Spineto Nuova (Nähe Salerno) – Marina di Camerota (Nähe Palinuro) (Tage 66 -71)


Am nächsten Morgen regnet es immer noch, erstmalig sehen wir uns dazu genötigt, unser Frühstück in Regenkleidung einzunehmen. (Und ja, es war genau so ungemütlich, wie es klingt, nix da mit Regentageromantik, einziger Vorteil waren ausbleibende Klagen ob trockenem Brot.) Nach dem ersten Kaffee scheint zwar weder die Sonne, noch der Regen aufzuhören, aber Familie Gminggmangg bereit gen Napoli aufzubrechen. Napoli hört sich wieder nach Süden an und im Süden ist es, himmelnochmal, warm, so unsere Idee und wir fahren los. Die Region rund um Napoli erinnert etwas an Nordalbanien, scheint sehr dicht besiedelt, ein unzusammenhängendes, wenig attraktives Häusermeer ohne End und ersichtlichen Zusammenhang, nur der Vesuv imponiert mit Grösse und Prägnanz. Wahrscheinlich tue ich der Gegend Unrecht, vermag die Wettertrübe doch kaum die jene der Laune zu überbieten, trotzdem fahren wir rasch weiter, bis wir bei Spineto Nuovo an einen Küstenabschnitt kommen, der laut Karte einige Stell- und Campingplätze zu bieten hat. Anstatt eines netten Plätzchens finden wir allerdings nur verschlossene Platztüren und offenherzige Protistuierte. Ja, die Nebensaison hat begonnen. Nach Kilometern des Fahrens der Rotlichstrandpromenade entlang finden wir endlich Zuflucht in einer Ferienanlage mit mehr Sternen als Anziehungskraft. Kaum angekommen beginnt es erneut wie aus Kübeln zu giessen, glücklicherweise hält das notdürftig mit Isolationsklebeband versehene Gefährtendach einigermassen dicht. Wir werfen uns in Regenkleidung und trotzen den Naturgewalten bis wir endlich schlafen dürfen.
Obwohl wir eigentlich von hier aus, aufgrund wunderbarsten Anregungen, danke Urs, den Stiefelabsatz und die Küste rund um Lecce hätten anfahren wollen, entscheiden wir uns spontan dagegen. Die Zeit ist zu knapp, die Fähre von Palermo nach Genua bereits gebucht und auch Sizilien, das wir somit ohnehin anfahren müssen, lockt. Wir fahren also gemächlich der Küste entlang, bis wir in den Parco Nationale Cliento eVallo di Diano gelangen, eine wunderschöne Gegend mit kleinen, lauschigen Dörfchen aus eng aneinander gedrängten Häusern, meist erhöht und mit gigantischem Blick aufs blaue Meer. Wo keine Dörfchen stehen, dehnt sich ein weiter tiefgrüner Wald, bestehend aus effeubewachsenen, knorrigen Laubäumen, die, noch mehr als anderswo, aussehen, als würden sie geheime Leben führen, wenn gerade niemand hinsieht. Liebe Kinder, hier leben bestimmt die letzten Einhörner. In einem dichten Pinienwald, zum Meer hin besteht der Wald meist aus Pinien, finden wir einen sympathischen Campingplatz und erhalten gar ein Plätzchen direkt am Meer. Als ich Äm aus dem Kindersitz nehme beginnt sie seltsam zu zittern, sie glüht vor Fieber. Das Thermometer zeigt irgendwas über 40*. Den Abend verbringen wir zwischen schlechten Witzen über albanische Spitäler und dem krampfhaften Versuch, uns nicht zu sehr zu sorgen. Die Nacht ist eine Katastrophe, nur Y schlummert, von Äms Schüttelfrosteskapaden und Protestgeschrei bei der Medikamenteneingabe, völlig unbeeindruckt.
Es ist Sonntag. Äms Temperatur hält sich auch heute konstant bei 40*. Unterbrochen von halbstündigen Hochs nach fiebersenkenden Mitteln, hängt Äm ganztags in meinem Arm und verweigert jede feste Nahrung. Wir besorgen uns vorsorglich alle nötigen Informationen rund um die nächsten Spitäler und Kinderärzte, schaffen es trotzdem den so schönen Ort, an dem wir uns befinden, zu geniessen, machen ausgedehnte Spaziergänge dem Strand entlang und suchen, sehr zu Ys Vergnügen, im Schwemmgut nach Schätzen. In d Nacht hat Äm erneut sehr hohes Fieber, wir beschliessen einen weiteren Tag hier zu verbringen und am nächsten Morgen unse Kinderärztin zu kontaktieren.
Wie gewohnt erreichen wir die Ärztin erst nach dem 12. Anrufversuch, die Leitungen sind um diese Uhrzeit schlicht dauernd besetzt, sie zeigt sich relativ unbeeindruckt ob der geschilderten Fieberei, rät uns zum Abwarten und bei Bedarf Abgabe fiebersenkender Mittel. Wieder verbringen wir den Tag mit Schwemmgutschatzsuchspaziergängen, Kaffeetrinken und der Hoffnung auf Äms Genesung. Gegen Abend beginnt sie endlich wieder etwas zu essen und wir gehen leicht euphorisch schlafen.

    Bemerknisse

  • Bei den Restaurant- und Hotelbesitzern der Küste zwischen Agroli und Palinuro gehört es wohl zum guten Ton, sich auf 5 Quadratmeter grossen Schildern mit den Sprachen zu brüsten derer das Personal mächtig sei. Macht ja auch Eindruck sowas. So gesehen unter Anderem: „Hir spricht man Deutch“ und „Mann sprechen Deutsch“.
  • Nebensaison ist, wenn die Öffnungszeiten auf Campingplätzen zu einem derart minimalen Zeitfenster schrumpfen, dass Treffen zu purer Glückssache wird. Ungefähr so, beim Brotholen in der Nebensaiaon: 8:00 Supermarkt ist geschlossen, 8:30 Supermarkt ist geschlossen, 9:00 Supermarkt ist geschlossen, auf Anfrage an der Reception wird versichert, dass in einer Viertelstunde geöffnet und frisches Brot Verfügbar ist, 9:30 Supermarkt ist geschlossen, WIEDER geschlossen, wie die Reception verbessert, denn es war ja niemand da, der etwas kaufen wollte.
  • Nebensaison ist, wenn es derart in Strömen regnet und windet, dass Kochen für Gefährtenreisende ohne Massivgigomatencamper unmöglich wird und die Stellplatzbesitzer den durchnässten Gminggmanggs nicht nur das Kochen im geschlossenen (****) Restaurant erlauben, sondern die Campingplatznonna der gminggmanggschen Bande voller Erbarmen kurzerhand „zwei Teller Spaghetti mit etwas Tomaten“ (siehe Bild) serviert.
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  • Nebensaison ist, wenn in den Campingplatzsupermärkten alles zu erstehen ist, was das Herz nicht begehrt: Beispielsweise Tiefkühlpizza, aber keine Milch, Raumduftspray, aber kein Klopapier und Fertigkuchenmischungen abe kein frisches Gemüse.
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