Ich ulke


Dass ich mich nicht zu allen Gelegenheiten der gleichen Sprache bedienen kann, ist mir grundsätzlich klar und in Bezug auf wüste Schimpftiraden halte ich mich manchmal meistens, beispielsweise während des Unterrichtens, zurück. Wenn es allerdings um ironisch- bis sarkastische Bemerkungen und allerlei andere Ulkereien geht, verfehle ich mich ab und zu in Wortwahl, deklariere Gesagtes nicht als unernst und gehe davon aus, dass mein Gegenüber bemerkt, dass ich, was geäussert, unmöglich ernst gemeint haben kann. Ich vergesse des öfteren zu berücksichtigen wie gut mich mein Gesprächspartner kennt oder aus welchem Umfeld er stammt. So ist es in meinen Bekannten- und Berufskreisen durchaus erlaubt, Witzeleien nicht gänzlich mit politischer Korrektheit einzukleiden (Ich wage überheblicherweise zu behaupten, dass dem so ist, weil Gedanken der Gleichberechtigung und „Gleichheit“ (in individualisierendem Sinne) als selbstverständlich vorausgesetzt werden können.) und es dürfen ausartend Fehldiagnosen gestellt werden. So müssen beispielsweise Aussagen in bezüglich Ypsilönchen nicht immer liebtriefend sein und ich darf ihr ohne Bedenken allerlei Entwicklungsbesonderheiten und unmögliche Absichten unterstellen, ganz ohne Ironiedeklaration und ohne dass jemand an meiner Liebe für sie zweifeln würde. Nur bewege ich mich eben nicht immer nur in berufspädagogischen Dunstkreisen sondern gehe auch zum Babyschwimmen. Ypsilönchen liebt die Minuten vor und nach dem Schwimmen, krabbelt wild von Kind zu Kind, plappert, ruft und kichert, während ich mich hinterherrennend umziehe, versuche ich sie am Ansichreissen der andern Babys Flaum, Augäpfel und Bernsteinketten zu hindern und zu kraftdosierteren Annäherungsversuchen zu führen. Meine geäusserte ADHS-Diagnose wird mit mitleidigerschrecktem „Ich wusste gar nicht, dass man das schon so früh feststellen kann.“ , nach Augapfelattacken geäusserte Hinweise auf gute Blindenschulen mit bösen Blicken, quittiert.

Selbst meine Frauenärztin, die eigentlich über einen liebenswert trockenen Humor und durchaus übern ein Gespür für Ironie verfügt, vermochte ich zwischenzeitlich unabsichtlicherweise zu verwirren, als ich, schwanger im vierten Monat, die auf dem Ultraschall ersichtliche Bewegungsfreude des Pränatallönchen als Bewegungsstereotypien und damit mögliches Symptom für Autismus diagnostizierte. Ihr Versuch mich zu beruhigen fiel derart inbrünstig aus, dass es schliesslich einiger beschwichtigender Worte unsererseits bedurfte um sie davon zu überzeugen, dass auch wir nicht ernsthaft davon ausgehen, dass unser damals noch etwas weniger exhibitionistisch  veranlagtes geschlechtsunbekanntes Kind dereinst Verhaltensauffälligkeiten an den Tag legen wird.

In Bezug auf andersartige politische Inkorrektheiten fürchte ich, dass ich über keine geeignete Ausrede verfüge, aber was das, meine Kompetenzen weit überschreitenden, Diagnostizierbedürfnis anbelangt würde es sich lösungsstrategisch eventuell anbieten eine weitere Visitenkarte zu gestalten: „Entschuldigen Sie unbedacht geäusserte Pseudodiagnosen, ich bin Heilpädagogin und leide unter berufsbedingten Gedankendeformationen (in Fachsprache döformassion profässionell genannt) und unbändigem unangebrachtem Ulkdrang.“

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich, Visitenkarte

7 Antworten zu “Ich ulke

  1. Ich habe den Eindruck, daß die Bereitschaft, Ironie und Witz entgegenzunehmen, überhaupt damit umzugehen zusehends nachläßt. Woran es liegen könnte, darüber kann ich nur ahnen und vermuten: etwa daran, daß viele sich auch im Alltäglichen immer mehr absichern, im Schriftlichen beispielsweise durch diese Smilies, die ich Internet-Hieroglyphen nenne und die zu benutzen ich mich weigere. Eine Ursache mag im Wahn, anders kann ich das nicht nennen, der politischen Korrektheit liegen. Die Ängste, mißverstanden zu werden, scheinen mir überhand genommen zu haben. Sie verfaden und veröden alles. Ich schätze diese Art der Frozzeleien, zumal sie überwiegend von Selbstironie geprägt sind. Vor allem leisten sie eines: die Einschaltung der Denkapparatur.

    • ich glaube nicht, dass politische korrektheit ein wahn ist.
      es ist m.e. sehr bedauerlich, dass durch die bedeutungsverschiebung vom antidiskriminierenden grundimpetus zum konservativen kampfbegriff ein backlash losgetreten wurde, in dem all die reaktionäre endlich mal herhaft hassen können ohne ein blatt vor den mund zu nehmen.
      „das muss man doch schließlich noch sagen dürfen“ ist oftmals eine ganz hinterfotzige verdrehung von opfer- und täterschaft, die zudem niemandem weiterhilft.
      jede debatte, die mit diskrimininatorischen argumenten geführt wird, entwertet damit ihren inhalt.

      aber darum geht es im weitesten sinne hier ja auch gar nicht – und betrifft vor allen dingen nicht die anwesenden. nur ein beißreflex, man sehe es mir nach.

      die smilerei, ja, das bedaure ich auch manchmal, aber wir haben ja neulich erlebt, was passiert, wenn man nicht alle mitnimmt auf scherzgepflasterten wegen…
      selbstironie hingegen geht wirklich vielen ab, das stimmt leider; zuviel selbstdarsteller allüberall
      (jaja, und ich mittendrin;-)

      (ooops.)

  2. Selbstironie kann aber, ganz offensichtlich, auch wunderbarst als Selbstdarstellungsmittel genutzt werden.

    Was die Smäilereien angeht, sehe ich mich im schriftlichen Austausch tatsächlich manchmal genötigt mich ihrer zu bedienen, wenn ich davon ausgehen muss, dass mein Gegenüber auf derartiges angewiesen ist. (Hier ist sie, die Angst vor Missverständnissen.) Der feinfühlige Mitleser wird nun künftig beleidigt sein, wenn er von mit mit Strichgesichtern bedacht wird und hat irgendwie auch recht damit.

  3. Ja, da ist wohl was dran an dieser Bedeutungsverschiebung. Vielleicht sitze ich zu unverbrüchlich in meinem Alter, daß ich mich nicht mehr umgewöhnen kann. Aber wir haben auch früher nicht diskriminiert, wenn wir den einen oder anderen Begriff verwendet haben. Nun gut, ich will einsichtig sein. Doch dieses ständige Sich-Absichern – und am Ende möglicherweise doch anders denken! –, das bringt meines Erachtens doch Verluste mit. So sei es – ist ja auch erledigt.

    «Selbstdarstellungsmittel» – meine Güte, ja. Worauf man heuzutage alles achten muß, wenn man sich äußert. Andererseits nehme ich kaum an, daß das früher sehr viel anders war. Nur gibt es heutzutage sozusagen mehr Mittel. Vor allem die, mal eben so einen Kommentar raushauen zu dürfen. Ich gestehe, mich das eine ums andere Mal zurückhalten zu müssen. Aber ich tue es. Es wird ohnehin genug gemeint. Und wenn ich’s doch tue, dann meine ich es auch so.

    Wer weiß, vielleicht muß man ja bald überall groß darüberschreiben: Bitte lesen Sie auch zwischen den Zeilen. Ich bleibe, trotz immer wieder mal auftretender Probleme, bei meinem Hieroglyphen-Verzicht.

    Den einen oder anderen wird so ein Gesicht mit oder ohne Strichpunkt nicht gleich beleidigt sein lassen. Also gut …

  4. Sprachloser als offensichtlich diskriminierende Äusserungen unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, lassen mich manchmal aber eher die unbewusst diskriminierenden Aussagen werden. (Wie: „Für mich sind Behinderte Menschen wie du und ich…“)

    Die Sache mit der Beleidigung per Smiliegebrauch ward übrigens auch nicht mit totaler Ernsthaftigkeit geschrieben. Vielleicht hätte ich das kennzeichnen sollen. =)

    • ich stehe grundsätzlich hinter der these herbert feuersteins: „auch behinderte haben ein recht auf verarschung“ aber das war 1994 und seinerzeit tatsächlich ein radikaler bruch mit dem peinlichen schweigen und der dadurch bedingten ausgrenzung durch eine mehrheitsgesellschaft, die jederzeit dazu bereit war, heime nur deshalb zu finanzieren, damit man behinderte bloß nicht sieht. nur gesagt hätte man das nie.

      (allerdings wünschte man sich von einigen dummen menschen hinterher – also heute – doch, sie hätten weiter geschwiegen. es bleibt wohl eine gratwanderung zwischen den stühlen, wie der katachretiker sagt…)

      shitsurei.

  5. ich mag die funktion bei riesenmaschine.de, dort werden die grinsies automatisch ersetzt durch „hier habe ich einen albernen smilie hingesetzt, für den ich mich dereinst schämen werde!“

    sie haben schon recht, der zwang zur grinsifizierung greift um sich, gerade für witzelsüchtige schreiberlinge wie mich oftmals schwierig: manchmal verzweifelt man tatsächlich schier – und kann dennoch nicht jedeN bei der hand nehmen…

    ohne verluste geht es wohl in beiden varianten nicht

    (ist nicht jede kommunuikation auf die ein oder andere art und weise selbstdarstellung? niemand will doch dumm dastehen. und wenn doch, hat das doch auch gründe…„hier habe ich einen albernen smilie hingesetzt, für den ich mich dereinst schämen werde!“)

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