Tagesarchiv: Oktober 2, 2012

Mazara del Vallo – San Vito lo Capo (Nähe Trápani) – ísola delle Fémmine (Nähe Palermo) – Palermo – Bern (Tage 79-84)


Am Morgen brechen wir zeitig auf, Ziel ist San Vito lo Capo, wo es, laut Campingführer, noch einige offene Plätze hat und wir gerne unsere letzten Tage auf Sizilien verbringen möchten. Bis Trápani führen die Strassen, so scheint uns, durch ein einziges, langezogenes, nicht enden wollendes Riesendorf, dessen fast durchgängig ein- höchstens zweistöckigen, grauen Häuser ohne Vorgärten in ihrer konsequent linearen Aufstellung der staubigen Strasse entlang, ihm das Antlitz verschlafener Wildweststädchen verleihen. Die Gegend nach Trápani, in Richtung San Vito lo Capo ist pures Gegenteil: Wenig verbauen und von atemberaubender Schönheit. Hohe, karge Kippen, flache Täler in sanftem grün, die Küste umrandet von scharfkantigen Klein- und Grossfelsen, ist die Gegend, trotz zeitweise garstigsten Windbön, die uns den Atem und den Kindern die Standfestigkeit rauben und der Tatsache, dass Baden hier zumindest für die Kinder unmöglich ist, von derart einnehmender Schönheit, dass wir beschliessen zu bleiben. Das erstaunlich touristische und belebte Kleinstädchen San Vito veranstaltet die Tage, sehr zu Äms Freude, ein mehrtägiges Couscousfest und damit eine Feier rund um das Hauptnahrungsmittel unserer Reise. Selbstredend, dass wir die Abende im Dorf verbringen, während sich die Kinder die Bäuche mit Couscous vollschlagen und wir uns durch die Spezialitätenstände probieren. Wir verbringen wunderbare, ruhige, die Reise abrundende Tage und unterhaltende Abende. Schade nur, dass wir Couscousfest-Gaststar (und Gminggmanggscher Kinderzimmermusiker) Goran Bregovic um einen Abend knapp verpassen.

Am nächsten Tag brechen wir spät und gemächlich nach Ísola delle Fémmine auf, einenOrt den wir anfahren um die letzte Nacht vor der Fährenfahrt schon möglichst nah an Palermo zu verbringen, damit wir am nächsten Tag gemächlich den Hafen finden, den Gefährten abstellen und hernach noch Palermo besichtigen können. So unspektakulären wie geplant verläuft der Tag und wir richten uns ein letztes Mal in gewohnter Weise für die Nacht ein, sagen so vertraute Sätze wie „Ich mache noch rasch die Betten und richte die Moskitonetze ein.“ und „Haben wir schon Strom?“ im Wissen darum, dass wir sie wohl sehr lange nicht mehr in dieser Form benützen werden. Das Abschliessen hat endgültig begonnen, mit aller verbundenen Wehmut.

Den nächsten Morgen verbringen wir damit, unsere Sachen, die wir für die 24h dauernde Überfahrt mit der Fähre brauchen, so zu packen, damit wir in Palermo keine derartigen Dinge mehr erledigen müssen. Herr G. ist fürchterlich aufgeregt, haben wir doch so viele haarsträubende Geschichten über den Verkehr und dessen Teilnehmer in Palermo gehört. Als wir schliesslich einfahren sind wir alle angespannt und warten nur darauf, dass das Chaos über uns hereinbricht. „Gleich geht es los! Ich fahre einfach ganz langsam und lasse allen den Vortritt, bloss nicht jetzt noch einen Blechschaden riskieren. Uff, jetzt geht es gleich los.“ stöhnt Herr G. und ich halte schon mal nach den angedrohten, rücksichtslosen Blechlawinen Ausschau. Herr G. krallt sich ans Steuer, ich in die Sitzpolster. „Frau Fankhauser sagt, dass da vorne eine grosse Kreuzung ist, da wird es bestimmt gleich fürchterlich hektisch werden!“ warne ich und Herr G. versucht nicht in Schnappatmung überzugehen. Es ist seltsam still im Gefährten und wir tuckern weiter. „Uff, da vorne sehe ich Unmengen an Autos, ein Stau, ein Stau, Gott stehe uns bei!“ Herr G. wirkt jetzt etwas hysterisch. „Mist, ich sehe es auch, herrjee, bleib ruhig, du schaffst das!“ Rufe ich und checke sicherheitshalber bei Frau Fankhauser noch mal, wo genau wir uns befinden. Es ist der Hafenparkplatz. Liebe Leser mit Reiseabsichten in Richtung Palermo, ja, d Verkehr ist, verglichen mit den Strassen der Schweiz (und wohl auch Deutschland) gewöhnungsbedürftig, aber es fährt sich hier nicht schwieriger als in den hunderten italienischen Dörfern davor, nicht schwieriger als in Istanbul, Berat oder Durrës und ganz bestimmt nicht schwieriger als in Messina. Nach dem wir den Gefährten sicher parkiert wissen, begeben wir uns in Palermos Innenstadt und bereits nach wenigen Metern ist klar, dass sich der Ausflug lohnt. Wir marschieren mit den ungemein kooperativen Kindern den herrlich verlebten Häuserfronten entlang ins Blaue. Landen in verwinkelten Gässchen und Quartieren, die sich, ähnlich wie in Istanbul, auf Herstellung und Verkauf ganz bestimmter Produkte spezialisiert haben. So schlendern wir durch Gas- und Metallviertel, grüssen die gerade pausierenden Männern, die in Plastikstühlen sitzen, Kaffe und Zigarette in ihren riesigen, schwarzen Händen halten, und auf Kundschaft warten. Oder wir passieren die Gasse der Fischer und Fischverkäufer, wo der Kopf des eben verkauften Hechtes dekorativ neben den Mülleimern posiert. Als die Kinder müde wurden suchen wir uns einen Park, wurden fündig und lassen sie unter gigantischen, wunderschönen, uralten Fikus Benjaminus toben, essen Eis und tanken Sonne, bevor wir uns endgültig vom Sommer verabschieden müssen. Ja, Palermo gefällt und sollten wir je wieder nach Sizilien fahren, werden wir uns mit Sicherheit mehr Zeit für diese spannende Stadt nehmen.

Kurz vor 23 Uhr werden wir auf die Fähre gelotst, finden rasch unsere Kabine und schlafen erstaunlich tief und lang. Den nächsten Morgen verbringen wir hauptsächlich mit Lobliedern auf die Tatsache, dass wir uns für diese Überfahrt eine Kabine genommen haben. Erinnern Sie sich an unsere Schlafplatznot auf der griechischen Fähre? Die Kinder zeigen ganztags nicht die Spur von Langeweile, erforschen das Schiff von Oberst- bis Unterstdeck und wir treffen um 21 Uhr ziemlich entspannt in Genua ein. Eigentlich wäre es nun nicht mehr weit, die Kinder schlafen rasch in ihren Sitzen ein, aber wir entscheiden die Strecke nicht heute gänzlich zurückzulegen, wir wollen bei Tageslicht heimkommen und so stellen wir uns kurz vor Aosta neben ein Heer von Lastwagengiganten und übernachten.

„Noch 280 km bis zum Ziel.“ verkündet Frau Fankhauser, wir werden still. Das, worauf wir uns so lange vorbereitet und gefragt haben ist nun vorbei, die nächste Woche schon wieder verplant und die Realität gerade irgendwie unheimlich schwer zu fassen. „Noch 100 km bis zum Ziel.“ Wir versuchen uns zusammenzureissen, wir haben wunderbare Monate verbracht, Heimkommen ist schwer, die Eingewöhnung wird es auch, aber es gilt nun, die Wehmut ob dem Reiseende nicht überhand nehmen zu lassen und uns stattdessen über all die schönen Momente zu freuen, sie ab und an behutsam aus dem Erinnerungsschrank zu nehmen, gemeinsam zu betrachten, sie nicht all zu sehr verstauben zu lassen und lange noch davon zu zehren.

„Noch 1 km bis zum Ziel.“ Wir sind daheim.

Bemerknisse

  • Wenn in Palermo ein Fahrzeug an den Pfosten parkiert werden, ist das ganz und gar wörtlich zu nehmen, zwischen Stossstange und Pfosten wäre keine Psotkarte einschiebbar.
  • Wenn Sie als Fussgänger in Palermo den Fussgängerstreifen überqueren, müssen Sie mit wutentbrannten Zurechtweisungen oder mindestens bösen Blicken rechnen, denn grundsätzlich gilt: Wer im Auto sitzt hat Vortritt. Immer. Auch wenn die Fussgängerampel grün zeigt.
  • Ampeln sind in Sizilien nicht mehr als ungefähre und unverbindliche Vorschläge.
  • Auch wenn in Palermo grosse Strassen oft mehrere Spuren in gleicher Fahrtrichtung haben, sind diese nicht durch Bodenmarkierungen getrennt. das ergibt Sinn, die würden nämlich ohnehin nicht beachtet.
San Vito lo Capo

San Vito lo Capo

Ein Hecht in Palermo

Ein Hecht in Palermo

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Punto Braccetto (Nähe Vittória) – Eraclea Minoa (Nähe Agrigento) – Mazara del Vallo (Tage 77-78)


Heute Morgen erfreut sich Äm nach wie vor bester Verfassung und wir betrachten das Krankheitsintermezzo als abgeschlossen. Heute, Sonntag, mitgezählt bleiben uns noch sieben Tage bis unsere Fähre nach Genua Palermo verlässt, das Gefühl von Schlussspurt und Abschliessen nimmt endgültig überhand. Wir waren nur drei Monate unterwegs und doch fällt der Gedanke schwer, dass wir uns wieder an das alte, gebundene Leben gewöhnen müssen, ja, trotz Äms Krankheit und dem zwischenzeitlichen Wunsch nach der beruhigenden Instanz unserer Kinderärztin, könnten wir noch lange reisend weiterleben. Natürlich gibt es auch Dinge, auf die ich mich freue, mehrheitlich sind das kleine Bequemlichkeiten des alltäglichen Lebens, wie eine warme Dusche, mehr als zwei Herdplatten oder ein ämsicheres Gartentor, aber auch auf zeitweise vergrösserte Distanz zu den Kindern und Herrn G. freue ich mich, auf Zeit alleine und auf meine neue alte Arbeitsstelle. In jedem Falle gilt es unsere letzte Reisewoche noch in vollen Zügen auszukosten, Wärme, Meer und Fremde zu geniessen.

Wir brechen heute in Richtung einer Gegend auf, die für ihren Kreidefelswände bekannt ist, die Gegend um Agrigento und Eraclea Minoa. Der erste Teil der Fahrt führt durch ein schier unendliches Meer von Gewächshäusern, deren Arbeiter, zumindest die die wir sehen, zu 80% aus Einwandern zu bestehen scheinen. Nicht selten wohnen sie unmittelbar angrenzend in sehr einfach gehaltenen Behausungen und es ist unschwer zu erahnen, dass die Entlöhnung für ihre Arbeit sie nicht eben wohlhabend werden lässt. Was die Verschmutzung durch Müll anbelangt, ist die Gegend Nordalbanien mindestens ebenbürtig, wo keine Gewächshäuser stehen, liegen unfassbare Unmengen an Müll. Wir durchfahren den Teil Siziliens trotz Hitze bei geschlossenen Fenstern, zu gross ist die olfaktorische Belastung durch die Feuer, die allenthalben mit den Gewächsabfällen und, unweigerlich, dem umliegenden Müll entfacht worden sind. Nach dem wir Ragusa hinter uns gelassen haben, ändern sich sich Land- und Ortschaften relativ unmittelbar. Es ist wieder unverpacktes Grün zu sehen und die Verschmutzung nimmt deutlich ab. Dank „unseren Deutschen“ wissen wir schon, wo wir heute Nacht übernachten wollen und landen auf einem wunderbar einfach gehaltenen Platz, direkt am Meer und mit gigantischer Aussicht auf Kreidefelsen.

Obwohl es uns hier sehr gefällt, brechen wir bereits am nächsten Morgen auf. Das Landesinnere, insbesondere Corleone, der Geburtsort des Protagonisten aus „der Pate“, lockt. Bereits nach den ersten Kilometern ins Landesinnere hat sich der Abstecher gelohnt. Über steingkarge Hügel und kleinere Berge fahren wir an riesigen Schafherden und einsamen Pferden, Eseln und Mauleseln vorbei und passieren verwitterte, überwachsene Häuser, viele davon leerstehend. Alle paar Hügelhöchstpunkte trohnen kleinere und grössere Dörfer, die von Weitem oft gar nichts mit der Lieblichkeit der beschriebenen Bergdörfern von unlängst gemein zu haben scheinen. Aber die vermeintlich lieblos hingepappten, graubeigen Häuserklumpen haben fast immer einen historischen Kern, der nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch genau die farbenfrohe Freundlich- und Lebendigkeit birgt, die mir an italienischen Kleinstädten so gefällt. Als wir in Corleone einfahren, sind wir etwas enttäuscht, die Stadt ist durchaus nett anzusehen, aber touristisch und längst nicht so voller Charme wie die diversen kleineren Dörfer, die wir auf dem Weg hierhin durchfahren haben. Trotzdem speisen wir vorzüglich und nach dem Besuch in der Gelateria machen wir uns auf den Rückweg ans Meer. weil wir schon einen relativ langen Fahrtag hinter uns haben, zögern wir nicht lang und nehmen den erstbesten, relativ schmucklosen Campingplatz und nach Abendessen und der obligaten Sielplatzerkundungsrunde begeben wir uns in mückengeplagten Nachtschlaf.

Bemerknisse

  • Eine Fähigkeit die sich Kinder bei dreimonatigen Ferien am Meer aneignen, ist das Badetuchausbreiten und sich danach genüsslich darauf legen. Auch Äm kann das nun. Auch mit Taschentüchern. Und auf dem Gehsteig.
  • Wenn Nichtschweizer uns vermeindlich standesgemäss begrüssen wollen, schmettern sie uns ein „Grüüützi.“ entgegen. Wir machen bereitwillig mit.
  • Die Mücken waren auf dieser Reise wohl die grösste Plage, wenn ich pro Nacht und Kopf fünf Mückenstiche rechne, habe ich damit eher unter- als übertrieben und wir kämen gemeinsam auf eine reiseschlussendlichen Anzahl von 1680 Stichen.

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