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Angebaggert oder Wieso Sie deswegen immer noch keine Karten erhalten


Neues aus der neuen Rubrik “Experimente, die ich für Sie durchgeführt habe, damit Sie es nicht mehr tun müssen”:

Sie schenken ihrer/m Partner/in zu Weihnachten einen motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung und versprechen sich ziemlich viel davon, weil
Erstens: er/sie es sich so gewünscht hat und Sie eben gerne Freude bereiten,
Zweitens: er/sie damit beschäftigt ist und damit keine Gelegenheit hat, Ihnen Ihre Weihnachtsgeschenkbücher weg zu lesen,
Drittens: laut Lego „für diesen leistungsstarken Raupenbagger (…) kein Bauprojekt zu komplex ist“ und Sie sich ziemlich über den Einbau einer Badewanne freuen würden,
Viertens: Sie sich erhoffen er/sie möge beim Zusammenbauen scheitern und sie eindringlichst um Unterstützung anflehen.
Ihr/e Partner/in freut sich sehr (Erstens: Tschakka!), beschäftigt sich acht Stunden lang mit dem motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung und Sie lesen genüsslich und ruhevoll und ohne neidvolle Partnerblicke in Ihren Büchern (Zweitens: Tschakka!). Bis hierhin können Sie dieses Experiment noch bedenkenlos ebenfalls durchführen, was hernach folgt jedoch, ist Leid, Schmerz und zerstörte Hoffnung, beginnend damit, dass Ihr/e Partner/n den motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung völlig selbständig zusammenbaut (Drittens: Möööp!) und den motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung in zusammengebautem Zustand nicht mal eine Minibabypuppe zu heben, geschweige denn bei einem Badewanneneinbau behilflich zu sein vermag (Viertens: Möööp!). Und nun  folgt, was Sie auf keinen Fall tun sollten: Werden sie nicht bitter, zynisch und albern, ob all der Enttäuschung und selbst wenn sie in Ihrem Leid völlig das Gefühl für mögliche Gefahren verlieren, rufen Sie ihrem/ihrer Partner/in nicht voller beissendem Spott zu: „Fahr den motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung über meine Hand! Mal sehn ob er das schafft. Nimm das, du motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung!“ Und sollten Sie trotzdem an diesen Punkt gelangen: Ziehen Sie die Hand weg BEVOR der motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung über ihre Hand walzt, denn er wird nicht lange fackeln und einen Fetzten Haut derart unerbittlich zwischen den, an seiner Unterseite versteckten, Zahnräder einklemmen, dass Sie Sterne, Vögel, Ihre Kinder als Waisen und Ihr Leben an Ihnen vorbei ziehen sehen, Ihre/n Partner/in anflehen den motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung so ungehend als möglich im Rückwärtsgang fahren zu lassen, worauf dieser aber, ob mutwillig oder aus Unwissen, die Gänge verwechselt. Urplötzlich wird alles still und langsam werden, Sie werden ein Licht sehen und in dem Moment wissen, dass Ihnen nur eines bleibt: Sie entscheiden sich fürs Leben und gegen die Hand und reissen ebendiese mit roher Gewalt, ohne Rücksicht auf Extremitätsverluste weg.
Ereignisse, die ich mit nur mittelschwerem Trauma bewältigt hätte, hätte ich zumindest präsentable Verletzungen vorzuweisen. Aber Genesungsblumensträusse, Gute-Besserungs-Kärtchen und mitfühlende Blicke bleiben mir verwehrt, denn was an Malen bleibt, würde nicht mal Ypsilönchen mit Pflastern versorgen. So bleibt mir nur festzuhalten: Lassen sie keinen motorisierten Lego Technic Raupenbagger 2 in 1 mit doppelter infrarot Steuerung über Ihre Hand fahren.

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Uns hat das auch nicht geschadet


Einleitend:
Vor nicht all zu langer Zeit hat Frau Schussel diesen Artikel zum Thema Gewalt geschrieben, den ich wie folgt kommentiert habe:
„Ich sehe mich immer wieder überrumpelt mit Eltern konfrontiert, die mir in Elterngesprächen sagen, dass sie natürlich ihre Kinder nicht schlagen aber Ihnen ja ab und zu mal “e Chlapf” (Ohrfeige) auch nicht geschadet habe. Genau an diesem wichtigen Punkt versage ich in der Elternarbeit, vermag mein Anliegen nicht in einer Art und Weise zu formulieren, die betreffenden Eltern etwas sagen würde. Nach Gesprächsschluss habe ich das Gefühl nichts bewirkt zu haben, als die Eltern in einer Sprache und mit einer Denkweise beleidigt zu haben, die nicht die ihre ist.“
 
 
 
 

Dass rund um Erziehungsfragen nicht immer Einigkeit herrscht, darf als Bereicherung und Stagnationsprophylaxe angesehen werden. Schwierig wird es, wenn Gegenüber sich des Totschlagarguments „Mir hat das auch nicht geschadet.“ bedienen, denn mit grosser Regelmässigkeit finde ich mich hiernach in einer, der Diskussion kaum dienlichen, hilflosen Trotzreaktion wieder oder bleibe sprachlos.

„Mir hat ab und zu ein Klaps auf die Finger auch nicht geschadet“

Mit derartigen Aussagen wird bezeichnenderweise in aller Regel nur Themen begegnet, die meines Erachtens unter Einbezug gesunden Menschenverstandes als pädagogisches Stilmittel schlichtweg unzulässig sind. Was antworte ich also, ohne patzig zu werden? In Bezug auf die explizite Botschaft dieses Satzes kann ich nichts Gegenteiliges behaupten, ohne persönlich zu werden und mein Gegenüber zu verletzen oder zumindest zu verärgern. Ich kann mich auf implizierte Verallgemeinerung beziehen und damit auf die Annahme, dass was ihm/ihr anscheinend nicht geschadet hat, auch sonst niemandem schaden wird. Unweigerlich gelange ich aber immer wieder an deinen Punkt, an dem ich emotional reagiere, an dem es mir schwer fällt pragmatisch zu bleiben. Wieso sollte ich, mal wider meine Überzeugung davon ausgehend, dass erwähne Erziehungsmassnahmen nicht zwingend schaden, meinem Kind gegenüber wissentlich potentiell schädigend (und in keinem Falle förderlich) agieren wollen? Es geht hierbei nun mal nicht um kleinere Risiken physischer Natur, die auch ich, in dem ich Ypsilönchen nicht an ihrem Erkundigungstrieb hindere, oder sie manchmal in unserem Bett schlafen lasse, eingehe, es handelt sich um potentielle Schädigungen persönlichkeitsprägenden Charakters, die ich zwar aus Überzeugung, aber ganz sicher auch nicht aus blossem Altruismus (da Schuldvermeidung) nicht verschulden will.
Ich bezweifle nicht, dass mit oben genannten Mitteln die selben Teilziele (beispielsweise Grenzen aufzeigen, bzw. erfahren lassen) erreicht werden können, wie mit vorbildhaftem Vorleben und bei Bedarf begründendem und erklärendem Intervenieren der Eltern. Ich zweifle aber ebensowenig daran, dass (ich bleibe beim Beispiel der körperlichen Gewalt) Schläge, Klapse, Haue (all Derartiges in jeder Intensität und Schwäche) immer Sinnbild für die Unfähig- und Hilflosigkeit des Schlägers sind, den Geschlagenen immer erniedrigen, ihn immer in einer gesunden Entwicklung hemmen und ihm immer Wertlosigkeit vermitteln, also dem was ich mir für mein Kind wünsche niemals dienlich sind.
Kann denn ein „Wieso sollte ich (im Falle von Schlägen) Dies und (in Bezug auf andere offensichtlich ungesunde Erziehungsmassnahmen) Ähnliches für mein Kind in Kauf nehmen, nur weil „es mir auch nicht geschadet“ hat?“ die Antwort auf ebendiese Aussage sein? Vielleicht müsste ich diesen Artikel in Visitenkartenformat zückbereit halten um ihn bei totschlagargumentbedingtem Sprachverlust (neben der Visitenkarte hier) zur Hand zu haben…

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