Uns hat das auch nicht geschadet


Einleitend:
Vor nicht all zu langer Zeit hat Frau Schussel diesen Artikel zum Thema Gewalt geschrieben, den ich wie folgt kommentiert habe:
„Ich sehe mich immer wieder überrumpelt mit Eltern konfrontiert, die mir in Elterngesprächen sagen, dass sie natürlich ihre Kinder nicht schlagen aber Ihnen ja ab und zu mal “e Chlapf” (Ohrfeige) auch nicht geschadet habe. Genau an diesem wichtigen Punkt versage ich in der Elternarbeit, vermag mein Anliegen nicht in einer Art und Weise zu formulieren, die betreffenden Eltern etwas sagen würde. Nach Gesprächsschluss habe ich das Gefühl nichts bewirkt zu haben, als die Eltern in einer Sprache und mit einer Denkweise beleidigt zu haben, die nicht die ihre ist.“
 
 
 
 

Dass rund um Erziehungsfragen nicht immer Einigkeit herrscht, darf als Bereicherung und Stagnationsprophylaxe angesehen werden. Schwierig wird es, wenn Gegenüber sich des Totschlagarguments „Mir hat das auch nicht geschadet.“ bedienen, denn mit grosser Regelmässigkeit finde ich mich hiernach in einer, der Diskussion kaum dienlichen, hilflosen Trotzreaktion wieder oder bleibe sprachlos.

„Mir hat ab und zu ein Klaps auf die Finger auch nicht geschadet“

Mit derartigen Aussagen wird bezeichnenderweise in aller Regel nur Themen begegnet, die meines Erachtens unter Einbezug gesunden Menschenverstandes als pädagogisches Stilmittel schlichtweg unzulässig sind. Was antworte ich also, ohne patzig zu werden? In Bezug auf die explizite Botschaft dieses Satzes kann ich nichts Gegenteiliges behaupten, ohne persönlich zu werden und mein Gegenüber zu verletzen oder zumindest zu verärgern. Ich kann mich auf implizierte Verallgemeinerung beziehen und damit auf die Annahme, dass was ihm/ihr anscheinend nicht geschadet hat, auch sonst niemandem schaden wird. Unweigerlich gelange ich aber immer wieder an deinen Punkt, an dem ich emotional reagiere, an dem es mir schwer fällt pragmatisch zu bleiben. Wieso sollte ich, mal wider meine Überzeugung davon ausgehend, dass erwähne Erziehungsmassnahmen nicht zwingend schaden, meinem Kind gegenüber wissentlich potentiell schädigend (und in keinem Falle förderlich) agieren wollen? Es geht hierbei nun mal nicht um kleinere Risiken physischer Natur, die auch ich, in dem ich Ypsilönchen nicht an ihrem Erkundigungstrieb hindere, oder sie manchmal in unserem Bett schlafen lasse, eingehe, es handelt sich um potentielle Schädigungen persönlichkeitsprägenden Charakters, die ich zwar aus Überzeugung, aber ganz sicher auch nicht aus blossem Altruismus (da Schuldvermeidung) nicht verschulden will.
Ich bezweifle nicht, dass mit oben genannten Mitteln die selben Teilziele (beispielsweise Grenzen aufzeigen, bzw. erfahren lassen) erreicht werden können, wie mit vorbildhaftem Vorleben und bei Bedarf begründendem und erklärendem Intervenieren der Eltern. Ich zweifle aber ebensowenig daran, dass (ich bleibe beim Beispiel der körperlichen Gewalt) Schläge, Klapse, Haue (all Derartiges in jeder Intensität und Schwäche) immer Sinnbild für die Unfähig- und Hilflosigkeit des Schlägers sind, den Geschlagenen immer erniedrigen, ihn immer in einer gesunden Entwicklung hemmen und ihm immer Wertlosigkeit vermitteln, also dem was ich mir für mein Kind wünsche niemals dienlich sind.
Kann denn ein „Wieso sollte ich (im Falle von Schlägen) Dies und (in Bezug auf andere offensichtlich ungesunde Erziehungsmassnahmen) Ähnliches für mein Kind in Kauf nehmen, nur weil „es mir auch nicht geschadet“ hat?“ die Antwort auf ebendiese Aussage sein? Vielleicht müsste ich diesen Artikel in Visitenkartenformat zückbereit halten um ihn bei totschlagargumentbedingtem Sprachverlust (neben der Visitenkarte hier) zur Hand zu haben…
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2 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Erziehung, Visitenkarte

2 Antworten zu “Uns hat das auch nicht geschadet

  1. Ja. Ja.
    Ich denke immer, das „uns hat es auch nicht geschadet“ ist zum einen mangelnde Reflexion, man macht eben, was man so „im Blut“ hat und kennt – zum anderen aber Selbstschutz. Es ist nicht gerade einfach, sich einzugestehen, dass so manche heutige Macke bei einem selbst besteht, also womöglich auch ihre Gründe hat. Von da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt dazu, was die Gründe sein könnten, das Selbsterkennen ist schwieriger.

    Ich jedenfalls halte mich zwar für einen gar nicht so ungelungenen Menschen. Könnte also auch in den Raum werfen, das hat mir doch gar nicht geschadet, seht ihr. Ich weiß aber auch, dass die Schläge und die Angstmethoden und allerlei anderes sicher nichts gutes an mir angerichtet haben. Ob sie für meine Unsicherheit, mein fehlendes Selbstbewußtsein, meine Angstzustände verantwortlich sind, werde ich nie abschließend erfahren, aber ich werde das Risiko ganz sicher nicht eingehen, diese Frage an meinem eigenen Kind auszuprobieren…

    Wenn man das nur so einfach rüberbringen könnte, da, wo es ankommen sollte.

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