Sommerloch. Im Haarschnitt.


Neues aus der Rubrik “Experimente, die ich für Sie durchgeführt habe, damit Sie es nicht mehr tun müssen”:

Sie wählen einen heissen Sommertag an dem Sie wahlweise sehr nachgiebig, harmoniebedürftig oder geräuschempfindlich sind (in welcher der genannten Empfindungslagen Sie sich befinden, spielt für den Experimentverlauf keine Rolle). Besorgen Sie sich ein eigenes oder Leihkind, ungefähr zwei Jahre alt. Umschreiben Sie zwar ihre Gelüste nach Eis am Stiel gekonnt in unverfänglichen Worten und fremder Sprache, vergessen Sie dabei aber, dass das französische Wort für eiskalt(e Speise) ein Lehnwort im Berndeutschen und jedem Kind bekannt ist. Sie werden sich nun mit einem nach Eis schreienden Kind konfrontiert sehen, wissen aber dass im Gefrierfach nur noch verpöntes Pistazieneis oder das Wassereis an Kaugummistiel ihr Dasein fristen. Sie sind heute aber, wie erwähnt, entweder nachgiebig, harmoniesüchtig oder geräuschempfindlich, schreiten zur situationsentschäfenden Tat und holen ein Wassereis. Dafür setzen Sie sich, wie immer, wenn Sie nach Gefrorenem lechzen, der verwegenen Lotterie aus, die Gefrierschranktür Nach Eisentnahme wieder geschlossen zu haben, bevor Sie von Lawinen aus ehemals sorgfältig gestapelten Tiefkühlerbsen, -spinat und dem -ökokuhfleisch erschlagen werden. Sie reichen dem Kleinkind sein Eis und schauen dabei zu, wie das relativ saubere Wesen sich in Windeseile in diese süsslich riechende, klebrig verfiltzte Masse verwandelt, die urplötzlich grosses Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu Ihnen hegt. Sie wenden sich ab, um den Gartenschlauch zu Hilfe zu nehmen und werden in den Sekunden ohne Rückendeckung erbarmungslos von hinten angefallen und umklammert.

Unter Einsatz persönlicher Opfer, wie trockene Kleider und Körperwärme, säubern Sie sich und ihren Anhang von gröbster Klebrigkeit. Das ist es wieder, ihr Kind: Relativ unklebrig, relativ geruchsneutral und mit unverschmiertem, leerem Mund. Den aufkeimenden Verdacht, die unterschwellige Angst, die Sie bei diesem Anblick befällt, Sie verdrängen sie erstmal. Jedenfalls für in den Sekundenbruchteilen, bis sich Kindes Augen mit Wasser füllen und es mit tränenerstickter Stimme nach seinem Kaugummistiel verlangt. Sie erinnern sich an den Kaugummistiel? Richtig. Der klebt nun in ihren Haaren, ohne Stil, dafür mit Nachdruck, er sitzt richtig tief und unter vorurteilslosen Integration diverser Haarschichten. Sie unterdrücken einen ersten Schreikrampf und rechnen aus, wie lange es dauern würde, nach einem neuerlichen Kurzhaarschnitt wieder an den Haarpunkt zu gelangen, an dem Sie sich jetzt befinden. Sie unterdrücken einen neuerlichen Schreikrampf und entsinnen sich plötzlich der Omaschen Weisheit, kaugummibefallene Kleidungsstücke in die Gefriertruhe zu legen und damit wundersam einfache Befreiung zu erwirken. Sie kombinieren logisch und gelangen zum Schluss, dass genau das mit Haaren ebenfalls funktionieren müsste. Die einzige Schwierigkeit liegt nun, neben nach wie vor quengelndem Kind, in der Tatsache, dass Sie zwar einen platzgrosszügigen Kühlschrank, aber nur über ein kleines, integriertes Gefrierfach verfügen. Nach Minuten sorgfältigen Denkens, scheint Ihnen aber das Einklemmen und Gefrierenlassen des Haarbüschels mit Kaugummibefall die einzige Möglichkeit zu sein, ohne massiven Haarverlust weiterleben zu können. Sie stellen sich also in die geöffnete Tür des Kühlschranks, setzen Sie sich der verwegenen Lotterie aus, die Gefrierschranktür nach Kaugummihaarbüscheleinklemmung wieder geschlossen zu haben, bevor Sie von Lawinen aus ehemals sorgfältig gestapelten Tiefkühlerbsen, -spinat und dem -ökokuhfleisch erschlagen werden und warten. Sie warten lange. Sie warten lange in extrem unergonomischer Haltung, mit angewinkelten Knien und schräger Kopfhaltung, ausserdem werden sie dauergekühlt und auch der ökologische Aspekt des Umgebungkühlens per Kühlschranköffnung macht Ihnen etwas Sorgen. Ab und zu wiederholen Sie den Vorgang des Gefrierfachöffnens samt Lawinenprävention um den Aggregatzustand des Kaugummibüschels zu ermitteln. Sie werden stets enttäuscht und warten weiter auf den Gefrierpunkt. Der wiederum, scheint nur in Bezug auf ihre Nackentemperatur langsam erreicht. Sie fühlen sich unterkühlt und fürchten mittlerweile Krämpfe in diversen Körperregionen. Sie warten weiter. Langsam schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit demnächst unter physischen und psychischen Folgeschäden zu leiden als höher ein, als die Chance innerhalb nützlicher Frist einen gefrorenen Kaugummihaarbüschel zu haben. Sie warten weiter. Ein Krampf zwingt sie in die Knie, die Haare im Gefrierfach eingeklemmt, der Kopfhautschmerz zwingt sie aus den Knien. Sie geben sich geschlagen, vollführen noch mal den mittlerweil geübten Gefrierfachlawinenablauf, befreien Ihren nach wie vor ungefrorenen Haarbüschel, greifen zu Schere und trennen sich auf herkömmliche Weise von Kindes Kaugummi.

Ich halte fest: 1. Lassen sie keine kaugummikauenden Kinder an Ihre Haare. 2. Angewachsene Haare lassen sich nur schwer einfrieren, es sei denn, Sie warten auf den Winter.

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15 Kommentare

Eingeordnet unter damit Sie es nicht mehr tun müssen, die ich für Sie durchgeführt habe, Experimente

15 Antworten zu “Sommerloch. Im Haarschnitt.

  1. Auweia. Das erinnert mich an eigene Kaugummisrfahrungen. Mein Kaugummi. Meine Haare. Und die Oma mit der bedrohlichen Schere aus dem Küchenkastl.

  2. Oh Mann war ich froh, als die langbezopften Haare so mit 10 oder 12 endlich runter waren und ich mich der Leichtigkeit des Kurzhaarschnittes hingeben durfte.

  3. Meise mit Herz

    Fürs nächste Mal:
    Kühlschrank auf, Butter raus,
    Kühlschrank zu, Butter auf,
    Butter mit Fingern in die kaugummilastigen Haare einmassieren, Kaugummi löst sich, Haare waschen, fertig!
    Viel Erfolg!
    ;-)
    P.S. Nicht auf Omi, sondern auf Mutti hören. ;-)

  4. Hat dies auf stachelvieh rebloggt und kommentierte:
    Von Schwierigkeiten mit Kaugummi kauenden Kindern…

  5. P.S. Allerliebste Frau Gminggmangg, für’s Protokoll und ein eventuelles nächstes Mal möchte ich Ihnen noch, um die Versuchsanordnung während des Versuchs nicht zerstören zu müssen, das in jeder Apotheke oder Drogerie (auch Notfallapotheke) erhältliche Produkt „Kältespray“ wärmstens ans Herz legen.
    Ich habe immer eine Dose im Haus, da man nie weiss, wann die nächste Kaugummi-, Neocolor- oder Kerzenwachsattacke auf Wohntextilien oder Haare erfolgen wird.

  6. Auch wenn ich mich meinem lauthalsigen Gelächter gerade das endlich eingeschlafene Beebiemeedchen geweckt habe: Ich liebe Sie. Oder Ihr Geschreibsel. Ob mit oder ohne Kaugummi im Haar.

  7. fraubhk

    eventuell bräuchte ich in den nächsten 19 jahren nochmal einen derartigen lachkrampf.
    daher bitte ich inständig, an ihre kinder adressierte überraschungspakete nur von selbigen öffnen zu lassen und dessen inhalt nicht zu zensieren.
    dankend und lachend
    fraubhk

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