Monatsarchiv: September 2012

Acireale (Sizilien) – Catánia – Punto Braccetto (Nähe Vittória) (Tage 74-76)


Wieder ist Äm morgen fieberfrei und in bester Verfassung. Wir brechen auf, in der Absicht erst den Ätna zu bestaunen und uns danach einen zentral gelegenen Platz zu suchen. Das wiederkehrende Fieber bereitet Sorgen und wir wollen bei erneutem Temperaturanstieg einen Arzt konsultieren. Die Fahrt gen Ätna ist wunderschön, die Sizilianischen Dörfer und Städe durch die wir fahren und ihre unbescheiden verzierten Bauten sind herrlich be- und verlebt und wirken damit ungemein charaktervoll. Selbst weniger alte Stadt- und Dorfteile, in denen in Bezug auf die Häuser an sich nicht von Schönheit gesprochen werden kann, ist ein ganz eigener, anziehender Charme eigen. Wir fahren einen Nebenkrater des Ätna an, denn nach unseren Informationen kostet die Fahrt auf den Hauptkrater um die 60 Euro, was uns eindeutig zu viel ist. Am Nebenkrater unternehmen wir eine kleine Wanderung auf einen der lavagesteinüberzogenen Hügel und geniessen die atemberaubende Aussicht. Als ich Äm, unten angekommen, wieder aus der Tragehilfe nehme, glüht sie wieder. Wieder hat sie um die 39*C Fieber. Nach einem Gespräch mit unserer Kinderärztin beschliessen wir in die nächstgelegene Stadt, Catánia, zu fahren, uns da einen Stellplatz zu suchen um von dort aus einen Ausflug zum Arzt zu unternehmen. Der Platzinhaber in Catánia, ein Deutscher, rät uns in den Notfall im nahegelegenen Krankenhaus zu fahren. In der Notfallstation des Regionalspitals ist einiges los, Ärzte, Schwestern und anderes Personal rennt hektisch durch die Gänge und brüllt sich immer mal wieder lautstark an. Als wir unsere Situation und Äms Beschwerden schildern, blickt man uns mit weit geöffneten Augen an: Fieber über 39* C? Über SECHS Tage? Wir fragen uns, ob derartiges in Italien nicht geschieht. Die erste Frage im Behandlungszimmer ist dann auch, ob wir Äm schon selber mit Antibiotikum behandelt haben, was wir natürlich, etwas verdutzt, verneinen. Äm wird unter ohrenbetäubendem Gebrüll gewogen, für zu leicht befunden, und an Hals, Rachen und Brustraum untersucht. Fall und Vorgehen scheinen für die Ärztin völlig klar: 1. Antibiotikumgabe, 2. stricktes Frischluftverbot, allerhöchstens „manchmal kurz das Fenster öffnen“. Mir fehlt es eindeutig an medizinischem, italienischem Vokabular und wir nehmen das Rezept das wir erhalten und verlassen die Station wieder. Erneut telefonieren wir mit Äms Kinderärztin, die zwar bemängelt, dass kein Infektbarometer gemacht und die Untersuchungen so oberflächlich gehalten wurden, rät aber auch dazu, Äm antibiotisch zu behandeln, zumal das Fieber schon so lange immer wieder ansteigt uns ansonsten keine Symptome auszumachen sind. Nach langem Hin und Her und einigen (uns)innigen Sinneskrisen, entscheiden wir uns gegen eine verfrühte Heimfahrt und dazu abzuwarten, ob Äms Zustand sich in ein, zwei Tagen verbessert hat. Am nächsten Morgen ist Äm, wie gewohnt morgens, fieberfrei. Wir brechen auf und ein kleines Stück Richtung Südwesten. Damit haben wir den mutmasslich (ev. war d auch schon auf dem Peleponnes) südlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Da wir so früh weder nach einem Übernachtungsplatznsuchen, können wir überteuerte Angebote (40€ pro Nacht) getrost ausschlagen und finden eine ungemein sympathischen Platz, am Rande einer nebensaisonbedingt ausgestorbenen Feriensiedlung. Den Nachmittag verbringen wir am Strand, Äm geht es wunderbar und auch die Nacht wird die erste fieberfreie, seit acht Nächten.

    Bemerknisse

  • Wenn Fahrspuren nicht durch Doppelbefahrung künstlich verkleinert werden, dann durch parkende Autos. Stellen Sie sich hier bitte nicht ein 1/2 auf Trottoir, 1/2 auf Strasse geparktes Auto vor, sondern ein 0 auf Trottoir, ganz auf Strasse geparktes Auto und Zusätzliches daneben. Beidstrassenseitig.
  • Der kluge und äusserst packasketische Sizilienreisende reist per Smart.
  • Wo anders als in Italien (oder der Türkei) würden Receptionistin, Putzfrau und Gärtner des Campingsplatzes, unabhängig voneinander, vor Abreise extra nochmal vorbeikommen, um sich nach Fieberkindes Wohlergehen zu erkundigen.
  • Nebensaison ist, wenn der Campingplatzpatrone Herrn G und Y zum Lebensmittel- und Gefährtenscheinwerferbirneneinkauf ins nächstgelegene Dorf ausführt.
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    Marina di Camerota (Nähe Palinuro) – Cámpora San Giovanni (Nähe Amantea) – Acireale (Sizilien) (Tage 72-73)


    Es scheint aufwärts zu gehen, Äm hat nur noch erhöhte Temperatur und bewegt sich wieder mehr, wenngleich auch immer in Sichtnähe zu mir. Ich wage es kaum zu vermerken, aber der Zustand leichter Angeschlagenheit birgt durchaus auch Vorteile. Äm ist eine Ausreisserin erster Güte und die Tatsache, dass sie sich heute frei, aber lieber in meiner Nähe bewegt ist herrlich entspannend.
    Mit dem Ziel ungefähr die Hälfte der Strecke nach Sizilien zu bewältigen, brechen wir auf. Die Fahrt verläuft ungemein ruhig, Äm scheint die Zeit zur Regeneration zu brauchen und schläft ausdauernd. Der erste Streckenabschnitt führt weiter durch den Parco Nationale Cliento e Vallo di Diano, über seine herrlich bemärchenwaldete Hügel, in denn hie und da noch Nebelfetzen hängen, durch kleine, belebte Hügeldörfer, in denen sich das Leben offensichtlich tatsächlich noch auf der Strasse abspielt. Dicht aneinander gedrängt an die Hügel geschmiegt, stehen sie, die alten, so charaktervollen Häuser, der Gefährte kommt mir überdimensional und klobig vor und wenn ich meine Arme durchs offene Fenster Strecken würde, ich glaube ich könnte an jeder Haustüre klingeln, so eng sind die Strassen. Überall hängt Wäsche, vor den Türen stehen Tische, an denen alte, faltige Italienerinnen in geblümten Roben Gemüse schälen, während die Hausherren die Gazzette dello Sport studieren. Gepräche können problemlos von Wohnung zu Wohnung geführt werden und werden es offenkundig auch. Es ist Mitte Woche, Kinder sind hier kaum zu sehen, die werden alle in der Schule sein, aber an einem späten Spätsommersonntagnachmittag auf dem Dorfplatz muss hier das pure Leben toben.
    Nach einem kurzen Mittagsrast fahren wir aus dem Park, die Gegend ist sofort massiv weniger bewaldet, die Dörfer wieder grösser und wir steuern wieder die Küste an. Offene Campingplätze sind auch hier kaum zu finden, aber neben einer kleinen Pizzeria, direkt am Meer, dürfen wir den Gefähren für eine Nacht, direkt am Strand, stehen lassen.
    Kurz vor dem Abendessen heizt Äm wieder kräftig auf, scheint sich aber trotz über 39*C Fieber immer noch relativ wohl zu fühlen, spielt und isst sogar. Wir beschliessen das morgige Programm von Äms Zustand abhängig zu machen.
    Am nächsten Morgen ist Äm wieder fieberfrei, wir atmen auf. Da Bleiben augrund Schattenlosigkeit an diesem Platz keine Option ist, beschliessen wir heute, wenn die Kinder mitmachen, bis nach Sizilien zu fahren. Durch sanfte, adrett frisierte Hügel erreichen wir Villa San Giovanni und den dortigen Fährhafen. Das Besorgen des Tickets ist nur insofern etwa beschwerlich, als das wir unfreiwillige und unnötige Hilfe bei der Buchung erhalten und der übermoivierte Helfer hernach dafür auch noch bezahlt werden möchte. Auf der Fähre werden wir von überaus herzlichen Sizilianern mit inselbezogenen Ratschlägen versorgt, jemand will gar den Schiffsarzt holen, als wir am Rande erwähnen, dass Äm in den letzten Tagen fieberte. Messina lässt uns schliesslich erahnen, was uns in einer Woche in Palermo, in verstärktem Masse erwarten könnte: Massen von Autos. Parkiert wird, wo immer es Patz hat, gefahren ebenso. Wir kommen in Schneckentempo voran, während die Autos von hinten, vorn und sämtlichen anden Himmelsrichtungen nur so an uns vorbeizurauschen scheinen. Endlich erreichen wir Giardini Naxos, den Ort, der uns von allen Italienern empfohlen wurde. Leider mutet der ganze Küstenabschnitt derart touristisch an, dass wir sofort weiter fahren und uns einen Platz abseits suchen. Auf einem Felsen über dem Meer, von dem aus die Bucht per Aufzug erreichbar ist, stellen wir den Gefährten auf einem Campingplatz ab, in der Absicht hier mehrere Nächte zu bleiben.
    Äm hat den Tag in guter Verfassung, mehr oder weniger fieberfrei verbracht und wir legen uns, in der Hoffnung auf eine ruhige Nacht, früh schlafen. Die Hoffnung stirbt allerdings mit dem Aufkreuzen einer deutschen Schlklasse ausser Rand, Band und sich, die sich kollektiv bis zur Besinnungslosigkeit besäuft, kotzt und schliesslich schlafend grosszügig auf dem Gelände verteilt. Das ist schliesslich der Zeitpunkt den Murphy auserkoren, um Äm wieder ausgiebig fiebern zu lassen. Wir verzeichnen somit die wohl bescheidenste Nacht der Reise.

      Bemerknisse

  • Italien macht dick, während wir in den Wochen zuvor relativ viel Gewicht verloren haben, werden wir nun bei Pasta und Pizza wieder, äh, runder.
  • Wer in der Nebensaison Sandspielzeug kauft ist doof blöd tut Unnötiges: Mann gehe einfach mit den Kindern an den Strand und sammle was Brauchbar. Heute in der Ausbeute: „Öllöu Kiddi“-Eimer und Freudentänze seitens des grossen Mädchens mit Blödrosaglitzerkatzenzubehörmangel.
  • Sizilien scheint über mehr Autos als Einwohner zu verfügen.
  • Es es empfiehlt sich in Sizilien relativ strassenmittig zu fahren, denn der Sizilianer weiss: Wo ein Auto Platz hat, haben auch zwei, haben auch drei, haben auch vier (beliebig erweitern) Autos Platz.
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    Spineto Nuova (Nähe Salerno) – Marina di Camerota (Nähe Palinuro) (Tage 66 -71)


    Am nächsten Morgen regnet es immer noch, erstmalig sehen wir uns dazu genötigt, unser Frühstück in Regenkleidung einzunehmen. (Und ja, es war genau so ungemütlich, wie es klingt, nix da mit Regentageromantik, einziger Vorteil waren ausbleibende Klagen ob trockenem Brot.) Nach dem ersten Kaffee scheint zwar weder die Sonne, noch der Regen aufzuhören, aber Familie Gminggmangg bereit gen Napoli aufzubrechen. Napoli hört sich wieder nach Süden an und im Süden ist es, himmelnochmal, warm, so unsere Idee und wir fahren los. Die Region rund um Napoli erinnert etwas an Nordalbanien, scheint sehr dicht besiedelt, ein unzusammenhängendes, wenig attraktives Häusermeer ohne End und ersichtlichen Zusammenhang, nur der Vesuv imponiert mit Grösse und Prägnanz. Wahrscheinlich tue ich der Gegend Unrecht, vermag die Wettertrübe doch kaum die jene der Laune zu überbieten, trotzdem fahren wir rasch weiter, bis wir bei Spineto Nuovo an einen Küstenabschnitt kommen, der laut Karte einige Stell- und Campingplätze zu bieten hat. Anstatt eines netten Plätzchens finden wir allerdings nur verschlossene Platztüren und offenherzige Protistuierte. Ja, die Nebensaison hat begonnen. Nach Kilometern des Fahrens der Rotlichstrandpromenade entlang finden wir endlich Zuflucht in einer Ferienanlage mit mehr Sternen als Anziehungskraft. Kaum angekommen beginnt es erneut wie aus Kübeln zu giessen, glücklicherweise hält das notdürftig mit Isolationsklebeband versehene Gefährtendach einigermassen dicht. Wir werfen uns in Regenkleidung und trotzen den Naturgewalten bis wir endlich schlafen dürfen.
    Obwohl wir eigentlich von hier aus, aufgrund wunderbarsten Anregungen, danke Urs, den Stiefelabsatz und die Küste rund um Lecce hätten anfahren wollen, entscheiden wir uns spontan dagegen. Die Zeit ist zu knapp, die Fähre von Palermo nach Genua bereits gebucht und auch Sizilien, das wir somit ohnehin anfahren müssen, lockt. Wir fahren also gemächlich der Küste entlang, bis wir in den Parco Nationale Cliento eVallo di Diano gelangen, eine wunderschöne Gegend mit kleinen, lauschigen Dörfchen aus eng aneinander gedrängten Häusern, meist erhöht und mit gigantischem Blick aufs blaue Meer. Wo keine Dörfchen stehen, dehnt sich ein weiter tiefgrüner Wald, bestehend aus effeubewachsenen, knorrigen Laubäumen, die, noch mehr als anderswo, aussehen, als würden sie geheime Leben führen, wenn gerade niemand hinsieht. Liebe Kinder, hier leben bestimmt die letzten Einhörner. In einem dichten Pinienwald, zum Meer hin besteht der Wald meist aus Pinien, finden wir einen sympathischen Campingplatz und erhalten gar ein Plätzchen direkt am Meer. Als ich Äm aus dem Kindersitz nehme beginnt sie seltsam zu zittern, sie glüht vor Fieber. Das Thermometer zeigt irgendwas über 40*. Den Abend verbringen wir zwischen schlechten Witzen über albanische Spitäler und dem krampfhaften Versuch, uns nicht zu sehr zu sorgen. Die Nacht ist eine Katastrophe, nur Y schlummert, von Äms Schüttelfrosteskapaden und Protestgeschrei bei der Medikamenteneingabe, völlig unbeeindruckt.
    Es ist Sonntag. Äms Temperatur hält sich auch heute konstant bei 40*. Unterbrochen von halbstündigen Hochs nach fiebersenkenden Mitteln, hängt Äm ganztags in meinem Arm und verweigert jede feste Nahrung. Wir besorgen uns vorsorglich alle nötigen Informationen rund um die nächsten Spitäler und Kinderärzte, schaffen es trotzdem den so schönen Ort, an dem wir uns befinden, zu geniessen, machen ausgedehnte Spaziergänge dem Strand entlang und suchen, sehr zu Ys Vergnügen, im Schwemmgut nach Schätzen. In d Nacht hat Äm erneut sehr hohes Fieber, wir beschliessen einen weiteren Tag hier zu verbringen und am nächsten Morgen unse Kinderärztin zu kontaktieren.
    Wie gewohnt erreichen wir die Ärztin erst nach dem 12. Anrufversuch, die Leitungen sind um diese Uhrzeit schlicht dauernd besetzt, sie zeigt sich relativ unbeeindruckt ob der geschilderten Fieberei, rät uns zum Abwarten und bei Bedarf Abgabe fiebersenkender Mittel. Wieder verbringen wir den Tag mit Schwemmgutschatzsuchspaziergängen, Kaffeetrinken und der Hoffnung auf Äms Genesung. Gegen Abend beginnt sie endlich wieder etwas zu essen und wir gehen leicht euphorisch schlafen.

      Bemerknisse

  • Bei den Restaurant- und Hotelbesitzern der Küste zwischen Agroli und Palinuro gehört es wohl zum guten Ton, sich auf 5 Quadratmeter grossen Schildern mit den Sprachen zu brüsten derer das Personal mächtig sei. Macht ja auch Eindruck sowas. So gesehen unter Anderem: „Hir spricht man Deutch“ und „Mann sprechen Deutsch“.
  • Nebensaison ist, wenn die Öffnungszeiten auf Campingplätzen zu einem derart minimalen Zeitfenster schrumpfen, dass Treffen zu purer Glückssache wird. Ungefähr so, beim Brotholen in der Nebensaiaon: 8:00 Supermarkt ist geschlossen, 8:30 Supermarkt ist geschlossen, 9:00 Supermarkt ist geschlossen, auf Anfrage an der Reception wird versichert, dass in einer Viertelstunde geöffnet und frisches Brot Verfügbar ist, 9:30 Supermarkt ist geschlossen, WIEDER geschlossen, wie die Reception verbessert, denn es war ja niemand da, der etwas kaufen wollte.
  • Nebensaison ist, wenn es derart in Strömen regnet und windet, dass Kochen für Gefährtenreisende ohne Massivgigomatencamper unmöglich wird und die Stellplatzbesitzer den durchnässten Gminggmanggs nicht nur das Kochen im geschlossenen (****) Restaurant erlauben, sondern die Campingplatznonna der gminggmanggschen Bande voller Erbarmen kurzerhand „zwei Teller Spaghetti mit etwas Tomaten“ (siehe Bild) serviert.
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  • Nebensaison ist, wenn in den Campingplatzsupermärkten alles zu erstehen ist, was das Herz nicht begehrt: Beispielsweise Tiefkühlpizza, aber keine Milch, Raumduftspray, aber kein Klopapier und Fertigkuchenmischungen abe kein frisches Gemüse.
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    Zenna (Nähe Arezzo) – Casteglione della Pescaia (Nähe Grossetto) – Parco Nationale di Circeo (Nähe Latina) (Tage 65 – 66)


    Ich muss die letzte Woche im Zeitraffer zusammenfassen, es fehlte mir schlicht an Zeit Einzelheiten festzuhalten. Äm kämpft seit vier Tagen mit anhaltend hohem Fieber (um 40*) und ich verbringe die Zeit mit Kind im Arm, was wiederum die Schreiberei insofern nicht begünstigt, als dass ich für ein Wort mehrere Minuten brauche und das Geschriebene schlussendlich noch vertipper- und autokorrekturfehlergeplagt ist, als meine Reiseberichte es ohnehin schon sind.
    Nach dem wir uns von Herrn Gminggmanggs Grosseltern verabschiedet haben, machen wir uns auf, wieder ans Meer, zu unseren Füssen eine Tasche mit Marmelade, Trauben, getrockneten Aprikosen, einem Duftsäckchen mit Lavendel und einigen Ratschlägen (unter anderen den, aufgrund schlechter Strassen nicht nach Sizilien zu fahren). Eigentlich haben wir geplant, heute in den Nationalpark Maremma zu fahren und da zu übernachten, aber dann fahren wir an dem Schild vorbei, das uns in Richtung des Campingplatzes weist, den wir schon drei mal mehr oder weniger gemeinsam, teilweise auf Durchreise bewohnt haben und in seltsam sentimentalen Anwandlungen (wir waren einmal als Freunde, einmal zu Anbeginn unserer Beziehung und einmal mit Kleinst-Y, schwanger mit Äm an diesem Ort) biegen wir ab und fahren hin und verbringen eine ruhige, erholsame Nacht.
    Am Morgen bezahlen wir irrsinnige 38€ und haben somit die teuerste Nacht der ganzen Reise verbracht, sogar Äm wurde zur Kasse gebeten. Wir fahren auf der Autobahn Richtung Süden, verlassen dabei die bekannten toskanischen Landschaften und fahren den Nationalpark Circeo an. Den Platz den wir finden sieht auf den ersten Blick geschlossen aus, aber die Fahrmüdigkeit und der zuvor getätigte Blick auf die wunderschönen, einsamen Sanddünen am Meer, lassen uns auf Einlass pochen. Hier werden wir ihrer erstmals richtig gewahr, der Nebensaison, dafür allerdings um so mehr, denn wir sind bis auf ein älteres Dauercamperehepaar die einzigen auf dem grosszügig angelegten Platz. Unter mutmasslich uralten Pinien stellen wir den Gefährten ab und geniessen den Rest des Abends/Nachmittags bei spektakulär düsterschöner Weltuntergangswetterstimmung am Meer, mit Aussicht auf den Monte Circeo.
    In der Nacht regnet und stürmt es erstmalig auf dieser Reise ununterbrochen und mit grosser Lautstärke. Mitten in der Nacht merke ich, dass Äm in einer Pfütze liegt und es unablässig von der Decke tropft. Der Gefährte rinnt. Herr Gminggmangg und ich stimmen in gedämpftes Wehklagen ein und versuchen der Situation Herren zu werden, was allerdings nur per Zweckentfremdung der Schuhkiste zur lebensrettenden Wasserauffangsinstanz gelingt. Derweil Äm nun friedlich im Trockenen schlummert, schnorchle schnarche ich, ganz altruistisch, im Nassen ein, begleitet von diversen wasserlastigen Träumen.

      Bemerknisse

  • Die quantitätsbezogene Wachstumskurve von Campingplatzsternen und -charme verläuft umgekehrt parallel.
  • Nebensaison ist, wenn in den Campingplatzsupermärkten das Leereecho hallt.
  • „24h heisse Duschen“ bringen wenig, wenn damit Rinnsale gemeint sind, die unter 30 Minuten nicht mal zum Auswaschen von Kurzharbaarbies Haupthaar reichen würden.
  • Wieso ein Kind mit 15 Monaten ausgerechnet in Italien, dem Land in dem Kinder in dem Alter noch nichtmal mit Füssen die Sandkörner am Boden verschieben, weil sie ganztags in ihren Babymobilensitzen, auf Campingplätzen ebenfalls zu bezahlen hat, ist mir schleierhaft.
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    Jesolo (Nähe Venedig) I – Zenna (Nähe Arezzo) (Tage 63 – 64)


    Relativ zeitig verlassen wir morgens den unattraktiven Platz relativ zeitig und fahren Richtung Zenna bei Arezzo, wo Herrn G.s Grosseltern leben. Ich habe mich nicht sonderlich auf die kommenden Streckenabschnitte gefreut, ja, eigentlich habe ich innig mit dem Gedanken gehadert, unsere letzten Wochen in Italien zu verbringen, einem Land das wir schon so oft bereist haben, es zieht weiter das Fremde, gleichzeitig wollten wir aber gerne weiter am Meer und vorallem im Süden bleiben und genaugenommen ist mir Italiens Süden noch weitgehend unbekannt. Ich hadere nicht mehr lange. Wie könnte ich auch? Die Toskana wirkt, in ihrer unspektakulären Schönheit, und ebenso die tausenden wunderbar alten, so offensichtlich geschichtsträchigen, bewohnten und verlassenen Fabrikgebäude und Häuser mit ihren verwilderten Gärten, wie sie in dieser Gegend so oft zu finden sind, versöhnen mich rasch, stundenlang möchte ich sie betrachten und mir Vergangenes erdenken.
    Kurz vor Arezzo wollen wir noch unsere Wasser- und andere Vorräte aufstocken, halten beim erstbesten Supermarkt an und kaufen ein. Als Herr G. bei der Rückkehr zum Gefährten den obligaten „Wir haben keine Luuuuft mehr“-Ruf trällert, lächle ich nur müde, denn derartige Witze sind nach drei zerfahrenen Pneus so ausgeleiert wie platt. Platt ist allerdings auch des Gefährten Hinterrad, Flachrad Nr. 4. Das Glück ist uns hold, denn wir stehen quasi vor einer Garage, deren Angestellten uns den Pneu prompt und billiger als in Albanien wechseln. Nicht ohne Ausrufe des Erstaunens allerdings, denn der alte Reif weist erhebliche Gebrauchsspuren auf, so das es wohl eher verwunderlich ist, dass wir es noch so weit geschafft haben.
    Pünktlich zum frühen Abendessen erreichen wir schliesslich Herrn G.s Grosseltern, liebevoll „Nonnis“ genannt, die abgeschieden auf einem Hügel mit grandiosem Ausblick wohnen. Aus einem alten Steingehöft haben sie sich da oben ein kleines Paradies mit viel Umschwung erbaut, den sie zu einem grossen Teil auch noch selber bewirtschaften. Und falls ihnen, neben Pflanzengiessen, Ernten, Ernteverwerten, Jäten, Säen, Holzen, Mähen und usw. trotzdem mal langweilig wird, bauen die Leutchen mit über 80 Jahren eben den Keller aus oder Pingpong- und Billardttische und verbringen die Zeit mit Spielen. Mit wunderbarer Aussicht auf den Fluss Arno schlafen wir erschöpft ein.
    Den nächsten Tag verbringen wir hauptsächlich mit Spaziergängen und damit den Gefährten innerlich und äusserlich gründlichst zu reinigen, Details erspare ich Ihnen, in der Anahme, dass Sie kein Interesse an Herstellungsprozessen von Alkohol aus Trauben in Kindersitzritzen haben.

      Bemerknisse
  • So getan und für gut befunden: Ich empfehle Ihnen von Herzen platte Reifen erst nach dem Grosseinkauf und 30 Meter vom nächsten Autoreifenhändler entfernt zu entdecken, das erspart massenhaft Stress, ehrlich.
  • Nach dem Sie Ihr Auto mit Aufwand und Anstrengung sorgfältigst innerlich und äusserlich gereinigt haben, stellen Sie das Gefährt mit Vorteil nicht unter einen Baum voller reifer Feigen.
  • Nach der Einverleibung von Kaffe aus allen Herrenländern rund um die Adria versichere ich: der Italienische ist der Beste.
  • Rotbackigkeit ist hierzulande kein sicherer Fieber- oder Zahnungsindikator, sondern kann auch an der Kinderwangenkneifbesessenheit der Italiener liegen.
  • Flachrad 4:

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    Gefährte mit innerer Leere:

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    (Noch immer vier Tage Berichtrückstand, man reiche mir Zeit.)

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