Warum meine Kinder (manchmal) nicht teilen müssen


Stellen Sie sich vor: Sie steigen morgens in den Zug, zwar gen Arbeitsort, aber voller Vorfreude auf die Minuten Stille der Hinfahrt. Nach dem Sie sich vergewissert haben, dass die Person im Abteil Ihrer Wahl ein würdiger und vorallem potenziell stiller Mitreisender für ihre kostbaren Minuten tiefer Entspannung vor dem Arbeitssturm ist, setzten Sie sich, breiten sich auf den beiden zu Verfügung stehenden Sitzen aus, stellen den noch heissen Kaffee auf den allzukleinen Zugtisch, legen das Mobiltelefon fürs Zeitmanagement und den Fahrausweis zur Heckitschsuchprävention bei Schaffnerauftritt daneben, blicken aus dem Fenster, lassen sich von den vorbeiziehenden Bildern berieseln und begeben sich für die nächste halbe Stunde in einen wunderbaren Zustand rosaflauschiger Weggetretenheit. Nach zehn Minuten kommt er, der Schaffner. Kein Problem für Sie, längst haben Sie nämlich den Umstand seines regelmässigen Auftauchens so inkorporiert, dass sie den Herrn vor geistigem Auge in rosa Plüsch kleiden und so problemlos in ihren Wattebauschzustand integrieren, ja, heute schaffen Sie es gar, ihn mit einem freundlichen Lächeln zu traktieren. Er ist kaum beim nächsten Abteil angelangt, schon wollen Sie sich wieder ganz ihrem Wahldelirium widmen, als sie aus dem Augenwinkel feststellen, dass Ihr Gegenüber sich seelenruhig Ihr Mobiltelefon gekrallt hat und damit telefoniert. Ausgeplüscht. Schlagartig holt Sie die morgenbittere Realität ein. „Entschuldigen Sie, Sie haben mein Mobiltelefon genommen.“ versuchen Sie es, in der Hoffnung es liege ein Missverständnis vor. „Pscht,“ der Mitreisende weist sie unwirsch ab „ich telefoniere gerade!“ „Aber Sie haben mein Mobiltelefon, ich hätte es gerne wieder!“ fordern Sie und legen etwas mehr Nachdruck in ihre Stimme. „Ich habe es zuerst gehabt!“ entgegnet ihr Mitreisender und Ihnen fällt Kinnlade und Fassung. „Mein lieber Herr, es ist mein Mobiltelefon und ich will es sofort wieder haben!“, mittlerweile haben Sie die Aufmerksamkeit der ganzen Reisegemeinschaft und des Schaffners, der nun von weitem beschwichtigend einzugreifen ersucht: „Ich bitte Sie etwas leiser zu sprechen, es hat hier noch andere Passagiere.“ er weist in die Runde. Sie aber schäumen und sind kaum zu bremsen, zumal der telefonfixierte Mitreisende noch immer keine Anstalten macht, Ihnen Ihr Gerät zurück zu geben. „Dieses Subjekt hat mein Mobiltelefon genommen und gibt es mir nicht mehr zurück, wären Sie mir bittegernedanke behilflich!?“ „Gellen Sie, ich habe es zuerst gehabt?!“ wendet sich nun auch der Mitreisende an den Schaffner, der sich nun also entnervt genötigt sieht zurückzukehren und sich breitbeinig ins konfliktgeladene Abteil zu stellen. „Ja, haben Sie das Telefon denn gerade in Gebrauch gehabt?“ er wendet sich an Sie und fährt ohne abzuwarten fort: „Als ich an Ihnen vorbeigelaufen bin, lag es nur so rum und Sie haben gar kein Interesse an dem Gerät gezeigt. Ja, sagen Sie mal: Wäre es nicht an der Zeit Teilen zu lernen?“ „Genau, Teilen, ich habe es zuerst gehabt!“ triumphiert der Mitreisende. Nach einigen verdatterten Sekunden stimmen Sie ein ohrenbetäubendes Wutgeheul an, worauf sich der Schaffner neben Sie setzt, den Arm um Sie legt und Ihnen den Sachverhalt nochmal in ruhigen Worten näher bringen will. „… und weil Sie nun furchtbar unglücklich sind, bekommen Sie dafür ein Billett geschenkt.“ schliesst er und reicht Ihnen eine Spielfahrkarte. Und ich erspare Ihnen die nun folgenden gewaltverherrlichenden Szenen und die Demonstration erlernten Austeilens.

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24 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Erziehung

24 Antworten zu “Warum meine Kinder (manchmal) nicht teilen müssen

  1. Hahaaa! Sehr gut!
    Danke für den anderen Blickwinkel!

  2. Sehr gut. Wunderbarst. Total nachvollziehbar. Applaus (mehr fällt mir grad nicht ein)

  3. MonikaZH

    Danke, ganz grosses Kino!

  4. Perfekte Botschaft perfekt rübergebracht. Ich lache immer noch :) danke Dir!

  5. Famos geschrieben. Einmal mehr.

  6. Oh, so habe ich das noch gar nie gesehen … Ich hoffe, ich kann mir das merken, bis ich selbst Kinder haben werde!

  7. bei dir weiss man nie genau, ob jetzt fake oder ernst. herrlich. ich hätte dich sehen wollen. «MEEEIIINNNNS»

  8. Ui herrlich…ich glaube, ich hätte nicht deine Ruhe gehabt, nochmal darauf hinzuweisen, dass ich gerne mein Telefon wiederhätte…
    Ich fürchte, ich wäre da eher in Richtung der Anwendung unmittelbaren Zwanges…ähm eskaliert :-)
    Zumindest hätte ich es so aussehen lassen…

  9. HERRLICH! ABSOLUT BRILLIANT geschrieben!

    Werte Frau Gminggmangg ich liebe Sie für Ihren blitzkluge Art und die wundervolle Art so treffsicher und witzig zu schreiben!

  10. Ein tolles Gleichnis!
    Ich habe auch mal gelesen, dass Einzelkinder gar nicht so egoistisch sein sollen wie man immer behauptet. Ganz im Gegenteil – die teilen nämlich weil sie teilen wollen. Geschwister hingegen mussten immer um ihre Sachen kämpfen, deswegen wollen die eigentlich nicht teilen, sie werden dazu gezwungen.

    • Ich bin Einzelkind und kann dazu nur eins sagen:
      Es gibt Menschen, mit denen würde ich alles teilen, was ich habe. Egal ob Geld, Klamotten, Gefühl oder Zeit.
      Und dann gibt es Menschen, denen würde ich nicht mal ein Stück Schokolade abgeben.

      Aber ich muss leider gestehen: Im Kindergarten (und sogar noch in der Grundschule) war meins ganz sicher MEINS!!!
      Das Teilen an sich musste ich dann aber nicht lernen. Das kam so nach und nach mit der Pubertät :D

      • Ich glaube, dass man teilen gar nicht lernen kann. Entweder entwickelt man irgendwann den „Hang“ dazu oder man lässt es halt.
        Und ich sehe das genauso wie du – mit manchen Menschen teile ich gerne, mit anderen Menschen sehr viel weniger gern.

    • Genau, ich gehe davon aus, dass Kinder irgendwann den Nutzen des Teilens, aus altruistischen Gründen teilen wohl die Wenigsten, selber erkennen, früher oder später.

  11. ich finde es einfach toll geschrieben, habe mich zuerst gewundert und es für ein peinliches Mißverständnis gehalten, aber dann wurde es mir klar und ich fand den Vergleich einfach genial :)
    Hat mich auf jeden Fall sehr erheitert ;)
    LG

  12. misslavender

    Grandios. Du solltest einen Erziehungsratgeber schreiben. Punkt.

  13. Und das kommt mir SO bekannt vor. Danke!

  14. FrauLöwe

    Das ist so schön beschrieben. Danke dafür.
    Vor Jahren bekam der Junge ein neues Dreirad. Das musste überall mit hin. Gefahren ist er darauf nie, er hat es mit der Stange geschoben. Das war ihm sehr wichtig, er ging nirgendwo hin ohne das Dreirad.

    Auf dem Spielplatz hat er es dann mal stehen lassen. Um unmittelbar seinen Besitzanspruch zu verteidigen sobald sich ein Kind dem Dreirad auf 50 Meter näherte. Manchmal wurden die Kinder von den Eltern auch gesondert aufgefordert „Oh, da ist ein Dreirad, setz Dich da mal drauf.“ Der Junge zeterte natürlich, um mit einem „Ach, komm, Du fährst doch jetzt gar nicht damit. Teilen ist toll“ abgekanzelt zu werden. Nein, ist es nicht immer.
    Einmal wurde es mir zu bunt und ich bat den völlig uneinsichtigen Vater des anderen Kindes um seine Autoschlüssel. Sehr freundlich. Er schaute mich verständnislos an. Ich erklärte ihm, dass ich es gerne mal Probe fahren würde. Er bräuchte es ja gerade nicht. „Sie spinnen doch.“ War die wenig freundliche Antwort. Aber danach wurde es zum Standard. “ Er möchte es nicht verleihen. Es gehört ihm. Oder leihen Sie jedem Ihr Auto?“ Das war in den allermeisten Fällen wirkungsvoll. Ich weiß allerdings nicht wie nachhaltig.

  15. MonikaZH

    Das, Frau Löwe, hätte mir einfallen sollen, damals, auf dem Spielplatz, als der kleine Sohn… – ich merk es mir, für die Enkel!

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