Tagesarchiv: Dezember 11, 2012

Briefe in Ketten (11.Dezember)


Ich hielt Kettenbriefe für ausgestorben. Das ist allerdings ein ziemlicher Irrglaube, wie sich herausstellen sollte, denn Y bekam gestern einen Kettenbrief. Ich konnte es erst kaum glauben und verbrachte die Sekunden nach Brieföffnung mit derart ausgiebigem Kopfschütteln, dass Herr G. beim Zusehen schon vor Unflätigkeiten gröberen Ausmasses ausging und Y, die darauf wartete, dass ihr endlich vorgelesen werde, meinte: „Weißt du Mama, vielleicht könntest du besser lesen, wenn du nicht so mit dem Kopf wackeln würdest.“ Nach dem ich die erste Ungläubigkeit überwunden und Fassung wieder erlangt hatte, las ich vor:

„ (…) Hallo Ypsilönchen, Ich möchte dir ein Spiel vorschlagen: Bitte deine Mama binnen acht Tage diesen Brief an Kinder zwischen 0 und 6 Jahren zu schicken. (…)“

Liebe/r Absender/in, ich danke Ihnen, Sie haben meine dreijährigen Tochter soeben nicht nur gelehrt, dass Briefeerhalten nicht zwingend vergnüglich sein muss, sondern ihr auch noch gleich die Postkategorie Spam konkret veranschaulicht haben, jetzt weiss ich zumindest worauf ich künftig bei der Erklärung dieses Wortes Bezug nehmen kann. Auch nett ist, dass Sie gleich vorneweg mich als Mutter ansprechen, Herr G. ist als unser aller und einziger Ernährer auch viel zu beschäftigt, um sich um derartige Banalitäten zu kümmern, wohingegen ich ja gewiss nichts Besseres zu tun habe.

„(…) BITTE WIRF DIESEN BRIEF NICHT WEG, ANSONSTEN HABEN SICH VIELE MÜTTER UMSONST BEMÜHT (…)“

Auch hier wieder: Ihre Nachsicht, werte/r Absender/in, ist unermesslich, wirklich lieb, dass Sie mein Kind nicht mit, wie ansonsten in Kettenbriefen üblich, dem Tod oder sonstigen Garstigkeiten drohen, sondern ihm nur grossgeschriebenen sozialen Druck auferlegen, bei Nichtweiterversendung Schuld an den vergeblichen Liebesmühn strebsamer Mütter zu sein.

„(…) Diese Spiel wurde von Erzieherinnen in Leben gerufen, um die Liebe zu Büchern zu wecken und Kontakte zu fördern. (…)“

Sehr gelungen, ich will jetzt nämlich die/den Absender/in nie mehr wiedersehen, der/die Absender/in grollt mir aufgrund meiner Weiterschickverweigerung und Y wird niemals lesen lernen, weil sie Bücher ewiglich mit dem schlechten Gewissen assoziiert, tausender Mütter Anstrengungen sinnlos gemacht zu haben.

 

 

 

Kettenlose Briefe sind allerdings stets willkommen. Nur zu!

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