Montagmorgen


Morgen ist Montag. Das werden die Allermeisten wissen, trotzdem halte ich es für möglich, dass Individuen existieren, die mit einem unverhältnismässig ausgeprägten Mangel an Zeitgefühl gestraft sind. Ihnen möchte ich hier die Möglichkeit zur Orientierung  in der Woche bieten, denn dass Montagmorgen ist, lässt sich auch feststellen, wenn gerade kein Kalender zur Hand ist.

Hier also, die Erkennungsmerkmale eines Montagmorgens:

Prämontagmorgendlich

  • Sie beschliessen ihr wahnsinnig spannendes Buch nicht auszulesen, sondern packen in weiser Voraussicht Ihre Arbeitstasche und begeben sich zu Bett. Dort wälzen Sie sich, weil Sie noch gar nicht müde sind.
  • Sie stehen wieder auf, lesen doch noch weiter. Nach zwei Zeilen weint eins Ihrer Kinder, es kann nur wieder einschlafen, wenn Sie ihm auf 34,5° temperiertem, 145 mal umgerührtes Wasser, aus dem einen rosa Becher, der noch draussen beim Sandkasten steht servieren. Sollten Sie keine Kinder haben, muss Ihr durchfallgeplagter Hund raus, rein, raus, rein, raus, rein oder Ihre Katze kotzt gekonnt und grosszügig in 70% der wohniglichen Ecken.
  • Wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, stellen Sie mit einem Blick auf die Uhr fest, dass Sie sich langsam beeilen sollten, wenn Sie noch vor 24:00 im Bett liegen wollen. Beim Bestreben genau dies zu tun, fällt Ihr Blick auf die gepackte Arbeitstasche, die Sie beim Versuch dem Kinde schnellstmöglich sein Wasser zu bringen grosszügig gewässert haben. Sollte Sie keine Kinder haben, wars der durchfallgeplagte Hund oder die kotzende Katze. In jedem Falle werden Sie die Tasche ausräumen und die Tasche trockenen müssen.
  • Danach gehen sie zu Bett. Dort wälzen Sie sich, schlafen aber ein.

Perimontagmorgendlich

  • Minuten später jammert das zweite Kind und schläft erst wieder ein, nach dem Sie es, selber in unnatürlicher Position liegend, zu sich genommen haben.
  • Dann bemerken Sie Ihre volle Blase. Sie versuchen sich zu befreien, aber bei jedem Versuch beginnt das Kind unruhig zu jammern. Sie geben auf und versuchen mit voller Blase zu schlafen.
  • Immer wieder dösen sie für fünf Minuten weg, um sogleich aus erschrocken aus irgendwelchen Pinkelträumen hochzuschrecken. Irgendwann schaffen Sie es sich zu befreien. Für einige, kurze schlafmangeldelirische Minuten überlegen Sie sich ernsthaft, ob sie die Houdinireinkarnation sind und begeben sich  hernach gen Klo um des Blasenproblems Herr/in zu werden.
  • Beim Rückweg gen Bett bemerken Sie, dass Ihnen nur noch zwei Stunden Schlaf bleibt. Sie überlegen kurz, ob sich das überhaupt noch lohnt. Sie legen sich trotzdem hin und schlafen sofort, diesmal richtig tief ein.
  • Sie sind so tief eingeschlafen, dass Sie die ersten beiden Weckerklingeln überhören und haben nun noch genau fünf Minuten von Bett zu Bus.
  • Die fünf Minuten brauchen Sie um sich in die erstbeste kinderrotze-, katzenkotze- und/oder hundehaufenbeschmierte Jeans und über Kindes Legohaus zu stürzen, die Tasche mit den wichtigen 50% des grossflächig verteilten Inhalts zu füllen und den Bus zu erreichen, Haare, Mantel und Hose noch offen.
  • Im Bus versuchen Sie sich zu ordnen und bemerken, dass es Ihr Portemonnaie nicht zu den vermeindlich wichtigen 50% Tascheninhalt geschafft hat. Die verwahrlost aussehende Person neben ihnen öffnet ihr gut geschütteltes Bier und bereichert Ihre Hose um einen weiteren grosszügigen Fleck. Nach dem sich der Frühbiertrinker leicht angewidert kopfschüttelnd umgesetzt hat, weil Sie Ihren Hosenstall erst nach langem Werkeln im Intimbereich zu schliessen vermögen, gelingt es Ihnen zumindest den Mantel zu schliessen.
  • Nach Durchsuchung all Ihrer Taschen finden Sie genügen Kleingeld für einen Kaffee und steuern, nach Ankunft am Hauptbahnhof, sofort den Kaffeeitaliener Ihres Vertrauens an, setzten Ihre Ellbögen gezielt und zeitgewinnbringend ein und bestellen schliesslich einen doppelten Espresso. Beim Überreichen des Geldes, fällt das Fünfrappenstück in den Nachbarskaffee, dessen Besitzer sofort lautstark nach bezahltem Ersatz verlangt.
  • Sie werfen die Restmünzen auch noch in den Nachbarskaffee, erlangen dank Wut und anschliessendem Spurt einen Adrenalinpegel der der Wirkung des Kaffees nahe kommt und erwischen den Zug, gerade noch rechtzeitig.
  • Sie finden einen Platz und endlich Zeit die diversen Stadien des Trauerns um den Kaffeeverlust zu durchleben.
  • Neben Ihnen sitzt ein Teenager mit, der Lautstärke eingestöpselter Musik nach zu beurteilen, massiver Hörbehinderung. Er öffnet sein Rödbüll, Sie fühlen sich olfaktorisch belästigt und bemerken, dass Sie sich auf einen Kaugummi gesetzt haben.
  • Nach dem sich Ihr pubertierender Sitznachbar leicht angewidert kopfschüttelnd umgesetzt hat, weil Sie den Rest der Fahrt mit Kaugummiablösungsarbeiten an Ihrem Hintern kratzend verbringen, bemerken Sie, nach Agendakonsultation, dass am Abend ein Elterngespräch ansteht.
  • Am Arbeitsort angelangt, beginnt es zu regnen, das stört Sie nicht, denn Sie hoffen, dass die Nässe katharsisch auf Ihre Hose wirkt.
  • Sie arbeiten an und mit Ihren hauchdünnen Nerven und versuchen Tote zu vermeiden, was hilft, ist der Kaffee, der schmeckt, auch wenn Sie nur den Spühldurchgang erwischt haben.
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5 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich

5 Antworten zu “Montagmorgen

  1. Das ist die beste Montagmorgen-Tatsachenbeschreibung, derer ich je ansichtig geworden bin! Danke! :D

  2. jpr

    Dank normalerweise kurzen Arbeitswegs bleiben mir die meisten Einordnungspunkte leider verborgen, ich werde aber sofort beginnen, nach entsprechend wirkenden Personen Ausschau zu halten. Ich entnehme Ihren Schilderungen, dass man ausser reichlicher unaufgeforderter Kaffee-Gabe vermutlich nur alle weiteren kleidungstechnischen Kalamitaeten ignorieren kann, sollte man helfen wollen?

    PS. Sollten Sie nicht einfach die wichtigsten Dinge schon beim Busfahrer deponieren, und damit die gefuellte Tasche im Bus uebernehmen koennen? Waere doch eigentlich ein sehr praktischer Service.

    • Kaffee ist DIE Hilfestellung, da haben Sie recht. Kaffee ist grundsätzlich die Antwort auf alle Fragen des Lebens.
      Was das Taschendeponieren beim Busfahrer angelangt, wäre in der Theorie eine wirklich gute Methode der Sicherstellung aller benötigten Materie, leider müsste ich mir aber all die mitgeschleppten computerartigen Geräte doppelt beschaffen, die Stunden gefühlter Nacktheit wären denkbar schlechte Voraussetzung für einen gelungenen Wochenstart.

  3. Ich liebe deine Blogeinträge. Auch wenn es nun bald auf den Dienstag zugeht, bin ich jetzt hellwach obgleich ich mich den ganzen Tag auf’s Bett gefreut habe. Wenn ich gleich das Licht ausmache und einschlafe, wird das Kind zu mir müssen, und ja, ich werde Pinkelträume aushalten müssen, weil ich JETZT zu faul bin, vorsorglich nochmal aufzustehen und ins Bad zu huschen. Meine Ausrede: Ich könnte damit versehentlich das Kind noch vorzeitiger wecken.

    Gute Nacht!

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