Wenn Ypsilönchen Haare schneidet


„Hilfe, mein Kind wird Coiffeuse!“ so ein Titel des Magazins, mit dem der Ypsilönchenpapa vor mir rumwedelte. „Da ist ein Artikel für dich drin, ich glaub die haben den für dich geschrieben.“ Tatsächlich fühlte ich mich, zumindest vom Titel, etwas zu sehr angesprochen. Wären meine Empfindungen per Empörung im Namen der Coiffeusen zu erklären, mutete die plötzliche Identifikation mit diesem Berufszweig etwas seltsam, aber vertretbar an. Was ich fühlte war aber tiefes Mitgefühl oder Verständnis für den Ausrufer. Diese Tatsache auf meine beiden Frisörbesuche zurückzuführen, eine pubertätshormongeschwängerte Fehlentscheidung zu Entenarschfrisur und ein eineinhalbstündiges Gratisspitzenschneiden beim Lehrling, die durchaus traumatisch, aber verarbeitet sind, wäre zu einfach. Vielmehr ist es so, dass ich mich zumindest verbal gerne und inbrünstig für Akzeptanz und gerechte Entlöhnung aller Berufe und Arbeiten einsetze. Naheliegend, liegt es mir doch am Herzen, dass sich mein Klientel trotz fehlender Regelschulbildung  auf berufliche Wahlmöglichkeiten, reale Chancen auf finanzielle Unabhängigkeit und vor allem Wertschätzung für getane Arbeit verlassen kann. Alles löblich, ja. Mein Kind aber möge einst andere Ambitionen hegen. Voilà. Da ist es, das schnöde elitäre Denken, das mir doch eigentlich so verhasst. Und alle Begründungen, die mir dazu einfallen sind derart herablassende unreflektierte Vorurteile, dass ich, schamvoll, sie hier nicht niederschrieben werde. Ich habe also, bis Ypsilönchen in diese ganze Selektionsmaschinerie gerät, d.h. während den nächsten paar Jahren, noch an, bzw. gegen, diese mehr oder weniger unterschwelligen Erwartungen zu arbeiten oder sie zumindest so oberflächlich zu halten, dass ich mir ihrer Kontraproduktivität, im Hinblick darauf was ich mir wirklich für Ypsilönchen wünsche, zumindest immer bewusst bin. Ich fände es nämlich nicht schlimm, wenn Y. Coiffeuse würde. Ich würde Ypsilönchen auch bei der Wahl des Frisörberufs unterstützen. Wenn sie Haare schneiden will, soll sie eben Haare schneiden. Auf dass Ypsilönchen lernen möge, was, wann und wie sie will!

Der gedankenanregende Artikel selber, nicht bloss der Titel, ist übrigens hier zu finden. Lesenswert, wobei wir natürlich ganz anders sind. Wir sind nämlich eher keine Akademiker-Snobs, eher so Sozi-Snobs.
Advertisements

5 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Erziehung, Neulich, Ypsilönchen

5 Antworten zu “Wenn Ypsilönchen Haare schneidet

  1. Ein guter Vorsatz. Also den, an diesen unterschwelligen Erwartungen noch ein wenig zu arbeiten. Ich durfte nämlich beispielsweise miterleben, wie meine kleine Schwester genau in diese Maschine geriet, ihr das Lernen zunächst ganz und gar verdorben wurde, das von Mama heiß gewünschte Abitur trotzdem nichts und abgebrochen wurde, bis sie jetzt mit einer schlechtbezahlten, glücklichmachenden und abgeschlossenen Ausbildung genau da ist, wo sie sein wollte. Sie ist zufrieden, und deshalb sollten die anderen das erst recht sein.

    Aber ja, bis dahin habt ihr noch ein klitzekleinwenig Zeit :)

  2. Mumeli

    Freundin: Ich hätte ein Problem damit, wenn mein Kind kein Universitäts-Studium absolvieren würde!

    Ich: Du Snob! Ist es dir nicht viel mehr wert, dass das Kind glücklich ist mit dem was es macht? Und dass es das, was es macht, mit vollem Einsatz und mit Begeisterung zu Ende bringt?

    Freundin: Ja schon – aber ich hätte trotzdem meine Mühe damit, wenn mein Kind nicht so intelligent wäre…

    Ich: Jetzt mach mal halblang…wer sagt denn, dass nur Studierte intelligent sind? Es gibt mindestens so viele dämliche Studenten wie gescheite Handwerker!

    Freundin: Ja, aber ich hab während meines Studiums dermassen viel Erfahrungen gesammelt, auf die ich nimmer verzichten möchte. Ich will nicht, dass das mein Kind mal missen müsste…

    Ich: …?! Und Jugendliche, die eine Lehre abschliessen sind dann „erfahrungsbeschnitten“? Dein Kind wird schon irgendwie erwachsen und unabhängig werden…egal welchen Weg es beschreitet. Das wichtigste ist doch, dass es sich mit dem was es tut identifizieren kann. Ich hätte kein Problem damit, wenn meine Kleine sich als Köchin würde selbst verwirklichen wollen. Oder wenn sie eine Lehre als Tischlerin würde machen wollen…nur zu. Wenn sie gerne Kranke pflegen würde, soll sie das tun. Wenn sie gern Haare schneidet…ähm…

    Freundin: …?!

    Ich: …irgendwie hast schon recht…

  3. Susannne

    (Da Marek immer noch viel pennt bei Tage hab ich zeit in Blogs rumzuskrollen… Und mein zu Senf hinterlassen. Nicht schlecht, gell…)

    Wir sind äbe Designer-Snobs (Architekt&Grafikerin), Gotte u Götti äbefalls…. Also wird der Makker wohl nie sowas werden. Dafür Mathematiker oder Schriftsteller (das stand in der Namensbeschreibung). Und da wir Steinerschulesympis sind, wird das Kind eventuell dann doch Automech –
    alles ja noch nicht vorstellbar, wie auch nicht: Bibeli, Stimmbruch, Bubensiffiges Zimmer etc –

    es grüsst die kompimutter susannalamamma

Kommentariat:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s