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Von fiesen Momenten oder Smalltalk auf Crackern


Fies ist der Moment, in dem man feststellt, dass man zwar eine Tasche dabei hat, diese aber, bis auf eine angekaute Packung Crackers, einer Trinkflasche zweifelhaften Inhalts, drei (glücklicherweise frische) Windeln, Krümel und andere Feinstofflichkeiten in allen möglichen Aggregatzuständen, leer ist. Voll fies, weil man dann nämlich daraus schliesst, dass man weder Fahrausweis noch mögliches Bestechungsgeld bei sich hat und dieser Umstand, macht irgendwie klein. Jedenfalls mich. Und ich bin ohnehin schon klein. Ich lebe, wie gesagt, auf Achselhöhe, während derartigen Begebenheiten reiche ich dem Durchschnittsmenschen allerhöchstens noch zum Bauchnabel. Während ich also vor Sekunden noch entspannt über den Weltenlauf und beispielsweise die Herstellung von Duschvorhanghalteringen sinniert habe, sitze ich nun stresschweissüberströmt in meinem Sitz, bis der Zielbahnhof erreicht ist. Dort rufe ich mir, aufgrund Schnappatmung kurz vor dem Hyperventilieren, die beruhigenden Übungen aus dem Schwangersaftsyoga ins Bewusstsein, atme einige Runden in die Vagina den Bauch und zähle bis Zehn. Danach suche ich meine Taschen nach Kleingeld ab, denn unter Voraussetzungen wie diesen, darauf ist (Murphy, du Sau!) Verlass, habe ich mich natürlich mit Personen zum Kaffee verabredet, die mir nicht besonders nahe stehen und die ich relativ ungern um Geld anschnorren, geschweige dennß dazu zwingen möchte, mich einzuladen. Ich suche also meine Taschen ab, finde natürlich Rappenmünzen und den zweifrankenstückgrossen Jeton für den Einkaufswagen, schiebe den Gedanken beiseite, den einer semiblinden Rentnerin im Tausch gegen Echtmünzen unterzujubeln und verlege mich auf einen neuerlichen Panikanfall, weil mit dem Telefon auch meine gedächtnisstützenden Gesprächsimputs daheim geblieben sind. Für die die sowas nicht kennen: Es handelt sich dabei um eigenhändig notierte, gesprächsanregende Stichworte für Smalltalkminderbegabte wie mich. Nachdem ich mich zumindest drei der Stichwörter noch gerade so entsinnen kann, ritze ich sie hurtig in je einen Cracker, um mich schliesslich zehn Minuten zu früh an den verabredeten Treffpunkt zu stellen. Ich versuche das Begrüssungsprozedere mit etwas Glück kussfrei zu überstehen (Wer hier schon länger mitliest erinnert sich vielleicht an meine diesbezüglichen Vorlieben: Küssen bis zum Abwinken) und verbringe den Rest des Treffens mit sehnsüchtigen Blicken auf den Kaffee meines Gegenübers, während ich meinen Kummer, unter dem Vorwand zu fasten, in Leitungswasser ertränke. Den Rückweg lege ich wieder schwarzfahrend, unter somatisierten Gewissensbissen zurück und überdenke dabei mein Taschenordnungsprinzip. Und morgen dasselbe von vorn.

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