Tagesarchiv: April 1, 2010

Rösti


Wohl im Wissen darum, dass er nach gestrigem Wahltag angeregte Telefonate zu führen hat, derartiges aber dem Frühpendlerkodex ganz und gar widerspricht, quartierte der Herr in Karohemd, Lederjacke und allzu enger Jeans sich im Aussenabteil der zweiten Klasse ein, obwohl im Wageninnern genügend Platz vorhanden gewesen wäre. Die wahlresultatbedingte Aufregung schien ihm noch immer tief in sämtlichen Gliedern zu stecken und machte Ausbruchsanstalten oder liess ihn zumindest unkontrolliert anmutend, repetitive kleine Bewegungsmuster vollziehen, von wippender Fuss- über tippende Fingerspitze zu dauerblinzelndem Auge, sie liess ihn nicht ruhen. Kaum war der Zug in Bewegung griff er zum Telefon und nach kaum hörbarem, eindringlichem Gesprächsbeginn, brüllte er unvermittelt „Das kann ich dir garantieren und das werde ich dir garantieren!“ und musste sofort aller morgenmüder Pendler Aufmerksamkeit eigen nennen und warf damit zumindest meinen Denkapparat an, der am Versuch Gesagtem Sinn zu verleihen scheiterte. „Ihr werdet nie wieder einen Kandidaten stellen, ihr müsst das akzeptieren, das Volk hat so entschieden! … Ja, ja, stellt wieder einen Kandidaten, ich werde das zu verhindern wissen! … Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, schade, sehr schade, schade … ein Verlust … Ich werde es erwähnen, aber ihr müsst das akzeptieren, es war ein demokratischer Entscheid! … schade … Es ist einfach schade aber sie werden irgendwann am Höhepunkt sein, wenn das so ist, wird es für sie dramatisch kehren. … Wir müssen nun verdauen. … Also tschüss gell, ich rufe nicht mehr an…. Ich werde sicher eine Traktandenliste machen, ich war schockiert. … Schuld trägt Schengen, ich habe gemeint mit Schengen wäre alles sicherer, aber in Wirklichkeit schreibt die EU alles vor, wir haben keine Selbstbestimmung mehr und es wird so weiter gehen, es wird alles schlimmer werden, die wollen unsere Regierung ausschalten. … Wir haben eine Eu-Regierung, die sechs Bundesräte sind eigentlich EU-Bundesräte. …  schade … Also tschüss gell, ich rufe nicht mehr an. … Wenn wenigsten Rösti gewählt worden wäre, aber er war zu unpopulär, schade. … Aber tschüss gell, ich rufe nicht mehr an.“ Sagte es, betrat das Abteil in dem ich sass, öffnete die oberen beiden Hemdknöpfe (was ich ihm danke, denn ein Schwellhals dieses Ausmasses in Kombination mit Knöpfen ergibt ein furcherflössendes Geschoss), er schien erleichtert, sein Körper wieder unter Kontrolle. „Wahlen…“ sagte er, zu mir gewandt und ich war froh, dass ich es bei einem Lächeln belassen konnte, wäre ich doch für eine Politikdiskussion zu müde und einziger absehbarer Konsens der gewesen, dass wir beide Herrn Rösti gerne erfolgreicher hätten abschneiden sehen, er aus politischen, ich weil ich einen rechtsbürgerlichen Politiker Namens Rösti als unterstützenswert onomatopoetisch empfinde.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Zügiges