Monatsarchiv: Juni 2011

Vom Führen und Samaritern


Ungefähr mit unschuldigen 10 Jahren beschloss ich mit 18 unbedingt umgehend den Führerschein zu erwerben. An diesem Entschluss hielt ich fest bis mich die pubertäre bipolar-anarcho-öko-ich-trage-Doc-Marteens-und-meine-Fingernägel-erstrahlen-immer-in-mindestens-drei-verschiedenen-Farben-die-obligaten-schwarzen-Dreckränder-nicht-eingerechnet-Phase mit voller Wucht heimsuchte und nicht in nützlicher Frist wieder entliess. Danach bedurfte ich einiger Jahre um mich irgendwo zwischen Fanat- und Fatalismus wiederzufinden und aus den Bruchstücken ein fremdzumutbares Selbstbild zu basteln, fehlte es mir an Geld, danach an Zeit. Heute, fast 10 Jahre nach errechnetem Führerscheingeburtstermin, führt Herrn Gminggmanggs unverhoffter Führerscheinerwerb und damit verbundene Annehmlichkeiten, wie Wocheneinkäufe ohne bleibende Rückenschäden, zu erneutem Aufkeimen des Wunsches. Nach dem Erwerb des Nothelferausweises, den ich trotz meiner Weigerung Beatmungsübungen an einer nicht sterilisierten Puppe vorzunehmen sehr verdient erhielt, immerhin lauschte ich gnädig und ohne zu murren den öden Ausführungen des Prototypen eines Füdlibürgers Samariters, der keine Gelegenheit ausliess darauf hinzuweisen, dass er seinem kehlkopflosen Freund ein lebenswertes leben ermögliche, dabei erwartungsvoll in die Runde blickte, die seine barmherzige Seele undankbarerweise so gar nicht mit anerkennenden Worten zu tätscheln gedachte. Doch genug der Stichelei, das Ganze war erträglich, denn ich wurde von Herrn Gminggmanggs Schwester begleitet und lief so nie Gefahr einzuschlafen, musste ich doch, Dank sei ihr, immer mal wieder unkontrollierbarer Lachanfälle Herrin werden. Geplant wäre desweiteren gewesen, die Theorieprüfung samt Verkehrsunterricht in dickbauchigem Zustand zu absolvieren, um danach den Mutterschaftsurlaub für die Praxis nutzen zu können. Gar so dick bin ich nicht mehr, theoriegeprüft allerdings auch noch nicht und lasse damit leise kichern, wer schon bei der Schilderung meines Vorhabens nur müde lächelte. Dabei ist daran, das müssen Sie glauben, nur die Tatsache schuld, dass die Äm so pünktlich kam. Natürlich hätte ich alles geschafft, wenn sie uns, wie angenommen, erst im Juni mit ihrer Geburt beehrt hätte.

Aber ich gelobe feierlich, den Mutterschaftsurlaub zumindest für die Theorieprüfung zu nutzen, ehrlich, ich prokrastiniere nicht mehr. Und nun zum eigentlichen Grund für diesen Artikel: Sie, oh werte Leser, sind Zeugen für mein Vorhaben und werden mir, sollte ich wieder der Führerscheinprokrastination verfallen, virtuelle Allerwertestentritte verpassen.

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Heute so: Brüste, Gaffer und unerwartet willkommene Dreistigkeiten


Heute im Zug so:

Ich so: absitzen, Tuch über die Schulter werfen, Brust raus, Kind angehängt (die letzten beiden Punkte geschahen wohlbemerkt untertuchs.)

Mann im anderen Abteil so: ungeniert glotzen und gaffen

Äm so: ausgiebig schmatzen

Mann so: ungeniert glotzen, gaffen und murmeln

Ich so: Sitz des bedeckenden Tuches überprüfen, Perfektion feststellen, mich selber, begeistert ob nichtverlernter Stillfähigkeiten, bewundern

Mann so: ungeniert glotzen, gaffen, murmeln und kopfschütteln

Ich so: „Wollen sie auch mal?“

Mann so: Schnappatmung und Abgang

Ich so: perplex ob eigener Dreistigkeit

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Äm-Geburt, lange Version


„…nur noch mir, mir und mir Glauben zu schenken, was meine Körperfunktionen und, hier empfehle ich Zartbesaiteten wegzulesen, -flüssigkeiten anbelangt. Wenn ich Schleimpfröpfe und Fruchtgewässer verliere, verliere ich, verdammt noch mal, Schleimpfröpfe und Fruchtgewässer!“

Schrieb ich einst, in der Absicht mich tatsächlich nicht mehr von anderen beirren zu lassen, wenn sich gewisse körperbezogenen Empfindungen zu Gewissheiten manifestieren. Und doch, gegen Ende dieser Schwangerschaft, als die diffusen Schmerzen rund um die Narbe des ersten Kaiserschnitts und das unerklärbare Gefühl an Fruchtwassermangel zu leiden stärker wurde, wartete ich bloss. Ich wartete ohne Initiative zu ergreifen, denn beides war, laut Fachpersonen, unwahrscheinlich, ersteres könnten Senkwehen sein, letzteres war ohnehin nicht mehr als ein Gefühl.

Ungeduldig war ich, ohne Frage, täglich wünschte ich mir in den letzten Wochen irgendwie, dass sie kommen möge, die Uterusbewohnerin. Ich wartete auf Zeichen, Wehen, Pfröpfe oder Gewässer um, sobald tatsächlich etwas klitzekleines in dieser Richtung geschah, in wilde Hysterie auszubrechen. Die Konsequenzen waren immer dieselben: Eine unbrauchbar gepackte Kliniktasche, Trennungsängste (in Bezug auf das Ylönchen), Tränenozeane und der Wunsch, die Schwangerschaft möge noch ewig dauern.

Ich wartete also weiter und unternahm halbherzige Versuche die minimal vorhandene Wehentätigkeit anzukurbeln. Tatsächlich habe ich mindestens 8, 7, 6, eine Tasse dieses scheusslichen Himbeerblättergebräus getrunken, das geschmacklich an aufgebrühtes Heu erinnert, versuchte innig mir einzureden, dass ich bereit sei, bin auf den berner Hausberg und wieder runter gepilgert und habe meine Schwiegermutter, die, halten Sie sich fest, keine Tattergreisin, sondern nicht älter als 53 und ziemlich sportlich ist, im Federballspiel besiegt. Davon wurde ich allerdings weder physisch noch psychisch bereiter, hatte aber zumindest Gründe für öffentliche Angebereien.

Mit wachsenden Schmerzen und Sorgen und einem Bauch, der sich so gesenkt hat, dass er durchaus als körpereigene Stolpergefahr hätte bezeichnet werden können, begab ich mich am errechneten Termin in die Praxis, leise ahnend, dass dies mein letzter Besuch vor Geburt werden würde. Der Befund, oh Wunder, all zu wenig Fruchtwasser und all zu dünne, nicht belastbare Narbe, stellte uns vor die Wahl zwischen Kaiserschnitt und risikoreichem Spontangeburtsversuch. Nach der Entscheidung zur Sectio um 14 Uhr ging alles zu schnell: Um 15 Uhr war der Spitaleintritt, um 19 Uhr die Geburt der Uterusbewohnerin geplant. Es wiederholte sich was oben bereits beschrieben und so begab ich mich, spontaneitätsbedingt vorerst ohne Herrn Gminggmangg, mit einer unbrauchbar gepackten Kliniktasche, deren inneres Wirren nur von meinem überboten werden konnte, heulaugig und irre Selbstgespräche führend in den nächsten Bus und fuhr gen Spital.

Es folgten vier durstige (die OP verlangte Nüchternheit) Wartestunden in delirischem Zustand. Besonders bezeichnend hierfür ist die Tatsache dass ich ständig von der bevorstehenden Blinddarmoperation, anstatt vom Kaiserschnitt sprach und meine Versprecher erst nach Hinweisen von Aussen bemerkte, was der Uterusbewohnerin wiederum den durchaus liebevollen Spitznamen Appendix bescherte. Ich versuchte die verbliebene Zeit dafür zu nutzen, Herrn Gminggmnagg davon zu überzeugen, den Kaiserschnitt filmisch zu dokumentieren. Erfolglos, selbst Totschlagargumente wie „Ich muss mich doch schon aufschneiden lassen, du könntest wenigstens…“ waren kraftlos.

Dramatisch untermalt von einem aufziehenden Gewitter, wurden schliesslich die letzten OP-Vorbereitungen getroffen und ich sekündlich und unkontrollierbar aufgeregter. Ich versuchte mich ganz und gar auf die Vorgänge rund um meinen Bauch zu konzentrieren, was durchaus keine leichte Aufgabe, hatte es doch die Anästhesistin zu ihrer Aufgabe erkoren mir im Sekundentakt mitfühlend im Gesicht rumzutätscheln. Nach einem dezenten Hinweis von Herrn Gminggmangg zog sie sich beleidigt zurück und ich hatte Konzentrationskapazität fürs Erfühlen der Operationshandlungen und damit der Handgriffe, die uns bald Viere werden lassen sollten. Der letzte Rest  analytischen Denkvermögens und Interesse an operativen Vorgängen verlor ich in den Sekunden des ersten Röchelns der Äm und der gleich darauf folgende Schrei war, zum zweiten Mal in meinem Leben, ein Geräusch unvergleichlicher Schönheit. Sie war da, Äm war da. Unfassbar vollkommen der Moment, in dem sie mir auf die Brust gelegt wurde. Was folgte waren Stunden, die sich wie Minuten anfühlten, draussen die Spuren des vergangenen Gewittersturms, ein Regenbogen, ein Versprechen ans Leben, zu Ehren der Äm.

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Äm-Geburt, die Kurzversion für Gestresste und Emotionsphobiker


Nix Schleimpfropf, nix Fruchtwasser – Narben-Au – grosses Drama mit Tränenmeer – irres Wirren und Warterei – Piecks und Schnippeldischnippel – „Rabääääh“ und grosse Gefühle – pures Glück namens Äm

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Y-Beschäftigungsoption


Für den in absehbarer Zeit unweigerlich eintretenden Fall, dass ich nicht meine gänzliche Aufmerksamkeit an die Dame Ypsilon richten kann, diese aber von Langeweile und Inspirationslosigkeit geplagt scheint, hat mich der geschätzte M. aus O. mit folgender Beschäftigungsoption bemailt:

„Derzeit lese ich Aufzeichnungen von Georg Christoph Lichtenberg. Bei einer dachte ich an euch:
„Dieser Mann arbeitete an einem System der Naturgeschichte, worin er die Tiere nach der Form der Exkremente geordnet hatte. Er hatte drei Klassen gemacht: die zylindrischen, sphärischen und kuchenförmigen.“ (1779-1789) Einfacher geht es wohl kaum.“

Allerherzlichsten Dank!

 

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