Unspektakulär


Eben noch etwas manisch anmutend den Laptop ausgepackt um in überfülltem Zug meinen neusten Schreibeinfall zu Computer zu bringen, herrscht sofort gähnende Leere in sämtlichen Gehirnwindungen. Nicht eine winzige Haarsträhne, an der ich herbeiziehen könnte was nun verloren, ist noch übrig. Auch der Blick in ausdruckslos morgenmüde Gesichter meiner Mitreisenden bringt keine Erleuchtung und noch weniger Inspiration. Oder soll ich etwa beschreiben wie der geanzugte Herr nebenan unter lauten Merde-Rufen seinen Kaffee dem vis-à-Vis sitzenden, geglatzten inbrünstig Dingsda-Apparat-Spieler über die Schuhe kippte und dieser noch nicht mal wütend oder überhaupt interessiert darauf reagierte? Wie unspektakulär. Gerne hätte ich nun berichtet wie der Geglatzte mit hochrotem Gesicht „Was fällt Ihnen eigentlich ein!“ rufend aufgesprungen ist und dabei wütend aufgestampft hat. „Das ist mir nicht eingefallen, sondern unbeabsichtigt passiert, entschuldigen Sie.“ hätte der Geanzugte erwidert, worauf die Kopfadern des Geglatzten beinah platzten (man entschuldige Zeitenfehlereien, aber ein geplatzter Geglatzte klingt zu schön) „Man sagt nicht einfach ‚merde’ ohne das einem das eingefallen wäre, unmöglich, so funktioniert die Ausführung von Sprache nicht, Mösssiö. Ich verbiete mir solche Ausdrücke im Beisein von Damen!“ worauf er auf mich verwiesen hätte. Ich hätte versucht einzuwenden, dass mir das nichts ausmache, dass ich bösere Wörter gewohnt sei und sogar ab und an Gebrauch der Schimpfwortunart mache, eine Studie hätte ja zu belegen versucht, dass diese unter Schmerzen gar Linderung bringe, wäre aber ungehört geblieben, da der Geanzugte, etwas verwirrt ob der Heftigkeit des geglazten Einsatzes für Schönrederei sein gestärkt und faltenfreies Taschentuch gelüftet und Anstalten gemacht hätte dem Geglatzten die Schuhe zu reinigen. Diese wären aber, da der Geglatzte vor Empörung nervös umhergetänzelt wäre, nur schwer zu fassen und noch schwerer zu reinigen gewesen und zwangsläufig wäre des Geanzugten Reinigungsversuch darauf hinausgelaufen, dass sich seine Hand unter die Tanzschuhe des Geglatzten verirrt hätten, worauf dem Genazugten ein weiteres diesmal schmerzvolles „Merde alors!“ entwichen wäre. Wie Sie wohl bereits erahnen wäre der Geglatzte nun vollends in Rage geraten, er hätte sich zu mir gewandt und gesagt „Ich entschuldige mich im Namen aller Männer für die Unflätigkeiten dieses Subjekts, ja, mehr noch, ich werde alsbald, Sie mögen es mir verzeihen, zu Tätlichkeiten greifen, nur so ist meine, unsere Ehre noch zu retten!“ Daraufhin hätte er den verdattert dreinblickenden, immer noch knienden Geanzugten beim rechten Ohr gepackt und ihn unter lautem französischen Protestgejammer, ohne natürlich noch einmal Wörter wie „Merde“ zu gebrauchen, aus dem Abteil und zum einzigen zu öffnenden Fenster gezerrt. „Ich bin mir der Schwere dieser Strafe durchaus bewusst, aber unter diesen Umständen bleibt mir nichts anderes übrig als Sie des Zuges zu verweisen. Wenn Sie sich nicht selber hinaus bequemen werde ich Sie leider zwingen müssen, Mösssiö.“ Nun endlich wären auch andere Passagiere aus dem morgenbahnlichen Dämmerzustand erwacht und einer hätte laut „Halt!“ geschrieen. „Halt! Sehen Sie nicht, dass sich dieses Fenster bloss einen Spalt breit öffnen lässt? Mösssiö wird nie und nimmer da durch passen. Wer Sanktionen androht müsste erst prüfen, ob diese schliesslich auch durchführbar sind. Alles andere lässt ihn, mit Verlaub, einfach furchtbar inkonsequent aussehen und ist letztlich, mit Ververlaub, feige.“ Die nachdrucksvolle Rede hätte den Geglatzten fürchterlich beeindruckt und er hätte des Geanzugten Ohr freigegeben, worauf dieser sich behende hinter dem Passagier mit den eindrucksvollen rhetorischen Fähigkeiten versteckt hätte. Die Lautsprecherdurchsage, die die ankündigt man habe nun den Zielbahnhof erreicht, hätte sie alle aufgeschreckt, jeder wäre hurtig zu seinen Sachen gerannt, hätte zusammengepackt, angezogen und vor dem Gehen den Habichnichtsvergessenblick zurück geworfen. Dann wären sie alle eilend ihrer Wege gezogen, schliesslich will ja niemand eventuelle Anschlusszüge verpassen oder, das wäre des Teufels, zu spät zur Arbeit erscheinen.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Neulich, Zügiges

Eine Antwort zu “Unspektakulär

  1. fröindin

    wunderbar!

Kommentariat:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s