Tagesarchiv: Dezember 1, 2012

Ich schwöre. Ey. (1.Dezember)


Manche elterlichen Verhaltensweisen veranlassten mich in zartestem Alter und tiefster Überzeugung zu mit Leidenschaft formulierten, auf ewiglich unanfechtbaren Versprechungen, ja, heiligen Schwüren: Niemals nie wollte ich meine Kindern, welche ich ohnehin nie zu gebären hegte, diesem Leid aussetzen.

Niemals sollten meiner Kinder Gesichter je mit elterlicher Spucke geputzt werden, schwor ich, nur um mich Jahre später, nach überhastetem Aufbruch vom Frühstückstisch gen Bushaltestelle, dabei zu ertappen, wie ich Ypsilönchen mit Spucke die Kakaospuren von der Nase wische. Zu meiner Verteidigung ist anzumerken, dass Y sich hartnäckig geweigert hat mir auf den Daumen zu spucken, auf dass das frühstückbespurte Kind vor Elternspucke verschont bleibe, und auch Fremdspucke spuckspendewilliger Mitwartender schien mir aufgrund potentieller Virenbelastung keine zulässige Option, ich handelte also nur in bester Absicht.

Niemals wollte ich mich je vor meinen Kindern in einer kindesverständnisfernen Fremdsprache über Heimlichkeiten unterhalten, schwor ich, nur um Jahre später dringliche Botschaften bezüglich tobsuchtsanfallbegünstigender Themen auf Französisch zu übermitteln. Unschöne Szenen spielen sich ab, wenn dabei nicht beachtet wird, dass Berndeutsch nicht wenige französische Lehnwörter birgt, so beispielsweise Glace.

Niemals wollte ich meiner Kinder Namen je durch Übernamen verschandeln, bis ich der Versuchung einmalig erlag, Gesagtes hernach  so oft wiederholte, bis zur Gewohnheit wurde, was ich niemals zu tun gedachte. Nein, ich werde keineswegs verraten mit welchen Kosenamen ich meine Kinder strafe, aber lassen Sie mich festhalten: Ich könnte Äm und Y ebenso gut Sushi und Tortilla rufen.

Niemals wollte ich je derart stümperhaft vor den Kindern verheimlichend verbotene Substanzen konsumieren, dass selbst ein jähriges Kleinstkind nach kurzem Muttermund beschnuppern entrüstet „Schoggi!“ brüllt. Heimliches Naschen ist eine Kunst und sollte erst vor den Kindern praktiziert werden, wenn es beherrscht wird, was bedeutet dass sämtliche verdächtigen visuellen oder olfaktorischen Indizien rigoros beseitigt werden können.

Niemals wollte je ich meine Kinder scheinbar die Wahl lassen, um sie schlussendlich doch vermeintlich dezent in meine gewünschte Richtung zu beeinflussen. Dann stand ich mit Y vor dem Regal mit potentiellen Geschenken für ihre Sandkastenfreundin, liess ihr nach kurzem prüfenden Blick über das Sortiment grossspurig die alleinige Wahlvollmacht, um sie kurz darauf, erst mit suggestiven Bemerkungen, hernach auf Knien, dazu zu bewegen, etwas anderes, als die plastikene, orange-rosa Schmetterling-Pony-Kreuzung mit Weihnachtsliedgutsingzwang und repetitiven Manierismen in Form von lilahaarbemähntem Kopfnicken, zu wählen.

 

Ich gelobe Besserung. Wiedermal.

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