AAaA, wie Aufklärung.


Es gibt da etwas, worüber ich heute gerne sprechen würde. Es belastet mich ungemein, raubt Schlaf und ruhige Minuten und die fehlende Existenz von patenten Selbsthilfegruppen macht die Sache auch nicht eben einfacher. Ich bin Frau Gminggmangg und ich habe ein Problem, denn eigentlich würde ich zu den anonymen Abnützungsasymmetrie Aversionistinnen (kurz AAaA) gehören, aber es gibt sie nicht, diese Gruppe, ich bin allein. Ich werde sehr asymmetrisch abgenützt und kann nicht damit umgehen. Natürlich werden Sie jetzt milde lächeln, vielleicht sogar den Kopf schütteln, in diesem Falle ist Ihnen nicht klar, wie weitreichend die Konsequenzen einer derart gearteten Aversion sind, wieviele Bereiche des alltäglichen Lebens potentiell asymmetrische Abnützung zur Folge haben. Ja, denn die hier angetönte, versuchte Vermeidung einseitiger Verlegenheit, die verlangt, dass mit der Belastung der dem Kinde abgewandten Gesichtshälfte in den Schlaf gestartet wird, weil die jeweils andere Gesichtshälfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei Ersterwachen des Kindes  im Verlaufe der Nacht Abnutzung erleiden wird, ist nur die harmlose, mindestens partiell berechenbare Spitze des  Abnützungsasymmetrieeisbergs. Betroffene von Aversionen gegenüber asymmetrischer Abnützung bewegen sich alltäglich in einem Minenfeld potentiell stressverursachender Situationen in mannigfaltigen Intensitätsstufen. Angefangen bei Tätigkeiten, die relativ wirksame abnützungssymmetriebegünstigende Vorgehensweisen erlauben, wie dem Essen. Wenn wir einen hypothetischen Teller mit, sagen wir mal, Reis, Fischstäbchen, Spinat und Salat vor uns haben, ist es ja wirklich ein Leichtes beidzahnseitig gleichverteilt zu kauen. Alles was es dafür braucht, ist die Fähigkeit jede Speise in ungefähr gleich grosse Gabelportionen in einer geraden Anzahl einzuteilen, selbstredend, dass eine Gabel Fischstäbchen rein zahnabnützungstechnisch nicht mit einer Gabel Spinat zu vergleichen ist und deswegen ein Abnützungsausgleich nur mit derselben Menge derselben Speise geschaffen werden kann. (Für Abnützungssymmetriegleichgültige und andere Unverständige zur Veranschaulichung: Spinatgabel1, rechtsseitig kauen, 1, 2, 3. Spinatgabel2, linksseitig kauen, 1, 2, 3. Fischstäbchengabel1, rechtsseitig kauen, 1, 2, 3, 4, 5. Fischstäbchengabel2, linksseitig kauen, 1, 2, 3, 4, 5.) Wie gesagt, völlig unkompliziert und doch wirkungsvoll.

Es gibt allerdings Tätigkeiten und Gegebenheiten deren Abnützungsasymmetriepotential nicht so einfach gemildert oder gar umgangen werden kann, weil innere, äussere oder kombinierte Umstände genau dies verhindern. In Bezug auf die inneren, symmetriehinderlichen Umstände, denke man nur an das konsequent rechtsseitige  Tragen von Taschen, eine höchst asymmetrische Tätigkeit, die beispielsweise ich aber dem Tragen von Rucksäcken so sehr vorziehe, dass ich dafür sogar eine Taschenskoliose in Kauf nehme und erst recht physische Leiden, wie die, die durch asymmetrische Körperabnützung entstehen. „Dann ist das doch alles nicht so schlimm!“ könnte der Unbedarfte nun einwerfen, nichtsahnend wie unrecht er hat. „Es ist DENNOCH schlimm, denn es belastet mich! Verdammt noch mal!“ würde ich einwerfen „Und kommt mir jetzt nicht mit Ausgleich durch linkslastige Tätigkeiten oder Seitenwechsel in der Lebenshälfte, wie der ansonsten geschätzte @hb-dragons das getan hat!“ Erstens: NEIN, die genaue Körperabnutzungssymmetrie würde nur mit linksseitigem Taschentragen wieder hergestellt, was ich nicht kann, weil ich nicht kann. Zweitens: NEIN, ich kann in der Lebensmitte nicht nachholen, was ich einseitig verpasst habe, weil ich nicht weiss, wann die Lebensmitte ist und weil sich meine Körperdimensionen und damit die Druckverhältnisse bei Belastungen, beispielsweise beim Liegen, erheblich ändern.

Als Beispiel für die äusseren, symmetriehinderlichen Umstände möchte ich das, meinerseits ohnehin verpönte, Händeschütteln oder die unsäglichen DREI Küsse auf die Wangen nennen. Wie soll ich, Himmel noch mal, auch nur annähernd Körperabnutzungssymmetrie erlangen, wenn Sie immer nur die schnöde rechte Hand verlangen? Wissen Sie eigentlich wie verdammt viel abgenutzter meine Rechte ist? Ihretwegen?! Auf die DREI Küsse muss ich wohl gar nicht mehr eingehen. „Dann wehren Sie sich doch!“ werden Sie nun sagen. „Wehren Sie sich mal, wenn Ihre Hand schon ergriffen, bevor Sie überhaupt mit Denken angefangen haben!“ würde ich erwidern und überhaupt, wie stellen Sie sich „Wehren“ vor? Schlagen? Auch nicht eben einfach, mit beiden Händen gleichzeitig, gleich feste zuzuschlagen. Und wohin? Für absolute Symmetrie müssten vergleichbare Schlagunterlagen zugegen sein und Sie sind doch schon alle so asymmetrisch abgenützt! Himmel noch mal!

Was ich sagen will: Ich möchte hier und heute Aufklärungsarbeit leisten und habe hiermit fertig.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich

8 Antworten zu “AAaA, wie Aufklärung.

  1. jpr

    Werte Frau Gminggmangg, wie gut, dass zumindest Sie augenöffnend der Welt zeigen, was man sonst allzuleicht ignoriert. Man möchte direkt eine Verschwörung der Kosmetikchirurgie vermuten („zurück zu Ihrem beidseitig ausgeglichenen Selbst in nur fünf Schnitten“), die endlich eine Verwendung für das in den zahllosen Fettabsaugungen anfallende Material entdeckt hat. Um so perfider die zahllosen gesellschaftlichen Begünstigungen einseitiger Abnutzung („links gehen – rechts stehen“ auf Rolltreppen, Türen mit Griffen, die nur für eine Hand ausreichen, Telefone, die man nur an ein Ohr halten kann – die Beispiele sind endlos).
    Aber zumindest beim Essen können wir sie alle überlisten: Spaghetti lassen sich einzeln mittig und somit absolut symmetrisch einsaugen, was nicht nur der Abnutzungsmafia ein Schnippchen schlägt, sondern gleichzeitig auch zum immer empfohlenen Slow-Food führt.

    In diesem Sinne: mein Name ist Herr jpr und ich habe ein Problem.

  2. Zumindest gegen die asymmetrische Abnützung der rechten Hand beim gesellschaftlichen Zwang des Händeschüttelns habe ich schon als kleines Kind ein potentes Gegenmittel erfunden, indem ich – selbstverständlich nur aus diesem Grunde – beschloss, deswegen nur noch links zu schreiben. Clever, was?!

    • Liebe Änni, das bringt doch rein gar nichts, denn der Abnutzungseffekt von Begrüssungen per rechten Handschlaf lässt sich überhaupt nicht mit dem Abnutzungseffekt beim Stiftehalten vergleichen, überhaupt nicht. Asymmetrie!

  3. Quetschperle

    Du bist nicht allein!
    Auch ich sehe mich als Mitglied der anonymen Abnützungsasymmetrie Aversionistinnen. Abgesehen vom Taschentragen leide ich besonders unter u-förmig bestuhlten Schulungsräumen (minimal selbstverschuldet, da ich trotz daraus erfolgender Wirbelsäulenasymetrie die Seitenplätze nach wie vor denjenigen in der hinteren Reihe, den Argusaugen des/der Dozierenden ausgesetzten, vorziehe) und Zugfahren (grundsätzlich rückwärts und am Fenster, ein Bein auf der Fussablage an der Seitenwand. Bei mässig bis gut besetzten Zügen sind Platzwechsel nach halber Fahrdistanz eher schwer und kaum ohne grosses Aufsehen umsetzbar. „Entschuldigen Sie, dürfte ich mit Ihnen den Platz tauschen? Wissen Sie, ich leide an akuter Abnützungsasymetrie.“).
    Ausserdem: Smartphone-Bedienung, Zähneputzen, Trinken aus Weingläsern.

    • anna

      /Ihr/ seid nicht allein!

      In einem pubertätsbedingten akuten AaA-Schub habe ich das Armbanduhrtragen aufgegeben. Und die dreizehn Treppenstufen in meinem Elternhaus bringe ich nach wie vor links-rechts-links-rechts-links-rechts-links-rechts-links-rechts-links-rechts-Beidbeinsprung hinter mich (respektive rechts-links-rechts-…). Störend ist hierbei dennoch, dass es sich um eine Wendeltreppe handelt.

      Beim E-Piano die Tastenbelegung zu spiegeln um die linke Hand in den Genuss der Melodiestimme zu bringen und der rechten eine hübsche Basslinie zu verschaffen habe ich weitgehend aufgeben — akustische Instrumente sind einfach schöner. Vermutlich gehöre ich doch nicht so ganz dazu…

  4. Pingback: Engagagement | Gminggmangg

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