Briefe in Ketten (11.Dezember)


Ich hielt Kettenbriefe für ausgestorben. Das ist allerdings ein ziemlicher Irrglaube, wie sich herausstellen sollte, denn Y bekam gestern einen Kettenbrief. Ich konnte es erst kaum glauben und verbrachte die Sekunden nach Brieföffnung mit derart ausgiebigem Kopfschütteln, dass Herr G. beim Zusehen schon vor Unflätigkeiten gröberen Ausmasses ausging und Y, die darauf wartete, dass ihr endlich vorgelesen werde, meinte: „Weißt du Mama, vielleicht könntest du besser lesen, wenn du nicht so mit dem Kopf wackeln würdest.“ Nach dem ich die erste Ungläubigkeit überwunden und Fassung wieder erlangt hatte, las ich vor:

„ (…) Hallo Ypsilönchen, Ich möchte dir ein Spiel vorschlagen: Bitte deine Mama binnen acht Tage diesen Brief an Kinder zwischen 0 und 6 Jahren zu schicken. (…)“

Liebe/r Absender/in, ich danke Ihnen, Sie haben meine dreijährigen Tochter soeben nicht nur gelehrt, dass Briefeerhalten nicht zwingend vergnüglich sein muss, sondern ihr auch noch gleich die Postkategorie Spam konkret veranschaulicht haben, jetzt weiss ich zumindest worauf ich künftig bei der Erklärung dieses Wortes Bezug nehmen kann. Auch nett ist, dass Sie gleich vorneweg mich als Mutter ansprechen, Herr G. ist als unser aller und einziger Ernährer auch viel zu beschäftigt, um sich um derartige Banalitäten zu kümmern, wohingegen ich ja gewiss nichts Besseres zu tun habe.

„(…) BITTE WIRF DIESEN BRIEF NICHT WEG, ANSONSTEN HABEN SICH VIELE MÜTTER UMSONST BEMÜHT (…)“

Auch hier wieder: Ihre Nachsicht, werte/r Absender/in, ist unermesslich, wirklich lieb, dass Sie mein Kind nicht mit, wie ansonsten in Kettenbriefen üblich, dem Tod oder sonstigen Garstigkeiten drohen, sondern ihm nur grossgeschriebenen sozialen Druck auferlegen, bei Nichtweiterversendung Schuld an den vergeblichen Liebesmühn strebsamer Mütter zu sein.

„(…) Diese Spiel wurde von Erzieherinnen in Leben gerufen, um die Liebe zu Büchern zu wecken und Kontakte zu fördern. (…)“

Sehr gelungen, ich will jetzt nämlich die/den Absender/in nie mehr wiedersehen, der/die Absender/in grollt mir aufgrund meiner Weiterschickverweigerung und Y wird niemals lesen lernen, weil sie Bücher ewiglich mit dem schlechten Gewissen assoziiert, tausender Mütter Anstrengungen sinnlos gemacht zu haben.

 

 

 

Kettenlose Briefe sind allerdings stets willkommen. Nur zu!

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Neulich, Ypsilönchen

8 Antworten zu “Briefe in Ketten (11.Dezember)

  1. jpr

    Am besten, wenn sie Buechersendungen beiliegen, die kettenlosen Briefe?
    (Ab davon: Sie nehmen es doch super als flexible Anschauung in Lebenserfahrung und Sozialkompetenz. Moral der Geschichte: auch bei Bekannten fragt man sich manchmal…)

  2. Und wie soll ein Kettenbrief die Liebe zu Büchern wecken?

  3. Christine

    Wenn es der ist, den mein Sohn im zarten Alter von 1 1/2 Jahren bekam, soll man Pixi-Bücher an die drölfzig Adressen vorher senden, um anschließend selbst von einer Schwemme heimgesucht zu werden. Ich bösartige Mutter habe als Spielverderberin par excellance statt nur ’nichts‘ zu machen Postkarten an unsere eigentlichen Empfängerkinder geschickt, dass Kettenbriefe (in D) verboten sind und dass mein Sohn drum nicht teilnimmt. Habe aber die Vermutung, diese wurden nicht vorgelesen, Mami wird sich sicher ungern als illegal darstellen wollen. Am meisten hat mich damals tatsächlich geärgert, dass eine Andere meine Adresse von einer MutterKindVeranstaltungsAdressliste dafür geraubt hat und Sie samt Kindernamen in ihrem zweifelhaften Bekanntenkreis schneeballmäßig verbreitet.

  4. mammasusanna

    Haben diesen Brief nun schon 2x erhalten – was denken sich die Leute dabei, den weiterzuschicken? Und wo eigentlich ist der Zweck dieser Briefe? Wer profitiert? Wer initiiert das? Die Post? (Da sähe ich immerhin den Zweck, wegen der fränkli…) Jedenfalls guck ich momentan immer in die Breife rein, welche der Bub kriegt, bevor ich losjuble, schau! hast! Post!!
    Doof, solches!

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