Monatsarchiv: März 2011

Ypsilönchenfakten VII


„I og Velo fahre!“ („Ich auch Velo fahren!“) Ist der wohl meistgehörte Satz der letzten Wochen. Er ist Ys Mantra. Sie wiederholt ihn wenn wir Dreiräder sehen, sie wiederholt ihn wenn wir Fahrräder sehen, sie wiederholt ihn wenn wir Laufräder sehen, sie wiederholt ihn wenn wir Mofas sehen und sie wiederholt ihn auch ganz gerne wenn wir überhaupt nichts auch nur entfernt Radähnliches sehen. Y will Fahrradfahren. Unbedingt. Allerdings sind Dreiräder irgendwie frustrierend, das ganze Pedalieren ist doch zu mühsam, die vierrädrigen laufradähnlichen Gefährte können nicht mit der Lauftechnik angetrieben werden, alles andere ist ihr zu langsam und bis anhin ward noch kein Laufrad gefunden das der ypsilönschen Beinkürze gerecht wurde. Ein Wachstumsschub muss her. Dringend.

Y vollbringt, was ich bis heute nur unter Fluchen, mit Anstrengungsröte, Schweissausbrüchen und fantasievollen Hüpfeinlagen zu bewältigen in der Lage: Sie zieht ihre Strumpfhose selbständig an. Völlig korrekt, mit gleichbleibender Gesichtsfarbe, anfänglich sitzend, hernach stehend, nur gemurmelte, minimal enervierte „Mamm!“-Ausrufe („Mann!“) zeugen von der Grossartigkeit ihres Tuns. Die Anmeldung für individuelle Hochbegabtenförderung ist unausweichlich.

Y spricht mittlerweile hauptsächlich in Zwei-Drei-Wort-Sätzen, hat aber auch schon einige grammatikalisch korrekte Vier-Wort-Sätze produziert. Ich bin mutterstölzern ob ihrer Begeisterung für Sprache und ihrer Kreativität im alltäglichen Umgang mit Wörtern. Sie unterscheidet sprachlich eindeutig zwischen Vergangenheit und Gegenwart und produziert dabei die herrlichsten kleinkindlichen Übergeneralisierungen, in dem sie Vergangenem grundsätzlich ein -t angedeihen lässt. Noch unterhaltsamer wird es, wenn sie versucht einen vergangenen Morgen mit der Grossmutter (Glosle) zu schildern, und dabei sogar Namen in Vergangenheitsformen gepresst und die Erzählungen mit, ganz klar Herrn Gminggmangg entlehnten, Überlegungs-Ähms gespickt werden: „Ähm, Moge gässet, ähm, use gaat, ähm, spilet, ähm, bouet, ähm, gloslet, ähm, Mündsi gäät.“ („Ähm, Zmorge (Morgenessen) gegesst, ähm, raus gegangt, ähm, gespielt, ähm, gebaut, ähm, gerossmuttert, ähm, Kuss gegebt.“) Längst versucht sie uns mittels gezielt eingesetzter Stimmmodulation, Wortwahl und Mimik zu überzeugen. In Phasen exzessiver Käsegelüste, die wir aufgrund nachfolgender Verdauungsproblemem jeweils einzudämmen versuchen, stellt sie sich allviertelstündlich vor uns, legt den Kopf schief, bedient sich ihres lieblichsten Stimmleins und lässt verlauten: „Y Chäs, danz cliine chlii…“ (Ypsilönchen Käse, ganz kleines klein…“)

„Ach,“ könnte der unwissende Beobachter denken, wenn er Ypsilönchen mit ihrer Puppe  spielen sieht „wie rührend dieses Kind sich um seine Puppe kümmert! Wie gut sie gefüttert und gewickelt, wie besorgt sie zugedeckt, wie liebevoll ihr die Welt gezeigt und erklärt wird. Das Kind hat das bestimmt zuhause so gelernt, bestimmt überträgt es, wie mit ihm umgegangen wird. Hach, ja, Dreifachhach!“ Mit diesen Gedanken und Vorteil entfernt sich der unwissende Beobachter nach diesen Begebenheiten eilenden Schrittes vom Ort des Geschehens, denn Sekunden später wird die aufopfernde Puppenmutter Y ihr Kind mit Kopf voran gegen den nächsten Türrahmen rammen, mit Schwung gen Boden befördern oder ihm die Hand in der nächsten Schublade einklemmen, damit sie sich als tröstende Mutter um das arme lauthals weinende Puppenkind kümmern kann. „Oooh, Bäbi grännet. (Zu) mir cho? Tröste!“  Ich sage nur Münchhausen-Stellvertreterpuppen-Syndrom.

 

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Hauen hilft immer


Die Schwangerschaft (und später auch irgendwie das Kleinkindhaben) scheint ein Zustand der Einladung zu grenzüberschreitendem Verhalten, hemmungslos persönlichen Fragen, unerfragten Erfahrungsberichten und anmassenden Kommentaren zu sein.

Dass ich, ohnehin nicht eben Körperkontaktfanatikerin, insbesondere Mühe mit der Bauchbetatscherei bekunde, habe ich andernorts beschrieben. Den dort gefassten Vorsatz, der unerwünschten körperlichen Nähe mit ebenso rücksichtsloser Grenzüberschreitung zu begegnen, scheiterte allerdings an meinem Unwillen mich für den erlittenen Bauchtatschübergriff auch noch mit eigeninitiierter Fremdkörpernähe zu bestrafen. Ich verlegte also die tatsächliche Rücktatschtat im Gesichtsbereich auf blosses Androhen derjenigen, was mir ,zwar etwas plump, aber auch relativ wirkungsvoll, 2x wortloses Weggehen, 2x fassungsloses Nachluftschnappen und 3x irritierten Themenwechsel bescherte. Auch die Kussthematik gewinnt in der Schwangerschaft an zusätzlicher Brisanz, zum einen weil, was vielleicht auch blosse Einbildung, man Schwangere wohl noch lieber küsst, zum anderen weil neben der Nasenkollidiergefahr beim Dreifachküssen auch noch potentielle zu vermeidende Bauchreibereien einberechnet werden müssen. Mir bleibt in dieser Zeit nur das Intensivieren der hier beschriebenen Kussvorbeugungsmassnahmen.

Ich möchte hier auch festhalten, dass ich mich, obwohl schwanger, nicht wirklich für Körperflüssigkeiten, Unterleibsverletzungen und -masse mir nur mittelbekannter Personen interessiere und auch schwanger diesbezügliche Gespräche nicht wirklich mit Vorliebe in öffentlichen Verkehrsmitteln führe. Dabei können Gespräche ganz harmlos beginnen, würden aber, wäre ich nicht schwanger, niemals Wendungen wie die unten beschriebene nehmen. „Hallo, wie geht es?“ „Gut, danke.“ „Ich bin bei der Geburt meiner Zwillinge 3cm gerissen und mein Damm musste genäht werden, es blutete, glücklicherweise hatte ich trotzdem Milcheinschuss, der mir allerdings gigantische und triefende Brüste bescherte. Sex kann ich aber noch jeden Mittwoch und Sonntag.“ Ich will das nicht wissen. Punkt. Oder sehe ich vielleicht so einsam und verzweifelt aus, als hätte ich keine ausgewählten GesprächspartnerInnen, mit denen ich tatsächlich derartiges besprechen WILL? Sehe ich aus, als wollte ich gefragt werden ob, und das ist ein Originalzitat, ich „ein gutes Milchchueli“ sei?

Auch kann ich unmöglich jeder Oma die mich kopfschüttelnd betrachtet, oder den mittelalterlichen Ehepaaren, die sich in Hörweite stellen und sich über perspektivelose Allzujungmütter entsetzen oder mir, auch tatsächlich schon vorgekommen, indirekt vorschlagen, doch lieber erst eine Ausbildung zu machen und jetzt mit dem Kinderkriegen aufzuhören, eine Visitenkarte mit Alters- und Einkommensangaben aushändigen, um drohende Atem- oder Herzschlagaussetzer abzuwenden.

Es bleibt in den verbleibenden 10 Wochen wohl nur das altbewährte Singen mit Fingern in den Ohren. Oder Hauen. Hauen hilft immer.

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Das Kreuz mit dem Kreuz


NMM-Stunde, Geographie: Auftrag der Schüler ist es, Schulhaus und unmittelbare Umgebung aus dem Kopf als Karte aufzuzeichnen und danach mit existenten, genauen Plänen zu vergleichen. Schüler A. und Schüler M. befinden sich im Vergleichsprozess. Schüler A. mit abschätzigem Blick auf Schüler M’s Werk: „Du hast ja hueren viel vergessen! Ich habe an alles gedacht.“ Schüler M.: „Ey, du lügst hueren! Du hast diese Kreuzung da vergessen!“ A.: „Hab ich nicht, ich habe sie nur nicht eingezeichnet.“ M: “Eh, hast du die vergessen, Mann!“ A.: „Nein, Mann, ich darf die nur nicht zeichnen weil ich Moslem bin. Denk!“

Klar, und eigentlich sollte er vom Schreiben von Wörtern mit kleinem T freigestellt werden und dass er in der Mathematik addiert ist reine Blasphemie.

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Drudel (oder der grosse Tintenkleckstest)


Was sehen Sie?

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Pirouetten in Krisenzeiten oder fragwürdige Erziehungsmethoden


Wer denkt der Nahe Osten sei krisengeplagt irrt und begebe sich gefälligst für einen Augenschein in die gminggmanggschen vier Wände. Dieses Kind, auch Ypsilönchen genannt, verweigert mit Ausdauer den Kleiderwechsel. Sie verweigert jeden Kleiderwechsel. Sie weigert sich den Schlafsack auszuziehen, sie weigert sich den Pyjama aus- und Tageskleidung anzuziehen, sie weigert sich die Hose zum Windelwechsel auszuziehen, sie weigert sich die Hose nach dem Windelwechsel wieder anzuziehen, sie weigert sich warme Socken oder Hausschuhe anzuziehen. sie weigert sich warme Socken oder Hausschuhe auszuziehen, sie weigert sich Jacke und Schuhe anzuziehen, sie weigert sich Jacke und Schuhe wieder auszuziehen, (Haben Sie schon verstanden worum es geht?) sie weigert sich warme Socken oder Hausschuhe anzuziehen, sie weigert sich die oberen Kleidungsschichten für den Mittagsschlaf anzuziehen, sie weigert sich den Schlafsack anzuziehen, sie weigert sich den Schlafsack auszuziehen, sie weigert sich die wärmeren Schichten wieder anzuziehen und ich erspare Ihnen den weiteren Tagesverlauf. Mit Ablenkung („Guck wie lustig ich Nilpferdpirouetten drehe!“), logischen Argumenten („Diese Hose ist nass und muss gewechselt werden.“), Wahlfreiheit („Was möchtest du anziehen, ja, diese rosa Blumenhose und der rot-orange Streifenpulli sind eine  hervorragend kombinierte Wahl.“) und Geduld (Gestern waren es 1 1/2  Stunden bis die Geiselnahme des Schlafsacks unblutig beendet wurde. Sie dürfen mich ruhig mit Frau Ausdauer oder Göttin des Verhandlungsgeschicks ansprechen.) überwinden wir die meisten der so gearteten Konflikte. Ich monologisiere ja gerne über meine (unsere) Erziehungsvorstellungen, gerne und unter anderen auch mit zentnerschweren Begriffen wie gegenseitiger Respekt, gegenseitiges Ernstnehmen und Ehrlichkeit. Jawohl. Und so erntete ich an diesem unausgeschlafenen und übellaunigen Montagmorgen vollste Zustimmung und Kooperation beim Pyjamaaus- und Tageskleidung anziehen, bemerkte Y doch nicht, dass ich den Pyjama in einer Verzweiflungstat zuvor heimlich und mit voller Absicht nass werden liess.

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