San José, Gapo di Gato – Mesones, Rìo Mundo – Cuenca – Lago do Caspe – Rio Segre (Spanien) – Agde (Frankreich) – Bern Tage 28-33)


(Vorgestern ist mir aufgefallen, dass wir gemäss Blog, noch immer unterwegs sind, schön wärs, aber deswegen der Nachtrag:)

Immer noch magenbeschwerdengeplagt brechen wir am Morgen auf und fahren ziemlich zielgerichtet ins Landesinnere. Rasch merken wir, dass sich unsere Entscheidung lohnt, denn schon nach wenigen Kilometern finden wir statt überfrequentierten Küstenschnellstrassen einsame Landstrassen, statt Hotelbunkern und Appartementkomplexen verschlafene Käffer und statt verbauter Landschaft den freien Blick auf Feld und Wald, die allgemeine Zufriedenheit steigt erheblich. Sobals wir uns dem Nationalpark Rìo Munde nähern, in dem wir zu übernachten gedenken, wirddie Landschaft bergig karg, farbtönern atlasgleich, aber benadelwaldeter und deutlich schroffer. Kantig ragen hohe Felsen in dieTäler hinein und auf höchsten Gipfeln trotzen besonders widerborstige Nadelbäumchen der sie umgebenden Felsigkeit. Zwei Plätze werden im ADAC in der Umgebung beschrieben, beide klingen ähnlich, aber wir entscheiden uns für den, der in einem kleinen Dorf, Fuente del Taif, liegt. Über enge, semiformidabel geteerte Kleinststrassen, auf denen ich nur ungern ein entgegenkommendes Fahrzeug kreuzen würde, landen wir in einem Weiler mit ungefähr vier Häusern, Fuente del Taif. Die eine und einzige Dorfstrasse, die um eines der ungefähr vier Häuser führt, ist leer, nir an einer der randständigen Hauswänden klettert ein einsamer Maurer. Ihn fragen wir nach dem Campingplatz und ernten irritierte Blicke. „Hier gibt es keinen Campingplatz.“ meint er und lächelt milde. Er erklärt uns temporeich in Nuschelspanisch den Weg, wir fahren irgendwie und landen erneut in Fuentes del Taif. Unauffällig versuchen wir den gekommenen Weg einfach zurück zu fahren, um dann einem Campingschild, das wir vor 33 Km gesehen haben, zu folgen. Aber unauffällig durch ein Dorf fahren, das nur eine Strasse hat, ist eher schwierig und so bescheren wir dem Maurer zumindest einen Nachmittagslacher. Wieder auf dem richtigen Weg und ziemlich pampamittig, merken wir, dass die Benzinlampe leuchtet. Mit Schweissverlust, bergabwärts-Kuppeln und den letzten Tropfen Benzin schaffen wir es zur Tankstelle, die unweit des ausgeschilderten Campingplatzes liegt. Unser Schlafplatz ist schattig liegt am Fluss, umgeben von Bergen, ist ruhig und so ganz anders als die Küstentrubelplätze. Und er hat Wlan. Auch auf dem Klo.

Wir beschliessen nun endgültig den Heimweg anzutreten, wenn auch mit einem kleinen Abstecher nach Agde, wo wir schon zweifach einige Zeit verbracht haben. Die Landschaft vermag uns erneut zu begeistern und nach dem bergigen Gebiet des letzten Tages, fahren wir heute in eine Gegend ein, bei der mir unweigerlich das Wort „lieblich“ einfällt: Sanfte, sonnenblumen- und kornbewachsene Hügel, hie und da knorrige, alte Olivenbäume und allenthalben ein kleines, hübsches Dorf mit belebtem Ortskern. In Cuenca, einer Kleinstadt umgeben von hohen, engen Schluchten, in die Häuser wie Schwalbennester gebaut wurden, legen wir eine Stadtbesichtigungspause ein. Cuencas Altstadt, mit ihren wunderschönen, alten Häusern, in Erdtönen, die, zwar gut erhalten, doch von gelebten Leben und Zeitspuren zeugen, sucht an Pittoreskität ihresgleichen, alleine die Enge mancher Gassen, die immer mal wieder den Blick über umliegende Schluchten und Berge freigeben, lassen multiple Verzückung erleben. Aber genug des Kitschs, nach der Besichtigung fahren wir zum nahegelegenen Campingplatz, finden einen netten Übernachtungsplatz und geraten, 5 Sekunden nach dem Herr G. endlich seine langersehnte Paella bestellt hat, mitten in einen paukisch und trompetal begleiteten Paellawettbewerb, bei dem 8 Parteien immense Pfannen (Mindestens 1,5m Durchmesser) auf den Platz schleppen und zum Probieren animieren. Schade, dass mir sowas nicht schmeckt.

Wie haben uns unsere Fahrtage bis Agde auf 3h-Strecken eingeteilt, um nicht dem Fahrkoller anheim zu fallen. Trotzdem brechen wir morgens relativ spät auf, um schon nach wenigen Kilometern wieder anzuhalten, weil wir eine spontan entdeckte Schlucht genauer betrachten wollen. Eine kleine Aussichtsplattform nahe Cuenca gibt den Blick frei über die steil abfallenden Felsen, gen tiefgrünblauen Fluss am Schluchtgrund, der förmlich „Spring rein!“ schreit. Einige Kilometer weiter finden wir schon wieder Zwischenstoppgründe: Ein herrlich blauer Stausee, leider zu versumpft um bebadet zu werden. Danach kommen wir etwas zügiger vorwärts, mittagen an einem kleinen Fluss und stossen dann auf grotesk in der Landschaft rumdarbende Dorfruinen. Danach führt unser weg über eine Kleinstrasse auf eine unheimlich weite, plateauartig anmutende Ebene voller gemähter, sonnengebleichter Strohfelder, neben uns der Abgrund ins Tal, hinter dem, begrenzt durch steil abfallende, farblichschichtern hinreissend schöne Sandsteinfelsen, schon das nächste Platteau beginnt. So eben das Platteau, so gerade verläuft die Strasse, Kurven passieren wir nur beim Höhengradwechsel zwischen den Plateaus. Nach dem Wechsel ins Tal finden wir uns am Ufer des Sees wieder, an dem wir zu nächtigen gedenken, werden fast sofort schlafplatzfündig und verbringen eine ruhige Nacht.

Die nächsten beiden Tage verbringen wir hauptsächlich in den Pyrenäen, auf Durchfahrt und in Pyrenäenflüsschen badend, bis wir, wieder im Flachland, sehr direkt nach Agde fahren, um uns da noch einmal ausgiebig vom Meer zu verabschieden, ziemlich zufrieden mit der Entscheidung, grundsätzlich den Weg durchs Landesinnere, statt der Mittelmeerküste gewählt zu haben. Von Agde fahren wir schliesslich direkt heim, nach Bern.

Bemerknisse:

Wo Bergankündigungsschilder wie Zeltplatzschilder aussehen, herrscht Daueraufruhr.

Spanier können ihre Klischees, von Quichotte über Stiere, Cerveja und Paella war alles dabei, nur „Olé!“ hat niemand gerufen, ausser Herr G., der dafür multipel. Sekündlich. Enttäuschend.

Ich müsste endlich damit aufhören, mich meines bescheidenen Spanischs zu bedienen, denn ich bereite die Bröselsätze jeweils so akribisch und einigermassen akzentfrei vor, dass meine Gegenüber vermuten, ich spräche gutes Spanisch und mich mit minutenlangen Speedmonologen bedenken.

Fantastisch ist auch, wie Herr G. spanischkenntnisfrei, spanischsprechende Gegenüber deutlich schneller versteht, weinfach weil er mit einer äusserst ausgeprägten Begabung, Kontexte und Nonverbalitäten zu deuten, gesegnet ist.*

*(Mutmasslich und ehrlicherweise bin ich wohl eher mit einer diesbezüglichen Unterentwicklung „gesegnet“.)

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Tage 25 bis 27 Moullay Busselhalm (Marokko) – Marbella (Spanien) – San José, Gapo di Gato


Unsere letzte Nacht in Marokko ist kurz, nach einschlafverzögerndem Nachtlärm, wecken morgens die Motore de Fischerboote.die Kilometer bis Tanger sind schnell bewältigt, auf dieser Strecke existiert eine mautpflichtige Autobahn. Die marokkanische Autobahn ist ein skurriles Ding. Nicht dass sie schlecht wäre, oder von Eselkarren befahren, wie wir das andernorts schon erlebt haben, bis auf Fussgänger, die gerne auf dem Pannenstreifen flanieren oder auf Mutfahrgelegenheiten warten, fährt Alles wie euroautobahngewohnt, aber die Autobahn ist auch zu den einschlägigen Stosszeiten äusserst leer. Es fahren ausserdem ausschliesslich neue, relativ teure Automodelle und überdurchschnittlich viele Fahrzeuge mit ausländischen Nummern auf der Autobahn. Das ist relativ einfach erklärt: Die Mauthöhe hält gut und gern mit dem europäischen Standard mit und ist damit für die meisten Marokkaner (Durschnittslohn kaum 200Euro/Monat) wohl ein zu teurer Spass. Wie sehr in diesem Land diesbezüglich Welten aufeinander prallen, zeigt sich eindrücklich, wenn neben der feinstbeteerten Teuerbahn, auf der der SUV-Porsche mit über 100 durch die Gegend brettert, ein Schotterweg verläuft, auf dem ein Bauer per Eselfuhrwerk seine Hühner gen Dorf bringt. In Tanger finden wir den Hafen problemlos, ergattern gar ein Ticket für quasi sofort, füllen eilern Formulare aus und stellen uns in die Reihe. Bevor wir aufs Schiff fahren können, wird das ganze Gefährt geröntgt, damit will man vermeiden, dass blinde Passagiere an Bord und nach Europa geschleppt werden. Zudem wird unser ganzer Bus abgeklopft und sogar ein Polizeihund samt Halter wird in unsere Richtung geschickt, allerdings wieder abgezogen, als wir erwähnen, dass wir ebenfalls einen Hund haben. Danach werden unsere Pässe inspiziert, Personen gezählt und mit zwei Stunden Verspätung dürfen wir endlich aufs Schiff. 35 Minuten später sind wir schon in Spanien und durchlaufen die Zollmaschinerie erneut. Erstmals überhaupt will jemand Hundes Papiere, Chip und sogar das Tier sehen. Für einige bange Minuten fürchten wir, irgendeine Impfung versäumt zu haben, aber nachdem die Papier erneut kontrolliert und der Gefährte erneut abgeklopft wurde, dürfen wir endgültig Spanischen Boden betreten, die irrtümlich illegal eingeführte Marokkokuhmilch ebenfalls im Gepäck. Der Rest der Fahrt lässt sich relativ leicht Zusammenfassen: Die Küste nach Gibraltar (Costa del Sol) ist wahrscheinlich recht schön, unter all den Hotelbunkern und Appartementkomplexen zumindest. In Marbella, weil wir nicht mehr fahren mögen, suchen wir einen Schlafplatz und landen auf einem riesigen, vollen Campingplatz, dicht an dicht mit Nachbaren, die wir nicht wollen und, ach, kollern uns in die Nacht.

Am nächsten Morgen beschliessen wir, der Küste in einem Nationalpark noch eine Chance zu geben und gegebenenfalls das Meer vorerst zu verlassen. Für viele Kilometer wird es aber nicht anders, schöne Landschaft lässt sich nur unter Häuserschichten erahnen und als die Häuserschichten aufhören, beginnen die Gewächshäuserschichten. Hier kommen sie also her, die supermarktschen Wintertomaten. Es ist von der Strasse aus kaum auszumachen, wie es hinter den Gewächshäusern aussieht, aber gegen Mittag wollen wir eine Pause einlegen, fahren nach dem Zufallsprinzip irgendwo raus und landen in La Rábita. Tatsächlich gibt es eine Welt hinter den Gewächshäusern, wie wir feststellen dürfen. In dieser Welt steht ein nettes Dörfchen, gebaut um einen Kiesstrand, besucht von einer Hand voll Einheimischen, die im klaren Wasser baden und in der Strandbar essen. Wir imitieren Vorgelebtes, baden, setzten uns für ein Eis in die Strandbar und fühlen uns wohl. Die Strandbar ist mehr ein kleines Strandrestaurant, der Sohn serviert und kassiert, der Vater steht in der Küche und die Mutter grillt Fisch und Wassergetier über offenem Feuer. Uns stellt man ungefragt einen Teller mit leicht frittierten Sardinen und Tomatensalat auf den Tisch und so wir essen zufälligerweise den besten Fisch unserer Reise. Falls also auch Sie mal gerade frustriert der spanischen, verappartementeten und vergewächhäuserten Küste entlang fahren: Machen Sie ruhig Pause in La Rábita in der Strandbar „Villegas y Cachopan“. Den Naturpark fanden wir danach auch, sogar unverbaut, überfüllt war der Campingplatz trotzdem und so beschlossen wir einfach, fortan durchs Landesinnere zurück zu fahren.

Bemerknisse:

Nach Marokko kommt man nicht umhin, in Spanien zu bemerken, wie viele  Frauen sich in der Öffentlichkeit bewegen und vor allem, wie viele Frauen sich nicht arbeitend, sondern zum Vergnügen in der Öffentlichkeit bewegen, in Cafés sitzen, oder plaudernd rumstehen.

Oder dass es in Spanien tatsächlich vorkommt, dass FahrerInnen- und Beifahrerinnensitze beide von Frauen besetzt sind, während die Männer sich in die Rückbank quetschen.

Dafür zahlen wir für eine Nacht auf dem Campingplatz in Spanien soviel, wie für vier Nächte samt Verpflegung in Marokko.

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Tage 23 und 24: Ouarzazate – Marrakesh – Moulay Bousselham


Bei Nächten mit über 35* und Tagen mit über 45* sind wir langsam ziemlich hitzemüde und beschliessen wieder Richtung Meer zu fahren. Die hitzevollen Tage sind für uns eigentlich nur im Schatten liegend, mit Gewässer oder fahrend mit Fahrtwind zu ertragen und auch die Marokkaner ruhen sich in den Hitzestunden hauptsächlich aus. Wir wollen aber nicht an die Küste, ohne einen Zwischenhalt in Marrakesh eingelegt zu haben und so fahren wir heute ein weiteres Mal in den hohen Atlas, um in die Grossstadt zu gelangen. Am Strassenrand gen Atlashöhe werden überall erstaunlich riesige Kristalle angeboten, wie sie hier gehäuft zu finden sind. Omar aus Merzouga hat uns schon davon erzählt, wie sein Vater in die Berge fahre, um nach Kristallen zu suchen. Dafür reiche es, nach rundlich geformten Steinen Ausschau zu halten und sie aufzuschlagen. Manchmal fänden sich so sogar Fossile. Oben angelangt, ist der Blick über Hügel und Täler des Atlasgebirges wunderbarst, das Klima etwas milder, aber nach wie vor heiss. Die Strecke ist relativ vielbefahren, ausserdem werden gerade die Strassen erneuert und ganze Streckenabschnitte müssen auf Schotterwegen zurückgelegt werden. Trotzdem erreichen wir Marrakesh und den dazugehörigen Campingplatz schon um 14 Uhr, bei grösster Mittagshitze und Hunger. Die Stimmung ist relativ mies, bis wir alle im Pool waren und etwas gegessen haben. 47* C warm ist es, der Platz hat unzulänglich Schatten und wir beschliessen unseren Marrakeshausflug tatsächlich bei einem Abstecher zu belassen, heute für ein paar Stunden in die Innenstadt zu fahren und morgen schon gen Küste aufzubrechen. Vom Campingplatz aus werden wir per Taxi abgeholt, den Hund lassen wir draußen, schattig, mit Wasser versorgt zurück, die Stadt scheint uns kein Ort für ihn zu sein. Der Taxifahrer fährt über Schlaglöcher, als wenn da keine wären, erzählt uns, was wir sehen und hupt quasi ununterbrochen. Er zeigt uns das Fussballstadion, erzählt von existierenden Frauenfussballmanschaften, singt ein Loblied auf die Polizei, deren zwei Kontrollen wir in den fünf Fahrminuten passieren, rät uns, die Kinder immer gut einzucrèmen und stellt uns zentrumsnah auf die Strasse. „Um 21 Uhr hier?“ fragt Herr G. „Inshallah!“ sagt unser Fahrer. Wie verabreden uns für 21 Uhr, dann trotten wir etwas orientierungslos in eine xbeliebige Richtung. Verloren fragen wir zwei junge Männer nach dem Weg und werden freundlich angeleitet. Bald begegnet uns die erste Pferdekutsche und alleine dem Geruch nach wird uns klar, dass da noch mehr sein müssen. Es ist der säuerlich schweissige Geruch überanstrengter marokkanischer Pferde, wie wir ihn schon mehrfach gerochen haben. Tatsächlich, schon eine Ecke weiter sind wir am Djemaa el Fna Platz, dem, wie manche sagen, wichtigsten Platz Nordafrikas. Am frühen Nachmittag ist das Treiben hier noch relativ fassbar. Wohl hat es schon jetzt Äffchendressöre, Trommler, Kräutergaukler, Schlangenbeschwörer und Mizmarspieler, aber verglichen mit dem, was ich auf Bildern sah, scheint alles relativ geordnet und überschaubar. Einer von Herrn Gs grösseren Marokkowünschen ist es, einen Spuks u besuchen, ein traditionelles Einkaufsviertel mit engen Gassen und massenhaft Waren. Als wir in die Strasse einbiegen, verschlägt es mir schier den Atem: Die Enge der Gassen, die Menge der Menschen, Fahrräder, Mofas, Waren, Klänge und Gerüche, die Hitze, die Fliegen und erwähnte ich schon die Enge? Trotz der Tatsache, dass ich die Szenerie spannend fand und ihr durchaus ihre Ästhetik abgewinnen konnte, habe ich nach 2 Minuten genug, Kind 2 nach 4 und Herr G und Kind 1 blühten erst richtig auf. Trotzdem verziehen wir uns, zum Wohle Aller, in eine Ecke eines relativ teuren, aber auch relativ ruhigen Restaurants, wo 50% von uns auch tatsächlich assen. Vom Restaurant aus haben wir einen grandiosen Blick über den Djemaa el Fna Platz, der sich nach und nach immer mehr füllt. Umfangreiche Menschentrauben sammeln sich um Trommler, Tänzer und Trubler und von hier, aus sicherer Distanz, kann ich mich kaum satt sehen. Aber es ist Zeit unseren Treffpunkt mit dem Taxifahrer aufzusuchen und so traben wir zurück, das magenproblemerne Kind2 Huckepack. Vier Minuten zu früh taucht er auf. „Wie in der Schweiz!“ sagt Herr G.. „Wie in Marokko!“ sagt unser Chauffeur lachend. Die Strassen sind minimalstisch beleuchtet, aber da sich unser Chauffeur nicht um Schlaglöcher kümmert und er sich seinen Vortritt erstaunlich permanent erfolgreich per Licht- und Huphupen verschafft, ändert das nichts an seinem Tempo. „Unser Reiseführer sagt, dass es gefährlich sei nachts in Marokko Auto zu fahren?!“ bemerkt Herr G. fragend. Der Fahrer braust auf: „Was? Der der das sagt ist ein Lügner!“ ruft er aus, während schwarz gekleidete Fussgängerinnen sich im nächsten Graben in Sicherheit hüpfen. „Wir mögen Touristen. Touristen sind unsere Freunde! Für uns ist es hart, ins Ausland zu kommen, wir müssen Dokumente haben, Bankkonten vorweisen, alles!“ Wir nicken, Ähnliches hat uns schon Omar aus Merzouga erzählt und auch einige Zufallsbekanntschaften aus dem Balkan und der Türkei. Beim Zeltplatz angelangt, verabschieden wir uns. „Auf Wiedersehen!“ sagt Herr G. „Inshalla!“ sagt unser Chauffeur.

Am nächsten Morgen klagt Kind 2 noch immer über Bauchschmerzen und mittlerweile klagt der Rest der Familie mit, im Zusammenhang dem Schattenmangel und der Unwohlsein multiplizierenden Hitze beschliessen wir ans Meer zu fahren. Der Reiseführer hat uns die Atlantikküste nicht eben schmackhaft gemacht, von überlaufenen Stränden und vollen Standplätzen mit Toilettenmangel war die Rede, aber um zurück nach Spanien zu kommen, müssen wir die Küste ohnehin anfahren. Auf unserer Fahrt von Marokko gen Küste präsentiert sich Marokko vorerst gewohnt karg, staubig und hüglig schön, je mehr wir uns aber der Küste nähern, desto mehr verändert sich die Landschaft. Es wird richtiggehend grün, deutlich kühler und auch die Ortschaften verändern sich. Rund um Casablanca sind erst die gewohnten lehmernen Häuser zu sehen, nur dass sie hier mehrstöckig gebaut wurden, dann werden die Häuser insgesamt höher, es sind kaum mehr der vorher omnipräsenten Esel zu sehen und Supermärkte, wie es sich der gemeine Europäer (bis auf den Albaner und den Kosovaren, vielleicht) gewohnt ist, die im Landesinnern praktisch nicht zu finden waren, stehen plötzlich gefühlt an jeder fünften Ecke. Wann immer ein Strand in Sichtweite ist, ist er überfüllt und uns schwant für die kommende Nacht nur Semigutes. In einem Dorf an einer Lagune, gut 100 km vor Tanger, las sich ein Campingplatz ganz nett und meernah an und so probieren wir unser Glück und fahren nach Moulay Bousselham. Dort angekommen werden wir freundlich begrüsst und erhalten einen Platz zugewiesen, den nur ein Zaun von Strand, Meer und parkierten Fischerbooten trennt. Der Platz ist unheimlich voll, wir sind allerdings die einzigen Ausländer und werden entsprechend belagert und angestarrt, eine Band spielt, es riecht nach Fisch, Rauch und Meer und es ist sehr Marokko. Schnell hat sich ein junger Mann gefunden, der sich für uns verantwortlich fühlt und auch gleich noch seine Familie dafür eingespannt hat. Uns wird versichert, dass wir uns jederzeit an sie wenden können, wenn wir etwas brauchen und tatsächlich fühlt es sich irgendwie gut an, unsere ansonsten sehr zurückhaltenden Ansprechpartner wörtlich (standorttechnisch) im Rücken zu wissen. Kurz nachdem wir eingerichtet sind, erreichen erste Fischer den kleinen Hafen, der nur einige Meter weiter, dem Strand entlang liegt. Sie verkaufen ihren Fang am Fleck und nehmen die Fische auch vor Ort mit rostigen Messern und massenhaft Geschick aus, was hungrige Möwen und Katzen prompt freut. Die Kinder könnten stundenlang zusehen, alle Bauchbeschwerden sind vergessen. Zu Abend essen wir dennoch magenschonend selbstgekocht. Es wird noch lange nicht ruhig und als es langsam eindunkelt, wird der Campingplatz erst recht zu einem Spektakel: Gedämpftes Licht aus farbigen, tuchbehängten Zelten, kleine Feuer überall, Musik aus allen Richtungen und unermüdlich spielende Kinder, Katzen und Hunde.

Bemerknisse

Steelgedrumme, Mizmargedudel (Mizmar = marokkanisch/arabisches, klarinettenartiges Blasinstrument), Countrygeleier und Schweizerörgeliländlereien haben eine Gemeinsamkeit: Gewaltiges Nervpotential, wie wohl die meisten Volksmusikvariationen auf Dauer.

Die Fischer in Moulay Bousselham brauchen für das Ausnehmen eines Fisches ungefähr so lange, wie ich brauche, um am selben Tier festzustellen, wo de nun Kopf, wo Schwanz sei.

„Natürlich haben wir auch zahme Hunde,“ sagt ein Marokkaner, den wir am Strand treffen, „aber doch nur kleine und nicht so Verteidigungstiere!“

Das erstaunliche an marokkanischem Minztee ist, dass er trotz dem enormen Zuckergehalt nicht die Konsistenz von Sirup hat.

An dieser Stelle auch Gratulationen an Herrn G, der es geschafft hat im Minzteeland Marokko Grüntee aus China zu kaufen.

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Tage 21 und 22: Nähe Mezouga, Erg Chebbi – Thodra-Schlucht – Dades-Schlucht – Ouarzazate 


Am Morgen stehen wir um 5 Uhr auf, denn wir wollen den Kindern einen dringenden Wunsch erfüllen: Dromedarreiten. Völlig unnötige Touristenklischeekackscheisse, also, aber eben auch ziemlich schöne Touristenklischeekackscheisse. Wir werden von Omar abgeholt, im weitläufigen Kasbah-Komplex finden wir ihn erst kaum und kommen uns vor, wie in einem schlechten Ali-Baba-Film. Als wir ihn gefunden haben führt er uns zu den Dromedaren, die heute, wie er uns erzählt, je 2 40Minütige Touren vor sich haben. Dromedare sind ganz und gar wunderbar sonderliche Tiere und es ist ziemlich beeindruckend zu sehen, wie ihre Hufe auf Sand anmuten und funktioniere wie rundbesohlte Schneeschuhe. Omar führt uns ungefähr 20 Minuten in die Wüste, fordert uns beim Abstieg jeweils auf, nach hinten liegend den Dromedarrücken zu schonen und lässt uns dann an einer steilen Düne absteigen. Das letzte Stück bewältigen wir zu Fuss. Es ist still, am Horizont wird es langsam hell. Omar wohnt im benachbarten Mezouga. Für ihn ist die Arbeitsschicht für heute nach den 2 Stunden mit uns beendet. Alle hier verdienen, sagt er, hauptsächlich am Tourismus, daneben gibt es noch einige Handwerker und Gärtner in den Oasen. Die Algerische Grenze ist nur 50 Kilometer entfernt, eine andere Welt, wie er meint. Der Himmel wird immer heller, die Kinder finden kleine Spuren. „Wüstenrennmäuse!“ sagt Omar und im selben Moment rennt ein Exemplar mit unglaublicher Geschwindigkeit und weit ausgestrecktem Schwanz an uns vorbei. „Die rennt zu den Dromedaren.“ meint Omar, „Sie mag den Mist der Tiere.“ Als wir davon erzählen, wie uns der gestrige Sandsturm, bei dem man von einer Sekunde auf die nächste kaum mehr die Hand vor Augen sah, beeindruckt hat, lächelt er milde. Der Sand sei überall. Das sei so, wenn man hier wohne. Ich grabe meine Füsse tief in den Sand, bis da wo er noch tageshitzewarm ist. Plötzlich hören wir Motorendröhnen. Es sind Touristen auf Squads. „Schade.“ sage ich. Omar pflichtet bei. Die Squads zerstören mit tiefen Furchen den natürlichen Verlauf der Dünenwanderungen, stressen Tiere und schädigen mit Abgasen. Eine Wohltat, als das Gefährt endlich verstummt. Jetzt blitzt die Sonne über den Wolken am Horizont. Wir schiessen viel zu viele immergleiche Fotos. Dann treten wir den Rückweg an, bereits ist zu spüren, wie die Hitze zunimmt. An den Mauern des Kasbah verabschieden wir uns von Omar. Er freut sich auf seinen Feierabend, wir uns aufs Frühstück.
Nach dem Frühstück fahren wir eine längere Strecke so zurück, wie wir gekommen sind und schlussendlich bis zur Thodraschlucht, wo wir auf einem zu 80% leeren Campingplatz ein ruhiges Plätzchen finden. Aber bevor wir uns nach einem langen Tag zur Ruhe legen können, brauchen wir Saft, denn ohne Saft kann ich morgens kein Müsli essen und wenn ich morgens kein Müsli essen kann… Ach, ich will es mir gar nicht ausmalen. Zu Fuss wandern wir ins nächste Dorf, dem fast ausgetrockneten Flussbett der Oase entlang. Alles ist voller Müll und man kann sich unschwer zusammenreimen, was geschieht, wenn die grosse Schneeschmelze kommt. Marokko hat, genau wie wir das schon in manchem Ländern des Balkans feststellen mussten, ein massives Müllproblem. Saft finden wir trotzdem. Total überzuckerten, vitaminlosen Kunstfruchtsaft, aber Saft. Die Nacht wird ruhig und schlafvoll.

Es wird zu früh zu warm um noch zu schlafen zu können und wir brechen auf, um die Dades-Schlucht zu sehen. Die Thodra-Schlucht haben wir noch gestern betrachtet, aber landschaftlich zwar nett, eng, hoh und felsig, war sie eben auch völlig tagestouristisch überfüllt, so dass wir rasch umgekehrt sind. Es gäbe eine wohl ziemlich schöne Route durch die ganze Thodra-Schlucht mit Verbindung zur Dades-Schlucht, aber dafür ist unser nicht ganz so geländetaugliches Gefährt wohl nicht oder nur knapp geeignet und auch wenn ich es gerne ausprobiert hätte, obsiegten die Stimmen der Vernunft, auch Herr G. und Kind1 genannt. So fuhren wir, wie gesagt, auf geteertem Wege zur Dades-Schlucht, die bereits eingangs spektakulär mit einem festungsartigen Kasbah aufwartet. Kasbahs sind festungsartigen Bauten ausserhalb von Dörfern oder Städten und waren früher Kontrollzentren für Karawanenwege und boten Schutz vor Überfällen und Sandstürmen. LetztereDanach bewegt man sich am linken Schluchtrand, verwunderlich roten Felswänden entlang, durch kleine Dörfer weiter ins Schluchtinnere, wo man sich inmitten ziemlich skuriler Felsformationen wiederfindet, die aussehen, als seien sie absichtlich und von Menschenhand so geformt und hingelegt worden. Dazwischen immer wieder kleine Oasen, staubige Dörfer und Kabashruinen. Das Spektakel ist bereits auf den ersten 20-25 Kilometern zu sehen, danach wird die Schlucht weiter und hebt sich vorerst nicht mehr von unzähligen anderen Schluchten ab. Die müden Kindern fordern Übermachtungsplatzsuche ein und so fahren wir nach Ouarzazate, wo der Camping Municipale sich relativ nett und zentral angelesen hat. Dort angekommen finden wir ziemlich wenig Nettes, dafür einen schlafenden Wärter, der uns ohne aufzustehen weg winkt. Glücklicherweise weiss unser Führer Rat und wir finden, durch verwinkelte, nunmehr teerfreie Strassen im Abseits zu einer ummauerten, kleinfamilien betriebenen Kleinstoase und einem Paradies für Tiere und Tierliebende. Mindestens vier Pfaue mit Pfaukücken, Hühner mit Kücken, zwei Katzen mit zwei Kätzchen, zwei Hunde mit drei Welpen und ein freilaufendes Fohlen sind uns Nachbarn für eine Nacht. Mit Letzterem haben wir einen regelrechten Kampf, weil das Tier offensichtlich Gefallen an unserem Gefährt(en) grfunden und innert Kürze eine Leidenschaft dafür entwickelt hat, seine Zähne an am Bus zu wetzen, und sich am Gummi um die Fenster gütlich zu tun. Überhaupt hat das Fohlen sehr viele Freiheiten, wird regelrecht verhätschelt und trabt auch gerne mal fröhlich in Gästebungalows um dort sein Geschäft zu erledigen und auch die Welpen sind überall. Aber der Platz ist hinreissend gestaltet, überall grün, Palmen, Sitz- und Liegenischen und die Kinder sind den ganzen Nachmittag und Abend lang mit den Tieren beschäftigt.
Bemerknisse

Schön auch der Moment, wenn wir wieder für ein Sammeltaxi gehalten werden: Wir fahren so, Menschen am Strassenrand springen auf, winken, erblicken uns, erstarren, setzen sich. Man kann davon ausgehen, dass wir nicht wahnsinnig marokkanisch aussehen.

Störche mögen Marokko. Gerade in der Region rund um die Schluchten Thodra und Dades ist kaum ein Minarett auszumachen, das nicht von Störchen benistet wurde.

In Reiseführern wird gerne und multipel davor gewarnt, dass auf Durchfahrt in Dörfern und Städten gerne durch offene Fenster ins Auto gefasst, mancherorts Steine auf ausländische Autos geworfen werden und man allgemein vor Betrug auf der Hut sein müsse, aber wir können festhalten, dass wir, bis auf einmal, als wir eindeutig überzogene Touristenpreise für Wasser und Essen bezahlt haben (überzogen für hisige Verhältnisse, moderat für Schweizer Verhältnisse), auf unserer doch beachtlichen Fahrt, keinerlei schlecht Erfahrungen gemacht haben.

 

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ITage 19 und 20: Azrou – Gorge du Ziz – Erg Chebi, nähe Merzouga (Sahara)


Irgendwann, kurz vor Morgengrauen, werde ich wach, meine Blase klagt über Platzmangel, als ich aussteigen und zur Toilette gehen will, sehe ich zwei grosse Hunde auf mich zu kommen. Der eine ist unverkennbar der Hofhund, der andere ist schwarz und steuert sehr direkt auf mich zu. Ich springe zurück ins Auto, schliesse die Tür und überlege, was jetzt zu tun sei. Als Fremdhundephobikerin sind Länder mit derart vielen Strassenhunden manchmal eine ziemliche Herausforderung. Nachdem mir klar wird, dass ich so weder weiterschlafen, noch aussteigen kann, wecke ich Herrn G., der normalerweise keinerlei Hundeangst kennt. Als er die Tür öffnet und sieht, wie der Hund, was für Strassenhunde untypisch ist, geradewegs auf ihn zusteuert, wird auch ihm etwas bang. Er greift sicherheitshalber zu Boden, nach einem Stein und setzt zum Verteidigungswurf an. Als der Hund vor ihm, im Dunkeln schwer zu erkennen, erwartungsvoll und freudig auf und ab zu hüpfen beginnt, hält er inne. „Charlotte?“ Unser Hundevieh hat offensichtlich die Tür zu ihrem Schlafplatz aufgeschoben und sich die Nacht mit Hofhund Herodes um die Ohren geschlagen. Ziemlich willig lässt sie sich wieder zu ihrem Schlafplatz geleiten, ich darf endlich zur Toilette und schlafe danach nochmal ein. Bis das benachbarte Dorf um 4 Uhr sein Treiben beginnt.
Als all wach werden, verabschieden wir uns von Platz, Hund und Besitzer und verlassen Azrou in Richtung mittleren Atlas. Kurz nach Azrou treffen wir auf die örtliche Attraktion: Freilebende Berberaffen. Oder besser gesagt: Freilebende, offensichtlich ziemlich genervte Berberaffen, denn als wir anhalten, um die Tiere zu betrachten, sind wir durchaus nicht die einzigen: Viele einheimische und einige ausländische Touristen fotografieren sich dabei, wie sie den Affen Erdnüsse reichen. Diese nehmen die Nüsse zwar, schmissen sie aber dann genervt weg, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wir fahren rasch weiter, der mittlere Atlas ist eine der schönsten Gegenden, die ich kennenlernen durfte: Karg, steinig, schnönöd und unheimlich windig, mit minimalistisch grünen Tälern, in denen Schaf- und Ziegenherde herumziehen, Wind und Wetter ausgesetzte, braunlehmige Flachhäuser, andernorts stehen nur Lederzelte, wie sie wohl für nomadisierende Berber typisch sind. Irgendwo machen wir eine Zwischenhalt und essen im örtlichen Restaurant eine Gemüsetajine. Nach der Stärkung brechen wir, zusammen mit dunkeln Wolken, gen hohem Atlas auf. Es beginnt zu regnen, der Wind hält immer noch an und als die Steigung gerade zu zu nehmen beginnt, stossen wir auf einer grossen Ebene auf hunderte von parkierten Fahrzeugen und nehmen erst an, es handle sich wieder um eine Quelle mit Trinkwasser, wo wir schon oft Autoansammlungen gesehen haben. In diesem Falle sorgt aber die Polizei für den Fahrtunterbruch. Weiter oben hat es offensichtlich einen Unfall gegeben und aufgrund der schmalen Strasse, wird der Verkehr bis auf Weiteres zurückgehalten. So warten wir also, erst eine, schlussendlich ungefähr zwei Stunden lang, bei erstaunlich guter Allgemeinstimmung. Als wir endlich weiterfahren können, wird auch das Wetter langsam wieder heiterer und irgendwo im Gorge de Zis, einem hohen Atlastal, finden wir sogar einen Stellplatz mit Pool und verbringen eine deutlich ruhigere Nacht als gestern.

Heute haben wir Aufregendes vor, es ist der Moment, auf den die Kinder schon seit Reisebeginn hinfieberten, auch als wir noch gar nicht wussten, ob die Zeit dafür reicht: Wir fahren in die Wüste. Nach dem wir unsere Nacht in einem eher trockenen Teil der Ziz-Schlucht verbracht haben, verlassen wir den Atlas vorerst endgültig und bereits um die nächste Kurve, sehen wir erneut ein anderes Marokko. Inmitten der weiteren Schlucht liegt eine oasig anmutende, fruchtbare Fläche mit Palmen, einigen höheren Obstbäumen und Sträuchern. Eine Kurve weiter ein mittelgrosser See, dessen Ufer erstaunlich wenig von der Wassernähe zu profitieren scheint und karg, rotsändern und steinig das Gewässer umfasst. Je weiter wir uns der Wüste nähern, desto surrealer scheinen mir Land- und Ortschaften. Als stünde ich einer gigantischen Fatamorgana gegenüber frage ich mich immer wieder ungläubig: Sind wir wirklich hier? Sind wir wirklich mit dem Gefährten mal eben an den Wüstenrand gefahren? Bis hierhin hätten wir uns landschaftlich, nicht architektonisch, auch in der Türkei befinden können. (Was realistisch gesehen ebenso surreal anmuten könnte, aber meine alte Bekanntschaft mit der Türkei, rückt das Land gefühlt einige hundert Kilometer näher zur Schweiz.) Jedenfalls bestätigt das Marokko nahe der Sahara und der algerischen Grenze weiterhin jedes gängige Klischee: Die Strassen sind staubig, eine asphaltierte Strasse führt durchs Dorf, links und rechts Schotterwege, Städte werden in und um in Senken geschmiegte Oasen voller Dattelpalmen gebaut, die Häuser lehmern braun, mit Schilf versetzt, auf flachen Dächern mit eckigen Zinnen hängt Wäsche zum trocknen, man treibt vollbepackte Esel durch Dörfer, überall sind Menschen auf der Strasse, es gibt zahlreiche kleine, kaum Zimmergrosse Läden die vollgepackt mit Waren sind, die Männer tragen lange Gewänder und luftige Hosen, auf dem Kopf schützende Tücher, die Frauen sind zu einem Grossteil verschleiert, viele tragen Schwarz, bis auf die Berberfrauen, die sich eher farbenfroher und unverschleierter, aber bekopftucht zeigen. Aus den diversen oasenstädtisch anmutenden Ortschaften herausgefahren, finden wir uns plötzlich in der Sahara wieder. Nicht im Sandsaharateil, der nur 20% der 9 Millionen Quadratkilometer grossen Wüste ausmacht, eher im Steinwüstenteil, einer grauweissen, unheimlich weiten, steinübersähten Fläche, die wir erst auf Asphalt, später, als wir den Wegweiser gen angestrebtem Stellplatz folgen, auf vorgespurter Freifläche zurücklegen. Die Hitze ist gross, gefühlt aber nicht grösser als vorgestern, auf der Strecke von Chefchaouen nach Azrou, die Dünen kommen immer näher. Bei der Herberge angekommen, die laut Führer auch Stellplätze für Camper anbietet, stehen wir auch schon direkt vor den Dünen. Die Herberge, hinter hohen, vor Wind schützenden Mauern wirkt oasern grün, mit diversen äusserst attraktiven Innenhöfen, in einem davon hat es dekadenterweise sogar einen Kleinstpool, was die überhitzten Kinder sofort sehen. Der Stellplatz werde umgebaut, aber wir können den Gefährten parkieren und für 70 Euro, samt Abendessen und Frühstück in einem Appartement für 4 Personen übernachten, der Hund sei auch willkommen. Erst etwas widerwillig, nirgends schläft es sich besser als im Gefährten, willigen wir ein, hauptsächlich weil Weiterfahren für alle bei der Hitze eine sehr unschöne Vorstellung ist. Gegen 18 Uhr zieht ein Sandsturm auf, man sieht kaum einen halben Meter weit und der Sand schiesst in alle Ritzen. Dankbar schliessen wir das Fenster zum Appartement. Im Gefährten wäre diese Nacht sehr unangenehm geworden, bei sandsturmbedingt zwangsläufig geschlossenem Fenstern und deutlich über 30* hätte wohl niemand von uns geschlafen.
Bemerknisse:

Als Frau am Steuer scheine ich hier eher exotisches Exemplar zu sein, erst recht, wenn der Mann auf dem Beifahrersitz sitzt, auch die Strassenschilder, die zu Temposrosselung anregen wollen, sind nicht wirklich auf Frau zugeschnitten. So ist auf einem Schild beispielsweise eine trauernde Frau und Kinder zu sehen und der Satz: „Denk an deine Familie.“

Gegen die melodiösen Muezzine der Türkei und des Balkans, klingen die Muezzine Marokkos, Pardon, eher wie ein Formel1-Duell.

Ich vermisse die WiFi-Dichte und Stärke des Balkans.

Natürlich kann man bei Sandsturm die Gefährtenfenster halb offen stehen lassen, es ist halt nur nicht wahnsinnig zu empfehlen. (Geschrieben auf nach Ausgrabungsarbeiten geborgenem iPad.)

 

Anmerkung: Man entschuldige meine Kommentarfreischalt- und -bearbeitungsfaulheit, meine Internetzeit ist sehr begrenzt.

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Eingeordnet unter Neulich, Reise 2016