Tagesarchiv: November 17, 2012

Weil ich darf.


Man stelle sich folgende Situation vor:

Voller Vorfreude auf die wohlverdiente Ruhestunde nach einem harten Arbeitstag, setze ich mich in der Bahn auf einen freien Platz. Einige Zeit später gesellt sich eine ältere Dame zu mir und sucht derart hartnäckig das Gespräch, jeglicher Widerstand zwecklos.

Dame: „Blablabla… Lebensgeschichte… Wollen Sie auch mal Kinder?“

Frau G.: „Ich habe schon zwei Kinder.“

Dame: „Aber Sie arbeiten! Das hätte ich nie gekonnt. Wo sind denn die Kinder dann?“

Frau G.: „In der KiTa, bei meiner Mutter oder, beispielsweise heute, bei meinem Mann.“

Dame: „Oh. Hoffentlich findet er bald wieder Arbeit. Wie oft MÜSSEN die Kinder denn in die KiTa?“

Ich erspare Ihnen den Rest und gehe heute auch nicht darauf ein, wie symptomatisch dieses Gespräch für die Situation teilzeitarbeitender Männer ist, im Grunde ist dies auch eine Konversation, wie ich sie schon zigfach geführt habe, mit einem Unterschied: Ich fühlte mich nie genötigt, auf Diskussionen rund um die Thematik arbeitender Mütter einzugehen, hegte kein Bedürfnis unser Modell gegen andere Lebensentwürfe zu verteidigen und selbst direkte, negativ kritisierende Aussagen (auch aus der weitreichenderen Familie) in Bezug auf unserer Kinder Wohl unter den Umständen meiner Arbeitstätigkeit beeinflussten mein Wohlbefinden nicht im Geringsten. Bis jetzt. Die kleinen implizierten Vorwürfe an mich als Mutter trafen mich erstmals und dafür um so heftiger. Doch was hatte sich verändert? Was macht mich urplötzlich empfänglich für derart unerwünschte und -befugte Kritik?

Tatsächlich bin ich erstmals seit meiner Mutterwerdung nicht mehr in gewohntem Masse überzeugt von der individuellen Richtigkeit unserer Arbeits- und Betreuungssituation. Dabei bereue ich niemals dass wir beide arbeiten, ich wäre höchst unausgelastet und unbefriedigt, hätte ich die Arbeit, inklusive sämtliche, nicht unanstrengenden Spagatübungen, nicht und auch Herr G. könnte sich hundertprozentiges Daheimsein nicht vorstellen, ebenfalls zweifle ich keineswegs daran, dass die Kinder, ob in der KiTa oder bei meiner Mutter, in unserer Abwesenheit liebevoll und bestmöglichst behütet werden. Vor unserer Reise kam es aber dazu, dass wir die KiTa-Tage angeben mussten, bevor wir unsere Stundenpläne hatten und es kam damit zu einer kolossal katastrophalen Fehlbelegung der KiTawochentage* und dazu, dass die Kinder nun an einem Tag die KiTa besuchen, an dem ich eigentlich zuhause wäre. Lehrer unter Ihnen werden rufen: „Hervorragend, Zeit um den Unterricht vorzubereiten!“ In der Theorie dachte ich das auch, ich hatte schlicht nicht vorhergesehen, wie sehr es mich emotional belasten würde, die Kinder an meinen „Freitagen“ abzugeben. Ich hadere also. Ich hadere innig.

Aber versuchen Sie mal zu dieser Thematik öffentlich zu jammern. Mitgefühl und konstruktive Vorschläge können Sie vergessen. „Du hast dich für dieses Modell entschieden.“, „Du musst ja nicht arbeiten gehen.“ und „Das hättet ihr euch vielleicht vorher überlegen müssen.“ – alles gehört. Und doch: Ich darf mich beklagen. Ebenso wie Eltern sich über schlaflose Nächte beklagen dürfen, obwohl sie sich fürs Kinderkriegen entschieden haben. Ich darf meinen Unmut bekunden, ohne meine Arbeit deswegen aufzugeben. Ebenso wie ich mich über darüber beklagen darf, wenn der Wasserkocher alle zwei Wochen entkalkt werden muss, ohne dass ich das Ding gleich wegwerfen muss.

Ich darf verdammt noch mal auch jammern!

Das wäre ja somit erledigt.

 

 

 

 

 

*Nein, das lässt sich nicht einfach so ändern, weder der KiTatag (scheitert an der Vollbelegung der verfügbaren Plätze), noch die Prozentzahl (scheitert an der Mindestanwesenheitspflicht von 40% (zwei Tagen)) und erst recht nicht durch einen KiTa-Wechsel (scheitert an Willen und Machbarkeit).

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