Tagesarchiv: August 23, 2012

Isthmia (Nähe Korinthos) – Ermioni (Peloponnes) – Mystra (Nähe Sparta) (Tage 44-46)


Die ersten Kilometer die wir auf dem Peleponnes zurücklegten werden uns wohl weniger wegen der durchaus ansehnlichen Landschaft in Erinnerung bleiben, sondern weil diese Gegend gerade von massiven Bränden heimgesucht wurde. Zwar brannte zum Zeitpunkt unserer Durchfahrt nichts mehr, aber so mancherorts stieg noch Rauch auf, der beissende Geruch des Feuers lag noch in der Luft und ganze Landstriche waren verkohlt, öd und schwarz. Als wir an den ersten betroffenen Familien, bzw. ihrn ehemaligen Häusern vorbei fuhren, kamen wir nicht umhin, uns seltsam fehl am Platz und dekadent in unserem Reisetun zu fühlen, erwogen die Umkehr und verwarfen wieder, denn offenbar sind auch andere Teile von Griechenland betroffen und das Land durchfahren müssen wir nun in jedem Falle. Wir fuhren also weiter und verbrachten die folgenden Nächte, nur wenige Kilometer von den Bränden entfernt, auf einem kleinen, feinen, ruhigen und unbedingt empfehlenswerten Platz (Hydras Wave bei Ermioni), in der Nähe eines menschenleeren Strandes.
Die Brände schienen allesamt gelöscht und tatsächlich fanden wir auf unserer Weiterfahrt keine weiteren brennenden Landstriche vor und konnten uns ganz auf die wundervolle Landschaft des Peleponnes konzentrieren, die ich irgendwie kaum zu beschreiben vermag ohne mich dauernd irgendwelcher Superlative zu bedienen. Auch wenn und gerade weil wir noch längst nicht alles gesehen haben steht fest, dass wir wiederkommen werden, am liebsten in der Nebensaison, die auch jetzt schon merklich begonnen hat. Die touristischen Dörfer sind leer, ebenso die Strände und die Strasse und überhaupt scheint dieser Teil Griechenlands wirklich nicht gerade überbevölkert zu sein. Landschaftlich gesehen erstaunlich, denn wer möchte hier nicht leben, wo sich Olivenbaumfelder kilometerweit ziehen, wo bewaldete Berge den Blick übers weite Land erlauben, wo kleine, verschlafene Nester aus Stein, und stets mit gigantischen Kirchen, sich dekorativ an die Berghänge schmiegen? Andseits vermag ich mir kaum vorzustellen, wovon man hier leben sollte. Wer studiert wird wohl unweigerlich zur Stadtflucht gezwungen.
In der Nähe von Sparta suchten wir uns eine Bleibe für die Nacht, Herr G. wollte das so, denn Herr G. mag die griechisch Mythologie und Geschichte und somit auch die Spartaner. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht in den Touristensouvenirläden die allerbesten Kleinstdinge (<;;4€) zusammenzukaufen um sie als Reiseerinnerungen irgendwo am Gefährten anzubringen und von Sparta musste, logischer und allerzwingendsterweise, ein Spartaner her. Das Nachtlager ist bezogen, wir haben nun einen Minispartaner, ein giganöses Vielfrassvöllegefühl und schlafen nun hoffentlich bald neben und trotz lauten italienischen Nachbarn.
(Man bemerke die Tatsache, dass ich mich soeben des Präsens bedient habe: Ich habe mit der Reiseberichteschreiberei aufgeholt!)

    Bemerknisse

  • Irgendwo am Hinterteil des Peleponnes, nein, diese Widersprüchlichkeit lasse ich auf sich beruhen, sah klein Y. aus Bern, Schweiz, erstmal den Trickfilm „Heidi“, auf Griechisch.
  • Herr G. Hat einen kleinen Spartaner, ich liebe ihn trotzdem.
  • Der fleissige Italiener vernachlässigt es auch im Urlaub nicht, gängige Klischees zu erfüllen, ist laut, zahlreich, isst um Mitternacht Spaghetti, unterhält sich dabei schreiend über Pizza und telefoniert anschliessend mit der Nonna.
  • Reisen macht Kinder klug:
    Y: „Wofür sind diese Windräder?:
    Frau G., ziemlich unterbelichtet: „Die drehen sich im Wind.“
    Y: „Nein, die machen Strom.“
    Frau G.: „Weisst du denn wofür wir Strom brauchen?“
    Y: „Zum Kaffee machen.“
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    Gümüldür (Nähe Izmir) TR – Chios GR – Isthmia (Nähe Korinthos) (Tage 41-43)


    Mit ein kleinwenig schwerem Herzen und nicht ohne Adressenaustausch verabschiedeten wir uns heute Morgen von unseren türkischen Bekannten und fuhren nach Çesme, wo wir an Vortag mit Hilfe eines anderen Urlaubenden einen Platz auf einer Fähre nach Chíos reserviert haben. Die Fahrt nach Çesme verlief unkompliziert, der Aufenthalt vor Fährenabfahrt ebenso und wir genossen unseren letzten Stunden in der Türkei. Davon, dass die Fährfahrt gleichzeitig auch Grenzübertritt ist, haben wir bis auf einige Warte, knuten und Identitätskartenzeigen wenig bemerkt und auch der Gefährte wurde kaum behelligt. Die Überfahrt war (abend)stimmig und entsprechend schön, allerdings waren schon von Weitem hohe, dichte Rauchwolken über Chios auszumachen, offenbar wüteten dort gerade Wüste Waldbrände, wovon wir mangels Internet oder Zeitung in den letzten Tagen nichts mitbekommen haben. In Chios angekommen, so der Plan, wollten wir uns so rasch als möglich Tickets für die Weiterfahrt besorgen, ein Bleiben auf Chios erschien uns in Anbetracht der Brände wenig angebracht, Essen gehen und danach entweder gleich am Hafen nächtigen oder schon weiterschiffen. Lassen Sie mich zusammenfassen: Wir fühlten uns bei der Ticketbeschaffung wider besseren Wissens als Pioniere in Sachen Fährfahrt mit Gefährten, denn von den Angestellten der Fährgesellschaften sprach weder jemand Englisch, noch Französisch, noch Italienisch, geschweige denn Deutsch, die Einstufung unseres Gefährts stellte die Damen und Herren vor schier unlösbare Aufgaben, uns blieben nur Deckpassagiertickets und die Kinder gingen lange nach ihrer Tageshaltbarkeitszeit schlafen.
    Die Nacht verlief, bis auf den starken Wind, der durch alle Ritzen pfiff, erstaunlich ruhig und Morgens erwachten die Kinder mit Entzückunsquietschern, lagen doch direkt vor den Gefährtenfenstern mehrere Schiffe an und es herrschte reges Kommen und Gehen im Chioser Hafen. Den Tag verbrachten wir im Park und der Altstadt, beides Kurzbesuche wert und durchaus kinderprogrammtauglich. Abends konnten wir den Gefährten, dank freundlichster Hilfe einer Hafenpolizistin, schon in Position bringen und so lohnte es auch, das untere Bett herzurichten, damit zumindest die Kinder bis ein Uhr nachts, Abfahrtszeit, schon etwas Schlaf bekamen. Als das Schiff mit einiger Verspätung angelegt hatte, warteten wir erstmal, denn der Gefährte sollte seiner Grösse wegen eines der letzten einfahrenden Fahrzeuge sein, trotzdem war die Hektik plötzlich gross, wir hätten schon drin sein sollen und Herr G. schwitzte wahre Wasserfälle als er schliesslich aufgefordert wurde rückwärts in den Schiffsbauch zu fahren. Nach kleineren Schreiaus- meiner- und Nervenzusammenbrüchen seinerseits, parkten wir sicher direkt am Ausgang. Leider ward es uns untersagt im Gefährten zu nächtigen uns so zottelten wir nach einer spontanen und entsprechend unkoordinierten Packorgie gen Deck. Oder hatten es zumindest vor, denn die Garagetore waren schon fest verschlossen. Nachdem wir die kurz in Betracht gezogene Option, einfach wieder zurück zum Gefährten zu gehen aus Sicherheitsgründen verworfen hatten, drückten wir einen eigens für Zuspätkömmlinge angebrachten Knopf und warteten. Es folgte ein leicht verwirrender Auftritt abwechslingsweise vorwurfsvollerkndbegeisterter und ziemlich erheiterter Matrosen und eine zum Scheitern Verurteilte Suche nach Schlafplätzen, auf einem hoffnungslos überfüllten Schiff. Wir kapitulierten ziemlich bald, Y rollte sich irgendwo als Stolperstein am Boden zusammen und schlief bis zum nächsten Morgen, bewacht von Herr G. und Äm ward von mir kilometerweit von Bug zu Heck und wieder zurück getragen.
    Wieder von Bord suchten wir uns einen möglichst grosstadt- sprich piraäusfernen, aber nicht all zu weit entfernten Platz und schliefen, oh, gnädige Kinder, die Nacht nach.

      Bemerknisse

  • Erstmals in meinem Leben habe ich ein Häfi (Töpfchen) verloren. Ja, ein Häfi (Töpfchen) im Keine-Windeln-mehr-Sinne, der Wind hat es wohl hinweg getragen und nun fristet es sein Dasein, sanft auf den Hafengewässern schaukelnd, in Chios.
  • In Piräusnähe machen die Griechen den Albanern die Erstplatzierung in Sachen Verschmutzung der Landschaft durch Müll mit Nachdruck streitig. Wir wähnten uns ungelogen zwischenzeitlich auf Abwegen in einer Mülldeponie.
  • Mit dem Grenzübertritt von der Türkei nach Griechenland wird alles sofort wieder doppelt und sogar drei-, viermal so teuer. Gut für die Linie, könnte der Sparsame vermuten, allerdings ist das griechische Essen, wie wir es bisher erlebt haben, auch ungleich fettiger.
  • Wer griechische Volksmusik nicht mag, sollte Bars und Restaurants lieber mit Gehörschutz betreten, die Beschallung ist lückenlos, laut und konsequent.
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    Ören (Nähe Edremit) – Ayvalik (Insel) – Gümüldür (Nähe Izmir) (Tage 37-40)


    Der Tourismus hat uns wieder, so sehr wir uns bemühten, wir konnten nicht entfliehen. Selbst in der vermeintlich ruhigen Bucht, die wir zu unserem Schlafplatz auserkoren, wurden wir von Booten heimgesucht, die leider nicht, wie Y vermutete, Boote voller singender Muezzine, sondern Partyboote mit tanztorkelnden Betrunkenen waren.
    Wir suchten uns also einen neuen Platz und fuhren, mit der Absicht von da aus in relativ kurzer Zeit nach Çesme und damit zur Fähre gen Griechenland zu gelangen, bereits in die Nähe Izmirs. Auf einem weitläufigen Campingplatz, der, nach seinen Anlagen zu vermuten, schon bessere Zeiten erlebt hatte, fanden wir eine schattige Stelle und viel Raum, also durchaus nicht, totale Urlaubermassen, wie wir sie von dieser Gegend erwartet hatten. Die Mitcamper waren ein kleiner, aber anscheinend harter Kern aus Ganzjahres- und Wiederholungscampern, der uns sofort mit so grosser Herzlichkeit empfing, als wären wir als geladene Gäste nach langer Fahrt in ihr Heim gelangt. Wir wurden beschenkt, mit Augen (link) übrigens, zigfach, bekocht, mit frischen Früchten und Gemüse versorgt, ohne dass wir auch nur einen symbolischen Betrag hätten bezahlen dürften, ja, gar mussten wir aufpassen, unsere neuen türkischen Bekannten nicht unbeabsichtigterweise unnötig durch die Gegend zu jagen, reichte doch schon die blosse Andeutung, dass kaltes Wasser für den Abwasch nicht wahnsinnig praktisch ist, um den Wohnwagennachbarn Sekunden später mit heissem, gekochtem Wasser antraben zu lassen. Wir wurden angehalten mit allen etwaigen Sorgen, Nöten und Fragen an unseren Nachbarn auf Zeit, eigentlich eher Gastgeber, zu gelangen und, was durchaus floskelhaft klingen könnte, wurde hier mit einer kompromisslosen Gastfreundschaft vorgebracht, die mit der Umschreibung „ehrliche Sorge um unser Wohlergehen“ trefflicher ausgedrückt wäre. Stelle Sie sich das bitte ungefähr so vor:
    Herr G. arbeitet sich mit zwei Gasherdplatten gen vollwertige Mahlzeit und kocht in Schichten, die Pfanne mit den bereits gekochten Erbsen stellt er auf die Erde. Frau G. gelangt mit den Kindern, nach einem Ausflug zum nahegelegenen Pferdestall, zurück zum Ort des Geschehens. Äm, blitzschnell, hebt den Erbsenpfannendeckel und bricht umgehend in lautes Jaulen aus. Frau G. nimmt im ersten Moment an, sie hätte sich verbrannt, packt das Kind und rennt mit ihr zum nächsten Freiluftwasserhahn, wo sich gerade die türkische Frauschaft zum Schwatz eingefunden hat. Noch auf dem Weg dorthin merkt sie, dass Äm sich nicht ernsthaft verletzt haben kann, sondern wohl mittlerweile hauptsächlich schreit, weil sie von der Erbsenpfanne weggetragen wurde. Trotzdem beschliesst sie Kindes Hand vorsichtshalber unter den Wasserhahn zu halten, zumal Äm Wasser mag und dabei meist augenblicklich zufrieden wird. Allerdings hat sie nicht mit der Horde händeverwerfender, aufgeregter Frauen in Sorge gerechnet, die in aller Liebe und Fürsorge die heulende Äm weiter in ihr Elend hineinstürzen. Mit ungeschickt gewählten Worten wie „Pfanne“ und „warm“ versucht Frau G. die Lage unter Kontrolle zu bringen, als der erste männliche Besorgte, mit einem Sack Eis erscheint und Äm vorsorglich überall zu kühlen beginnt. Äm legt derweil an Schreiintensität zu. Ein weiterer Besorgte kommt mit Salbe angerannt, etwas ratlos suchen wir nach einer möglichen zu bestreichenden Stelle, aber bis auf einige rote Hautflecken, deren Farbe von der kürzlichen Behandlung mit Eis herrührt sind keine Verdächtigen Stellen auszumachen und wir bestreichen sicherheitshalber und auf Anraten aller Umstehenden die Handinnenflächen. Äm schreit weiter, denn Salbe ist ihr ein Graus. Frau G. versucht weiterhin die richtigen Worte zu finden, um die Umstehenden zu beruhigen. Glücklicherweise hat nun auch Herr G. den Ernst der Lage erfasst, packt geistesgegenwärtig die Ebsenpfanne, galoppiert mitten in die aufgeregte Menschentraube und schreit sinnesgemäss „Pfanne gar nicht heiss!“, worauf Frau G. die Pfanne berührt und theaterreife Erleichtung spielt. Die Menschenmenge beruhigt sich etwas. Sämtliche Anwesenden verlangen danach, die Pfanne des Anstosses ebenfalls zu berhühren, um sich persönlich zu überzeugen. Reihum wird ehrfürchtig die Hand zur Pfanne ausgestreckt und erleichtert genickt, als ein schweissüberströmter Greis keuchend den Kreis durchbricht und sich mit winkendem Autoschlüssel in die Mitte stellt. „Ich habe ihn gefunden! Wo ist das Kind mit dem gebrochenen Arm.“

      Bemerknisse

  • Nach langen Gesprächen über die heutige Stellung der Frau in der Türkei, bei der das türkische Gegenüber betont, wie ausgeglichen die Rollen- und Arbeitsteilung in modernen Familien wie der ihren sei, können abschliessende Sätze den Eindruck relativer Gleicherechtigung erheblich schmälern.
    Sie: „Bei euch ist das ja auch so. Wir haben Glück mit unseren Männen.“
    Ich: „Einen mit anderen Ansichten hätte ich nicht genommen.“
    Sie: „Ja, ich habe gemerkt, es ist ein Glück, Herr G. hilft dir sehr viel.“
  • Es ist unmöglich die Türkei zu besuchen ohne Atatürk kennen zu lernen, kein Dorf ohne seine Statue, kein Restaurant ohne sein Foto, kein Quadratmeter besiedelte, westliche Türkei ohne sein Abbild. Die türkische Liebe für Atatürk, wie wir sie in den letzten Tagen kennen gelernt haben, ist unkritisch und allumfassend, man liebt sein „Lebenswerk“ ebenso wie seine „schönen Augen, die schöne Nase, die schönen Haare und die schöne Stirn“.
  • Ich empfinde mich als eher vorsichtige Mutter, und obwohl ich meine Kinder viel und gerne ausprobieren lasse und auch Schürfwunden und blaue Flecken in Kauf nehme, bin ich in heiklen Situationen meist in Auffang- und Abprallschutznähe, allerdings brachte mein scheinbares Nichteingreifen die türkischen Mütter schier um den Verstand und so manche Situation endete damit, dass ich Äm an die Hand nahm, obwohl ich dazu keinen Grund sah, nur um der Lärmbelästigung durch hysterische Kreischerei und Orkanböen aufgrund fuchtelnder Arme und flatternder Hände auf türkischer Seite ein Ende zu bereiten.
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