Istanbul


Bezeichnenderweise habe ich, mitAusnahme von Bern, in keiner Stadt je so viele Kilometer zu Fuss zurückgelegt, wie in Istanbul. Die Gigantin auf zwei Kontinenten, der ich mich mittlerweil per Flugzeug, Bahn und Auto genähert habe, hat es mir angetan, nicht weiter verwunderlich also, dass ich hier schon vier mal weilte, zwei mal mit Kind(ern).
Ich schätze den Kontrastreichtum der Stadt, den ich bisher nirgends wo ich war, so wahrzunehmen vermochte. Einerseits die Strasse Istiklal, auf der zu jeder Tages- und Nachtzeit Menschenströme fliessen, als wäre ein Volkfest immenser Bedeutung im Gange. Gesäumt wird die Strasse von modernsten Geschäften und Boutiquen, und auch ein Grossteil des schlendernden Volkes lässt im ersten Moment kaum erahnen, dass wir uns hier quasi am Tor zum Orient und in einem Land mit islamischen geprägten Traditionen befinden. Spätestens im zweiten Moment allerdings, wenn man damit beginnt langsam einzutauchen, Kapazitäten für die Aufnahme der Sadt über mehrere Sinne entwickelt, langsam die allgegenwärtigen Düfte frischer Simit (Sesamkringel), Pilavreis und gegrilltem Mais erschnuppert, drei Speisen, die hier ganztags und ziemlich überall direkt von kleinen, spezialisierten Wägelchen verkauft wird, allerspätestens wenn behemdete Jünglige silberplatten mit Çay (Schwarztee) und die typischen Speisen in waghalsigen Manövern, massig Geschicklichkeit und stets rennend von A nach B bringen und allerallerspätestens, wenn zum Gebet gerufen wird, wird trotz aller Westlichkeit des Viertels klar, dass der Orient nahe ist und bereist wenige Schritte weiter, abseits des grossen Turisten- und Shoppingtrubels, befindet man sich mitten drin. Es lohnt, in Istanbul, wie wohl in allen andern Städten, einfach mal zu gehen, so weit die Füsse tragen, stets der interessantesten Gasse entlang und so zufällig auf ein Händlerviertel zu stossen, in desen eigentlich klarer Ordnung, denn jedes Geschäft hat seine Spezialität (Röhre, Netze, Zangen, Hammer, Schläuche usw.), sich die Waren aber derart türmen, dass die Ladeningänge erst gesucht werden müssen, oder man stösst auf uralte, relativ lotterig anmutende Holzhäuser, die zwischen imposanten, allerdings oft nicht weniger verwitterten, Steingebäuden stehen und irgendwie fehl an Platz wirken und bis heute und damit Beben und andere Wirren überlebt haben und nicht selten auch noch bewohnt sind, oder man betritt urplötzlich ein Viertel in dem Frau die einzige Kopftuchlose ist, in dem nach dem Ruf des Muezzins tatsächlich alle zur Moschee eilen und urplötzlich die Strassen, bis auf die allgegenwärtigen Strassenhunde und – Katzen leergefegt sind oder… Aber ich glaube Sie haben verstanden: Einfach loslaufen lohnt sich.

20120809-225936.jpg

    Istanbul mit Kindern

Ich habe es schon beschrieben, ich liebe es, in mir fremden Städten Kilometer um Kilometer zu Fuss zurück zu legen und so eben auch auch viele Überraschungen zu stossen, mich ab und zu zu verirren oder gar in Gassen zu landen, die ich vielleicht als Touristin lieber meiden sollte. (Es ist mir noch nie etwas geschehen, aber ich bin schon von Einheimischen mit Nachdruck aus gewissen Gegenden geführt worden.) Das ist eine Vorgehensweise, wie sie sich mit Kindern wohl eher nicht empfiehlt, selbst wenn die Kleinen noch getragen werden können. Ich war deshalb froh, dass ich Istanbul schon bereist hatte und damit den Entdeckungsdrang nicht mehr ganz so sehr verspürte, wie früher, denn Istanbul bietet durchaus auch Attraktives für (Klein)Kinder, das auch Erwachsenen nicht schnarchen lässt.
Was Sie in Istanbul mit (und ohne) Kinder(n) unbedingt gemacht haben sollten:

  • Sonntag, früh morgens oder abends, rund um den grossen Bazar spazieren, wenn alle Geschäfte geschlossen, aber dennoch so viele Kleinigkeiten zu entdecken sind. Ich fand die Stimmung einfach wunderbar, spannend, Ruhe nach und vor dem grossen Sturm, kleine verwinkelte Gässchen, hier ein vergessener, herausgehängter Morgenmantel, da ein einsamer Neuschuh, dort gestapelte Schaufensterpuppen, aber sehen Sie selber.
  • Am Abend auf der Istiklal von Strassenkünstler zu Strassenkünstler gondeln, Kinder werden ohne Weiteres in die erste Reihe befördert und sehen so auch wirklich was geschieht.
  • Bisher verbrachten wir unsere Nächte in Istanbul in Hostels und Hotels, schade, denn Manzara Istanbul http://www.manzara-istanbul.com/, das wir dieses Jahr per Zufall entdeckt haben, bietet wunderbar renovierte und liebe- und stilvoll eingerichtete Altbauwohnungen in Galata an. Wählen kann man zwischen verschiedenen Grössen und Aussichten, wobei selbst die Wohnungen „ohne Aussicht“ nicht selten über eine Gemeinschaftsterasse mit gigantischem Ausblick verfügen. Die perfekte Variante, um mit Kindern in Istanbul zu weilen, wie ich finde, ist doch so einerseits diese kleine, intime Oase zu steter Vefügung, anderseits erlaubt der Besitz eines eigenen Wohnungsschlüssels, das Asyl in einer auch einheimisch bewohnten Nachbarschaft und das Tätigen und Heimschleppen von Einkäufen zur Selbstversorgung auch herrlich das Gefühl des Eintauchens in die Stadt.

Aussicht von der Gemeinschaftsterrasse:

20120809-225443.jpg
Manzara-Zimmer:

20120809-231353.jpg

  • Sie haben bewegungsdrängelnde Kinder, niemand der auf sie aufpasst, aber möchten Ihr Essen auswärts, für einmal zweihändig und nicht auf der Hetzjagd nach Ihrem Ausreisserkind zu sich nehmen? Dann empfehle ich Ihnen den traditionellen Teil des Restaurants Gani Gani in der Nähe des Taksim-Platzes. Gegessen wird hier ohne Schuhe, am Boden, auf Kissen, an tiefen Tischen und vorallem: in herrlich separierten Räumen mit Fenstern auf Babyhöhe. Das Essen ist nicht erheblich besser als andernorts, aber auch nicht erheblich teurer und manchmal ist eine ruhige Mahlzeit auch schon genug.
  • Ganze Nachmittage im Gülhane-Park verbringen, die meisten Touristen sind im nahegelegenen Park der Aya Sophia zu finden, so sind hier viele türkische Familien anzutreffen, die den Park durchschlendern, es gibt eine kleine Rutschbahnanlage, viele Bänke, einen Springbrunnen und massig Volk. Besonders zu empfehlen ist dieser Programmpunkt Sonntags, am frühen Nachmittag, dann können Sie nämlich am grossen Gemeinschaftspicknik teilnehmen, bereichernde Begegnungen garantiert.
  • Fahren Sie mit der Fähre auf die asiatische Seite Istanbuls, denn nicht nur gibt es auch da Einiges und vorallem Untouristischeres zu entdecken, wohl deswegen ist alles auch erheblich billiger, sondern auch die Fahrt auf dem Bosporus ist ein Ereignis. Letztere ist zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jeder Witterung schlicht wunderschön und beim diesmaligen Istanbulbesuch sind wir auch mal einfach sitzen geblieben und hin und her gefahren. Wichtig: Nehmen Sie keins der Touristenboote, die sind nicht nur erheblich teurer (ein alltägliches Fährticket kostet 2 Türkische Lira, also nicht mehr als ein Euro), sondern lassen auch all die Einheimischenbegegnungen auf der Fahrt missen.

Fährefahren bei jedem Wetter:

20120809-230912.jpg

  • Falls Sie Zuhause auch nicht gerade einen Frischfischmarkt um die Ecke haben, besuchen Sie ihn in Istanbul, wo Ihnen die Fische noch in aller Inbrunst zum Kauf empfohlen werden. Einige Schritte weiter, rund um die Galatabrücke, können Sie die Fischer beim Fischen per Angel und auf Booten, sowie den Fährverkehr beobachten und sich dabei in einem der Teegarten einen Çay genehmigen.

 

Gerade versuchende mit der Reiseberichterei aufzuholen, der Verzug ist entstanden, nach dem ich mich mit Händen, Füssen, Herrn G und Ibuprufen gerade noch so gegen eine Brustentzündung zu verteidigen vermochte und Freiminuten konsequent verschlafen wurden.

Advertisements

11 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2012, Reisen mit Kindern

11 Antworten zu “Istanbul

  1. Ich habe hier leider keine Zeit mich ausschweifend für diesen Artikel zu bedanken. Muss packen. Muss nach Istanbul.

  2. Wie sieht es denn bei den Moslems aus mit Stillen in der Öffentlichkeit? Würde mich noch interessieren ;) Muss man sich da als Touristin aufs WC zurückziehen?

  3. Hach, Danke für diesen Post. Ich habe gestern Abend noch sehnsüchtig an Istanbul gedacht.
    Weiterhin einen schönen Urlaub!
    Lieben Gruß

  4. Hanna

    Hallo, spannender Bericht, :-) Finde die Reise Eurer Familie mit kleinen Kindern total fasznierend. In welchen Sprachen redet Ihr denn mit den Einheimischen? tolle Erlebnisse weiterhin und ich freu mich auf weitere Berichte. LG, hanna

  5. Pingback: Zwischen Tekirdag und Marmaraeleglisi (Türkei) – Istanbul Zentrum – Istanbul Pendik (Tage 26-30) | Gminggmangg

Kommentariat:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s