Monatsarchiv: Juli 2012

Neà Moudaia (Nähe Thessaloniki) GR – Alexandropuli GR (Tage 20 und 21)


Der Gefährte eiert. Also sein Rad, aber das spielt eine herzlich kleine Rolle. Er eiert, natürlich, seit fünf Minuten nachdem wir ein Loblied auf seinen Rundlauf geträllert haben. Zwar haben wir unser Etappenziel, Alexandrupolis, erreicht, werden aber länger bleiben müssen als erwartet, befinden wir uns doch in einem ziemlich (griechisch) orthodoxen Land und Arbeiten am Sonntag (und nach 20 Uhr) (und zur Mittagschlafzeit, zwischen 14 und 17 Uhr) (und wenn es so heiss ist) ist reine Blasphemie. Die Stimmung bei der Ankunft war gedrückt, ein Grossstadtcampingplatz ist kein Ort den wir für mehr als eine Nacht hätten aufsuchen mögen. Die Receptionistin erklärte uns voller Begeisterung, sie hätte uns einen Platz im Griechenteil der Anlage in Mitten lauter Dauercamper verschafft, da sei es schattig und die Toiletten ganz nah. Wir verdrehten innere Augen, suchten den Platz und richteten uns ein. Nach der Entdeckung des W-lanbestückten Strandes und einem Bad in badewannenwarmem Wasser bestrebten wir, gleich zu essen und früh zu nächtigen. Es war schwül, immer noch heiss und das Lüftchen das wehte konnte noch nicht mal als lau bezeichnet werden und erinnerte eher an die Produktionen eines Heissluftföhns. Das war um sieben. Sie erinnern sich? Griechenteil der Anlage? Mittagsschlaf bis 18 Uhr? Jetzt steppte der Griechische Bär hier erst los, und wie! Rund um uns wurden die Grills auf die Strasse geschoben und mit grossem Bimborium und noch mehr Rauch angefeuert, erste Biere und Wein gereicht, Spiesse aller Gattung und Farben zubereitet und hernach auf die perfekte Glut gewartet. Mit der Dämmerung verbreiteten sich die allerköstlichsten Düfte nach gegrilltem Gemüse und Fleisch, Tische wurden auf den Strassen zusammengeschoben, Stühle eingesammelt, hie und da ein Feuer entfacht. Schliesslich versammelte man sich sitzend oder stehend um die Tische, und ass, trank, vorallem aber plauderte, mal hier mal da, Kinder rannten oder kurvten auf Fahrrädern von Tisch zu Tisch, bekamen hier eine Mund voll zu Essen, da ein liebevolles Tätscheln und dort Luftküsschen zugeschickt. Irgendwann begann jemand zu singen, es folgte der Auftritt einer spontan zusammengefundenen Band und gemeinschaftliches Tanzen und Singen alter, äusserst sentimentaler griechischer Lieder. Kurz: wir fanden uns urplötzlich in einem griechischen Kleinstdorf in Festlaune wieder. Y fand nach kurzer Zeit kleinmädchen- und zauberhaften griechischen Anschluss, mit dem sie bis Mitternacht durch die Gegend flanierte, Äm schlief irgendwann ein, Herr G. und ich wurden zu Gesprächsrunden geladen, abgefüllt, gemästet, zum Tanz genötigt und ab und zu an eine grosse, weiche griechische Brust gepresst.

    Bemerknisse

  • Herr G. befahl dies hier niederzuschreiben: Herr G. trinkt Vodka mit Zitrone wie ein echter Grieche.
  • Wer Griechen erst belustigen, dann entsetzen möchte erzählt, dass er eine Wohnung im Haus seiner Eltern hat UND Miete bezahlt.
  • Wer neben Griechen campt, kommt mit Vorteil mit wenig Frischluft aus, denn das Auto bleibt besser geschlossen, man weiss nie, wann der nächste Grill rauchvoll angeworfen wird.
  • Wer einen (Hoch)Sommer in Griechenland verbringt, passe sich deren Zeiten an, denn erstens ist an Schlaf zu gewohnten Schlafenszeiten ohnehin nicht zu denken, zweitens ergibt es tatsächlich Sinn, die heisseste Zeit des Tages einfach zu verschlafen.
  • Griechen haben immer recht. Wird das Gegenteil bewiesen, war bestimmt der Vodka von gestern Schuld.
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    Anmerkung: Mittlerweil weilen wir schon in Istanbul, Berichte folgen.

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    Chalkidon (Nähe Gianitsa) GR – Neà Moudania (Nähe Tessaloniki) GR (Tag 18)


    Nach einem unsäglich grässlichen Hotelfrühstück folgte die, trotz wirklich schöner griechischer Landschaft, unspektakuläre Fahrt zum angestrebten Stellplatz. Wir rechneten mit Massentourismus, immerhin befinden wir uns in unmittelbarer Nähe von Tessaloniki, und fanden massig freie Plätze. Wir werden hier nach den letzten beiden Vielfahrtagen mit Sicherheit mindestens zwei Nächte bleiben und unsere Schmutzwäscheberge abtragen.
    Edit nach einer Nacht: Platzwahlfehler, Schlafen war erst nach 4:00 Uhr möglich, wir bleiben, verändern aber die Gefährtenposition.

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      Bemerknisse

  • Ich wiederhole mich: Reisen Sie mit Kindern! Ist ein Tag relativ sensationsfrei, sorgen die Kinder garantiert für Spektakel. (Äm präsentierte uns heute ihren ersten Ohnmachtsanfall aufgrund allzulangem Kraft-, Luft- und Inbrunsttankens für besonders audrucksstarkes Protestgeschrei. Kleine Cholerikerin.)
  • Manche Griechen halten offensichtlich Schweizer für grundsätzlich blond, so kann es unmöglich sein, dass ich tatsächlich ebenso Schweizerin bin, wie meine blonden Kinder.
  • Edit nach einer Nacht: Aus der Kategorie „Welche Stellplätze Sie für Ihr(en) Gefährt(en) nicht wählen sollten: Neben pubertierenden Partypolen.
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    Ljubaništa (Nähe Ohrid) MK – Chalkidon (Nähe Gianitsa) GR (Tag 17)


    Heute war ein versöhnlicher Tag. Mazedonien zeigte sich ziemlich genau so, wie ich mir Albanien vorgestellt hatte: Viel Landwirtschaft, ursprüngliche Dörfer, lebendige, lärmige Stadtzentren, schlechte Strassen und freundliches Volk. Obwohl ich mir durchaus hätte vorstellen können, länger in Mazedonien zu bleiben, denn was wir sahen gefiel ungemein, zieht es uns in Richtung Türkei. Wir fahren weiter, nach Griechenland, erreichen aber unser morgens gesetztes Tagesziel aufgrund akuter Müdigkeit nicht und müssen in einem Hotel nächtigen. Was sich komfortabel anhört, hatten wir doch ein eigenes Bad, erstmalig seit über zwei Wochen, war, zumindest als es ums Schläfen ging so qualvoll (schlaflos), dass wir kurz mit dem Gedanken spielten um elf Uhr nachts, mit den Kindern in den parkierten Gefährten umzuziehen und „daheim“ zu schlafen.
    Spontan haben wir beschlossen, eine Ruhewoche in Istanbul einzulegen. Zugegeben, das klingt etwas widersprüchlich, ist doch Istanbul eine pulsierende Grossstadt, aber es wird unser vierter Aufenthalt in dieser Stadt sein und so etwas wie die Einfahrt in einen sicheren Hafen, nach all den neuen Eindrücken und Unsicherheiten. Istanbul kennen wir, wir können uns zumindest in der Stadtmitte kartenlos bewegen, müssen keine Sehenswürdigkeiten mehr zwingend aufsuchen, können zurückkehren an Orte, die uns gefallen haben, kurz: Der Gedanke an ein zwischenzeitliches „Heimkehren“ bereitet uns gerade sehr viel Vorfreude.

      Bemerknisse

  • Phänomenal ist, wie urplötzlich sich Häuser, Dörfer, Städte und Strassen Sekunden nach Grenzübertritt verändern.
  • Ich bin pro Sesamgebäck, oder das planlose Einfahren auf Essenssuche in eine Stadt, landein einem wohl typischen Quartier, Esseneinkaufen am Quartierstand und Dinieren im Spitalpärkchen lohnt sich.
  • Was auch immer ich zu fotografieren bestrebe, es ist grundsätzlich das falsche Objektiv auf der Kamera.
  • Richtige Betten werden überschätzt, es geht nichts über das Gefährtenbett.
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    Kavajë (Nähe Durrës) AL – Ljubaništa (Nähe Ohrid) MK (Tag 16)


    Je weiter wir uns von unserem letzten Stellplatz entfernten und je weiter wir in Albanien eintauchten, desto mehr wurde uns bewusst, wie sehr sich die Familie die den Zeltplatz in Kavajë betreibt eine kleine Oase geschaffen hat. Eine kleine, verhältnismässig saubere, sichere und unheimlich schöne Oase, mitten in einem zugemüllten, unfertigen und seltsam zusammenhangslos anmutenden Land(esteil). Sie werden es bemerkt haben, wir wurden nicht warm mit Albanien, auch wenn die Albaner äusserst wahrmherzig sind, es alleweil ungemein spannend war und mein Reiseherz ob all der Andersartigkeit und den Gegensätzen in Ursprünglichem (Eselgespann und BMW) höher schlug, mit einem Kind ohne Verständnis für die Differenzierung in Abfall und Bespielbarkeiten, erschien uns dieses anscheinend fast lücken- aber ganz sicher gnadenlos zugemüllte Land nicht der richtige Ort. Ich befürchte, nein hoffe, dass es uns nur in die falschen Landesteile verschlagen hat.
    Mazedonien gestaltete sich schon kurz nach der Grenze ungefähr so, wie ich mir das von Albanien vorgestellt hatte: Schöne, kleine, sehr ursprünglich gehaltene Dörfer, viel Landwirtschaft, lebendige, lärmige Ortskerne, schlechte Strassen und freundliches Volk.
    Am Abend ereilte uns die grosse Sinneskrise in voller Schlagseite, denn, ja, wir landeten auf einem unheimlich schmuddeligen, wer ahnts?, zugemüllten Platz, in Mazedonien. Ja, das Reisen mit Kinden ist anders als das Reisen ohne Kinder. Wo wir früher notfalls auch in Stadtparks und anderen Gratisabstiegen nächtigten, sollte heute die nächtliche Umgebung zumindest ansatzweise kindergecht sein, immerhin müssen ja Teile ja des Abends und des Morgens an Ort verbracht werden. Wir beschlossen am nächsten Tag nach Griechenland aufzubrechen und es mit etwas Abstand auf der Rückreise nochmal mit den Balkanstaaten zu versuchen.

      Bemerknisse

  • Der Gefähre tut nur so, als sei er ein albanisches Taxi, ist aber, oder besser gesagt, seine Besitzer sind, gänzlich unfähig. Ein Versuch in Stichworten: alter Mann an Strasse, auf Taxi wartend, weiche Herzen, Zielortabsprache in verschiedener Sprache, stilles Fahren, albanische Schimpftiraden, alter Mann an Strasse, auf Taxi wartend.
  • Schlaglochkategorien auf albanischen Strassen:
  • Kategorie 1, leichte bis mittelschwere Bodenunebenheiten – Kontaktlinsen verrutschen, Schuppen fallen, Autoreifen und Achsen weinen leise.
  • Kategorie 2, mittelschwere bis schwere Bodenunebenheiten – leichte Schütteltraumata, Reifen machen Platt, Achsen beten schreiend und knirschend um Gnade.
  • Kategorie 3, schwer bis nahtoderfahrungsspendende Bodenunebenheiten – Schleuder- und Schütteltraumata, Achsenbrechen, Reifen verabschieden sich.
  • Auf Wohnwagenstellplätzen ohne fixe Nummerierung empfiehlt es sich grundsätzliches Misstrauen gegenüber freien Plätzen abseits des steppenden Bärs. Touristen teilen sich übrigens das Händchen für die Stellplatzwahl in Freiluftklos.
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    Ulcinij (nahe der albanischen Grenze) MNW – Kavajë (Nähe Durrës) Tage 13-14


    Wer aberglaubt wird es geahnt haben: Tag 13, unserer bis anhin erstaunlich reibungslosen Reise, war von kleineren und grösseren Katastrophen geprägt.
    Begonnen hat der Tag, ganz harmlos, mit der mittlerweil recht organisierten Zusammenpackerei, der Verabschiedung von netter Bekanntschaft aus Deutschland und einer kleinen Lästerrunde mit der jungen Receptionistin, bezüglich ihres vermeintlichen Chefs, der uns spät abends zum umparken aufforderte, um Platz zu schaffen. „Männer hier sind gerne Boss und wenn sie es nicht sind, tun sie zumindest so.“ erzählte sie kichernd und wies auf ihre Lehrbücher für höhere Mathematik, den Job hier hat sie nur zum Nebenverdienst fürs Studium, „Aber ich werde dereinst sein Boss sein.“.
    Wir brachen auf, zur albanischen Grenze war es nicht mehr weit, doch die Hinfahrt brauchte Zeit, denn die grösste Strasse, die von Montenegro nach Albanien führt, ist eine schmale, schlaglochintensive, allerdings naheliegenderweise vielbefahrene Strasse. Kurz vor der Grenze wurde die Strasse urplötzlich mehrspurig und, im Vergleich zu vorher, irrsinnig eben und glatt. Das Passieren der Grenze verlief rasch und ruhig und eigentlich wären wir in einer guten Stunde bereits beim anversierten Schlafplatz angelangt. In dieser Zeitrechnung hatten wir allerdings nicht einkalkuliert, dass eine schwarzfahrende Biene, sehr wahrscheinlich aufgrund des schweizer Kennzeichens und mit Asylabsichten, ausgerechnet den Allergiker unter uns als Transportmittel ihrer Wahl auserkoren hatte, kurz nach der albanischen Grenze ihren Irrtum bemerkte und in ihrer Verzweiflung und vermuteter Perspektivelosigkeit ein Selbstmordattentat verübte. Es folgte gemeinschaftliches Hyperventilieren, ein Beratungstelefon, Medikamentation, Warten auf eine mögliche Reaktion, bei über 30* und an praller Sonne, allgemeines Garheitsgefühl, anschliessend Entwarnung und Weiterfahrt.
    Den Weg zum wirklich wunderschön gelegenen Camingplatz fanden wird danach glücklicherweise problemlos, oder zumindest problemloser als das Einparken in die angestrebte Position verlief. Herr Gs. Probleme blieben nicht unbemerkt und der liebenswerte polnische Nachbar, der allerdings kein Wort Englisch sprach, versuchte Herrn G. winkend und gestikulierend zu manövrieren. Herr G. warf mir immer wiedre hilfesuchende Blicke zu, ich bedeutete ihm, dass das sonicht gehen werde, der Nachbar gestikulierte und rief Polnisches, deR Gefährte nährrte sich dem Abgrund, ich ging zum Schreien über, auch der Nachbar schrie mittlerweile und der Gefährte befand sich derweil in einer misslichen Lage, ein Rad über dem Abgrund, eins aufgrund der Schwergewichtsverlagerung ohne Bodenhaftung und ich sah ihn schon samt Herrn G. purzelbäumig gen Hügelfuss rollen. Unser andere Nachbar trommelte kurzerhand eine kleine Menschenmeute zusammen und nur die vereinten Kräfte anwesender Reisender vermochten unser temporäres Daheim wieder auf stabilen Grund zu schieben.
    Des Abenteuers für heute genug, so dachten wir, atmeten wir auf und durch, begannen uns einzurichten, als wir den Platten am rechten, hinteren Rad bemerkten. Es fehlte an Energie vor dem nächsten Tag zu handeln und so taten wir so humorig wie möglich und erwachten schrägheitsbedingt am nächsten Morgen als Gminggmanggklumpen in der hinteren, rechten Ecke.
    Die überaus freundlichen Platzbetreiber organisierten uns am nächsten Tag Mechaniker und Rad, wir genossen den, an Kitsch grenzend, idyllischen Ort (unbedingt empfehlenswert, äusserst kinderfreundlich, Kamping Pa emer bei Kavajë) und legten zwei weitere Ruhetage ein.

      Bemerknisse

  • Seit der Schweiz habe ich nirgends mehr so viele schweizer Autokennzeichen gesichtet, wie an der albanischen Grenze.
  • Wann immer wir an Menschen vorbei fahren, wird gewunken, gepfiffen, ja, fast immer aufgestanden. Wie sich leider herausstellte tun die Albaner das nicht, weil sie sich so sehr über die Ankunft der Familie Gminggmangg freuen, sondern weil sieneiner Verwechslung anheimfallen. Taxibusse sind fast ausnahmslos weisse Mercedesbusse. Wir ignorieren die Tatsache und fühlen uns überall lautstark und freudig empfangen.
  • Was seit Kroatien bemerkenswert zunahm, nämlich unglaublich viele unfertige, aber bewohnte Häuser, manifestiert sich in Albanien. Hier sind fertige Häuser Ausnahme.
  • Wer in Reiseführern liest, dass sich auf Albaniens Schnellstrassen durchaus nicht nur Autos befinden, darf dem Glauben schenken. Bisher gesehen: Eselfurwerk, Kuhherde, Pferdegespann, Fahrräder, mit mehreren Personen beladen, auf der Gegenfahrbahn, und Fussgänger.
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