Nächstbars IV oder „Ich versteh dich nicht, es schneit so laut.“


Wie Sie schon bemerkt haben dürften, ist Winter. Auch hierzulande liegt Schnee, allerdings ohne Daisys Hilfe. Herr Nächstbar hilft dem Schnee nicht zu liegen. Aus Leibeskräften.
Noch bevor wir auch nur einen Ahnungshauch von beginnendem Schneefall haben, geschweige denn ihn sehen, vernehmen wir seine lieblichen Geräusche. Man stelle sich nun das ungeduldige Scharren eines übergrossen Metallokapis vor. Ein markerschütterndes metallisches Klopfkratzen auf rauhem Beton vor, den Klang des Schnees. Ich werde Herrn Nächstbar nun nicht schon wieder Langeweile unterstellen, das wäre etwas phantasielos. Aber ich kann mir anders kaum erklären, wie er es schafft, die erste fallende Flocke mit seiner Schneeschaufel abzufangen. Entweder ist ihm also langweilig ist er ein begnadeter Meteorologe oder aber er verfügt über ein wahrnehmungsgestörtes Schneeschaufelnotwendigkeitsradarsystem. Ich vermute, widerstrebend, mich nun doch des Wortes „Langeweile“ bedienen zu müssen, um zu erklären wie ich mir Herrn Nächstbar vorstelle, wie er vor lauter seniler Bettflucht Aufregung ob eventuellem Schneefall, nachts kein noch so kleines Schlafmützchen erwischt, alle paar Minuten vorsichtigst und leise aufsteht, um seine Frau nicht zu wecken, zum Fenster schleicht, um bis zur ersten Schneeflocke enttäuscht festzustellen, dass er der Schaufel noch ihre wohlverdiente Ruhe gönnen muss. Wenn Frau Nächstbar die Unruhe bemerkt, schiebt er Harndrang, Gminggmanggs hungernde Katzen oder zu schneidende Zehennägel vor, denn ein klitzekleinwenig peinlich ist ihm sein grenzenloses Schaufelverlangen schon. Herr Nächstbar riecht den Schnee vor jedem Wildtier, ja, vor jedem Kind. Die erste Flocke erschnüffelt, potentielle Schneewolken erblickt, zieht sich Herr Nächstbar je nach Zeit noch Schuhe und Jacke über, zur Not tuns auch Pyjama und Pantoffeln, und greift beherzt zur Schaufel. Beim ersten Pflasterstein von rechts hinten beginnt er, ob seines Glücks ganz aufgekratzt, mit seiner Schneeschaufel systematisch gen Platzmitte zu kratzen, was nicht niet- und nagelfest. Noch kratzt er nur Schotter gminggmanggsche Nerven und das vorsorglich gestreute Salz, immerhin. Herr Nächstbar wird nun erst ruhen, wenn sein Vorplatz schneefrei ist, beim nächsten Tauwetter. Manisch, unmenschliche Kräfte, unirdische Ausdauer und pathologische Sturheit an Tag und Nacht legend, kratzt er was seine alten Glieder hergeben, echtes Schaufeln scheinen sie nicht mehr zu erlauben. Derweil bleiben auch wir schlaflos, selbst verbarrikadierte Fenster Ohropax und Kopfhörer vermögen das Schaufelmetallkratzen nicht zu dämpfen. Versuchen wir zu Winteranfang Wünsche, wie Herr Nächstbar möge sich doch endlich auf die andere Erdenseite durchgekratzt haben, noch als Witzeleien zu tarnen, manifestieren sich spätestens Mitte Saison wüste Mordgedanken. Die natürlich niemals zu Taten werden, vermute ich doch, dass mein Plädieren auf Selbstverteidigung kaum ernst genommen würden und die geistige Umnachtung würde ich so eindrücklich spielen, dass ich mich damit selbst täuschen würde, wir müssten plötzlich Unmengen Geld für Psychopharmaka und psychiatrische Behandlungen ausgeben und, was ich schon an anderer Stelle geschildert, wir würden an Existenzminimum leben und in Agglomerationsplattenbauten hausen, Ausländer doof finden und die SVP wählen und ich würde schrecklich unglücklich, meine Trauer mit Essen kompensieren und fürchterlich dick werden. Dick werden will ich immer noch nicht. Wie lassen den Herrn Nächstbar also abkratzen und hoffen auf Tauwetter.
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5 Kommentare

Eingeordnet unter Nächstbars, Neulich

5 Antworten zu “Nächstbars IV oder „Ich versteh dich nicht, es schneit so laut.“

  1. hat er denn schon schneeketten?

    auf dem völlig schneefreien hauptverkehrsplatz der stadt trudelten die ersten flocken vom himmel und aus der ferne erklang der infernalische lärm einer panzerbrigade, die stetig näher kam:
    ein älterer herr in älterem wagen mit schneeketten.
    jetzt war krieg.

  2. Eine überaus präzise Beobachtung. Diese Herren Nächstbars scheinen allüberall. Ich war froh und glücklich, mich gerade noch rechtzeitig aus meinem Traum lösen zu können, um einen Blick auf den hiesigen weißen erhaschen zu können; es war wohl so, daß der knatternde Trecker mich geweckt hatte. Seit mein Herr Nächstbar die Firma an den Sohn überschrieben hat, bleibt ihm nur noch sein privater Fahrzeugpark. Und der ist, glauben Sie’s mir, ein klein wenig geräuschvoller als das ein Schäufelchen Ihres Herrn Nächstbar.

    Hier gibt es drei Automobile, die hin und wieder vom Hof rollen wollen. Aber nie am Wochenende …

  3. Fast schonlassen Sie beiden mir lauwarme Gefühle für meinen Herrn Nächstbar aufkeimen. Fast. Mich aber darob glücklich zu schätzen, dass es mir nicht schlimmer ergeht wär irgendwie wie für das Minarettverbot zu stimmen, weil in anderen Ländern Christen verfolgt werden. (irgendwie schaff ich es nicht so recht mich dieses Themas zu entledigen.) Aber ich kondoliere. Ihnen und allen Verfolgten.

  4. pa

    Mir bleibt nur noch die Frage, ob es der Herr Nächstbar des Winters 2009/2010 oder jener aus ferner Kindheit ist, der es ebenfalls verstand, meisterlich mit Schaufel und Pickel umzugehen. Tauwetter hin oder her.

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