Nächstbars VI oder Mit Vandalismus zu süssem Kaffee


„Und da wohnen jetzt Männlein und Weiblein gemischt!“ ruft Herr Nächstbar aus, zeigt mit einer flüchtigen Handbewegung zur „Villa“ und schüttelt den Kopf. „War das nicht auch vorher so?“ Wage ich scheu zu fragen, um es in derselben Minute zu bereuen, ich kenne ihn, den Herrn Nächstbar, klüger wäre gewesen, ich hätte weiterhin verständnisvoll genickt und zustimmend gegrunzt, Meinungsabweichungen zu Gunsten eines baldigen Gesprächsendes für mich behalten. Es war zu spät.

Herr Nächstbar: „Aber das können Sie doch nicht vergleichen, mit Verlaub, die Königs waren eine Familie. Und verheiratet. Und Ärzte. Mit ihnen als Nachbarn habe ich mich wohl gefühlt. Man wird ja auch nicht jünger und wenn es uns mal etwas gegeben hätte…“ Hätten der Schönheitschirurg und die Gynäkologin (übrigens Assistenzärztin bei der Geburt der Äm) bestimmt behilflich sein können. „Aber die Jungen da… Diese gemischte Wohngemeinschaft… Die haben sich noch nicht mal alle vorgestellt. Stellen Sie sich vor: Da wohnen jetzt drei Frauen und zwei Männer. Oder zwei Männer und drei Frauen. Ein echtes Durcheinander.“

Frau G.:„Ja, die vielen verschiedenen Geschlechter… Bestimmt werden sie Leben ins Quartier bringen. Sie werden sehen! Ich muss jetzt leider…“

Herr Nächstbar: „Und sie haben sich noch nicht mal alle vorgestellt! Aber die die gekommen sind, waren ganz nett. Und jung… Noch jünger als Sie, glaube ich. Aber die werden nicht vandalieren. Hoffentlich.“

Frau G.: „Nun, das tue ich auch nicht, glaube ich. Es sei denn Sie halten unsere Gartenpolitik für Vandalismus.“ Dafür gibt es durchaus Anzeichen, sieht sich doch Herr Nächstbar von Zeit zu Zeit genötigt auch auf unserer Seite des Gartenzauns für Ordnung zu sorgen. Heimlich und im Glauben, wir würden davon nichts merken. Wir lassen ihn. Einen Gärtner könnten wir uns nicht leisten.

Herr Nächstbar: „Die Scheibe an der Bushaltestelle war schon wieder kaputt.“ Er blickte mich erwartungsvoll an. Er mag geteilte Empörung, wie viele gelangweilte Leute.

Frau G.: „Ja… Klüger wär‘s, sie würden Scheiben aus Zucker einsetzen, wie in Filmproduktionen früher das Effektglas für Stunts, dann könnte sich niemand verletzen, ich müsste meinen arbeitsmorgentlichen Mitnehmkaffee daheim nicht mehr süssen, sondern könnte das in der Wartezeit erledigen und die Kinder hätten etwas zu naschen. (…) Apropos Vandalismus: Würde es Ihnen etwas ausmachen, ihre Marderfalle wieder etwas anders auszurichten? Wir werden nämlich wieder beschallt. Ich muss jetzt weiter, leider, und wünsche Ihnen einen schönen Abend.“

Verstehen Sie mich nicht falsch: Herr Nächstbar ist ein äusserst liebenswerter älterer Herr, der schlicht mit überproportionaler Kontaktfreudigkeit gesegnet ward, über die ich wiederum überproportional nicht verfüge. In der Gewissheit einem weiteren anstrengend langen Gesprächsverlauf per Wirren und getarnten Dreistigkeiten entkommen zu sein, kann ich mir also ein freundliches Lächeln und den geordneten Rückzug erlauben.

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Eingeordnet unter Konservierte Konversationen, Nächstbars, Neulich

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