Ypsilönchenfakten VII


„I og Velo fahre!“ („Ich auch Velo fahren!“) Ist der wohl meistgehörte Satz der letzten Wochen. Er ist Ys Mantra. Sie wiederholt ihn wenn wir Dreiräder sehen, sie wiederholt ihn wenn wir Fahrräder sehen, sie wiederholt ihn wenn wir Laufräder sehen, sie wiederholt ihn wenn wir Mofas sehen und sie wiederholt ihn auch ganz gerne wenn wir überhaupt nichts auch nur entfernt Radähnliches sehen. Y will Fahrradfahren. Unbedingt. Allerdings sind Dreiräder irgendwie frustrierend, das ganze Pedalieren ist doch zu mühsam, die vierrädrigen laufradähnlichen Gefährte können nicht mit der Lauftechnik angetrieben werden, alles andere ist ihr zu langsam und bis anhin ward noch kein Laufrad gefunden das der ypsilönschen Beinkürze gerecht wurde. Ein Wachstumsschub muss her. Dringend.

Y vollbringt, was ich bis heute nur unter Fluchen, mit Anstrengungsröte, Schweissausbrüchen und fantasievollen Hüpfeinlagen zu bewältigen in der Lage: Sie zieht ihre Strumpfhose selbständig an. Völlig korrekt, mit gleichbleibender Gesichtsfarbe, anfänglich sitzend, hernach stehend, nur gemurmelte, minimal enervierte „Mamm!“-Ausrufe („Mann!“) zeugen von der Grossartigkeit ihres Tuns. Die Anmeldung für individuelle Hochbegabtenförderung ist unausweichlich.

Y spricht mittlerweile hauptsächlich in Zwei-Drei-Wort-Sätzen, hat aber auch schon einige grammatikalisch korrekte Vier-Wort-Sätze produziert. Ich bin mutterstölzern ob ihrer Begeisterung für Sprache und ihrer Kreativität im alltäglichen Umgang mit Wörtern. Sie unterscheidet sprachlich eindeutig zwischen Vergangenheit und Gegenwart und produziert dabei die herrlichsten kleinkindlichen Übergeneralisierungen, in dem sie Vergangenem grundsätzlich ein -t angedeihen lässt. Noch unterhaltsamer wird es, wenn sie versucht einen vergangenen Morgen mit der Grossmutter (Glosle) zu schildern, und dabei sogar Namen in Vergangenheitsformen gepresst und die Erzählungen mit, ganz klar Herrn Gminggmangg entlehnten, Überlegungs-Ähms gespickt werden: „Ähm, Moge gässet, ähm, use gaat, ähm, spilet, ähm, bouet, ähm, gloslet, ähm, Mündsi gäät.“ („Ähm, Zmorge (Morgenessen) gegesst, ähm, raus gegangt, ähm, gespielt, ähm, gebaut, ähm, gerossmuttert, ähm, Kuss gegebt.“) Längst versucht sie uns mittels gezielt eingesetzter Stimmmodulation, Wortwahl und Mimik zu überzeugen. In Phasen exzessiver Käsegelüste, die wir aufgrund nachfolgender Verdauungsproblemem jeweils einzudämmen versuchen, stellt sie sich allviertelstündlich vor uns, legt den Kopf schief, bedient sich ihres lieblichsten Stimmleins und lässt verlauten: „Y Chäs, danz cliine chlii…“ (Ypsilönchen Käse, ganz kleines klein…“)

„Ach,“ könnte der unwissende Beobachter denken, wenn er Ypsilönchen mit ihrer Puppe  spielen sieht „wie rührend dieses Kind sich um seine Puppe kümmert! Wie gut sie gefüttert und gewickelt, wie besorgt sie zugedeckt, wie liebevoll ihr die Welt gezeigt und erklärt wird. Das Kind hat das bestimmt zuhause so gelernt, bestimmt überträgt es, wie mit ihm umgegangen wird. Hach, ja, Dreifachhach!“ Mit diesen Gedanken und Vorteil entfernt sich der unwissende Beobachter nach diesen Begebenheiten eilenden Schrittes vom Ort des Geschehens, denn Sekunden später wird die aufopfernde Puppenmutter Y ihr Kind mit Kopf voran gegen den nächsten Türrahmen rammen, mit Schwung gen Boden befördern oder ihm die Hand in der nächsten Schublade einklemmen, damit sie sich als tröstende Mutter um das arme lauthals weinende Puppenkind kümmern kann. „Oooh, Bäbi grännet. (Zu) mir cho? Tröste!“  Ich sage nur Münchhausen-Stellvertreterpuppen-Syndrom.

 

Advertisements

9 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Neulich, Y-&Äm-Fakten, Ypsilönchen

9 Antworten zu “Ypsilönchenfakten VII

  1. :-) Gefällt mir. Wir erfreuen uns auch ausgiebigst an der kleinen Wolfsprache. Ich musste sehr lachen über ihre Ausführungen.

  2. Broe

    Das ist so toll, durch Deine Worte die Kleine (schnell größer werdende) zu „sehen“ (Ist wirklich so bildlich geschrieben, dass ichs vor mir sehe! :) ) – Schön fand ich diesmal auch die „Übersetzung“ :)

    • Die Übersetzung ist nicht immer einfach, weiss ich doch nie, ob ich das Berndeutsche nun auch noch ins Schriftdeutsche übersetzen soll, oder was ihr alles so versteht.

      • Broe

        Ich versteh sicherlich das allerwenigste :| Bei Chueli hatte ich an Tüte gedacht… M. hats aber richtig erraten :) (Allerdings hat er da ja vielleicht auchn Vorteil durch seine Heimat.)

  3. mammasusanne

    Merci wiedermal für den Einblick ins Y-Leben… Kannst also schon Mutterstolzen! Makker mäandriert im Moment von einem kleinsatz in den nächsten, inklusive höchst kreative Wortabwandlungen. Sehr lustig und schwer zu folgen. Da kommt sicher bald ein nächster Fortschritt… Ich find das Lernen der Sprache etwas vom lustigsten in der Entwicklungbis jetzt – Grüssen Euch, S und M

  4. bauchherzklopfen

    Hier auch: Puppengehirnerschütterung. Und dann „EiiiiEiiii“. Das haben die nicht von uns!

  5. mammasusanna

    bin da grad auf was tolles für Euch gestossen. Ihr Glückspilze! :

    http://www.clack.ch/index.php/dossier/artikel/news/2778/go_fuer_girls

Kommentariat:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s