Von linientreuen Archetypen


Die Busfahrt vom Hauptbahnhof bis zum gminggmanggscher Hütte dauert zehn Minuten, ist aber gefühlte Sekunden kurz. Das liegt daran, dass ich mich auf Bahhof-Hütten-Bahnhofbuswegen stets gut unterhalten werde. Die Stadtplaner haben es gut mit uns gemeint, als sie uns Krippen, Schulen, Altersheime, Sozialwohnungen und gutbürgerliche Siedlungen (nennen wir sie Brummacker) an den Heimwegrand planten, wohlweisslich, dass Ypsilönchen aus Langeweile gerne zur Quengellönchen wird. (Die Frage nach zeitlicher Entstehungsreihenfolge beachten wir nicht, heute keine Huhn- und Eierfragen.) Selten habe ich eine Buslinie befahren, die derart vielfältige menschliche Archetypen zu bieten hat. Und, liebe Leser, sie können mir glauben, wie immer übertreibe ich nicht wenn ich hier gleich zwölf linientreue Pendlertypen beschreibe:

Gewerbeschüler: Sie sind nicht auseinanderzuhaltende Multiplikationen, ja, Gewerbeschüler treten als ein geballter, doch muskeltonusschwacher, übergrosser, schwergewichtiger Körper mit unreiner Haut auf, im Gefolge stets eine Fahne aus Zigaretten, Redbull und Pubertierendenschweiss, sowie die paar Individuen, die sich nicht so recht in die homogenisierte Körpermasse einzufügen vermögen. Als jung aussehende Frau lassen sich, mit und ohne Kind, ohne grossen Aufwand, meist reicht ein Lächeln in des Gewerbeschülers Gesichtseinheit, oder Kleinfingerumwickeleien seitens Kleinkind, erhebliche Vorteile, wie die Gewissheit, dass für Verteidigung von Leib, Leben und Ehre gesorgt wird, verschaffen.

(Brummacker) Snobs: Grundsätzlich gesittete, wohltemperiert freundliche Menschen, sofern keiner Lärm-, Geruchs- oder sonstigen Belastungen ausgesetzt. Ihre Schwellenreize scheinen ausnahmslos sehr niedrig angesiedelt zu sein, was ihr Belastungsempfinden erheblich beeinflusst. So hat beispielsweise das schlichte Eisteigen von Notstellenschläfern oder Kinderkreischen zwanghaftes Kopfschütteln und, wenn in Begleitung anderer brummacker Snobs, repetitiv anmutendes Tuscheln zur Folge. Junge Mütter ziehen sie gerne ins Gespräch um schliesslich doch nur monologisierend von den eigenen Kindern zu erzählen, die allesamt Durchschläfer, Selbständigaufräumer, Niequengler und Musterschüler waren.

(Brummacker) Teens: Sie sind eigentlich, und manchmal nachteiligerweise ganz offensichtlich, die Kinder der brummacker Snobs, sind wohl aber obigen verklärt geschilderten Traumkinderdasein entwachsen. Mit Vorliebe beprasseln sie die Mitreisenden mit Musik und lautem ‚Mitsingen’ in einer Manier die vermuten lässt, dass die einzigen Wörter die ehemalige Musterschüler behalten Flüche, Beschimpfungen und Blasphemisches bezeichnen. In männlicher Ausgabe tragen sie trotz Normfiguren gerne Kleidung für adipöse, während der weiblichen Ausführung Bekleidung an Stoff fehlt, was den männlichen zu viel. Sie verfügen über urchig schweizerische Namen und ebensolches Angesicht, palavern aber in einer Sprache, die ich ansonsten eher bei frisch Zugewanderten aus dem Südosten Europas vernehme.

Sozialwohnungshauser: Sie sind beinah ausnahmslos langhaarige, fahrige Exjunkies mit beängstigend blassem Teint, engen Lederhosen und unzähligen inbrünstig geliebten Hunden. Sie sind mit Abstand die sozialste Gruppe der Busfahrgefährten und, per Platzangebote, Hebehilfen und Vortrittgewähren, stets um das Wohlbefinden ihrer Mitreisenden bemüht, sofern es sich dabei nicht um Gewerbeschüler, brummacker Snobs oder Teens handelt. Da es ihnen an Lautstärkeregulierungsmöglichkeiten zu fehlen scheint, sind sie als Gesprächspartner allerdings nur für Personen geeignet die gerne Mittelpunkt, in aller Ohr und paranoiaimmun  (alles verwanzt, alles belauscht – wohl wahr diese Sprechlautstärke lässt auch wenig anderes zu) sind.

Notschlafstellenschläfer: Sie sind meist auf den ganz frühen Bussen anzutreffen und erheitern gerne damit andere Frühaufsteher aus allen sinnigen und unsinnigen Gründen als Spiesser zu bezeichnen. Letztens: „Ey, gibst du mir deine Zwänzgminute (Gratiszeitung)“, der vormals vertieft Lesende „Nein, ich lese sie noch.“ „Ey, du bist so ein Spiesser!“

Alte: Sie sind hauptsächlich alt und fahren grundsätzlich zu Stosszeiten. Mit ihrer Begeisterung für Kinder haben die Alten Ypsilönchens Laune und meine Nerven schon auf so mancher Busfahrt von katastrophalen Talfahrten verschont. Allerdings ist ihr Zusteigen immer mit Anstrengung verbunden, ich bin nicht grundsätzlich was man als den sozialst handelnden Menschen bezeichnen würde und handle auch nicht altruistisch, wenn ich die Damen und Herren sorgfältig zu ihren Sitzplätzen geleite, ich fürchte schlicht ansonsten von fliegenden Gehstöcken getroffen oder von Rollatoren überrollt zu werden.

Eltern- Kinder: Auch Eltern, insbesondere die mit Kinderwägen und kreischenden Kindern, legen Busstrecken vorzugsweise zu Stosszeiten zurück. Ohne Rücksicht auf Verluste wird der Kinderwagen auch bei augenscheinlich gestossen vollem Bus so wuchtig platzschaffend eingeschoben, dass ich annehme, dass dem Buschauffeur nach letzter Dienstfahrt nur das Einsammeln gequetschter Gliedmassen bleibt. Die Eltern, alle mit bodenlosen Taschen ausgestattet, die Notproviant für ganze Armeen bergen, bieten den Kindern Essen, Spielzeug und klitzekleinwenig peinliche, oft akrobatische und für alle ausser für die angesprochenen Kindern stets erheiternde Bespassungsversuche.

Bleiben die Gminggmanggs, zwar natürlich die angenehmsten Busreisenden, sind sie wahl- und naheliegenderweise als „Eltern-Kinder“, nach durchstillten Nächten als „Alte“ oder „Notschlafstellenschläfer“ und, ohne es zuzugeben, als „Snobs“ anzutreffen.

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Eingeordnet unter Elternsein, Neulich, Zügiges

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