Verwöhnte Bälger


Eine der wichtigsten Aufgaben, die uns mit der Elternwerdung zuteil wurde, ist es, unsere Kinder auf gar keinen Fall zu verwöhnen. Aber keine Angst, liebe mitlesenden Eltern, Sie stehen mit diesem Auftrag nicht alleine da, denn wo immer Sie sich bewegen, irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem Sie darauf hingewiesen werden, auf welche Liebesdienste an ihrem Kind sie doch bitte umgehend verzichten sollten, um Ihr Kind vor dem Dasein eines  lebenslänglich rockzipfelverwachsenen, unfähigen, emotional retardierten Erwachsenen zu bewahren. Sie werden erstaunt sein, wie unerwartet derart hilfreiche Tipps an Sie gelangen können und wie, Ihnen vielleicht gar unbekannte, Personen mit diesbezüglichen Kompetenzen glänzen, wie Sie sie ihnen nie zugetraut hätten. Das kann bereits im Neugeborenenalter beginnen, wenn die freundliche ältere Dame im Bus Sie darauf hinweist, dass Sie Ihr Kind nicht tatsächlich tragen müssten, ja, Sie ihm damit so gar keinen Dienst tun, gewöhnt es sich doch daran und würde womöglich niemals laufen lernen. Oder es geht an der Familienweihnachtsfeier weiter, wenn der Verwandte Ihnen endlich erklärt, dass Sie, wenn das Kind in dem ihm unbekannten Raum, in dem Sie es zuvor schlafen gelegt haben, erwacht und zu wimmern beginnt, nicht gleich hinrennen müssen. Oder die kompetente Mütterberaterin weist mich darauf hin, dass Kinder durchaus auch alleine ein- und schlafen können, die elterliche Begleitung Verwöhnung in Reinform sei. Ich erspare Ihnen weitere Beispiele der Absenz von Verweichlichungsprävention in unserer Erziehung.

Ernsthaft, liebe Besorgte um das Wohlergehen unserer Nachkommen, auch ich will keine unselbständige Phlegmatiker heranziehen, setze persönliche Grenzen, bewahre meine Kinder nicht vor Misserfolgserlebnissen und erachtete den Erwerb von Eigenverantwortung und Selbständigkeit als Erziehungsziele von großer Wichtigkeit, aber mein Bestreben übermäßiges Verwöhntsein zu vermeiden endet genau da, wo emotionale Zuwendung und Aufmerksamkeit beginnen. Wenn meine Kinder nachts (oder tagsüber) ihr Bedürfnis nach Nähe bekunden, werde ich nicht aus Angst, sie zu verwöhnen, darauf verzichten diesbezüglichen Ansinnen tatsächlich nachzukommen. Weil ich es will, weil ich es kann, weil ich es gern tue und weil ich nicht davon ausgehe, dass Kinder grundsätzlich versuchen uns ihrem Willen zu unterwerfen. Im Schlimmsten Fall trage ich meine Töchter eben in zwanzig Jahren Morgens zur Arbeit/ Uni, stille sie in den Pausen/ zwischen den Vorlesungen, bereite ihnen Beikost-Brotdosen mit Wurst in Herzform zu, trage sie abends wieder heim oder nehme sie mindestens bei der Hand, und lege mich, nach einer Gutenachtgeschichte und bis sie eingeschlafen sind, in den Spalt zwischen sie und ihre aktuellen Liebschaften.

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14 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Erziehung

14 Antworten zu “Verwöhnte Bälger

  1. blumenpost

    Ich drucke mir diesen Artikel aus und verteile ihn großzügig im Bekannten- und Familienkreis. Danke!

  2. Wieder einmal ein wunderschön geschriebener, wertvoller Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Wir werden also eventuell in 20 Jahren gemeinsam vor einer Uni sitzen, die für uns mitgebrachten Brotzeitboxen leeren (natürlich sind die für unsere Kinder wesentlich liebevoller und aufwendiger gestaltet) und unsere Arme ausbreiten sobald die Vorlesungen beendet sind?! Ich hoffe doch! Hmm, wenn ich genauer drüber nachdenke: meine Söhne sind vom Alter her passend für Deine Töchter, eventuell sollten wir frühzeitig eine Partnerschaft unserer Kinder verabreden, dann können wir alle eine gemeinsame Wohnung beziehen. (ich liege auf der rechten Bettseite, nur damit Du Dich mit der linken anfreunden kannst!)

  3. Kat

    Reblogged this on Mama hat jetzt keine Zeit… and commented:
    Verehrte Frau Gminggmangg, dieses Ihr Posting gefällt mir so ausgezeichnet, dass ich mich traue, die neue Reblog-Funktion von WordPress anzuwenden.
    Sollte es uns jemals in Ihre werte Stadt verschlagen, seien Sie gewiss dass unsere verwöhnten Bälger sich gegenseitig von unseren jeweiligen Rücken her zuwinken und viele Gemeinsamkeiten entdecken werden. Ausser natürlich, dass ich meinen Sohn im Camouflage-farbenen MeiTei in die RS tragen und ihn dort auch einschlafbegleiten werde. Aber die Wurst in Herzform muss ich mir merken, die würde sich in einem soldatischen Fresspäckchen gar hübsch machen.

  4. Da sagst du was. Ich weiß gerade nicht was mich dabei mehr annervt: Die Kommentare fremder oder bekannter Leute. Dazu dann auch gern der Hinweis wie man „früher“ (re)agierte.

  5. UNTERSCHREIB!

    Ich bin mal fies und füge noch hinzu: Für einige Menschen ist es wohl sehr bequem, die Ansicht des Nicht-Verwöhnen-Dürfens zu vertreten, denn sie sind schlicht zu faul dazu. Das ist nämlich die anstrengendere Variante der Erziehung, körperlich und emotional.

  6. Andrea Mordasini, Bern

    Ach, Babies und Kleinkinder kann man doch gar nicht zu fest lieben, im Gegenteil! Schade und traurig, dass dies einige wohl nie begreifen werden und immer gleich von „Verwöhnen“ sprechen. Ein Kleinkind tragen, in den Schlaf begleiten/stillen, Familienbett anbieten und ihm so zusätzliche Wärme, Nähe, Sicherheit und Geborgenheit geben, ist für mich selbstverständlich und hat mit Verwöhnen im negativen Sinne rein gar nichts gemeinsam! Das sind für mich zwei paar verschiedene Schuhe.

    Natürlich gibt es „verwöhnte“ Kinder. Es sind diese verzogenen, verhätschelten, „verpipäpelten“ und verweichlichten Geschöpfe jener panischen und überbeschützenden Helikopterelten… Kinder, denen immer und überall sämtliche Steine/Gefahren aus dem Weg geräumt und Verantwortung abgenommen werden und die es sich später noch als unreife Erwachsene im „Hotel Mama“ auf Kosten der Eltern gut gehen lassen…

    Doch Kinder, deren Eltern den Unterschied zwischen Bedürfnisse befriedigen und verhätscheln kennen, sind auf dem richtigen Weg zu selbstsicheren, selbstständigen, respektvollen und selbstbewussten Erwachsenen :)!

  7. Bei mir gilt Mütterliches KKK: Kuscheln, Kuscheln, Kuscheln!

  8. Wie schade, dass ich diesen Blog nicht schon zur emotionalen Unterstützung heranziehen konnte, als mir Passanten in der Fußgängerzone mit Blick auf meine trotzende Dreijährige vorschreiben wollten: „Geben Sie ihr ein paar auf den Po, dann beruhigt sie sich schon wieder!“

    • Aber uns hat das doch auch nicht geschadet!
      Und ernsthafter: Ich bin in den tatsächlichen Momenten ungefragter „Ratschläge“ sowas von fern jeglicher Schlagfertigkeit, da nützen die schnöden Artikelchen hier herzlich wenig.

  9. Pingback: Verwöhnte Bälger | Mama hat jetzt keine Zeit

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