Pen(n)deln


Nach zwei Jahren Abstinenz habe ich mich ungemein auf die Langstreckenpendelei gefreut. In meiner Erinnerung war der Pendlerinnenalltag voller Kleinstabenteuer und verbloggbarer Begegnungen, jetzt, vier Wochen nach Rückkehr von unserer Reise und eine Woche nach Wiedereinstig in die Arbeitswelt, ist nichts davon zu merken. An mangelnder Wiedereingewöhnung kann es nicht liegen, auch wenn wir das Unterwegssein nach wie vor vermissen und uns manchmal sehnsüchtig an die kleinen Erinnerungsstücke und Rituale, die sich in unseren Reisealltag eingeschlichen haben, klammern, sie mit Innigkeit zelebrieren, an den letzten Blättern Klopapier aus Montenegro schnuppern, die Landkarte auf der Suche nach neuen Zielen durchforsten, uns durch die tausend Fotos wühlen, Einkäufe in diverse Währungen umrechnen  und spasseshalber Münzen mit unter die Dusche nehmen. Jedenfalls ist den Bahnfahrten der Gegenwart Spektakuläres fern und ward ich in derselben Situation einst Zeugin von Verlobungen, Scheidungen und Geburten, sitzt mir heute eine nägelkauende Greisin gegenüber. Aus lauter, gähnendster Langeweile sehe ich mich gezwungen zu ergoogeln, ob Nägel Kalzium enthalten und ob Senioren vermehrt an Kalziummangel leiden, wäre das doch ein ziemlich willkommener Nebeneffekt für die ganz offensichtlich passionierte Nägelkauerin. Aber wie das so ist: Wenn das Internet um wichtige Informationen gebeten wird, reagiert es mit Verweigerung oder unzusammenhängenden Behauptungen. Gerne hätte ich der Dame gesagt, dass ich um die Notwendigkeit ihres Tuns weiß und die Umstände, diese normalerweise verpönten Verhaltensweisen, durchaus legitimieren, ähnlich wie Marihuana in besonderen Krankheitsfällen. Sie hätte mich dankbar angelächelt und eifrig weitergeknabbert. Aber so ganz ohne Hintergrundinformationen erschien mir derartige Direktheit doch zu verwegen zumal es mich, nach genaueren Überlegungen, doch etwas verunsicherte, dass es sich bei der Nägelkauerin, wie gesagt, um eine ältere Person handelte, einer Person also, mit potentiellem Kalziummangel, deren Nägel demnach auch nicht eben einen hohen Kalziumgehalt aufweisen, was den Sinn der Nägelkauerei wiederum deutlich schmälert, es sei denn, sie würde die jüngeren Mitreisenden um Erlaubnis bitten ihre, kalziumreicheren, Nägel kauen zu dürfen.
Nun, ich denke, Sie haben verstanden: Ich warte noch immer auf Pendlerinspirationen.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich, Zügiges

4 Antworten zu “Pen(n)deln

  1. mammasusanna

    Deine „genaueren Überlegungen“ sind schon fast Mani Matter -mässig! Sehr schön.

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