Monatsarchiv: März 2010

Hamsterlönchen


Ich gehöre, muss ich schamvollerweise zugestehen, zu den Müttern, die ständig den Hungertod des eigenen Kindes befürchten, das ist selbst dann etwas fragwürdig, wenn ich mich nur auf das in Ess- und Stillsituationen Einverleibte konzentriere, wenn ich Ypsilönchens Bewegungsfreude, offensichtliche Körperkraft und vor allem ungeplante Zwischenmahlzeiten beachte, wird die Furcht vollends irrational. Allerdings ist festzuhalten, dass ich mit Art und insbesondere Menge der Zwischenverpflegung nicht einverstanden bin.
Dass sich Ypsilönchen in Sekundenschnelle heimlich zum Kühlschrank begibt (der unglücklicherweise klein und auf Kleinkindhöhe, überhaupt irgendwie spielküchenhaft anmutet), ihn öffnet und zum Käse greift, kann ich sowohl nachvollziehen als auch akzeptieren, ebenso das bei Tisch für planvoll (was ich mutterstölzern irrigerweise annehme) als Notration per Schwerkraft am Boden plazierte Brot, was ich aber nur schwerlich hinnehmen kann sind Ypsilönchens Vorlieben für unverdaulichere Happen. Auch wenn ich dadurch mittlerweile den Backenquetsch-Mundzwangsöffnugs-Griff zu perfektionieren vermochte, so was kann auch babyalltagsfern eventuell von Vorteil sein, vermag ich der Gaumenkratzerei samt den daraus resultierenden Fingerquetschungen, Ohrenläuten und sabbertriefenden Eroberungen wenig abzugewinnen. In der ypsilönschen Naschhitparade finden sich Wollmäuse (die es natürlich bei uns nicht gibt, so was lernt sie kennen, wenn wir zu Besuch sind), Buchrückenstückchen (alternder, zerlesener Bücher Rücken werden schonungslos und fetzelchenweise zerlegt und verspiesen) und Korbstuhlhölzchen (Fiesolönchen lässt dem armen Stuhl eine Diät angedeihen, von der unsereins bloss träumt) in erbittertem Kampf um Beliebtheit und Ehr, wobei die Buchrückenstücken momentan klar als Favoriten gehandelt werden müssen, ferner liefen Steine, Tatamiteile und Haare (die bei uns natürlich ebenfalls niemals am Boden liegen, niemals, auch wenn ich seit der Y-Geburt von Nachschwangerschaftshaarausfall geplagt bin, die fallenden Häärchen werden natürlich vor Bodenkontakt aufgefangen und entsorgt). Seit Hamsterlönchen vor einer Woche mit dicker Backe angekrabbelt kam, ich eine gebunkerte Knoblauchzehe ergatterte, danach (glücklicherweise vergeblich) Babybauchweh und schlaflose Nächte erwartete und Ypsilönchen die Badekursstunde mit Knoblauchfahne und irritierten Nasengegenübern absolvierte, erwägen wir die Maulkorbpflicht einzuführen.

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Tagesülkchen


Ypsilönchenoma beim Mittagessen zu Gminggmanggschwester, die zu heiraten beabsichtigt (so richtig, mit Drum und allem Dran): „Was hast du bezüglich deines Makups vor?“
Gminggmanggschwester: „Keine Ahnung, ich werde mich wohl irgendwo schminken lassen.“
Ypsilönchenoma: „Könnte das nicht die Gminggmangg machen?“

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Eingeordnet unter Konservierte Konversationen, Neulich

Frühling spielen


Frühling spielen

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Wii horö Spielen machen tut


Bitte entschuldigen Sie eventuelle Ungereimtheiten in untigem Text, gerade bin ich etwas abgelenkt durch die Tatsache, dass die vis à vis sitzende Dame die Konzentration aufbringt, die Vogue, eine Zeitschrift, die nichts als Menschen in Kleidern und einige Abbildungen von Taschen und Schuhen zeigt, eine einstündige Zugfahrt lang eingehendst und durchwegs interessiert zu betrachten.

Wie immer wenn sich das Jahr Herrn Gminggmanggs Geburtstag nähert, was nach seinem Empfinden eine Woche nach dem letzten Geburtstag ist, beginnt er damit, kleine feine bis eindeutig fordernde Hinweise auf mögliche Geburtstagsgeschenke in die Gespräche einfliessen zu lassen. Was einst mit viel Nachsicht als liebenswürdige Hilfe eines schwer zu Beschenkenden gedeutet werden konnte, wurde in diesem Jahr zu penetrantem Ohrenliegen. Der ansonsten wenig spielversierte Ypsilönchenpapa (Eine Scrabblepartie im Geburtszimmer, seiner wehenden Frau zu liebe, war auch schon alle wozu ich ihn je bewegen konnte. Es ist hier noch zu erwähnen, dass ich gewonnen habe. Ich, unter Wehen! Ich!) wünschte sich eine Nintendo Wii Spielkonsole. Während ich den Wunsch tunlichst ignorierte, oder viel eher noch aberwitzigerweise Spässchen damit trieb (ich schenkte ihm einen Wein (zu berndeutsch „Wy“) mit Nintendo-Etikette, lustig, lustig), schritt die Ypsilönchentante zur Tat und beschenkte ihn, zu seiner innigen Freude, mit besagtem Spielzeug. In Schreckstarre verharrte ich tatunfähig, dabei hätte ich dem Teufelszeug den Garaus machen sollen, bevor es sich bei uns einnistete, Ypsilönchen hingegen schien nicht unerfreut, protestierte zumindest nicht in üblicher „Nänänänänä“-Manier, sondern liess vielmehr ein „hörö“ verlauten, was Herr Gminggmangg natürlich sofort als „hereux“ decodierte. Jedenfalls richtete sich diese Wii in unserem ausgebauten Estrich gemütlich ein und machte so gar nicht den Anschein eines Kurzbesuches. Vorerst gestaltete sich das Zusammenleben mit ihr auch als bei Weitem angenehmer als vermutet, bis auf Ypsilönchenpapas zwischenzeitliche Abwesenheit und Jammereien ob muskelverkaterten Gliedmassen, merkte ich wenig von Wiis Anwesenheit. Es begab sich aber, dass ich mich eines Abends, Ypsilönchen schon vorsorglich ins Koma gestillt, wiispielend neben Herrn Gminggmangg wiederfand. Ich verstehe nicht, wie das geschehen konnte, es dürften KO-Tropfen im Spiel gewesen sein, oder, ER hat gekocht, mindestens eine sehr alkohollastige Sauce. Es zeigte sich, dass meine Begabungen in Bereich der Wiispielerei als höchstens minimal bezeichnet werden können, sehr zur Freude anno dazumal gedemütigten Scrabbleverlierers. Der erneute Bruch mit der Wii war also einigermassen absehbar, ich verliere nur ungern, aber die Intensität des Eklats vermochte selbst ich nicht vorauszusehen. In einem, unseren letzten Spiel, holte der Ypsilönchenpapa zum Aufschlag aus, seine ganze Kraft einsetzend, und versetzte mir mit dem Wiicontroller einen Hieb der, gäbe es diesen Terminus, mit Fug und Recht als beinah fahrlässige Tötung bezeichnet werden könnte. Es resultierte was angekündigt, unüberwindbare Differenzen zwischen der Wii und mir, ein haarscharf dem Scheidungskindertum entronnenes Yspilönchen und ein gigantischer Bluterguss an meinem linken Arm. Heute bin ich überzeugt, dass Herr Gminggmangg Ypsilönchen falsch verstanden hat, sie „horö“ sagte und sicherlich „horreur“ meinte.

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Von linientreuen Archetypen


Die Busfahrt vom Hauptbahnhof bis zum gminggmanggscher Hütte dauert zehn Minuten, ist aber gefühlte Sekunden kurz. Das liegt daran, dass ich mich auf Bahhof-Hütten-Bahnhofbuswegen stets gut unterhalten werde. Die Stadtplaner haben es gut mit uns gemeint, als sie uns Krippen, Schulen, Altersheime, Sozialwohnungen und gutbürgerliche Siedlungen (nennen wir sie Brummacker) an den Heimwegrand planten, wohlweisslich, dass Ypsilönchen aus Langeweile gerne zur Quengellönchen wird. (Die Frage nach zeitlicher Entstehungsreihenfolge beachten wir nicht, heute keine Huhn- und Eierfragen.) Selten habe ich eine Buslinie befahren, die derart vielfältige menschliche Archetypen zu bieten hat. Und, liebe Leser, sie können mir glauben, wie immer übertreibe ich nicht wenn ich hier gleich zwölf linientreue Pendlertypen beschreibe:

Gewerbeschüler: Sie sind nicht auseinanderzuhaltende Multiplikationen, ja, Gewerbeschüler treten als ein geballter, doch muskeltonusschwacher, übergrosser, schwergewichtiger Körper mit unreiner Haut auf, im Gefolge stets eine Fahne aus Zigaretten, Redbull und Pubertierendenschweiss, sowie die paar Individuen, die sich nicht so recht in die homogenisierte Körpermasse einzufügen vermögen. Als jung aussehende Frau lassen sich, mit und ohne Kind, ohne grossen Aufwand, meist reicht ein Lächeln in des Gewerbeschülers Gesichtseinheit, oder Kleinfingerumwickeleien seitens Kleinkind, erhebliche Vorteile, wie die Gewissheit, dass für Verteidigung von Leib, Leben und Ehre gesorgt wird, verschaffen.

(Brummacker) Snobs: Grundsätzlich gesittete, wohltemperiert freundliche Menschen, sofern keiner Lärm-, Geruchs- oder sonstigen Belastungen ausgesetzt. Ihre Schwellenreize scheinen ausnahmslos sehr niedrig angesiedelt zu sein, was ihr Belastungsempfinden erheblich beeinflusst. So hat beispielsweise das schlichte Eisteigen von Notstellenschläfern oder Kinderkreischen zwanghaftes Kopfschütteln und, wenn in Begleitung anderer brummacker Snobs, repetitiv anmutendes Tuscheln zur Folge. Junge Mütter ziehen sie gerne ins Gespräch um schliesslich doch nur monologisierend von den eigenen Kindern zu erzählen, die allesamt Durchschläfer, Selbständigaufräumer, Niequengler und Musterschüler waren.

(Brummacker) Teens: Sie sind eigentlich, und manchmal nachteiligerweise ganz offensichtlich, die Kinder der brummacker Snobs, sind wohl aber obigen verklärt geschilderten Traumkinderdasein entwachsen. Mit Vorliebe beprasseln sie die Mitreisenden mit Musik und lautem ‚Mitsingen’ in einer Manier die vermuten lässt, dass die einzigen Wörter die ehemalige Musterschüler behalten Flüche, Beschimpfungen und Blasphemisches bezeichnen. In männlicher Ausgabe tragen sie trotz Normfiguren gerne Kleidung für adipöse, während der weiblichen Ausführung Bekleidung an Stoff fehlt, was den männlichen zu viel. Sie verfügen über urchig schweizerische Namen und ebensolches Angesicht, palavern aber in einer Sprache, die ich ansonsten eher bei frisch Zugewanderten aus dem Südosten Europas vernehme.

Sozialwohnungshauser: Sie sind beinah ausnahmslos langhaarige, fahrige Exjunkies mit beängstigend blassem Teint, engen Lederhosen und unzähligen inbrünstig geliebten Hunden. Sie sind mit Abstand die sozialste Gruppe der Busfahrgefährten und, per Platzangebote, Hebehilfen und Vortrittgewähren, stets um das Wohlbefinden ihrer Mitreisenden bemüht, sofern es sich dabei nicht um Gewerbeschüler, brummacker Snobs oder Teens handelt. Da es ihnen an Lautstärkeregulierungsmöglichkeiten zu fehlen scheint, sind sie als Gesprächspartner allerdings nur für Personen geeignet die gerne Mittelpunkt, in aller Ohr und paranoiaimmun  (alles verwanzt, alles belauscht – wohl wahr diese Sprechlautstärke lässt auch wenig anderes zu) sind.

Notschlafstellenschläfer: Sie sind meist auf den ganz frühen Bussen anzutreffen und erheitern gerne damit andere Frühaufsteher aus allen sinnigen und unsinnigen Gründen als Spiesser zu bezeichnen. Letztens: „Ey, gibst du mir deine Zwänzgminute (Gratiszeitung)“, der vormals vertieft Lesende „Nein, ich lese sie noch.“ „Ey, du bist so ein Spiesser!“

Alte: Sie sind hauptsächlich alt und fahren grundsätzlich zu Stosszeiten. Mit ihrer Begeisterung für Kinder haben die Alten Ypsilönchens Laune und meine Nerven schon auf so mancher Busfahrt von katastrophalen Talfahrten verschont. Allerdings ist ihr Zusteigen immer mit Anstrengung verbunden, ich bin nicht grundsätzlich was man als den sozialst handelnden Menschen bezeichnen würde und handle auch nicht altruistisch, wenn ich die Damen und Herren sorgfältig zu ihren Sitzplätzen geleite, ich fürchte schlicht ansonsten von fliegenden Gehstöcken getroffen oder von Rollatoren überrollt zu werden.

Eltern- Kinder: Auch Eltern, insbesondere die mit Kinderwägen und kreischenden Kindern, legen Busstrecken vorzugsweise zu Stosszeiten zurück. Ohne Rücksicht auf Verluste wird der Kinderwagen auch bei augenscheinlich gestossen vollem Bus so wuchtig platzschaffend eingeschoben, dass ich annehme, dass dem Buschauffeur nach letzter Dienstfahrt nur das Einsammeln gequetschter Gliedmassen bleibt. Die Eltern, alle mit bodenlosen Taschen ausgestattet, die Notproviant für ganze Armeen bergen, bieten den Kindern Essen, Spielzeug und klitzekleinwenig peinliche, oft akrobatische und für alle ausser für die angesprochenen Kindern stets erheiternde Bespassungsversuche.

Bleiben die Gminggmanggs, zwar natürlich die angenehmsten Busreisenden, sind sie wahl- und naheliegenderweise als „Eltern-Kinder“, nach durchstillten Nächten als „Alte“ oder „Notschlafstellenschläfer“ und, ohne es zuzugeben, als „Snobs“ anzutreffen.

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