Himara (Nähe Vlorë) – Berat (Tag 53)


Die gestrige Hochstimmung hielt an und wir beschlossen weiter ins Landesinnere, nach Berat, dessen Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe ist, zu fahren und da wenn möglich auch zu übernachten. Je weiter wir uns von der Küste entfernten, desto katastrophaler wurden die Strassen, ja, es wurde alles überboten, was wir bisher diesbezüglich erlebt hatten. mancherorts klafften troittoirrandtiefe Schlaglöcher, teilweise in so konzentrierter Anzahl, dass selbst ein Umfahren nicht mehr möglich war. Die Kinder fandens unterhaltsam, ich krallte mich abwechselnd ins Sitzpolster, versuchte Herrn Gminggmangg möglichst vorzeitig vor Hinternissen zu warnen und gleichzeitig aus zwei verschiedenen Karten und Frau Fankhauser (GPS) so etwas wie eine Idee von der zu befahrenden Strecke zu basteln. Auch die Strecke die uns durchs albanische „Flachland“ führte, hatte landschaftlich einiges zu bieten, wenn auch nicht mehr von derart atemberaubender Schönheit wie am Tag zuvor. Die Dörfer bestanden meist wieder aus moderneren Bauten und den alltebkannten (siehe Albanien vor einem Monat) halbfertigen Häusern, was sich erstaunlicherweise nicht änderte, ist die Selbstverständlichkeit, mit der überall noch mit Pferdegespannen transportiert und Kühe, Schafe und Ziegen sich durch die Strassen bewegen. Irgendwann führen wir zufälligerweise an einen Markt heran, griffen die Gelegenheit beim Schopfe und schlenderten durch die Stände voller frischem Obst und Gemüse, Fleisch, das offen auf Pappe rumlag und ab und zu mal mit einem Lappen trockengewischt und von Fliegen befreit wurde, lebendigen Kleintieren und tierischen Produkten aller Art. Für gerade mal drei Franken kauften wir fünf Tomaten, drei Gurken, zwei (Riesen)Zucchinis, etliche Nektarinen, eine Wassermelone und Trauben. Auf der Weiterfahrt suchten wir die Gründe für unsere Nicht-warm-werden bei unserem letzten Albanienaufenthalt zu ergründen, vermochten aber nicht endgültig auszumachen, ob es nun eher an den tatsächlich sehr unterschiedlichen Landesteilen oder der Phase ziemlicher Reisemüdigkeit vor einem Monat lag. Es wird ein Zusammenspiel gewesen sein, zumal es nicht so ist, dass im Süden Albaniens die Abfallfrage als gelöst betrachtet werden könnte. Auch hier kündigen sich Dörfer mit wachsenden Abfallbergen am Strassenrand an, auch hier sind die zu Verfügung stehenden Mülltonnen stets heillos überfüllt und auch hier ist unweit des Dorfes mit Sicherheit irgendwo eine riesige, ungesicherte Müllhalde zu finden und der Müllgestank in Städten und Dörfern allgegenwärtig. Unglaublich schade für dieses so schöne Land!
Als wir in Berat einfahren, sind wir erst etwas enttäuscht, denn was wir sehen sind riesige braungraue Plattenbauten und verlassene, rostige Fabriken aus kommunistischen Zeiten, ein Häusermeer ohne Kern und Zusammenhang und ganz sicher keinen Ort um den Gefährten (und damit uns) für eine Nacht stehen zu lassen. Schon wollen wir resigniert wieder aufs Land fahren, als wir das kleine Altstädtchen doch noch finden, leider allerdings keinen Stellplatz für den Gefährten. Vor einem Minisupermarkt beraten wir uns und sehen dabei wohl etwas hilflos aus, denn die Inhaber bieten uns an, den Gefährten gleich bei ihnen stehen zu lassen, dass sei nicht nur praktisch, so mitten in der Altstadt, sondern auch das Sicherste, würden sie das Auto doch in unserer Abwesenheit bewachen. Wir nehmen dankend an und verbringen den Rest des Nachmittags und Abend in der Altstadt, erklimmen das Burgstädtchen, sogar Äm mit Eigenwill zu Fuss und unter dramatischen Erschöpfungsseufzern, was uns böse und ihr bewundernde Blicke und Bekundungen einbringt. Oben angekommen protzt die Sonne mit farbenfrohem Abgang, wir geniessen die Aussicht und speisen für 15 Euro vorzüglichste albanische Gerichte aus dem Kochtopf einer faltigen Greisin. Unten sind wir erheblich schneller, denn Äm lässt sich zum Getragenwerden überreden. Mitten im Altstädchen Berat, quasi am Tisch der Minimarktinhabersfamilie, die sich auch noch vollzählig darum eingefunden hat, schlagen wir unser Nachlager auf.

    Bemerknisse

  • In Albanien empfiehlt es sich eher Italienisch, denn Englisch zu sprechen. Immer. Auch wenn das Gegenüber behauptet Englsich zu verstehen. Noch verlässlicher sind allerdings Gebärden.
  • Wenn Sie in Albanien Orientierungshilfe brauchen, empfiehlt es sich nach folgendem Schema vorzugehen: Person 1 nach Weg fragen, freundlich danken, Gesagtes merken, Person 2 nach Weg fragen, freundlich danken, Gesagtes merken, Person 3 nach dem Weg fragen, freundlich danken, Gesagtes merken, Informationen vergleichen, Deckungsgleiches befolgen, falls keine übereinstimmenden Informationen eingegangen sind, mit weiteren Personen verfahren wie oben beschrieben.
    Albaner helfen lieber schlecht als nicht.
  • Nach wie vor werden wir überall in Albanien mit erfreutem Winken, Pfiffen, ja, Luftsprüngen empfangen. Nach wie vor tut es gut an diesem Glauben wider besseren Wissens (Wir werden für ein Sammeltaxi gehaltem) festzuhalten.
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