Dafürer als dagegen. (19.Dezember)


Journelles und ihrem Artikel „Ich bin dafür“ ist es zuzuschreiben, dass ich mir in den letzten Tagen dafür Gedanken machen musste. Und auch dagegen dachte ich.

Ich war früher, in der dafür vorgesehenen Zeit, ziemlich grundsätzlich dagegen und zelebrierte diese Haltung mit Innigkeit. Das war damals auch OK, wie gesagt, ich habe diese Phase passgenau im dafür vorgesehenen Zeitfenster hinter mich gebracht. Und doch hange ich immer noch ein wenig am Gefühl der früheren Oppositionalität, ja, vermisse sie gar ein wenig. Heute bin ich manchmal fast zu dafür, oder in jedem Falle dafürer als früher. Und je dafürer ich bin, desto entscheidungsbehinderter werde ich. Völlig klar, denn das Feld willkommener Optionen wächst diametral zur Dagegenheit. So schön Offenheit und ein weiter Blick auch ist, für eine entscheidungsminderbegabte Person, wie ich es bin, wäre es vorteilig etwas dagegener zu sein. Es beginnt bei Banalitäten, etwa bei der Wahl der Kleiderfarbe. Schwarz, allerhöchstens noch rot musste es einst sein. Blau? Dagegen. Grün? Dagegen. Gelb? Extremdagegen. Rosa? Enormdagegen. Usw. Etwas später wurde ich etwas undagegener und akzeptierte diverse Kleidungsfarben. Nur etwa Rosa oder Pink durfte es niemals sein. Heute trage ich rosa Blümchenstoffturnschuhe, alles ist möglich, ausser Entscheidungen binnen nützlicher Frist.

Dafür.

Dafür.

Ich bin für mehr Dagegen.

(Wofür ich genauer immerdar sein werde, erfahren Sie dafür morgen.)

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10 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich, Vom Sollen und Tun

10 Antworten zu “Dafürer als dagegen. (19.Dezember)

  1. jpr

    Dafuerer sein macht das Leben bunter. Wenn das nicht eine Nachricht ist, die man der Welt auf den Weg geben sollte, dann weiss ich auch nicht. „Mehr positiv“ (oder eben, einfach mal mehr dafuerer sein, als dagegen) finde ich aber auch ein gutes Motto, dass ich in letzter Zeit zu bedienen suche. Meist wird es so dann auch bunter.

    (Und wenn Ihnen die Argumente auf den Seiten eines Entscheids gleich wiegen und das hadern den Verzug bedeutet: bestimmt gibt es fuer Ihr Telefon eine Muenzwurf-App, die das dann flott fuer Sie erledigen kann).

  2. Y wird schon bald, sehr bald eine kompetente Sparringpartnerin für ihr tägliches Dagegenseinstrainig benötigen. Ziehen Sie sich also warm an und trainieren schon ein Bisschen.

  3. Dagegensein allein bringts nicht. Man muß auf Dauer schon was haben, wofür man ist – sonst ist man ja ganz und gar abhängig von dem, wogegen man ist. Was ist eine Anti-Atomkraft-Bewegung ohne Atomkraft? Und die Antifa ohne Neonazis? Eben.
    Und deshalb frage ich eigentlich jeden, der gegen irgendwas auftritt, was er denn für Alternativen vorschlägt und wofür er steht. Das hilft auch, nicht immer das Negative zu sehen, sondern den positiven Nutzen. Und halte es mit der Maxime „niemandem schaden und in diesem Rahmen jeden sein lassen, wie er will“.
    Für innerstädtische Flughäfen, wie Frau Journelle, bin ich trotzdem nicht – nicht, bis die Flugzeuge abgasarm und lärmfrei sind, denn beides schadet der Gesundheit nicht nur unserer Kinder.

    • Alternativen sind gut, ohne Frage, aber es gibt meines Erachtens schon auch Dinge, gegen die man sein kann, ohne dass es Alternativen bedarf. Das sind allerdings die alleroffensichtlichsten Dinge wie gesetzliche Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare, bei der es eben keine Alternative als die Nicht-Diskriminierung gibt, was wiederum in Ihrem Sinne keine echte Alternative sein kann, weil ansonsten Ihre Fragen hinfällig würden, da die Alternativen ebensogut immer die Nichtexistenz ungewollter Subjekte sein könnten.

      • Ist es eine Diskriminierung, daß in Frankreich Studentenkarten für die Bahn nur an unter 26jährige ausgegeben werden? Sind Seniorenkarten und Behindertenparkplätze Diskriminierung? Ja, sind sie. Und besonders diskriminierend finde ich, wenn ich fünf Euro die Stunde für einen Parkplatz bezahlen muß, und sollte ich über eine Stunde bleiben, kriege ich 45 Euro Strafe aufgebrummt – aber der Behindertenparkplatz ist kostenlos, und da parkt einer, der nicht mal ne Gehhilfe hat – aber den blauen Schein. Stundenlang. Kostenlos. Was ist mit „Mutter-Kind-Parkplätzen“, die ich nicht benutzen darf, wenn ich mit zwei Kindern unter drei einkaufen gehe?
        Aber Diskriminieren gehört zur Gesellschaft, und es muß sogar so sein. Denn was ist die Alternative? Da empfehle ich mal Aldous Huxley zu lesen – oder zu sehen, was Pol Pot veranstaltet hat. Im Detail kann und muß immer nachgebessert und überprüft werden, aber wenn es nicht mehr erlaubt ist, Behinderten einen Platz im Bus zu reservieren und ihnen besonders breite Parkplätze zur Verfügung zu stellen, wenn es nicht mehr erlaubt ist, an bestimmten Stellen bestimmte Leute unter bestimmten Bedingungen anders zu unterstützen als andere – dann fällt die Gesellschaft zusammen.
        Ist es Diskriminierung, daß mancher 20jährige vor deutschen Gerichten nach Jugendstrafrecht behandelt wird, und mancher andere nach Erwachsenenstrafrecht? Nein, denn es bedeutet, daß jeder nach dem Recht behandelt wird, das seinem persönlichen Einsichtsvermögen entspricht.

        Wenn „nein zur Diskriminierung“ bedeutet, „ja zur Gleichberechtigung“ – dann stehe ich dafür. Für die Gleichberechtigung. Wenn es aber bedeuten sollte, alle über einen Kamm zu scheren oder im Gegenteil sämtliche gesetzlichen Regulationsmöglichkeiten abzuschaffen, dann: nein. Denn das widerspräche der Grundregel „niemandem schaden“.

        • Gleichberechtigung heisst vergleichbare Voraussetzungen schaffen. Das heisst eben manchmal auch, dass die Wege zu einem Ziel für alle vergleichbar anstrengend sein soll, was wiederum heisst, das mancherorts abgekürzt und mancherorts ein Umweg eingebaut wird.

        • Dann kommts jetzt aber darauf an, was das wahre Ziel ist. Wenn das Ziel ist, kostenfrei in der Stadt parken zu können, das ist mir verwehrt, aber dem Opa von gegenüber, der immer seine dreistündigen Spaziergänge macht, nicht: er hat den blauen Schein mit dem weißen Rolli drauf.
          Da werde ich also diskriminiert und er bevorzugt. Wenn es darum geht, daß ich zehn Minuten Fußweg aushalten kann, die Omi mit Rollator aber nicht – dann ist der kostenfreie Parkplatz für Omi keine Diskriminierung. Wohl aber der blaue Schein vom genannten Opa, der keinen bräuchte.
          Und fraglich wird es erst recht, wenn Menschen zum Objekt eines Ziels werden – weshalb ich beispielsweise verweigere, von „Adoptionsrecht“ zu sprechen, ich spreche von Adoptionsgesetzgebung. Weil kein Mensch ein Recht auf einen anderen Menschen erwerben kann, und sei er minderjährig.

  4. herrlich! … einfach … *kicher* herrlich ;)

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