Als wir noch jung und schön waren


Ein Kind verändert das Leben seiner Eltern unweigerlich und für immer in einem Sinne, der für mich vor meinem Mutterdasein nicht fassbar, geschweige denn nachvollziehbar war. Die Zeit vor Ypsilönchen nennen wir momentan, nach Nächte Dauerstillens, Zahnungsepisoden und Wachstumsschubereien schlicht „Als wir noch jung und schön waren“.

Als wir noch jung und schön waren, reisten wir häufig, weit und spontan, heute planen wir sogar die Reise in den Wäschekeller minutiös, Zeitpunkt, Dauer, Art des Ypsilönchentransports und -beschäftigundsmöglichkeiten einbeziehend.

Als wir noch jung und schön waren sahen wir jung und schön aus, heute können unsere Gegenüber sich geehrt fühlen, wenn wir für sie unsere Augenbrauen getrennt, die Achselhaare auf verstaubare Länge gekürzt und uns unserer Rotzsspuckkleidung entledigt haben. Das Extremste was ich seit Yspilönchens Geburt an Sport getrieben habe, war, abgesehen von den täglichen Lebenmitbabyakrobatikübungen, die Rückbildungsgymnastik, die aber eher unsichtbare Muskeln beanspruchte.

Als wir noch jung und schön haben, haben wir ab und zu den Backofen benutzt, heute haben wir Angst das Backofenbaby dabei zu kremieren, ein Verlust den Ypsilönchen nur schwerlich verwinden würde.

Als wir noch jung und schön waren, konnte ich ganze Gedankenstränge verfolgen, ohne dass sich dieser eine hartnäckig wiederkehrende aber einfach wundervolle Gedanken an Ypsilönchen mich heimsucht.

Als wir noch jung und schön waren, habe ich mich nur bei wirklich schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen (beispielsweise Blinddarmdurchbrüche) in Arztpraxen begeben. In Bezug auf mich hat sich das seit Ypsilönchens Geburt nicht verändert und bis anhin hatte ich auch relativ selten Nahtoderlebnisse. Wenn es um Ypsilönchens Gesundheit geht bin ich fremdhypochondrisch ziemlich schnell beunruhigt und verstehe es mir bei Googlerecherchen der allerschwerwiegendsten Krankheitsbilder Symptome bei Ypsilönchen zu entdecken, per rationale Denkversuche zu entkräften, um schliesslich so beunruhigt zu sein, dass ich die Kinderärztin zumindest telefonisch kontaktiere. Zwei Wochen nach Ypsilönchens Geburt, haben wir Ypsilönchen in die Praxis geschleppt, sie hatte am ganzen Körper einen wirklich auffälligen, netzartigen Ausschlag, fürchterlich, wir sahen uns schon als verwaiste Eltern. Das Kind entblösst, der Ärztin vorgelegt, warteten wir bange auf ihre Diagnose. Konzentriert musterte Ypsilönchens gefleckten Körper, mir wurde immer banger, solche Stirnfalten konnten nichts gutes verheissen. „Welchen Ausschlag meinen Sie?“ fragte die Ärztin, mit stetig konzentriertem Blick. „Na den den sie überall hat, das rote Muster da, das Netz!“ Die angestrengte Konzentration der Ärztin wich einem mitleidigen Blick, wir blieben vorerst verängstigt. „Diesen ‚Ausschlag’ oder die durch die hitzebedingt angeregte Durchblutung entstandenen Hautveränderungen können sie vermeiden, indem sie ihr Kind einfach nicht ganz so warm anziehen.“ Merci.

Als wir noch jung und schön waren, hatten wir sowohl ein Schlaf- und ein Esszimmer, als auch eine Küche, heute werden wir in Ypsilönchens Spielwohnung höchstens geduldet.

Als wir noch jung und schön waren, verstanden wir es unsere Sprechlautstärke minutiös den Anforderungen der Umgebung an, heute verwirren wir unsere Gesprächspartner wahlweise mit lautem Brüllen (Ypsilönchengeschrei übertönen) oder kaum hörbarem mit Gebärden untermaltem Flüstern (Ypsilönchenschlaf wahren).

Als wir noch jung und schön waren, habe ich geschlafen, so was brauche ich heute nicht mehr, ich kann auch ohne, lieber stille ich nächtelang oder spaziere ypsilönchenschwenkend Kilometer durch quadratmetergrosse Räume.

Als wir noch jung und schön waren, blieben wir, ganz verwegenerweise ganz lange auf, heute tun wir das aus oben genannten Gründen auch.

Und um auch noch etwas kitschig zu werden: Als wir noch jung und schön waren, haben wir den wahrscheinlich zukünftig eingebildetsten wundervollsten Menschen der je auf dieser Erde armystylerobbte und damit vollkommene Glücksgefühle noch nicht gekannt.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Neulich

6 Antworten zu “Als wir noch jung und schön waren

  1. Ich musste doch sehr schmunzeln, als ich das heute Mittag gelesen habe, aber ich war seit 1 Stunde am Dauerstillen und konnte nicht in Ruhe tippen :) Jetzt bin ich zu müde, um noch was schlaueres zu sagen… Außer, wo wir schon mal dabei waren mit 21 nicht mehr so jung und schön zu sein, machten wir einfach weiter :) Und bereuten es nie, außer natürlich in der Nacht beim Dauerstillen :)

  2. motzchueh

    Bi sprachlos und eländ grüehrt. Einisch meh! D`Naselümpli lige bünzligerwies näbe mir bim Tischli, zum grosse Glück!

  3. (ich musste grad sehr, sehr lachen)

  4. Guter Artikel! Finde mich in vielem wieder. Es scheint mir allerdings etwas heikel, „jung“ und „schön“ stetig gleichzusetzen. Gut, wir sind sicher nicht mehr so jung, aber unglaublich schön ;-)

    • Natürlich gibt es schöne Alte. Die mit den zerfurchten Gesichtern, denen man Leben und Wissen ansieht, die Integrität ausstrahlen. Leider trifft nichts ausser Zerfurchung im Sinne von Zerknautschung auf mich zu.

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