Geduld und andere Widernatürlichkeiten


Es kommt manchmal vor, dass meine Geduld endlich ist. Ich bin oft nicht sehr geduldig. Ich bin kein besonders geduldiger Mensch. Ich bin manchmal ungeduldig. Ich bin oft etwas ungeduldig. Ich bin ziemlich ungeduldig. Warten macht mich nervös. Wenn ich jemanden anrufe, mein Gegenüber aber nicht antwortet, bin ich im Stande innerhalb von Minuten über 30 Anrufversuche zu tätigen, was die Beglückten beim Blick auf die verpassten Anrufe regelmäßig an dringende Notfälle denken lässt und in entsprechende Panik versetzt. An Kassen bin ich die, die hinter gemächlichen Rentnern nervös zu tänzeln beginnt oder, im besten Falle, zur Wartezeitüberbrückung ihre Einkäufe auf dem Förderband nach der Quersumme der unter den Strichcodes platzierten Zahlen ordnet. Sogar die Zeit zwischen einer von mir gestellten Frage und der erwarteten Antwort in direkten Gesprächen macht mich nervös und die Beherrschung die es bedarf, damit ich nicht sofort nach gestellter Frage endlos fragende Grunzlaute nachschicke, nimmt derart viel Konzentration in Beschlag, dass ich unter Umständen die eigentliche Frage vergesse. Ich denke Sie verstehen: Ich bin ungeduldig.

Dann wurde ich Mutter.

Nein, meine Kinder sind nicht langsam, es so zu formulieren würde nicht der Wahrheit entsprechen, denn eigentlich bin ich sogar sicher, dass meine Kinder ziemlich schnell sind. Jedenfalls wenn ich nicht hinsehe. Wenn ich es genau nehme, haben meine Kinder zwei Betriebstempi, nennen wir sie fantasievollerweise Tempo1 (Zeitlupe) und 2 (Zeitraffer), die äußerst verlässlich mit den elterlichen Ansinnen korrelieren. Zur veranschaulichen möchte ihn Ihnen einige Beispiele für beide Tempi aufzeigen:

 Eltern lassen die hellblaue Acrylfarbe mit dem sie einige umzugsbedingt kahle Stellen am Buffet verbessert haben während zwei Sekunden offen stehen, da die Kinder wahnsinnig vertieft in der oben Etage spielen und damit, natürlich keine Gefahr darstellen. Kinder: Tempo 2.

Eltern verschlafen sich, ziehen hastig alle Anwesenden an, setzten die Kinder an den Frühstückstisch, packen in Eile Arbeits- und KiTatasche, finden ihr Mobiltelefon nicht mehr, müssen sich selber klingeln lassen, finden das Telefon zuunterst in der KiTatasche, gleich neben der Agenda, suchen hernach jedem zwei möglichst gleiche Schuhe in den jeweiligen Größen und schütten sich kurz vor Kollaps noch den ersehnten Liter Kaffee in den Rachen und schleppen Brut und Zubehör rennend gen verdächtig abfahrbereit aussehenden Bus. Kinder: Tempo 1.

Kinder spielen im Garten, weit entfernt von der heimischen Küche, in ebendieser naschen die Eltern heimlich Schokolade. Kinder: Tempo 2.

Beim Spaziergang beginn es wie aus Kübeln zu giessen, alle sind in wasserdichte Kleidung gehüllt, nur der begleitende Elternteil nicht. Kinder: Tempo 1.

Wie dem auch sei: Eigentlich wollte ich hier und heute gar nicht über kindliche Superkräfte jammern, sondern lediglich öffentlich festgehalten wissen, dass Kinderhaben besonders für exzessiv Ungeduldige (und alle andern) wahnwitzig hohe Anforderungen an die Selbstbeherrschung stellt. Nun, ich arbeite daran.

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Erziehung, Neulich

8 Antworten zu “Geduld und andere Widernatürlichkeiten

  1. shushansonnemond

    Hallo,
    was für ein schöner Artikel. Ein Lesevergnügen. Erstens, weil: man freut sich ja immer, „wenn es anderen Eltern auch so geht“ und zweitens, weil er ausgesprochen amüsant und „geschmeidig“ geschrieben ist. Dankeschön!

  2. solvisonne

    Liebe Frau Gminggmangg, ich liebe Sie!
    Kringelte mich wiehernd neben der Couch und konnte mich gar nicht mehr so richtig beruhigen. Geht mir aber des Öfteren mit Ihren Texten so. Mehr davon!
    Liebste Grüße

  3. Frau G., Sie verstehen es wie kaum eine Andere, dass man sich nach dem Lesen Ihrer Kostbarkeiten ein kleines Stückchen besser und weniger allein fühlt auf dieser Welt. *knickst*
    Von einer, die die Ungeduld erfunden hat und dabei weiss, dass sie ihr Umfeld damit in den Wahnsinn treibt.

  4. jpr

    Ich nehme die Warnung dankbar mit, wobei ich gerade hier in der Stadt so als befreiend wahrgenommen habe, dass es im allgemeinen eben sehr unaufgeregt ist. Bringt ja niemanden um, wenn der Mensch an der Supermarktkasse vor einem ein wenig laenger braucht und wenn man unterwegs Bekannte trifft, warum nicht stehenbleiben und schwatzen?

    Mich hat es auf jeden Fall mehr Gelassenheit gelehrt die letzten Jahre (aber an schlechten Tagen vermeide ich dann fast schon ueberhaupt noch jemandem zu begegnen). Herzlichen Dank fuer diesen wunderbaren Text.

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