Napfbäder oder Fettfrei in die Zukunft


Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Fettnäpfe gelegentlich und zufällig mal unfreiwillig betreten, ich lasse mich mit besten Absichten, nackt und in Erwartung eines netten Schaumbades langsam und genüsslich hineingleiten, suhle mich ein wenig, werde mir so urplötzlich meiner Lage bewusst, dass mir ein „Oh!“ des Erstaunens entfleucht, gefolgt von einem massiv unelegant erfuchtelten Selbstrettungsmanöver, bei dem die Fettwanne überschwappt und so ziemlich alles besudelt, was da bis anhin noch so unbedarft und dekorativ in nächster Umgebung rumstand, danach versuche ich das Zeug mit einem frischen Handtuch zu reinigen, rutsche aus, breche irgendwelche Glieder, werde hospitalisiert, bekomme eine nette Zimmernachbarin, mit der mich mich so lange nett unterhalte, bis ich mich nett in die nächste Fettwanne lege.  Wer Kinder hat weiss, Babyschwimmrunden, Spielplätze, Prekip- und andere ähnlich geartet einschlägige Gruppen sind Tretmienen- wahre Fettnapffelder. Fast alle Gespräche werden ziemlich schnell ziemlich persönlich, denn das Gesprächsthema erster Wahl sind meist die Kinder und damit bald auch Erziehung und damit oft ganze Lebensentwürfe. Ich weiss das und bin natürlich extra vorsichtig, was allerdings nicht dazu führt, dass ich weniger Fettnäpfe treffe, sondern dazu, dass ich meine jeweiligen Gegenüber in vorauseilendem Erklärungsgehorsam ausschweifend auf potentielle Beleidigungen hinweise, die sie ohne meine nachfolgenden Unterstreichungen gar nicht bemerkt hätten.  Kurz, die ganze Gesprächssituation ähnelt ein wenig der Situation, wenn Dinge zigmal verwechselt, korrigiert und im Versuch verinnerlicht wurden und schlussendlich erst recht nicht mehr klar ist, was nun wirklich richtig ist. Sie dürfen sich das Ganze in etwa so vorstellen:

Äm und ein etwa gleichaltriger Junge bekunden offensichtlich Interesse aneinander

Mutter X: „Wie alt ist denn die Kleine?“

Frau G.: Oh Gott, diese Frage! Was sage ich nun? Gebe ich nun eine genaue Altersangabe, also 10 Monate und 3 Wochen und 5 Tage? Das könnte pedantisch wirken. Ausserdem könnte die Mutter durch den Umstand, dass Äm schon sehr mobil ist in Bezug auf den Entwicklungsstand ihres Kindes verunsichert werden. Wie die Mutter letzten Monat, der ich letzten Endes erklärt habe, ich hätte mich wohl verzählt und Äm sei schon jährig. So oder so dünkt mich, dass langsamere Kinder fremdes Umfeld potentiell glücklicher machen, als schnelle. – „Quasi jährig.“

Mutter X: „KleinFlavio ist 14 Monate alt, er freut sich immer sooo über andere Kinder, er geht eben nicht in die KiTa und in unserem Freundes- und Bekanntenkreis ist er das einzige Kind.“

Frau G.: Uh, das Thema KiTa ist ein einziger Fettnapf. Ich werde mich einfach auf Äms, auch durch das Geschwisterdasein und massig Freundeskreiskinder ungebrochene Interesse an anderen Kinder beziehen. Und wenn mein Gegenüber nun seit einem Jahr erfolglos an KleinFlavio/a2 bastelt, oder gar der Mann ganz zwingend und unter Androhung der Scheidung nur ein einziges Kind will? Oder die Dame ist gar alleinerziehend und unglücklich dabei! Oder nicht, und sie und ihr Partner haben einfach nur sehr wenige und nur uralte Verwandte und praktisch keine Freunde, weil sie vielleicht einem  ganz und gar langweiligen Hobby frönen, dem Kaffeerahmdeckel-mit-Schweizerbergen-Aufdruck-Sammeln vielleicht. Oh, du garstiges Fettnapfpotential! – „Äm interessiert sich auch für andere Kinder.“ – Herrlich fettfrei!

Mutter X:“Geht sie denn auch nicht in die KiTa?“

Frau G.: Wenn ich jetzt mit „Doch, an zwei Tagen.“ antworte, klingt das zwar unverfänglich, nicht selten gehörte Erwiderungen auf diese Information sind allerdings Aussagen wie: „Ja, manchmal kann man das eben nicht anders lösen, wenn man arbeiten gehen muss.“, darauf wiederum, sähe ich mich genötigt festzuhalten, dass ich tatsächlich arbeiten gehen will und wäre damit schon beim einem der Hauptfettnäpfe (und lesen Sie hier bitte Haupt-Fettnapf, nicht Hauptfett-Napf) aller Mutterfettnäpfe (auch hier: Mutter-Fettnapf) angelangt: Wie soll ich einen derartigen Satz formulieren, ohne mein eventuell nicht auswärts arbeitendes, eventuell sehr sensibles Gegenüber nicht impliziert der Anspruchslosigkeit oder Faulheit zu bezichtigen? – „Nein.“ 

Und so weiter und so anstrengend, wie Sie mir sicherlich beipflichten werden, ich brauche dringend Hilfe. Hier und heute rufe ich deshalb hiermit die Selbsthilfegruppe für Fettnapfwahrnehmungsgestörte (kurz SHG f. FnWg) ins Leben. (Erstes Treffen: 1. Mai, 9:30, Lagerstrasse, Zürich, bitte ziehen Sie sich zur besseren Erkennung gänzlich schwarz an, gerne dürfen Sie aus Identitätsschutzgründen vermummt erscheinen.)

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Neulich, Vom Sollen und Tun

6 Antworten zu “Napfbäder oder Fettfrei in die Zukunft

  1. Wohingegen ich meinerseits elefantös durch Porzellanläden zu schreiten pflege und in etwa alles zerdeppere, was sich meinem bescheidenen Hintern in den Weg stellt.

  2. Ich ignoriere nun einfach alle potentiellen Fettnäpfchen.
    Frau Gminggmangg, ich liebe sie!

  3. kommen sie am 1. mai schon n bisschen früher nach zürich? dann könnten wir noch käffelä. ;)

  4. Pingback: Elterngespräche oder Pädagogen in Näpfen | Gminggmangg

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