Das Kreuz mit der Alleinzeit


Ich war immer gern oft allein. Heute bin ich es nicht mehr, also gern schon, nur oft nicht. Das ist mit der Mutterwerdung passiert. Mutterwerdung frisst Alleinzeit. Mutterwerdung hat massig Appetit auf Alleinzeit. Wenn ich heute alleine bin, dann meist auf Arbeitswegen, wobei ich hierbei auch von Menschen umgeben bin, denen ich allerdings in aller Regel und nach Möglichkeit keinen Zutritt in meinen Wahrnehmungsradius gewähre. Von unbefugtem Betreten besagten Radius’ rate ich eindringlich ab, es sei denn der Vorstoss erfolgt mit suizidalen Absichten oder in Begleitung eines abzugebenden Kaffees. Aber das Gewaltpräventionspotential von Kaffee habe ich ja schon andernorts erörtert. Für die Arbeitswegalleinzeit mache ich keine Pläne, ich nehme was kommt, ich lese, wenn mir danach ist, oder bereite den Unterricht vor, höre Musik, starre, schreibe, wie in diesem Moment, und manchmal lasse ich mich gar von Gesprächen mich umgebender Mitreisender inspirieren. Letzteres will mir heute nicht so richtig gelingen, auch wenn der Armeeuniformierte im Abteil neben mir, in offensichtlich politischen Rekrutierungsabsichten auf seinen jüngeren Gefährten einredet und dabei in äusserst beeindruckender Weise Klischee um Klischee zu einem beeindruckenden Phrasenturm stapelt. Nein, an die Reisealleinzeit habe ich wahrlich keine Ansprüche, ich nehme was ich bekomme und freue mich über überraschend produktive Phasen.

Ganz anders, wenn ich Alleinzeit daheim habe. Diese Stunden werden mit peinlichster Genauigkeit durchgeplant. Um keine Sekunde mit dem Planen der kostbaren Minuten zu verlieren, existiert in meinem Arbeitsschrank ein Fach mit der Aufschrift „Optionale Alleinstundenvorbereitung“, darin liegen mit Kreuzkästchen versehene Listen die nach Kreuzen lechzen.

Vor Alleinstundendurchführung sehen besagte Listen etwa so aus:

(sie sehen hier eine Vorlage für ein 90Minutenalleinzeitfenster)

Zeit Tätigkeit X
10’ Arbeitstisch aufräumen  
10’ Zahlungen tätigen  
5’ Unterlagen für Steuererklärung zusammensuchen  
15’ Mit dem Ausfüllen der Steuererklärung beginnen  
3’ Per Telefon einen Zahnarzttermin vereinbaren  
2’ Pinkelpause  
10’ Mails beantworten  
5’ Elternbrief verfassen  
5’ Desktop aufräumen  
10’ Schreiben  
15’ Gammelzeit  

Nach Alleinstundendurchführung sehen besagte Listen etwa so aus:

(sie sehen hier eine Vorlage für ein 90Minutenalleinzeitfenster)

Zeit Tätigkeit X
10’ Arbeitstisch aufräumen  
10’ Zahlungen tätigen  
5’ Unterlagen für Steuererklärung zusammensuchen  
15’ Mit dem Ausfüllen der Steuererklärung beginnen  
3’ Per Telefon einen Zahnarzttermin vereinbaren  
2’ Pinkelpause  X
10’ Mails beantworten  
5’ Elternbrief verfassen  
5’ Desktop aufräumen  
10’ Schreiben  
15’ Gammelzeit  

Genau. Gleich.

Und so sähe besagte Liste aus, würde darauf stehen, was ich tatsächlich mache:

(sie sehen hier eine Vorlage für ein 90Minutenalleinzeitfenster)

Zeit Tätigkeit X
1’ Arbeitstischplatte freilegen  X
15’ Kaffe brühen und trinken  X
5’ Rechnungsbriefumschläge von Aussen ansehen, beschnuppern, belecken, betasten, Dicke erahnen, weglegen  X
20’ Suche für Unterlagen für Steuererklärung starten, alte Tagebücher finden, lesen  X
90’ Mit dem Ausfüllen der Steuererklärung nicht beginnen  
2’ Zahnarztnummer wählen, Besetztzeichen hören, meine Schuldigkeit getan haben  X
2’ Pinkelpause  X
5’ Kaffee trinken  X
5’ Zu beantwortende Mails lesen, nicht beantworten  X
20’ Elternbrief verfassen und mit unterhaltenden Illustrationen versehen  X
5’ Desktop aufräumen  X
10’ Ans Schreiben denken  X
0’ Gammelzeit, Entrüstung ob der Tatsache, dass gar keine Zeit für mich bleibt  X

 

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11 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich, Vom Sollen und Tun, Zügiges

11 Antworten zu “Das Kreuz mit der Alleinzeit

  1. Hahaa! Wollte ich auch gerade sagen:

    Warst Du bei mir zu Hause? :-D

    Und ja: ich stehe alleine sogar mal ganz freiwillig ein bisschen länger an der Kasse, weil ich da einfach NUR stehen muss, ohne etwas zu tun.

  2. Ich bin auch eine von denen, die gerne alleine ist (so viele Menschen scheinen das nicht zu sein, wenn ich mich in meinem Bekannten- und Freundeskreis umschaue). Die Alleinzeit brauche ich, um mich in Gesellschaft von anderen wohlfühlen zu können, das Verhältnis muss ausgewogen sein. Und als Mutter ist das sehr schwierig, zumal als Alleinerziehende.

    Meine Alleinzeit ist werktags von 8-16:30, wenn die Kinder „versorgt“ sind. Ich liebe diese „freie Zeit“, in der ich arbeite, einkaufe, den Zahnarzt nicht anrufe, weil besetzt ist, und einfach flexibel bin. Alleinzeit kann auch Zeit im Büro sein, finde ich, sogar im Grossraumbüro, wenn man dort in Ruhe arbeiten kann (seitdem ich Mutter bin, kein Problem mehr – das Grossraumbüro kam mir vor wie Urlaub nach der ersten Zeit mit Säugling) :).

    Ich merke gerade, darüber könnte ich viel schreiben. Will dich hier aber nicht zutexten und leihe mir das Thema eventuell für demnächst in meinem Blog aus. Gute Inspiration, vielen Dank!

    Herzlichen Gruss, Christine

    • Wohl wahr, Unterrichtsvorbereitungen fühlen sich auch an wie Alleinzeit, nicht aber die praktische Arbeit, selbstredend. In jedem Falle freue ich mich auf den eventuellen Artikel zum Thema.

  3. mammasusanna

    Lustig, hab letztes grad ein poem über dieses verlorene Alleinsein geschrieben:

    Von unten her
    läuten die Glocken.
    Drinnen
    kreischt das Kind.
    Samstag um fünf,
    wie schön war diese Uhrzeit,
    früher,
    in der kleinen Wohnung,
    mit dem Buch in der Hand.

    (Wenn mich wer fragt, was mir am meisten fehlt, jetzt mit den Kindern, ist es eindeutig diese viele Zeit für mich. Tja… Dafür ist es jetzt lustiger.)

  4. Ketine

    Oo, wie habe ich gerade lauthals gelacht, blos gut, dass ich grad ALLEIN bin ;-) ich dächte, es wäre wer in meine Gedanken eingedrungen und hätte sie ungefiltert niedergeschrieben!?!
    Vielen Dank auch, denn nun kann ich meine ALLEIN Zeit intensiv mit anderen wichtigen Dingen verbringen.
    Herzlichstes Grüssle Keti

  5. Ponder

    Trotz Kind haben wir eigentlich noch genug „Allein-Zeit“ – wir stehen da nämlich beide voll drauf. Der Junior ist um schulbedingt spätestens um 20:00 Uhr im Bett und schläft spätestens um 20:30 Uhr – das sind mindestens zwei Stunden Freizeit am Abend, die wir entweder gemeinsam oder allein verbringen. Ich denke, das wird mit steigendem Nachwuchs-Alter immer mehr freie Zeit.

    Das mit der Alleinzeit-Planung sieht aber genauso aus, nur fülle ich vorher keine Zettel aus *leise kichernd ab*

    Es grüßt,

    der Ponder

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