Nächstbars V oder Was Hirsche für die Ehe tun


Wenn Herr Gminggmangg urplötzlich den Drang verspürt den Garten zu frisieren, ist die Tages- oder Nachtzeit nur noch insofern von Bedeutung, als dass er keine mitternächtlichen Buschmassacker mit der motorbetriebenen Heckenschere veranstaltet. Alles andere, so er, verrichtet er nämlich so leise, unauffällig und ganz offensichtlich im Einklang mit der Natur, dass des Nachts gar die Rehe friedlich neben ihm grasen und nein, er habe für letztere Begebenheit keine Beweise, aber wir wissen ja alle, dass auf Herrn Gminggmanggs Wort Verlass ist. Ich tue ihm meine Zweifel in Bezug auf diese Aussagen nicht kund, wie ich auch sonst nichts unternehme um das Gartenwirken des Ypsilönchenpapas in irgendeiner Weise zu unterbinden. Im Gegenteil, wenn ich mich irgendwo freiwillig und mit Wonne in die klassisch starre Rollenverteilung hülle, dann wenn es um Gartenarbeit geht. Was über Terassenplattenfugenjäten hinausgeht, übersteigt eben schlicht meine frauenkörperlichen Kräfte, hach ja, denn nur ein so starker Mann wie der Herr Gminggmangg kann halt den Rasen mähen, den Bambus stutzen oder, wofür ein ganz besonders grosses Mass an Manneskraft erforderlich, Laub rechen und Kraut säen. Ich gebe aber stets vollen Einsatz, ihn in seinen Gartentaten zu unterstützen, werfe ab und zu ein „Schön wie deine Muskeln in der Sonne glänzen!“ oder gut gekühlte Bierdosen in Richtung Büscherascheln. So was nennt man intakte Beziehung und funktionierendes Familiensystem. Alle sind zufrieden, alle tun was getan werden muss. Wenn da bloss nicht unsere vielerwähnten Nächstbars wären. Nicht nur, dass sie sich, ein kleinwenig verständlicherweise, ob den Geräuschen nächtlicher Gartenwartung enervieren, deren Verschuldung Herr Gminggmangg weit von sich weist und durch aufgescheute Wildtiere erklärt, sie bemängeln auch noch die Resultate seiner Arbeit. Hier sind die Beete zu kurvenreich angelegt, da der Bambus zu ausufernd, dort zu wild gesäte Blumen oder gar halbtagelanges Rumliegenlassen von gejäteten Unkrautbergen. „Guten Tag Herr Gminggmangg,“ klingt es bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit, „Sie haben einen sehr schönen Garten.“ Harmlose Gesprächsanfänge gehören durchaus auch zum Repertoire des Herrn Nächstbar, wie Sie sehen.
Herr Nächstbar: „Sie haben einen sehr schönen Garten und wie ich sehe, haben Sie sich heute Nacht wieder viel Mühe gegeben. Mit dem Gartenmachen meine ich. Auch wenn ich es schon in der Nacht gehört habe, man sieht auch, dass Sie gearbeitet haben.“ Nun wird mir schon banger, fürchte ich doch um meine gärtnerische Untätigkeit und unser gartenarbeitbezogenes Aufgabengleichgewicht.
Herr Gminggmangg: „Das waren die Rehe und Füchse!“
Herr Nächstbar: „Ah, deshalb diese Unordnung! Ich dachte schon sie hätten wieder…“
HG: „Ich meine den Lärm. Die der Dachs hat gelärmt. Ich habe schon gegärtnert.“
HN: „Ah. Oh. Schön. Man sieht es. Kennen Sie dieses Dings, ääääch, wie heisst das schon wieder? … GRÜNzeugABFUHR! Kennen Sie die?“
HG: „Die Grünabfuhr? Ja…“
HN: „Die ist uuu praktisch! Man kann sie bestellen und die nehmen den ganzen Grünabfall mit. Dann muss man ihn nicht so liegen lassen und kann auch wirklich alles jäten was man jäten müsste, ohne Angst, dass man das ganze Grünzeug dann auch noch selber entsorgen muss, wissen Sie.“
HG: „Ich kenne die Grünabfuhr.“
HN: „Ich kann sonst für Sie eine bestellen, weil ich ja die Nummer habe. Die paar Rappen fürs Telefonat könnten Sie mir ja dann einfach in den Briefkasten werfen.“
HG: „Nein danke, ich mache das selber…“
HN: „Dann gebe ich Ihnen einfach die Nummer. Ich lege sie dann einfach vor Ihre Türe.“
HG: „…“
Und nun kommt der Punkt, an dem Herr Nächstbar unsere doch noch so junge Ehe regelmässig in erhebliche Gefahr bringt:
HN: „Wissen Sie, ich habe auch immer den Rasen gemäht und meine Frau hatte immer einen so schönen Gemüse- und Blumengarten. Das konnte meine Frau einfach besser, das können Frauen einfach besser. So EXAKTE und GEPFLEGTE  Beete anlegen meine ich.“
Hier bleibt Herr Gminggmangg regelmässig relativ sprachlos, während ich regelmässig relativ atemlos auf seine Reaktion warte, die immer in Form eines Hinweises auf ihn als Heger dieser Beete deklariert, zu verrichtende Arbeiten schildert und schliesslich in einer hastigen Verabschiedung endet. Immer harre ich hernach angespannt auf eventuelle Gartenaufgabenumverteilungswünsche, niemals sind diese erfolgt. Ich vermute, dass auch Herrn Gminggmangg die Bedeutung dieser Rollenverteilung für mein Seelenwohl und damit unsere Ehe bewusst ist. Oder aber er erkauft sich so ein kleines Stück Machismus, gespickt mit bewundernden körperkraftbezogenen Kommentaren, gut gekühlten Bierdosen und zustimmendem Kopfnicken, wenn er von lärmenden Hasen und Hirschen erzählt.
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