Innere Väter und andere Fusseln


Ich tat immer ganz gerne, was nicht von mir erwartet wurde. Also habe ich, die gerne betonte, wie sicher sie niemals fremder Leute Bälger erziehen, bespassen oder sonst wie beachten wolle und wie noch sicherer sie niemals eigene Kinder haben würde, den naheliegendsten Beruf, den der Sonderschullehrerin, gewählt. Ich bin smalltalkunfähig, leicht emotionsphobisch, schauspielerisch minderbegabt, hege Körperkontaktaversionen und verfüge über ein unterentwickeltes Gesichtsgedächtnis – idealeVoraussetzungen für den gewählten, sehr praxisorientierten Studiengang. Ich will nicht zu weit ausholen, denn ich habe die Studienzeit und damit tausend gefühlsschwangere Diskussions- und Befindlichkeitsrunden, Rollenspiele, Steinbeeselungsequenzen und andere Unsinnigkeiten mit einiger Selbstüberwindung, viel Ironie und ab und zu Verweigerung in Reinform überstanden, ja, erfolgreich abgeschlossen. Nun, so dachte ich, in Allmachtsfantasien schwelgend, war ICH Herrin über wehrlose Schüler, das Geschehen, nun, jedenfalls bis zur nächsten Kollegiumssitzung, oder der nächsten Weiterbildung, oder, wie bei meinem momentanen Arbeitgeber üblich, bei der nächsten Supervision. Ich kann damit umgehen, ehrlich, ich begebe mich in einen flauschig gedämpften, realitätsfernen Bewusstseinszustand, lasse die anderen plätschern, richte den Leerblick stets brav in Richtung Sprecher, wechsle alle paar Minuten den Gesichtsausdruck, reagiere auf die vorprogrammierten Stichworte und beteilige mich jede zweite Sitzung sogar wörtlich. Das funktioniert bestens und eigentlich immer, bis auf die vermaledeiten Supervisionssitzungen. Stellen Sie sich eine Gruppe präklimakterischer, biologisch abbaubarer, unerträglich empathievoller, walkgewandeter, Filzkugelbehängter Heilpädagoginnen vor, allesamt mit jaaahreeelanger wunderbar zartrosa bereichernder Erfahrung und dem Grundsatz, dass alle Kinder zu jedem Zeitpunkt endlos liebenswert und randvoll altruistischer Absichten sind. Und dann ist da noch Frau Gminggmangg.
Supervisorin: „Wer hat heute ein Anliegen aus ihrer Praxis, das sie gerne gemeinsam besprechen würde?“
Behände heben die Damen ihre bewollstulpten Arme, um sie, nach einem Blick in die Runde, wieder zu senken. „Meins ist nicht so wichtig, ich schaffe das schon, bestimmt hat jemand ein viel wichtigeres Problem.“ „Also meins ist auch nicht so wichtig, wahrscheinlich noch unwichtiger….“ – Wunderbar, die ersten 10 Minuten verbringe ich in herrlich sicheren Gefilden damit, die Damen beim der Ausübung gelebter Bescheidenheit zu verfolgen. Nach dem schließlich doch ein Problem zur heutigen Besprechung auserkoren ward, setzt Frau Birkenstock zur Schilderung an: „Mein Schüler blabla unschöne Gefühle blabla und die Eltern blabla Disharmonie blabla und ich blabla das stimmt für mich nicht blabla so kalt, so dunkel so unflauschig blabla.“ Fürchterlich! Eine untragbare Situation. Wir sind uns alle einig und nicken betroffen und verständnisvoll, die beiden Damen neben der verstimmten Frau Birkenstock reichen ihr beruhigenden Wohlfühltee aus Thermoskannen in Wollhüllen. Supervisorin: „Es bleibt nur eins, liebe Frau Birkenstock, als allererstes müssen Sie sich über die Situation klar werden blabla und begreifen, welche Erwartungen Sie an die verschiedenen Instanzen dieses Systems haben. Blabla. Dafür werden wir ein kleines Rollenspiel machen blabla Freiwillige vor blabla Rolle hier Rolle da blabla und Sie, Frau Gmingggmangg, spielen Frau Birkenstocks innerer Schülervater.“ Wuaaah! Ich finde mich , eben noch tiefenentspannt binnen Sekunde in einer Lache aus Schweiss wieder. Empathiedemonstrationen, Rollenspiel! Fehlt nur noch inniger Körperkontakt. Denke es, als sich Frau Sandelholz, ganz in ihrer Rolle als Frau Birkenstocks innere Schülermutter, auch schon schutzsuchend an mich lehnt. Meine Vorstellungskraft reicht nicht aus, um auch nur annähernd zu erahnen, wo Frau Sandelholz her nimmt, was sie in den nächsten Minuten mit viel Dramatik inszeniert: „Alles schrecklich blabla schwere Kindheit blabla selber Sonderschülerin blabla immer unterschätzt blabla tränenrotzundhaareraufen meinem Kind ersparen blabla mein Mann auch, gell!?“ Stille. Ich registriere einen fiesen Ellenbogenhieb in die Rippen und suhle mich für einen kurzen Moment in den, verglichen mit der eben genossenen dramatischen Darstellung, angenehmen Schmerzen, bevor mir schwant, dass es sich beim angesprochenen Mann um mich handelt. „Ja.“ brummle ich und bin damit ziemlich zufrieden, immerhin passt die Antwort auf die Frage. „Wie kannst du nur!? IMMER bist du so wortkarg! Typisch Mann eben. NIE unterstützt du mich in solchen Entscheidungen! Wie sollen wir so das Beste für unser Kind erreichen. Sind dir unsere Kinder überhaupt wichtig!?“ Stille. Ellenbogen. Kapitulation. Aber sowas von. Ich erwäge Frau Birkenstocks inneren Schülervater an plötzlichem Herzversagen sterben zu lassen, fürchte aber Reanimationsversuche. „Entschuldigen Sie, aber ich erbitte hiermit die Ernennung eines anderen inneren Vaters, da mir offensichtlich sowohl das nötige schauspielerische Talent, als auch Einfühlungsvermögen und Ernsthaftigkeit fehlen.“ Stille. Obwohl sich niemand tatsächlich bewegt, sehe ich deutlich wie die Damen ihre inneren Köpfe schütteln. Frau Sandelholz schlägt vor beide Rollen zu übernehmen, die Supervisorin beendet die Übung und es wird zur theoretischen Besprechung des Problems über gegangen.
Die herzlichen Umarmungen zum Abschied fallen aus. Mir soll‘s recht sein, die Filzfussel stossen hernach nächtens immer so unangenehm auf. Ich überlege mir zur nächsten Sitzung flüssige Extrovertiertheit (siehe letzte Ausgabe „das Magazin“, Kolumne von Michèle Rothen) in Form hochprozentigen Wohlfühltees mit zu führen und bereite mich darauf vor meine schmerzliche Gefühlsdistanz zu Frau Birkenstocks innerem Schülervater als Anliegen in der Supervisionsgruppe zu thematisieren.
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32 Kommentare

Eingeordnet unter Alleine unter Wölfen, Neulich

32 Antworten zu “Innere Väter und andere Fusseln

  1. Hihihi, grossartig, ganz wunderbar beschrieben und das alles kommt mir sehr bekannt vor. Auch ich war schon des öfteren in genau dieser Situation, aber ich konnte das nie so schön beschreiben, hihi. Aber bitte, was sind Steinbeseelungssequenzen?? Gefühlsschwangere Diskussionsrunden, Namentanzen, die eigenen Gefühle trommeln, alles schon dagewesen, aber Steinbeseelungssequenzen fehlen mir noch in der Karriereleiter! Vermute ich richtig, dass es sich hier um eine entscheidende Zugangsqualifikation für jede Arbeit im sozialen und pädagogischen Bereich handelt?

    • Steinbeseelungssequenzen? Sellen Sie sich vor dieser Stein ist ein Baby, Sie wissen schon, für die Kinder in der animistischen Phase, und nun baden Sie diesen Stein, sprechen mit ihm, eben, spielen Sie Puppen- äh Steinmama.

      • jpr

        Und man nimmt Steine statt eben z.B. Puppen, weil man dann sicher sein kann keine Minderheitengruppe zu diskriminieren, oder wie ist da die Argumentation (vielleicht ist sie ja auch nur: das macht man halt so)?

      • Man nimmt Steine (oder irgendwas) weil Kinder in der „animistischen Phase“ (siehe Piaget) eben auch alles beseelen, also allem Leben zuschreiben, das ihnen in die Hände fällt. Und nein, auch ich sehe keinen Sinn darin derartiges „trocken“ zu üben.

  2. liebe frau gminggmangg
    gerade deinen gottvollst geschriebenen erguss während meines eukalyptusantirotzdampfbades gelesen und beantwortet (daher auch die einfingerkleinschrift) und mir fast vor lachen am heißen dampf die nase verbrannt.
    uiuiui- ich kenn ja auch solche typen- bin mit der materie insofern vertraut, das ich seit 25 jahren verwaltungsleiterin/mädchen//mutti-für-alles und jeden in einem kinderheim bin, so an die 800 mehr oder minder ver-/gestörter, und trotzdem liebenswerter, kinder und jugendliche erlebt habe, wahlweise dazu auch ein paar dutzend ver-/gest… gute erzieher, sozial- und heilpädagogen usw. die ich durchaus in deinen liebevollen umschreibungen wiedererkennen konnte :D
    ich wünsche dir weiterhin viel kraft dies mit stoischer schweizerischer oder auch gminggmanggscher ruhe und gelassenheit zu ertragen, und gib hier ruhig mal wieder „dampf“ ab
    ;-)
    herzlichst ketine

  3. Katarina

    Ich bin ein sehr grosser Horrorfilmfan. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einen gesehen zu haben, der mich so gegruselt hat wie dieses Szenario *flücht*

  4. „Ich bin smalltalkunfähig, leicht emotionsphobisch, schauspielerisch minderbegabt, hege Körperkontaktaversionen“ – endlich habe ich die passenden Worte, wenn jemand fragen sollte, wie ich mich selbst beschreiben würde! :) Darf ich mir diese Formulierung hier mopsen?

  5. Dankeschön! Lange nicht mehr so gelacht!

  6. mammasusanna

    Berufswechsel? Eine Möglichkeit (meiner), das wär dann so:
    1: Hey! Was meinst du? Ist gut?
    2: Ja, cool!
    1: Oder sollen wir da blau?
    2: Vielleicht, und das da noch chli nach links, oder?
    1: Mh..
    (so dann über längere Zeit)

    Besser?

  7. Danke, Frau Gminggmangg, dieser Text hat mich für zwei Minuten aus meiner Rotzschleuderfieberapathiedepression herausgeholt und die vierminütige Reizhustenattacke nach meinem tränenbringenden Lachanfall, die nahm ich gerne in Kauf.

    (Sind die wirklich so, die Anderen? Wirklich so filzig? Man hat da ja immer so Bilder im Kopf, aber…)

    Hegten Sie nicht ebenjene Körperkontaktaversionen, ich müsste Sie jetzt einmal herzlich drücken für die „Ernennung eines anderen inneren Vaters“. :)

  8. Quetschperle

    Ach, die Steinbeseelungssequenzen – da wird mir doch gleich warm ums Herz!
    Und ich hoffe sehr, dass niemand aus deinem Team diesen Blog liest, könnten sie sich doch aufgrund der Beschreibung („präklimakterischer, biologisch abbaubarer, unerträglich empathievoller, walkgewandeter, Filzkugelbehängter Heilpädagoginnen“) selber wieder erkennen.

    Und wenn du den Beruf wechseln willst, kannst du auch gern zu mir kommen, da weiss man einfach nicht so recht, was man will. Auch nach belebender, horizonterweiternder und sinnbringender Flucht, äh Reise, ins Ausland nicht.

  9. Vielen herzlichen Dank für diese erheiternden Einblicke in eine andere Berufswelt. Ich werde versuchen, mein eigenes berufliches Umfeld mit ebensoviel Humor zu ertragen (wenngleich ich es nicht so gut beschreiben kann!)

  10. frau gminggmangg, ich bekomme soeben schlimme lachanfallsinduzierte wehen! wenn mein kind hier auf der couch herauspurzelt, dann sind sie schuld!

  11. Kat

    Frau Gminggmangg, ich habe Ihretwegen eben auf den Küchenstuhl uriniert.

  12. Dr. Bloch

    Wäre nicht vielleicht INFORMATIK das richtige für Sie gewesen.
    :-)
    Ansonsten trifft Ihr Post den Nagel aber sowas von auf den Kopf!!!
    Muss unbedingt Psychologiestudiumswunsch überdenken!!!

  13. Dr. Bloch

    Die Nah-Tod-Erfahrungen kommen schon im ersten Studienbrief ca. auf der achten Seite, wenn zum ersten mal verlangt wird, etwas zu beweisen. Und so geht`s dann weiter …
    Vielleicht ist das der Grund, warum ich meine Nah-Tod-Erfahrungen jetzt gerne in Psychologie suchen möchte.

  14. Pingback: Elterngespräche oder Pädagogen in Näpfen | Gminggmangg

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