legt den Trotzanfall ihres Lebens in den Sand und der Hund hält sich grundsätzlich bis Bauchhöhe im Wasser auf. Als die Sonne uns zu heiss wird, begeben wir uns in der grössten Hitze in den Schatten und fahren danach etwas weiter, zu einem der wohl schönsten Strände, die ich je gesehen habe. Direkt neben einer nicht minder wunderschönen Lagune, in der wir sogar einen Flamingo entdecken, liegt der Kiesel-Sandstrand mit einer Wasserfarbe, die ich bisher nur von Südseebildern kenne, unter der Wasseroberfläche die versunkene Stadt, die wir mit Taucherbrille ausgerüstet sogar noch ausmachen können. In den Felsen, die sich alle zehn bis zwanzig Meter wie Landzungen ins Wasser ziehen, sind noch ausgeschnittene Hock- und Liegegräber auszumachen und überhaupt gibt es hier für alle Beteiligten viel zu entdecken. Hier verbringen wir auch den Rest des Tages, bevor wir uns zum Abendessen nochmal mit den Zürchern und den anderen Mitgliedern der eingefleischten Gemeinschaft, zum ¨besten Essen Griechenlands¨ treffen. In netter Gesellschaft sitzen wir am Tisch bis lange nach dem Zeitpunkt, an dem die Kinder auf unseren Beinen eingedöst sind.

Bemerknisse
Was für das zurückhaltungs- und überhöflichkeitsgewohnte Schweizer Ohr klingt, als würden gerade handfeste und lautstarke Streitgespräche geführt, deren Ausgang durchaus auch Verletzte und Tote nach sich ziehen könnten, sind wahrscheinlich nur ganz normale Gespräche unter Griechen.

Griechen grillen ähnlich ausgiebig wie die Türken:

Campende Türken mögen ihren Grill. Campende Türken mögen ihren Grill mittags und abends. Der Grill von campenden Türken kann echt viel Rauch. Der Grill von campenden Türken kann Rauch für 16 Fussballfelder. Campende Türken grillen aber neben ihren Zelten. Die Zelte von campenden Türken sind Dampfabzüge. In Zelten von campenden Türken passt Rauch für 16 Fussballfelder.

Allerdings grillen Griechen lieber vor fremden Zelten.

Die Griechen mögen Kinder, aber Hunde mögen so noch lieber. Die Aufmerksamkeit, die die Kinder in der Türkei auf sich gezogen haben, wird jetzt dem Hund zuteil.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2014, Reisen mit Kindern

Tasucu – irgendwo zwischen Alanya auf Antalya – Kemer – Köygeniz (Tage 45-47)


Nach dem wir in Tasucu zwar schon einiges vom türkischen Mittelmeertourismus bemerkt haben, wenn auch noch in milden Formen, hauptsächlich auf türkische Besuche zugeschneidert, machen wir uns auf, Richtung den beiden Hochburgen Alanya und Antalya. Ich bin ein wenig gespannt, schliesslich muss es doch einen Grund geben, weswegen es die Touristenströme dahin zieht. Bis eine halbe Stunde vor Alanya gefällt mir die Gegend dann auch ziemlich gut. Wir fahren durch Bananengebiet, von dem ich nicht wusste, dass es in der Türkei in dem Masse existiert. Riesige Bananenplantagen säumen Strasse und Küste, scheinen die kleinen Dörfer regelrecht zu verschlucken, ja, manchmal ist die Moschee das einzige Gebäude, das die Existenz eines Dorfes, mitten im Bananenpalmenfeld, verrät. Alle paar Kilometer stehen Stände, an denen die frisch geernteten Bananen in Reinform oder verarbeitet gekauft werden können. Etwa eine halbe Stunde vor Alanya künden breiter und rissfreier werdende Strassen, erste Hotelkomplexe und unschöne Zersiedelung an, was uns auf nächster Strecke erwarten wird. Ich fasse zusammen: Resort an Resort, Bunkerbau an Bunkerbau, viel Verkehr, Ampeln, seltsame Basäre, durch Zersiedelung und Überbauung verunstaltete Landschaft, Grosse Irritation und viel Unverständnis. Da fliegen sie also alle hin, die Pauschlareisenden, und machen Ferien in einer Türkei, die so gar nichts mit dem Rest des Landes gemeinsam zu haben scheint. Wahrscheinlich muss ich das nicht verstehen. Irgendwo zwischen Alanya und Antalya können wir nicht mehr. Fahrmüde und schlecht gelaunt fahren wir eine kleine Pension an, die uns unser Reiseführer empfiehlt. Wir werden nett empfangen, der Garten ist wunderbar, verfügt über Meerblick und solange man den zugemenschten Strand nicht all zu genau ansieht, lässt es sich gut eine Nacht verbringen. Unser Ziel für morgen steht jedenfalls fest: Wir wollen hier raus.
Am nächsten Morgen fahren wir zügig los, schliesslich haben wir einen Plan. Um zu beschreiben was wir bis eine halbe Stunde nach Antalya noch so sehen, reicht es, den vorangehenden Abschnitt nochmal zu lesen. Antalya soll zwar eine nette Altstadt haben, aber die lassen wir aus. Wir sind, nun, ich gebe zu, hauptsächlich ich bin, unheimlich schlecht gelaunt. Ich fürchte, dass die ganze türkische Mittelmeerküste so aussieht und hadere. Mit allem und allen. Und ich fluche an jeder Ampel. Es hat hier unheimlich viele unheimlich ausdauernd rot stehende Ampeln. Ich weiss nun zumindest, dass mir die Türkei durchaus nicht überall gefällt. Als nach der oben erwähnten halben Stunde wieder unverbaute Meerstreifen, Berge und Natur zu sehen ist, schöpft zumindest Herr G. lautstark Hoffnug, ich erwarte hinter jeder Biegung weitere Hotelkomplexe. Blind folgen wir Frau Fankhauser zu einem Platz, den der Reiseführer abgeschieden und “in freier Natur” nennt. Als wir wider Erwarten genau das finden, kann ich noch weniger fassen, was wir gerade durchfahren haben und dass da tatsächlich Menschen in aufwändig begrünten Poolbetonschaften plantschen, während sie in einer halben Stunde problemlos die ganze echte, unverbaute und betonfreie Schönheit präsentiert bekämen. Das hat der Platz, Sundance Camp, wirklich zu bieten, mit seinen uralten Bäumen, zugewachsenen Nischen, dem rauhen Steinstrand, dem Flussarm und dem weitläufigen Gelände ist der Platz,der mutmasslich von Alternativen und Hängengebliebenen liebevoll und mit Rücksicht auf die Natur geführt wird, durchaus nicht nur im Antalyavergleich ein Paradies. Wir essen zu Mittag und verbringen den Tagesrest mit im Wasser. Noch am Abend beschliessen wir uns möglichst bald nach Griechenland zu verschiffen, wir wollen genügend Zeit für die Rückreise.
Am nächsten Morgen brechen wir etwas gemächlicher auf, nichtsahnend, dass wir aufgrund einer Fehlplanung einen Fahrtag bewältigen werden, wie wir sie eigentlich explizit vermeiden wollen. Aber damit will ich Sie heute auch gar nicht langweilen. Landschaftlich zeigt sich der Tag jedenfalls divers und streckenweise sehr schön. Nur Ölüdeniz gilt es wohl in den Monaten Dezember bis März zu meiden, da findet man zwar nicht den Pauschaltourismus der Gegenden von Antalya und Alanya, aber viele Leute hat es allweil. So viele, dass wir unseren Fahrtag spontan nochmal verlängern und bis an den See bei Köygeniz fahren, wo wir einen botanisch reizvollen, ruhigen Platz finden, dessen Besitzer wohl auch schon fürstlicher von den Einnahmen der Besucher gelebt haben, wie ich aus der heruntergekommenen Anlage schliesse, die einst wohl einen intakten Tennisplatz und einen Streichelzoo beinhaltete. Ersterer existiert noch und kann auch benutzt werden, Hürdenläufer und Slalomprofis spielen da bestimmt gerne um die Wucherritzen rum. Der “Streichelzoo” ist ein Ort des Grauens, tote und lebendige Tiere, bestialisch stinkend auf engem Raum. Ich werde den Reiseführer unsers Vertrauens auf diese Tatsachen aufmerksam machen und nahe legen, den Platz aus dem Verzeichnis zu nehmen.

Bemerknisse
Fast schon erheiternd sind die Hotelanlagen, die da neben anderen Hotelkomplexen dicht an dicht an mehrspuriger Strasse vor sich hin existieren, und ironisch anmutende Namen wie “Lonley Island”, Silent Beach Resort” und “Blue Sea Club” tragen.

Für die im Rohbau stehenden weiteren Komplexgiganten hätte ich bereits weitere Namensideen gesammelt, also wenn hier ein Verantwortlicher mitliest, für gelungen hielte ich beispielsweise: “Sea O Two”, “Idiot! Why don’t you go to the Black Sea?” und “Catastropical Island”.

Kommt es auf türkischen Autobahnen zu kurzfristigen Staus, ertragen die gestauten Menschen das mit Ruhe und Gelassenheit. Man flaniert zwischen denAutos einher,hält hie und da ein Schwätzchen, verteilt Zigaretten und wenn auch noch Musiker unter den Wartenden sind, ist sogar für musikalische Unterhaltung gesorgt.

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2014, Reisen mit Kindern