Gelassen oder Von ausgelutschten Mandarinendingens


Wir sind durchaus gelassener geworden.

Nicht nur dass Ypslönchen und Äm bereits jetzt völlig unterschiedliche Charaktere sind, wir Eltern sind tatsächlich gelassener, noch eine Prise humoristischer und nehmen in Anbetracht der offensichtlichen Gesundheit der Töchter gewisse Belanglosigkeiten rund um kindliche Klitzekleinstentwicklungsschritte auch nicht mehr ganz so wichtig. Das war bereits in der Schwangerschaft festzustellen, wenn ich tatsächlich ab und zu vergass, wie weit ich denn in Monaten, Wochen und Tagen und Minuten und Sekunden genau war oder wenn ich mich, eben nicht mehr in einen klassischen Geburtsvorbereitungskurs begab, von dem hauptsächlich durch die gereichten Hustenbonbons profitierte, sondern mir im Schwangerschaftsyoga Atemtechniken aneignete, die ihre beruhigende Wirkung im Wirren um den plötzlichen Kaiserschnitt nicht verfehlten.

Die wohl wichtigsten postnatalen Indikatoren für unsere wachsende Gelassenheit waren aber die folgenden:

Ypsilönchen ward in ihrem ersten Lebensjahr mindestens monatlich wöchentlich in all ihren Ausmassen vermessen und ich zog gar in Betracht, mir eine sauteure Babywaage anzuschaffen oder sie fast eben so sauteuer auszuleihen. Äm hingegen wurde in ihren bald sechs Monaten nur zu den regulären Kinderarztuntersuchungen gewogen, von denen wir eine, in Absprache mit der Ärztin, ausfallen liessen.

Besucher in hatten in Ypsilönchens ersten Lebenswochen in Einerreihe vor mir anzustehen und mussten sich ihre Hände von mir persönlich inspizieren, waschen und gegebenenfalls desinfizieren lassen. Hernach durfte für begrenzte Zeit körperlichen Kontakt zu Frischling Ypsilönchen hergestellt werden. Wer im letzten Monat einer Krankheit anheim gefallen war, erhielt Berührungs- und Betrachtungsverbot. Wer im letzten Jahr von Krankheit betroffen war, unterlag der Mundschutz- und Handschuhpflicht. Flaschen- und Spielzeug wurde nach jedem Gebrauch ausgekocht. Anders bei Äm. Wer sie  in den ersten Lebenstagen auf den Arm nehmen wollte, erhielt die Anweisung sie weder anzuniesen noch abzulecken, Spiel- und Flaschenzeug wird ab und zu ausgekocht und grundsätzlich gilt die Devise: Dreck den man nicht sieht, ist nicht da.

Wir fotografieren und filmen oft, das hat sich nicht gänzlich verändert, denn auch von Äm existieren schon um die 800 Fotos. Und doch richten wir die Kamera nicht mehr ganz so exzessiv auf alles was unser Kind da so macht, ja, man könnte sagen, dass wir so etwas wie eine Auswahl treffen. Im Gegensatz zu früher, wie hier anhand des ersten ausgelutschten Mandarinenteils (-schnitz, -spalte, -stück, -filet wasauchimmer) eindrücklich zu sehen:

Zu Ypsilönchens Schlafenszeiten galt striktes Einhalten grösstmöglicher Ruhe im Umkreis von 850 Metern. Zuwiderhandlungen wurden in den harmlosesten Fällen mit bösen Blicken, bei gravierenderen Verstössen mit wüsten Verwünschungen, Drohen, Fluchen oder gar dem Einsatz roher Gewalt geahndet. Schläft die Äm gilt: Feuerwerke bitte nicht im Schlafzimmer.

Wir haben jeden von Ypsilönchens Entwicklungsschritten herbeigesehnt und gerieten bei jeder  neuentdeckten Fähigkeit schier aus dem Häuschen: Krabbeln, Beikost, erste Worte… Alles neu, aufregend und furchtbar niedlich. Ha! Unschuldig naiv wie wir waren. Heute ist das anders, wir sind uns aller Konsequenzen bewusst. Krabbeln bedeutet, dass wir unsere Wohnung unter Aufwand und Gestöhne kindersichern müssen. Beikost bedeutet endloses Breianfertigen, verschmierte Küchen, Kleider und Breihaare (unsere). Erste Worte bedeuten erste verbalisierte Forderungen. Lass dir Zeit, liebe Äm, lass dir Zeit!

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15 Kommentare

Eingeordnet unter Äm, Elternsein, Gfötelet, Neulich, Schwangerschaft, Ypsilönchen

15 Antworten zu “Gelassen oder Von ausgelutschten Mandarinendingens

  1. jpr

    Jetzt erklaert sich mir, warum Zweitgeborene naturgemaess so weit voraus sind. Wenn man schon in dem zarten Alter jeweils alle Konsequenzen seines Tuns erklaert bekommt muss das ja passieren. ;)

  2. Barbapapa

    Wie im richtigen Leben. Aber das kennnst zu ja selber (Rolle Ypsilönchen) …..

  3. kicher. ich vermute, ads wird hier ziemlich ähnlich mit dem bübchen. ;)

  4. Broe

    Hach, wär gut, wenn man gleich so locker dran gehn könnt…
    Ich vermute, ich werds nie hinkriegn, so n Kind so locker rumzu“schmeißen“ wie ich das z.B. auf Fotos von meiner Mama und mir gesehen hab… Kinder sind so fragil…

  5. majTom

    jaba:)
    beim 7ten heisst dadann etwa:
    „blechblasmarschmusikhinterfingen mit erstAugustfeuerwerksexplosiönchen bitte, wennIhr so lieb sein wollt, in der entferntenEcke iXslisSchlafzimmers…“

    liebiGrüess

  6. Weisst Du was ich gerade gesehen habe? In meinem Reader habe ich Deinen Blog unter „Kochblogs“ gespeichert. Hmmm, da kam bis jetzt nicht viel in Richtung kochen von Dir. Aber die Mandarinen sind ein guter Anfang!

  7. Ahahaha – jetzt fühl ich mich nicht mehr so mies ;) (Hier ebenso…tz. Und ich glaube, ich habe irgendwo noch ein Brötchenbild. :oops: )

  8. Einfach genial geschrieben! Wir sind zum Glück auch schon gelassener geworden, freuen uns trotzdem über jeden Pups (nicht wörtlich!). Ich selbst bin Mittelkind und kann dir berichten: Im Nachhinein ist es einfach nur unfair! Vom ersten gibt es riesige Fotoalben und Erinnerungsbücher und vom Nachzügler natürlich auch (und wenn er noch der Stammhalter ist…). Und ich?! Bin mal da auf einem Bild mit drauf und dort auch. Jaja, schweres Trauma (nur zur Vorwarnung) ;)

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