Schweiz – Normandie – Schweiz, ein Kurzurlaub


Nach drei Tagen bei brütender Hitze auf der Wiese eines Thurgauer Bauern, stand fest, dass uns unser Kurzurlaub gen Normandie verschlagen soll. Da die Schweiz und die französische Atlantikküste aber doch einige Kilometer trenne, war klar, dass wir das Stück nicht an einem Tag durchfahren, sondern lieber gemütlicher tuckern und dafür ein bis zwei Nächte Zwischenlager aufschlagen wollen. Nach Verabschiedung von „unseren Deutschen“ mit denen wir wieder mal höchst erquickliche Stunden verbracht haben, fuhren wir in strömendem Regen Richtung schweiz-französischer Grenze. Über die Grenze kamen wir allerdings vorerst noch nicht, denn obwohl der Gefährte sich grundsätzlich endlich wieder bester Gesundheit erfreut, fegte das garstige Wetter kurzerhand einen Scheibenwischer weg und kostete uns mit Garagensuche und Reparatur einige Zeit. Trotzdem schafften wir danach noch einige Kilometer. Unsere erste gemeinsame Nacht im Gefährten verbrachten wir, in Frankreich, ungefähr 100 Kilometer von der Schweizergrenze entfernt, abseits der Hauptrouten, wieder auf dem wunderschön gelegenen Land eines Bauern: Vor uns die Aussicht auf umliegende Wälder und Felder, die sich nur in ihrer unbebauten Weite erheblich von der Schweizer Landschaft unterschieden, hinter uns eine Weide voller, wie der Bauer meinte, liebenden und liebenswerter Esel, Pferde, Hochlandrinder, einem Ziegenbock und einem, dem betont einzigen, etwas verrückten Lama, das auf den bezaubernden Namen Chocolat fou hört. Die Kinder waren selbstredend bis Sonnenuntergang beschäftigt, liessen sich auch durch gelegentliche Schauer und einem ausdauernden Regenbogen nicht ablenken und fanden hernach sehr schnell in den Schlaf.

Früh am nächsten Tag brachen wir auf, die Kinder zeigten sich vorerst herrlich fahrfreudig und wider Erwarten schafften wir es bereits am zweiten Reisetag an die Küste der Normandie. Auf den letzten Metern bekundete Äm allerdings grossen Unmut und weigerte sich lauthals, auch nur drei Meter weiter fahren zu wollen und so stellten wir uns auf den erstschlechtesten Campingplatz und bezahlten zu viel für zu viele Nachbarn und zu wenig Natur. Besonders Y genoss das Campingplatzleben trotzdem und kurvte auf ihrem Fahrrad völlig unabhängig durchs Gelände. Der angrenzende Strand war, um nicht ungerecht zu werden, auch nicht zu verschmähen, auch wenn das Wetter keine ausgiebigen Baderunden zuliess.

In den darauffolgenden Tagen erkundeten wir hauptsächlich die Küstenabschnitte der Normandie. Eine grüne und doch karge, baumlose und windgezeichnete Landschaft mit weiten, nicht all zu bevölkerte Strände, teilweise umgeben von schroffen, steil abfallenden Felswänden, gezeichnet von den Ebbe, Flut und vergangenen Zeiten: Die Erinnerungen, Denkmäler, Mahnmale die an die Invasion und darauffolgende Befreiung durch die Alliierten 1944 erinnern sind allgegenwärtig, der Tourismus ist fast gänzlich auf diese Thematik ausgelegt. Mich hat das völlig überrumpelt, ja,  erschlagen. Denn obwohl ich selbstredend um die geschichtsträchtige Rolle der Normandie weiss und auch aufklärende, informative Tafeln an den strategisch wichtigen Punkten erwartet habe, empfand ich die Flut an touristisch präsentabel aufgearbeiteten Erinnerungen an diese Ereignisse als störend. Die Überresten des künstlichen Hafens bei Omaha Beach störten mich nicht, sie fügen sich in die Landschaft ein, sie haben diese Zeit und Gezeiten getrotzt und harren aus, erinnern stumm und doch ungleich eindrücklicher, als die künstlichen Panzer, Plakate und Museen die alle paar Schritte am Wegesrand stehen. Ich kam nicht dafür. Ich kam für das Land, gänzlich losgelöst von aller Zeit und ihrer Geschehnisse, ich für das Fleckchen Erde, für seine Schönheit, die da war, bevor Hitler kam und trotz ihm seither anhält. Wir haben diskutiert, Herr G. und ich, ob unsereins, so unbehelligt, so unbeteiligt und unbetroffen so über die Erinnerungskultur urteilen darf und nein, wir kamen zu keinem Schluss, denn das Erinnern ist wichtig und nötig, natürlich, ebenso vermögen wir die Bedeutung, die dieser Ort für Hinterbliebene nach wie vor haben mag, kaum zu ermessen, ja, es mag vermessen von uns sein, Natur zu verlangen, wo Menschen für Befreiung gestorben sind, aber die Diskussion, und ein eventueller Schluss daraus, tun, so oberflächlich es klingen mag, nichts zu meinen Gefühlen: Ich fühlte mich gestört.

Im Landesinnern zeigte sich die Normandie weniger Geschichtsversunken und bot neben Calvados und Cidre wunderschöne steingemauerte und efeuüberwachsene Häuser und himmlische Anwesen, in einer schier unglaublichen Dichte. Etwas weiter nordwestlich, an der Küste, erhofften wir uns schliesslich eine Pause von den Kriegsrinnerungen und fanden dafür multiplizierte Toristenmasse, minimierte Strandschönheit, die Lust uns langsam gen Heimweg zu machen und den Anstoss zu erneutem Überdenken unserer Reiseroute für die Vierteljahresreise 2014.

Die Rückreise gingen wir gemächlich an und planten mindestens drei Etappen, also zwei Zwischennächte. Tatsächlich gestaltete sich die erste Strecke so ruhig wie geplant, die Kinder froh, wir Erwachsenen ebenso, landeten wir, ziemlich spät, auf einem Stellplatz an der Saône, voller alteingesessenen Dauersteher, die uns mit offenen Armen empfingen.

Am nächsten Tag fanden wir uns urplötzlich am Doubs wieder und damit fast schon in heimischen Gefilden. Bereits am Mittag fanden wir ein nettes Plätzchen und verbrachten mit den entspanntesten, schönsten Nachmittag unseres Kurzurlaubes am Doubs, beim Baden und Planschen. Neben uns zeltete ein älteres russisches Paar mit einem Wellensittich, den sie liebevoll „mein Baby“ nannten. Es war ihre erste Nacht in Frankreich, das Zelt haben sie extra dafür besorgt und während wir beim Aufbau halfen, versorgten sie die Kinder mit Obst und Süssigkeiten und machten gefühlte 2000 Gemeinschaftsfotos von Äm, Y und dem Sittich. Früh am nächsten Morgen wurden wir nicht nur durch gleissend helle Blitze, sondern auch durch die mindestens ebenso helle Aufregung unserer Nachbarn geweckt, die in den frühen Morgenstunden einen Fisch gefangen hatten und sich nun mit dem fang in Fotopose warfen. Die Kinder stürzten sich vom Bett direkt in Regenkleidung, bekundeten angemessen ihre Bewunderung und posierten mindestens ebenso stolz, mit Fisch und Wellensittich. Nach inniger Verabschiedung brauchten wir für den Rest der Heimreise kaum zwei Stunden.

Grundsätzlich hat es wohl kaum eine Rolle gespielt, wo wir in unserem Kurzurlaub hingefahren sind, was bleibt ist die Freude am gemeinsamen Unterwegssein, aufgewärmte Erinnerungen an unsere letzte Reise und belebte Vorfreude auf unsere nächste Reise und das Gefühl jeden Ort zum Daheim werden lassen zu können.

Bemerknisse

  • Die Frau Fankhauer unserer Reise (GPS-Gerät) haben wir damals nur ausgeliehen, deswegen haben wir uns eine eigene Ausgabe besorgt und im Sinne der Diversität und Individualität Frau Schüpbach getauft. Erfolglos, denn unsere GPS-Gerät-Namensspeicherkapazität scheint mit einem Namen ausgeschöft. Wir nennen unser Gerät also weiterhin Frau Fankhauser.
  • Frankreich ist teuer, eine Vierteljahresreise durch dieses Land könnten wir uns kaum leisten.
  • Die Masse an Niederländern in der Normandie, liessen uns zwischenzeitlich mutmassen, ob uns Frau Fankhauser zu weit nordöstlich geleitet hat.
  • Niederländer scheinen allesamt drei Köpfe grösser und drei Kilo leichter als wir und grundsätzlich mit dem (keinem) Kälteempfinden zweijähriger Kinder ausgestattet zu sein.
  • Wer an seinem Leben hängt, sollte in der Normandie nicht nach gutem Wein fragen, sondern einfach wortlos Cidre und Calvados kaufen.
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7 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Gfötelet, Neulich, Reisen, Reisen mit Kindern

7 Antworten zu “Schweiz – Normandie – Schweiz, ein Kurzurlaub

  1. Schöne Fotos, schöner Bericht, den ich Wort für Wort bestätigen kann.
    Ausser: Zu anderen Jahreszeiten ist Frankreich etwas weniger teuer und weniger beholländert.
    Sehr schön zu empfehlen ist die Rückreise von der westlichen Normandie durch die Gegend von Orléans, wo einem jeder Ortsnamen an den Geschichtsunterricht erinnert und man sich wünscht, mit der seligen Johanna durch die riesigen Ebenen geritten zu sein, oder doch wenigstens bevor dort die Vierzigtönner die Landstrasse hochbretterten.
    Und dass Ihr am Doubs wart ohne wenigstens auf dem Rückweg einen Kaffe trinken zu kommen, ist allerunverzeihlichst! Ihr müsst quasi durch unseren Burghof gefahren sein…. pffffff…..

  2. jpr

    Haach, Fotos, dass man wuenscht, man haette bei Ihnen auf der Anhaengerkupplung gesessen. Merci fuers nachtraegliche Mitnehmen, ich gehe nun von Ferien traeumen.

  3. mammasusanna

    Uhu, wir sind nun auch wieder da… Hattens sehr sehr schön. Grüsse Euch! S

  4. Pingback: 2013 | Gminggmangg

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