Tagesarchiv: April 10, 2010

Von selbständigen Mundwerken und anderen Katastrophen


Aus Frühjahrsschreibfaulheit oder Nachlesungsfrust ein blosses Bild meines Lieblingsarbeitswegabschnitts:

Nachlesungsfrust? Nachlesungsfrust.

Angefangen, eher lust- denn frustig, hat die traumatische Rückversetzung in meine Schulzeit mit der Einladung zu einer kleinen Lesung in Bern. Nun wusste ich schon bei der Zusage, dass meine Vorlesungskünste etwas Hege und Pflege, wenn nicht einer Renovation oder gar Abriss und Neubau bedürfen, denn trotz innigem Bemühen aller Verdrängungsmechanismen, vermochte ich die abertausenden Gelegenheiten, an denen ich bei unterrichtsbedingtem Vorlesen zu Tempodrosselung und mehr Intonation aufgefordert wurde, nicht gänzlich aus dem Bewusstsein zu löschen. Es blieb also ausgiebiges Üben und die Tatsache, dass ich beim Gedanken an die kommende Lesung Schweissausbrüche, Magenflauheit, das Aufkommen repetitiver Manierismen, dramatische Sprechtemposteigerungen (sogar in normalen Gesprächen) und damit genau das erlitt, was ich wegzuüben ersuchte. Auch der Trainingssequenzen mit Herrn Gminggmangg Erfolg beschränkte sich auf die Reproduktion von Streitszenen einer Ehe und endloszirkulär langweiligen Argumentationsaustausch:
„Unterbrich mich nicht immer! Ich kann das einfach nicht, ich konnte das noch nie.“
„Natürlich kannst du das, du musst nur üben.“
„Ich habe doch jetzt schon 26 Jahre geübt, ich kann das einfach nicht.“
„Das war doch schon ganz gut, nur ein wenig zu schnell.“
„Wenn das jetzt ein wenig zu schnell war, wird es sich vor Publikum anhören wie eine vorgespulte Kassette.“
„Du willst immer alles gleich können, aber auch du musst mal üben.“
„Aber ich habe doch schon seit 26 Jahren geübt, ich kann das nicht, ich kann nichtmal in Normtempo sprechen, sich sollte gar nicht mehr sprechen, geschweige denn vorlesen und vielleicht nur noch schriftlich kommunizieren, oder gebärden.“
„Du übertreibst masslos.“ Usw.usf..
Obwohl ich ernsthaft in Erwägung zog, mich aus „Krankheitsgründen“ abzumelden, beantwortete ich die folgenden im Vorfeld eingegangenen, der Vorstellung dienlichen Fragen:
1.) Welche Tätigkeit lässt sich am besten mit Schreiben vergleichen und warum?
Mit geistigem Aderlass in altertümlichem Sinne, aus psychohygienischen Gründen.
2.) Korrigierst du den Sprachgebrauch anderer Menschen? Wenn ja: wann?
Ja, zum Leidwesen Aller, hauptsächlich Deklinationen berndeutscher Zahlwörter.
3.) Schreibst du lieber von Hand oder mit der Maschine oder mit der Sprühdose?
Da weder mein Hand- noch Dosengeschriebenes entzifferbar naheliegenderweise maschinell.
4.) Welches Buch sollte ein Mensch auf keinen Fall im Büchergestell haben, wenn sie oder er einen guten Eindruck auf dich machen möchte?
Martin Suter in allen Farben, Formen und Intensitäten.
5.) Wo schreibst du am liebsten und zu welcher Tageszeit?
Im Zug, morgens.
6.) Um was geht es dir beim Schreiben?
Um mich, andere, mich, fiese Sticheleien und kleine Liebeleien aus Alltäglichem und mich.
7.) Was ist dir wichtiger: Inhalt oder Form oder beides?
Oder beides.
Aus der Tatsache, dass ich nach dem Mailaustausch mit dem Veranstalter zumindest den Ablauf des Abends kannte, bastelte ich mir etwas Sicherheit, die zu wohltemporiertem Vorlesen zwingend von Nöten und lebte mit auf- und abflauender Nervosität bis zum Stichabend einher. Wer jetzt auf einen heroisch stoischen Auftritt der Frau Gminggmangg und ein märchenhaftes Happyend gehofft hat, mag gerne weiter hoffen, auf dass ein nächstes Mal gelinge. Ich las schlicht katastrophal. Treffendere Worte dafür finde ich nicht. Ich fand mich, meinem selbständigen Sprechapparat machtlos ausgeliefert, speedreadend schnelllesend vor Publikum wieder Unfähig das Tempo zu drosseln ergab ich mich meinem Leseraserschicksal und tat, was ich an Veranstaltungen wie diesen am liebsten tue: Ich beobachtete das Publikum. Ich sah Anstrengungsrunzeln, Anstrengungsaugenzusammenkneifen, Anstrengungsbewegungslosigkeit und Anflüge von Erleichterung, wenn ich erzwungene Atempausen machte. Ausserdem hoffe ich inbrünstig auf eine mittlere Naturkatastrophe, die Nichtigkeiten wie Lesungen vergessen lässt, oder einen noch schnelleren Leser. Ich hoffte vergeblich. Die Rückmeldung einer Zuhörerin: „Ich glaube, Ihre Texte sind gut. Ich mochte jedenfalls die ersten beiden Sätze des ersten Textes. Als ich die verarbeitet hatte, waren Sie aber leider schon fertig.“ Und, der treue Leser weiss, das lag durchaus nicht an der Komplexität des Textinhalts.
So. Deswegen Nachlesungsfrust, deswegen Retraumatiserung und deswegen werde ich niemals nicht je nie wieder laut lesen. Vielleicht.

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